Karte mit Wartezeiten in NRW Wer wartet wo wie lange auf einen Psychotherapeuten?

Von Judith Pulg

Knapp drei Monate dauert es in NRW durchschnittlich, bis der Therapeut Kassenpatienten zu einem ersten Gespräch lädt. In Bottrop sind es sogar mehr als zehn Monate. Der WDR zeigt in einer Übersicht die Wartezeiten in den Kreisen und kreisfreien Städten.


Grafik der durchschnittlichen Wartezeit auf ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten
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Regionalvergleich zu Wartezeiten bei Psychotherapie in Nordrhein-Westfalen

Mit 45 Wochen Wartezeit auf ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten ist Bottrop einsamer Spitzenreiter. Dabei sind Städte in Nordrhein-Westfalen in der Regel besser versorgt als ländliche Regionen. Zwei bis drei Monate warten die Menschen in den meisten Großstädten im Land durchschnittlich auf ein Erstgespräch. In Wuppertal, Solingen, Köln, Münster oder Bielefeld ist es mit sechs bis acht Wochen etwas weniger. Dort gibt es auch besonders viele Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner. In Bottrop und anderen Kreisen ist die Therapeutendichte deutlich geringer. Dies alles sind Ergebnisse einer Mitgliederbefragung der Bundespsychotherapeutenkammer.

Weniger Therapeuten auf dem Land

Von den nordrhein-westfälischen Landkreisen haben nur wenige mehr als 20 Therapeuten pro 100.000 Einwohner. Das sorgt mit für längere Wartezeiten als in den Städten. Eine Ausnahme ist der Landkreis Warendorf. Dort gibt es für einen Landkreis vergleichsweise viele Therapiepraxen. Entsprechend kurz sind die Wartezeiten: Nach sechs Wochen hat man hier im Schnitt einen Termin. Die Nähe zu Münster, einer der bestversorgten Städte des Landes, ist dabei sicherlich auch zuträglich.

BPtK: Wartezeiten über drei Wochen unzumutbar

Für Kay Funke-Kaiser, Sprecher der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), liegt die Grenze des Zumutbaren bei drei Wochen. Immerhin geht es hier nicht einmal um den Beginn der Therapie, sondern nur um ein erstes diagnostisches Gespräch. So schnell bekommt ein Kassenpatient im Durchschnitt aber nirgendwo in NRW einen Termin. Deutschlandweit liegt der Schnitt bei rund 12 Wochen.

Glück und Ausdauer

Für ihre Studie hat die Bundespsychotherapeutenkammer deutschlandweit Fragebögen an rund 18.000 niedergelassene Therapeuten verschickt. Von den Rückmeldungen konnten etwa 4.600 zur Berechnung der durchschnittlichen Wartezeit von Kassenpatienten herangezogen werden. Denn Therapeuten, die keine Warteliste führen, wurden zum Beispiel nicht berücksichtigt. Dort ist es oft Glückssache, wann man einen Termin bekommt. Ruft man zum richtigen Zeitpunkt an, klappt es direkt. Ist es der falsche, wird man wiederholt vertröstet.

Wer kein Glück hat, braucht also in jedem Fall Ausdauer. Lässt man sich auf die Warteliste setzen, muss man vielleicht Wochen und Monate ausharren. Versucht man es bei Therapeuten ohne Warteliste, muss man sie regelmäßig abtelefonieren – bis man den gewünschten Therapieplatz bekommt. Eine Überweisung vom Hausarzt ist übrigens für keine der beiden Methoden notwendig. Wer das Gefühl hat, dass psychischer Druck sein Alltagsleben gefährdet, kann direkt den Kontakt zu einem Therapeuten suchen.

Überversorgt bei 45 Wochen Wartezeit?

Die Bundesregierung will ab 2012 mit dem neuen Versorgungsstrukturgesetz erreichen, dass die Zahl der zugelassenen Ärzte und Psychotherapeuten besser mit dem tatsächlichen Bedarf in einer Region übereinstimmt. Wie das genau aussehen soll, steht noch nicht fest. Der Bundestag berät am 11. November darüber, Mitte Dezember geht der Gesetzentwurf in den Bundesrat. Funke-Kaiser von der Bundespsychotherapeutenkammer befürchtet durch das Gesetz eine Verschlechterung in Sachen Psychotherapie – wenn der Bedarf nicht völlig neu berechnet wird. Denn derzeit betrachten die gesetzlichen Krankenkassen fast ganz Deutschland als überversorgt – auch Bottrop. Das heißt, in 98 Prozent der Kreise werden derzeit bundesweit ohne Sondergenehmigungen keine neuen Kassenzulassungen für Psychotherapeuten vergeben. Scheidet ein Therapeut aus, zum Beispiel, weil er in den Ruhestand geht, wird diese Stelle nicht zwingend ersetzt.

Wie die langen Wartezeiten zeigen, hat dieser rechnerische Bedarf aber wenig mit der Realität zu tun. Er ist das Ergebnis einer Zählung aus dem Jahr 1999. Die Zahl der damals kassenärztlich zugelassenen Psychotherapeuten gilt noch heute als Bedarf. Funke-Kaiser hofft, dass in Zukunft das Vorkommen psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung bei der Planung eingerechnet wird – damit Menschen, die Hilfe wollen, nicht weiterhin monatelang warten.


Stand: 04.11.2011, 00.00 Uhr


Kommentare zum Thema (14)

letzter Kommentar: 09.11.2011, 07:02 Uhr

Jo Beeck schrieb am 09.11.2011, 07:02 Uhr:
Die Behandlungsanträge stellen eine bürokratische Hürde für die-oftmals- sehr empfindlichen Klienten dar!Leider ist aber auch nicht sofort eine Patientenbindung gegeben,die eine stabile Behandlungsathmosphäre zusichert sodass es -trotz Wartezeiten- Abbrüche geben muss!Ich weiß um das Bemühen der Therapeuten noch Klienten einzuschieben-doch das hat auch persönliche Grenzen!Und wer die Tariftabelle der GKVen betrachtet findet kaum einen Anreiz für "mehr" Kassenpatienten!
Systemfehler schrieb am 05.11.2011, 10:03 Uhr:
Wer eine amerikanisch individualisierte Kommerzgesellschaft den deutsch-sozial-liberalen Prinzipien voranstellt, wie Altparteien zur Zeit, dann ist es soweit, dass wir uns über amerikanische Lösungen eines nicht existenten Problems unterhalten. Warum in Münster und Warendorf, dem intellektuelem Speckgürtel, jeder sofort einen Termin erhält, sollte schon mehr als nur zu denken geben. Es wird Zeit für steuerfinanzierte GKV mit untendenziellerGesundheitsversorgung unabhängig vom Einkommen, privaten Versicherungen und "Pseudonotständen".
Hans Emons schrieb am 05.11.2011, 01:02 Uhr:
Es ist ein Skandal ohnegleichen. Die schier endlose Diskussion Privat-oder Kassenpatient zeigt, daß unsere Gesellschaft noch immer nicht erwachsen geworden ist. Mir persönlich sind Fälle bekannt wo Patienten mit bleibenden Schäden ihr Leben meistern müssen. Hier ist auch die Justiz gefragt diesem System beizukommen und ein Example festsetzen. Die katastrophalen Verhältnisse im Privat- und Berufsleben führen leider dazu, daß die Mehrheit nicht mehr in der Lage sein wird ihr Leben zu meistern. Durch gezielte Manupulationen ( Politik, Medien, Konsum ) wird der Mensch immer unfreier und verliert zunehmend seine Identität wenn er nicht gegensteuert und seinen eigenen Microkosmos schafft.
Volkmann schrieb am 04.11.2011, 18:31 Uhr:
Einige Meinungen hier zum Thema sind für mich indiskutabel. Nichtsdestoweniger würde mich interessieren wie viele Hilfe-Suchende von sog. Profis (nachträglich) noch mehr und zusätzlich vermurkst werden.
Eigenverantwortlicher schrieb am 04.11.2011, 14:20 Uhr:
@Weicheier: So einfach ist das eben nicht. Natürlich hatten die Menschen es unerträglich schwerer, während und nach dem Krieg. Wie hoch waren denn damals die Selbstmordraten? Wer weiß das denn? Den meisten Alten fällt es bis heute schwer darüber zu erzählen? Die allgemeine Situation ist heute zwar leichter (keine Frage), aber trotzdem führen die persönlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen häufig zu psychischen Erkrankungen: Es ist schwer den steigenden Leistungsdruck auszuhalten; dabei immer weniger Geld zu haben; Angst vor Arbeitslosigkeit zu haben; Zunkunftsängste angesichts der allgemeinen Wirtschaftslage auszuhalten; die schleichende Entmündigung der Bürger zu ertragen usw. Frauen machen es sowieso immer falsch: Entweder sie sind doppelbelastet oder ein "dummes Hausmäuschen". Und Mobbing ist kein harmloses Necken, sondern eine systematische Quälerei von Kollegen (mit einem großem volkswirtschaftlichem Schaden).

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