Psychisch Kranke warten auf Behandlung Lange Wartezeiten, zu wenige Therapeuten

Von Birgit Reichardt

Für psychisch kranke Menschen gibt es zu wenige niedergelassene Psychotherapeuten. Betroffene warten Monate auf eine Behandlung. Der Bedarf an Therapeuten wurde neu berechnet und wurde am Donnerstag (20.12.2012) bekannt gegeben. Doch die Situation wird vielerorts nicht besser - mit verheerenden Folgen.


Verzweifelte Patientin beim Therapeuten (Symbolbild)
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Nach monatelangem Warten zur Therapie

Manfred Mensing* aus Recklinghausen fühlt sich niedergeschlagen, erschöpft, ohne Antrieb. Im November 2010 schreibt ihn sein Hausarzt krank. Mensings Zustand bessert sich nicht, der Mediziner empfiehlt im Januar eine Psychotherapie. Der 47-Jährige befolgt im April den Rat des Hausarztes, ruft im Umkreis von 35 Kilometern alle Psychotherapeuten an. "Meistens ging nur der Anrufbeantworter ran. Keiner hatte einen Platz, alle hatten Wartzeiten von drei bis sechs Monaten." Für Mensing ein Schlag ins Gesicht - er hatte auf Hilfe gehofft.


So wie ihm geht es vielen Menschen. Im Ruhrgebiet ist die psychotherapeutische Versorgung bundesweit am schlechtesten: 17 Wochen warten Betroffene durchschnittlich auf einen ersten Termin. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat den Bedarf an Psychotherapeuten zwar neu berechnet und gab die Richtlinie am Donnerstag (20.12.2012) bekannt. Im Ruhrgebiet wird sich laut Psychotherapeutenkammer NRW allerdings nichts ändern - es bleibt eine Sonderregion. Das bedeutet: Elf Psychotherapeuten sind zuständig für 100.000 Einwohner - 39 sind es dagegen in anderen Großstädten.

Kur ohne Wirkung


Ein Mann liegt auf einer Liege und erzählt über seine Probleme
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Körperliche Beschwerden kommen dazu

Zu den psychischen Symptomen kommen körperliche Beschwerden: Mensing leidet an chronischen Magenkrämpfen, Durchfall. Trotzdem nimmt er zwölf Kilo zu – Nebenwirkungen der Psychopharmaka. Ohne Aussicht auf einen ambulanten Therapieplatz fährt er Ende August 2011 in eine Reha. Er macht Gruppentherapie, hört viele Leidensgeschichten, das tut ihm nicht gut. Zwei Monate später fährt er nach Hause – mit denselben Beschwerden. Elf Monaten ist er inzwischen krankgeschrieben, seit zehn Monaten bekommt er Krankengeld. Zusätzlicher Druck: "Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, dieses Geld in Anspruch zu nehmen und habe gegen den Rat meines Hausarztes trotz Krankenschein immer Bewerbungen geschrieben."

Reif für die Rente?


Nach der Reha werden Mensing acht psychotherapeutische Einzelsitzungen als Nachsorge-Maßnahme genehmigt. Am 3. November 2011 das erste Treffen mit seiner Therapeutin – ein Jahr nach seiner Krankschreibung. Licht am Ende des Tunnels: "Endlich hatte ich jemanden gefunden, dem ich etwas erzählen konnte und der mir auch erklärt hat, wie das medizinisch zusammenhängt. Ich habe mich gleich gut aufgehoben gefühlt und war erleichtert."

Drei Monate später, im Februar 2012, fordert die Krankenkasse Mensing erstmals auf, Rente zu beantragen. "Das habe ich ignoriert". Im Juni wird er als schwerbehindert eingestuft. Der Druck von der Krankenkasse nimmt zu, der 47-Jährige soll in Rente gehen. "Irgendwann habe ich gedacht 'gehe ich eben in Rente, dann soll das eben so sein'." Die Stütze des Alleinstehenden ist seine Psychotherapeutin. Sie hat inzwischen einen Antrag für eine längere Therapie gestellt.

"Sie müssen eine Arbeit finden, dann geht es Ihnen besser"

Manfred Mensing beginnt, die Ursachen seiner Beschwerden zu verstehen. Als die Symptome auftraten stand der Verkaufsleiter in der Automobilbranche beruflich unter Druck: Sein Arbeitgeber war insolvent, Mensing musste in Kurzarbeit. Ein Neuanfang scheiterte. Viele Enttäuschungen. Zahlreiche Magenspiegelungen hat er hinter sich, noch mehr Ärzte gesehen. Oft hat er gehört: "Sie müssen eine Arbeit finden, dann geht es Ihnen besser". Deshalb stellte er den Wecker, stand jeden Morgen auf, um Bewerbungen zu schreiben – jede Absage eine neue Enttäuschung.

In den Großstädten droht Praxisabbau


Therapeut und Patientin
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Auf dem Land soll die Versorgung künftig etwas besser werden

Um Teufelskreise wie diese zu vermeiden, sollte die Behandlung drei Wochen nach dem ersten Kontakt beginnen, empfehlen Psychotherapeuten. In Köln warten Betroffene derzeit mehr als zwölf Wochen und die Lage könnte sich zuspitzen. In den extrem unterversorgten ländlichen Regionen entstehen 1.355 neue Sitze, in den Städten könnten Praxen dagegen abgebaut werden. Hintergrund ist ein historischer Planungsfehler aus dem Jahr 1999. Anders als gesetzlich gefordert, orientiere sich der G-BA bei seiner neuen Bedarfsplanung weiterhin an diesen fehlerhaften Zahlen, argumentiert die Psychotherapeutenkammer. Demnach gelten in Köln 300 Praxen als "überzählig". Immer dann, wenn ein Behandler seine Praxis zum Beispiel altersbedingt abgibt, wird künftig ein Zulassungsausschuss vor Ort entscheiden, ob die Praxis überhaupt weitergeführt wird.

"Das bringt einen auf die Palme", sagt Manfred Mensing. Dass es ausreichend gut ausgebildete Psychotherapeuten gibt, die keine Kassenzulassung erhalten, kann er nicht verstehen. Zum Glück muss er nicht mehr warten, er ist heute beschwerdefrei. Die Psychopharmaka werden derzeit herunterdosiert. Statt in Frührente zu gehen, wird er voraussichtlich am 15. Januar einen Arbeitsvertrag unterschreiben. Doch nach zweijähriger Krankengeschichte ist er sicher: "Hätte ich gleich einen Psychotherapeuten gefunden, wäre mir viel erspart geblieben."

*Name von der Redaktion geändert

Stichworte

Gemeinsamer Bundesausschuss

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist das oberste Beschlusgremium der Kassenärztlichen Bundesvereinigungen, des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherungen und der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Er legt fest, welche Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden. Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Landesverbände der Krankenkassen stellen zudem Bedarfspläne auf. Dabei orientieren sie sich an den Richtlinien des G-BA.

Bedarfsplanung 1999

1999 hat der Gemeinsame Bundesausschuss eine Bedarfsplanung für Psychotherapeuten erstellt. An einem Stichtag wurden alle arbeitendenden Psychotherapeuten gezählt. Anders als bei Ärzten gab es aber keine gewachsenen Versorgungsstrukturen. Der Beruf des psychologischen Psychotherapeuten bestand erst seit wenigen Monaten, in den ostdeutschen Bundesländern gab es so gut wie keine Pschotherapeuten. Dennoch wurde die Anzahl auf 100 Prozent beziffert - also mit einer Hundertprozentigen Versorgung gleichgesetzt. Alle seitdem hinzugkommenen Praxen gelten deshalb heute als "überzählig". Es gibt formal zu viele Psychotherapeuten, gleichzeitig bestehen lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz.


Stand: 20.12.2012, 16.35 Uhr


Kommentare zum Thema (33)

letzter Kommentar: 24.12.2012, 11:03 Uhr

Gesunde Systeme in Kanada und GB schrieb am 24.12.2012, 11:03 Uhr:
@private Zusatzversicherung schrieb heute, 10:06 Uhr: Gut, dass sie ins gelobte Land entfleuchen. Ein Tipp für sie, wenn es dann nicht mehr reicht, können sie im Krankheitsfall mal eben rüber nach Kanada und dort im kostenlosen Gesundheitssystem von Kanada ihr Glück versuchen, wie es schon viele US-Amerikaner gemacht haben? PKV wäre ohne die Beamten und der Beihilfe kaputt! Man müste in Brüssel die Beihilfe eigentlich als indirekte Subvention der PKV behandeln und abschaffen? Kapitalmarktgedeckte Ideen(Privatisierung) werden schlussendlich immer von der Allgemeinheit also Steuern und Staat abgedeckt, sollten sie auch zu den vielen Mitmenschen gehören, die Henry Ford meinte als er davon sprach, dass eine Revolution ausbräche, falls die Menschenmenge das Geldsystem endlich verstünde? Viel Glück in Nordamerika, Fiat kommt dort groß heraus und sie werden in Kanada letztendlich ...?
@private Zusatzversicherung schrieb am 24.12.2012, 10:06 Uhr:
Zeigt nur das die GB "Gesetzliche"KV in den USA nicht zahlt.Die Preise in den USA fuer Behandlungen sind mit Deutschland durchaus vergleichbar und oft sogar darunter.Habe selber lange genug in den USA gelebt und werde dahin auch wieder zurueckkehren.Warum ein Brite aus DE"fluechten"sollte im Krankheitsfalle erschliesst sich mir nicht so recht,da ja EG und die Zuzahlungen in GB duerften um einiges hoeher liegen als in DE.Zudem sind ja gerade die Englaender deutlich weiter als DE in der Geldverschleuderung,wobei zumindest dort ja die Gesundheitskarte nun endlich wieder abbgeschafft werden soll.Bei uns steht ja die Einfuerhrung dieser Geldvernichtungsmaschinerie erst bevor.
private Zusatzversicherung möglich schrieb am 23.12.2012, 13:25 Uhr:
@Am Ende&GKV für schrieb heute, 12:53 Uhr: @"Am Ende":Wie schoen wenn man keine Ahnung hat-dies aber reichlich ;) Geh'einfach mal in das heissgelobte England auswandern,werde krank,brauche einen Arzt und du sehnst dich nach kurzer Zeit nach Deutschland zurueck!Das Englishe Gesundheitssystem ist ein einziger Schrotthaufen und nur fuer Reiche noch ertraeglich!@"GKV für" Sie sind ein .... und total uninformiert jeder Auslandsreisende von GB oder Kanada versucht bei schwerer Erkrankung zurück in seine Heimat zu kommen, weil eine private Zahlung z.B in USA oder BRD unbezahlbar wäre. Das GB-System wurde nach 2.Weltkrieg bewusst eingeführt , wobei Churchill bestimmt nicht im Verdacht stand kein Konservativer zu sein. Damals hatte man erkannt, was das Volk braucht und heute reden Cameron und Co dieses System gefährlich an den Rand der Londoner Kaptilsysteme der Banken und Versicherungen, aber die Briten sind nicht blöd. Bei Entscheidung NHS oder Cameron geht Cameron!
@Am Ende&GKV für schrieb am 23.12.2012, 12:53 Uhr:
@"Am Ende":Wie schoen wenn man keine Ahnung hat-dies aber reichlich ;) Geh'einfach mal in das heissgelobte England auswandern,werde krank,brauche einen Arzt und du sehnst dich nach kurzer Zeit nach Deutschland zurueck!Das Englishe Gesundheitssystem ist ein einziger Schrotthaufen und nur fuer Reiche noch ertraeglich!@"GKV für":Das keine Pensionsfonds mit Geld in der Kasse vorhanden sind liegt an den diebischen Politikern, die diese Kassen,fuer ansonsten unbezahlbare Wahlversprechen,gepluendert haben.Da haben sich alle grossen Parteien daran beteiligt!Im uebrigen widersprichst du dir selber-einerseits siehst du das die GKV ein gescheitertes System ist,aber gleichzeitig willst du alle in dieses System zwingen-damit waere dann der endgueltige Kladderadatsch da und alle saessen in der Sch****e.Sehr logisch.Erinnert mich irgendwie an die "Bluemschen"Maerchen:"Denn eines ist sicher-die Rente".
GKV für die Beamten, Politiker und Richter schrieb am 23.12.2012, 10:56 Uhr:
@Atze schrieb heute, 09:43 Uhr: warum wohl werden die Beamten aus Steuern und nicht kapitalgebundenen Pensionsfonds in BRD versorgt? Eben weil der Steuerzahler und Staat nach jedem kapitalem Flächenbrand wieder aufbaut und kontinuierlich zahlt. Welche Steueroase oder Kapitalkasse kann das behaupten, zumal Insolvenzrecht am Ende alles andere frisst? Deshalb sind auch die PKVs nur solange mit Kapital versorgt wie der BRD-Steuerzahler(siehe jetzt Euro) dafür bürgt und die GKV das Leistungsnetz zur Verfügung stellt. Würden die PKVs an dieser Bereitstellung gebührlich beteiligt, wären heute schon die PK-Satze von den meisten Nichtbeamten unfinanzierbar. Die PKV wird defacto nur noch vom Beamten aufrechterhalten, der über DBB und Parteien auch dafür sorgt, dass es so bleibt. Den chronisch Kranken wird bei Aufnahme ins Beamtentum per Anschreiben "geraten" in der GKV zu bleiben?

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