Medizinmesse "Medica" in Düsseldorf Patient ist nicht gleich Patient

Menschen unterscheiden sich in ihren Erbanlagen und im Lebensstil. Die "personalisierte Medizin" sucht bei Krankheiten nach "maßgeschneiderten" Behandlungen. Das ist ein Thema auf der "Medica" in Düsseldorf, die am Mittwoch (14.11.2012) beginnt. WDR.de sprach mit einem Mediziner.

Eine Krankheit kann viele Ursachen haben. Deshalb helfen Standardmedikamente meist nur einem Bruchteil der Patienten. Auf bessere Erfolge bei der Behandlung setzt die so genannte personalisierte Medizin, die nach zielgenaueren Therapien sucht.

WDR.de: Herr Neugebauer, der Begriff "personalisierte Medizin" legt nahe, dass es für jeden eine maßgeschneiderte Behandlung geben könnte. Wo steht die Forschung heute?

Edmund Neugebauer: Die personalisierte Medizin steckt noch in den Anfängen. Die Behandlung konzentriert sich bisher schwerpunktmäßig auf Tumorerkrankungen und hier auf so genannte Biomarker, die auf bestimmte Tumore hinweisen können. Die Informationen darüber lassen sich aus Gen-Tests ableiten. Dann bekommt der Patient darauf abgestimmte Medikamente und eine entsprechende Therapie. Präventiv kann man zum Beispiel im Rahmen von Screening-Verfahren die Veranlagung für einige Tumore herausfiltern. Beim Dickdarmkrebs etwa. Allerdings schleichen sich bei diagnostischen Untersuchungen auch immer wieder Fehler ein, so dass ein Gesunder zu einem Kranken erklärt wird, weil ein Wert zufällig erhöht war. Leider wird in der derzeitigen Diskussion zudem aus dem Auge verloren, dass die "Person" oder das "Individuum" mehr umfasst als seine molekular biologische Seite, und dass Patienten zunehmend eine ganzheitlichere Medizin verlangen.

WDR.de: Inwieweit profitieren Patienten bereits von "zielgenauen" Medikamenten?


Neugebauer: In Deutschland sind mehr als ein Dutzend Wirkstoffe zugelassen, die zu der personalisierten Medizin zählen. Sie werden vor allem bei verschiedenen Formen von Darm-, Lungen-, Blut-, Haut- und Brustkrebs eingesetzt. Dadurch bleibt den Patienten unter Umständen eine strapaziöse Bestrahlung oder sogar Chemotherapie erspart, die eventuell nichts genutzt hätte. Diese Medikamente erkennen zum Beispiel Eiweiße auf der Oberfläche von Krebszellen und verhindern, dass die Zellen weiter wachsen. Für rund 25 Prozent der Brustkrebspatientinnen beispielsweise kommen solche Medikamente infrage.

WDR.de: Das hört sich vielversprechend an.

Neugebauer: Einerseits ja. Aber nicht alle Patientinnen sprechen auf diese Medikamente an. Dieses Beispiel zeigt zugleich die Grenzen der personalisierten Therapie. Denn nur 30 Prozent der behandelten Frauen reagieren tatsächlich auf diese gezielte Therapie. Und das nur für wenige Monate, dann werden die Tumore resistent. Bisher fehlen Langzeituntersuchungen, die den Nutzen solcher Medikamente eindeutig belegen. Individualisierungskonzepte sind sicherlich ein Weg, um wirksamere Therapien zu erarbeiten. Aber die Erwartungen sollten nicht so hochgeschraubt werden.

WDR.de: Welche Rolle spielt die Pharmaindustrie in diesem Zusammenhang?

Neugebauer: Die Pharmaindustrie verspricht viel und ist der Hauptmotor für die Entwicklung, natürlich mit der Aussicht für die Aktionäre dadurch die eigenen Gewinne zu vergrößern. Denn es handelt sich zwar um eine kleine Gruppe von Patienten, aber wenn sie ein Leben lang auf diese teueren Medikamente angewiesen bleibt, lässt sich gut an ihnen verdienen.

WDR.de: An der Universität Greifswald suchen Forscher nach den Ursachen für die Volkskrankheit Bluthochdruck. Bluthochdruck erhöht das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall. Eine der Hoffnungen ist es, frühzeitig vorhersagen zu können, ob jemand ein Risikopatient ist. Wenn das gelänge, könnte für diese Gruppe womöglich eine neue medikamentöse Behandlung entwickelt werden. 

Neugebauer: Bluthochdruck kann viele Ursachen haben. Übergewicht und Alkohol sind entscheidende Riskofaktoren. Die personalisierte Medizin, wie sie in der öffentlichen Diskussion dargestellt wird, greift viel zu kurz. Vergessen wird dabei der Patient als Quelle für den Erfolg. Er muss viel mehr einbezogen werden. Denn neben den genetischen Merkmalen haben psychosoziale Faktoren gravierende Einflüsse auf den Organismus. Sie können eine Heilung fördern oder verhindern.

WDR.de: Was bedeutet das für einen Arzt im Umgang mit seinen Patienten?


Neugebauer: Der Arzt muss sich Zeit nehmen, den Patienten kennenzulernen. Er muss wissen, wie er sich ernährt, ob er Sport treibt, Schichtarbeiter ist, Stress in der Familie hat und so weiter. Und bevor überhaupt Medikamente ins Spiel kommen, könnte man in diesen Bereichen zuerst etwas verändern, um eine gesündere Lebensweise einzuschlagen. Die Einbindung des Patienten ist ein Baustein des "integrativen" Ansatzes bei der personalisierten Medizin, den die Universität Witten/Herdecke schwerpunktmäßig verfolgt. "Personalisiert" sollte auch so verstanden werden, dass eine Gesundheitsförderung stattfindet. Es gibt zum Beispiel Studien, die belegen, dass Prävention beim Diabetes-Typ 2 erfolgreich und kostengünstig durchführbar ist, wenn man bei Risikopatienten eine Änderung bei Ernährung und Bewegung erreicht. Der Patient muss motiviert werden und für jeden Einzelnen muss der beste Weg herausgefunden werden. Denn sonst macht der Patient nicht lange mit. Ob aber etwas zum Tagesablauf oder Lebensentwurf passt, lässt sich nur in Gesprächen herausfinden.

WDR.de: Zeit ist jedoch genau das, was Ärzte offenbar nicht haben – das stellen Millionen Patienten immer wieder fest. Warum wird das Arzt-Patienten-Gespräch in der Behandlung so stark vernachlässigt, wenn es so viel bewirken kann? 

Neugebauer: Das ist ein Systemfehler in unserem Gesundheitswesen. Die Zeit, in der Arzt und Patient miteinander sprechen, wird nicht bezahlt. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich das auf lange Sicht ändert.

Das Interview führte Lisa von Prondzinski


Stand: 14.11.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (4)

letzter Kommentar: 17.11.2012, 20.41 Uhr

Lachen ist die beste Medizin schrieb am 17.11.2012, 20.41 Uhr:
Also erstmal sollten alle GKV-Patienten froh sein kein Privatpatient zu sein, der immer Gefahr läuft "übertherapiert" zu werden. Und mit den Erblasten ist das auch so eine Sache, jedenfalls spielt dabei auch der Genpool eine Rolle, und der scheint sich bei den Medizinern zusehends in "Geschäftstüchtigkeit" als entscheidendes Merkmal, welches vererbt wird, einzuengen. Darüber müsste in Politik mehr geforscht und eine zielorientierte Präimplantations-Diagnostik bei angehenden Medizinstudenten entwickelt werden, um dieses gewinnbringende Geschäftsmodell von Gentherapie einer gesunden Gesellschaft anschließend per IPO an der nationalen Politikbörse zu platzieren. Die IPO-begleitende Investmentbank könnte die Solidargemeinschaft der GKV-Kassen sein, sie macht den Weg frei für eine gesunde Gesellschaft!
bevau schrieb am 14.11.2012, 09.43 Uhr:
Das kommt ja bein "normalen " Kassenpatienten sowieso nicht an. Die Ärzte haben keine Zeit, den Patenten ganzheitlich zu sehen, es sei den, er bezahlt privat! Da nützt die schönste Messe nichts!
doc g schrieb am 14.11.2012, 08.50 Uhr:
Matulla hat ja so recht, was die Sache mit der Genomik, den Ärzten und den Biologen betrifft... Das ist auch ein Systemfehler, dass nur der Arzt abrechnen darf, und selbst eine Leistung, deren tieferen Inhalt er selbst garnicht versteht, verstehen kann, wegen der Lücken in der Ausbildung. Klar, hier schreiben lauter Biologen... ;-) Nur, dass "personalisierte Medizin" Leuten Geld aus der Tasche zieht, das sehe ich nicht so. Es ist nämlich nicht wirklich etwas so ganz neues, nur eine verfeinerte "Technik des Hinschauens". Auch bei dem Thema "mehr Bewegung" hat Matulla sicherlich recht, viele Gebrechen lassen sich durch eine gesunden Lebenswandel vermeiden, auf spätere Jahre verschieben oder zumindest auch in der Dramatik abmildern.
Matulla schrieb am 14.11.2012, 08.15 Uhr:
Die Medica zeigt immer viele gute Neuerungen auf, aber die personalisierte Medizin ist nur ein weiteres Mittel um Patienten Geld aus der Tasche zu ziehen. Ein einfaches Mittel gegen Bluthochdruck, Diabetes und Herzinfarkt ist Bewegung. Aber das wird immer außer Acht gelassen. Mich wundert zudem, dass Ärzte über Genomik etc. sprechen, aber im Studium nicht mal eine Basenpaarbindung aufschreiben können. Gut, dass es dafür die dummen Biologen gibt, die den Halbgöttern helfen dürfen.


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