Interview zur Organspende-Reform "Zu Lebzeiten entscheiden wäre eine Entlastung"

In Deutschland warten 12.000 Menschen auf ein Organ. Mit dem Ziel, mehr Spender zu gewinnen, entscheidet der Bundestag am Freitag (25.05.2012) über eine gesetzliche Änderung. Das Parlament setzt auf mehr Aufklärung und Transplantationsbeauftragte.


Porträt Gernot Kaiser
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Gernot Kaiser

Nur Menschen, bei denen der Hirntod festgestellt wurde, kommen als Organspender in Frage. In etlichen Kliniken werden sie aber nicht als solche erkannt. Deshalb bleibt eine Meldung an die europäische Stiftung Eurotransplant aus, die Organe an die wartenden Empfänger verteilt. Kliniken sollen nun dazu verpflichtet werden, Transplantationsbeauftragte zu benennen. Diese Mediziner sollen die nötigen Organisationsstrukturen schaffen, damit potenzielle Spender richtig bewertet werden. In einigen Bundesländern, auch in NRW, werden solche Beauftragte bereits eingesetzt. Am Uniklinikum Essen ist der Transplantationschirurg Dr. Gernot Kaiser zugleich Transplantationsbeauftragter.

WDR.de: Herr Kaiser, was genau ist Ihre Aufgabe als Transplantationsbeauftragter?

Gernot Kaiser: Die Kollegen melden mir zum Beispiel Fälle, die in einem Hirntod münden können - etwa einen Patient nach einem schweren Unfall oder Hirninfarkt. Wir prüfen dann, ob er ein möglicher Spender ist. Jemand, dessen Organe zum Beispiel nicht gesund sind, der Krebs hat oder HIV-positiv ist, scheidet fast immer aus. Gerade ältere Menschen können aber gut als Organspender geeignet sein. Ein andere wichtige Aufgabe ist es, mit den Angehörigen zu sprechen: Falls niemand weiß, ob der Verstorbene bereit war, seine Organe zu spenden, wird die Familie nach dessen mutmaßlichem Willen befragt. Wobei solche Gespräche auch andere Kollegen, Intensivmediziner zum Beispiel, übernehmen können. Es ist nicht festgeschrieben, wer das machen soll.

WDR.de: Solche Gespräche mit Hinterbliebenen sind sicherlich hochsensibel...

Kaiser: ...auf jeden Fall, denn die Frage nach der Spende ist oft verknüpft mit der Überbringung der Todesnachricht. Und verständlicherweise sind viele Menschen in diesem Moment überfordert, weil sie mit ihrer Trauer beschäftigt sind. Ich habe schon häufiger gehört: 'Das ist jetzt der falsche Zeitpunkt. Da kann ich jetzt nicht drüber sprechen.'

WDR.de: Was tun Sie dann?

Kaiser: Das muss ich akzeptieren, obwohl ich schon die Zielrichtung habe, ein 'Ja' zu erhalten. Aber viel entscheidender ist, dass die Angehörigen eine stabile Entscheidung treffen, zu der sie auch noch Jahre später stehen können. Sie dürfen die Enscheidung nicht bedauern. Wenn ich ein Gespräch mit mehren Familienmitgliedern führe, sind die Meinungen innerhalb der Familie teilweise sehr unterschiedlich, weil auch strittig ist, was der Verstorbene gewollt hätte. Dann schlage ich vor, mich zurückzuziehen oder das ganze Gespräch abzubrechen, damit die Familie nicht noch zusätzlich belastet wird.

WDR.de: Hatten Sie schon immer das notwendige Feingefühl, um in solchen extremen Ernstfällen die richtigen Worte zu finden, oder haben Sie professionelle Gesprächsführung gelernt?

Kaiser: Etwas Feingefühl muss man schon mitbringen. Ich habe zudem Lehrgänge besucht, um mich weiter zu sensibilisieren. Jetzt kann ich die Gespräche noch besser führen als vorher. Solche Fortbildungen sind aber nicht vorgeschrieben. Manche Kollegen gehen nicht so vorbereitet in diese Extremsituationen hinein. Was aber nicht immer schlecht sein muss.

WDR.de: Wenn sich Angehörige trotz ihrer akuten Trauer zu einem Gespräch bereit erklären, muss es dann schnell gehen?


Bei einer Operation wird einem Spender eine Niere entnommen
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Organe von Hirntoten können für andere Menschen lebensrettend sein

Kaiser: Schnell? Nur das nicht. Als Arzt muss man Zeit und Ruhe mitbringen. Auch wenn das im hektischen Klinikalltag manchmal schwer ist. In aller Regel dauert so ein Gespräch nicht länger als 30 Minuten. Gibt es eine Zustimmung, dann wird die Organentnahme logistisch eingeleitet. Normalerweise dauert es mindestens vier Stunden, bis die ersten Organe an Eurotransplant vermittelt werden.

WDR.de: 30 Minuten für ein Entscheidungsgespräch – das hört sich überraschend kurz an.

Kaiser: Ist es jedoch nicht. Denn für viele kommt das Gespräch nicht unbedingt unerwartet. Spätestens, wenn bei dem schwer kranken Verwandten auf der Intensivstation eine Hirntod-Diagnostik eingeleitet wird, wollen viele Angehörige sogar von sich aus wissen, ob später die Frage nach der Organspende gestellt wird.

WDR.de: Wie viele Spender werden an der Uniklinik Essen jedes Jahr gezählt?

Kaiser: Das ist schon ein relativ seltenes Ereignis im täglichen Medizin-Betrieb. Wir versuchen immer im zweistelligen Bereich zu liegen. Knapp zehn sind es. Andere Kliniken der Maximalversorgung haben 20 und wieder andere nur einen. Letzteres ist eine Katastrophe. Nur einer - das kann eigentlich nicht sein in einem Krankenhaus mit Neurochirurgie! Vielleicht werden die potenziellen Spender nicht erkannt. Vielleicht sind die Gespräche dort aber auch anders und die Ablehnungsquote deshalb höher. Bei uns lehnt etwa die Hälfte der Angehörigen eine Spende ab. Meistens tendieren dazu die Verwandten, die nichts wissen über den Willen des Verstorbenen. Grundsätzlich wäre es für die Hinterbliebenen eine Entlastung, wenn alle zu Lebzeiten selbst entscheiden würden.

WDR.de: Der Bundestag will mit der so genannten Entscheidungslösung die Bereitschaft zur Spende erhöhen. Künftig wird mehr auf Aufklärung gesetzt. Jeder, der älter als 16 Jahre ist, bekommt von seiner Krankenkasse regelmäßig per Post Informationen und einen Organspendeausweis. Was halten Sie davon?

Kaiser: Ich gehe davon aus, dass es schon etwas bringt, wenn die Menschen damit immer wieder konfrontiert werden. Aber das Thema muss darüber hinaus verstärkt in Schulen hineingetragen und im Unterricht aufgegriffen werden. Und zwar bevor einige Schüler abgehen – in der neunten oder spätestens zehnten Klasse also. Wir versuchen im Rahmen eines Pilotprojektes in Essen, mehr Lehrer zu erreichen. Gleichzeitig sprechen wir große Unternehmen an, die zum Beispiel über Organspende in ihrer Firmenzeitschrift schreiben. Das Thema muss überall gegenwärtiger werden.


Das Gespräch führte Lisa von Prondzinski.


Stand: 24.05.2012, 11.47 Uhr


Kommentare zum Thema (46)

letzter Kommentar: 29.05.2012, 11:05 Uhr

Thomas Winkler schrieb am 29.05.2012, 11:05 Uhr:
@EDe. Scheinbar ist Ihnen nicht so wirklich bewusst das eine "Spende" nichts ist für das man eine Gegenleistung verlangen kann. Es ist einzig und allein ein Zeichen der Nächstenliebe. Nun Sie haben sich ganz offensichtlich dazu entschlossen Ihre Organe nach Ihrem Ableben zu spenden, in dem Fall sind Sie natürlich tot haben also keinerlei MItspracherecht mehr wer eben diese Organe bekommt, nun meinen Namen können Sie diesem Posting entnehmen und im Fall Ihres hoffentlich nicht so baldigen Ablebens quasi als möglichen Empfänger ausschließen. Ebenso müssen Sie sich keine Sorgen darüber machen das ich evtl. auch nur einen Tropfen Ihres ach so seltenen Lebenssaftes bekommen werde, denn dank der schkudereien bei den HIV Tests bei Spenderblut verfüge ich über ein Eigenblutdepot auf das ich im Bedarfsfall zugreifen kann. Und wo wir schon beim Spenden sind. ich bin Mitglied bei der DKMS und hatte bereits das Vergnügen zu spenden was ausgesprochen schmerzhaft war aber zu lebzeiten stattfand.
WDR.de schrieb am 29.05.2012, 08:23 Uhr:
Posting wurde entfernt. Beleidigungen werden nicht veröffentlicht.
Nein Danke schrieb am 28.05.2012, 11:53 Uhr:
Die Medizin muß andere Lösungen finden. Organe von (fast)Toten in kranke Menschen zu verpflanzen ist sicher nicht der richtige Weg. Die heute gültigen Kriterien, wann ein Mensch als tot betrachtet wird, enpfinde ich als üble Horrorvision die auch in einem schlechten Horrorfilm vorkommen könnte. Für mich ist ein Mensch erst dann wirklich tot wenn auch das Herz aufgehört hat zu schlagen, der Kreislauf vollständig zum Stillstand gekommen ist und der Körper kalt wird. Wenn die meißten Organe dann nicht mehr zu gebrauchen sind, ist das eben so. Ich werde mich post mortem nicht auswaiden lassen auch wenn die Medien noch so viele traurige Schicksale von Menschen aus dem Hut ziehen die auf ein Spenderorgan warten.
Dieter schrieb am 27.05.2012, 11:19 Uhr:
@EDe: Ihre Phantasien darüber wie sie reagieren würden wenn ein Nichtspender ihren seltenen "Saft" brauchen würde ist in ihrem Fall schon ganz OK und bringt ihnen dann sicherlich auch noch einen "Darwin Award" ein. Nur Mut!
Norbert schrieb am 27.05.2012, 11:09 Uhr:
Wer keinen Spenderausweis bei sich trägt MUSS für eine Organspende absolut TABU sein! Es ist unglaublich dreißt, die Hinterbliebenen in solchen Fällen totzdem mit diesem Thema zu belästigen und sogar ethisch moralischen Druck auf diese Menschen auszuüben. Diese Praxis gehört eindeutig geändert und sollte strikt verboten werden.

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