Zahl der Kaiserschnitte steigt Natürliche Geburt für viele Ärzte ein Problem?

Von Lisa von Prondzinski

Fast jedes dritte Baby in Deutschland kommt inzwischen per Kaiserschnitt zur Welt - obwohl nur wenige Frauen das so wollen und Geburtsrisiken nicht zugenommen haben. Laut einer Studie raten Kliniken zum Bauchschnitt, weil er planbarer ist.


Wenn Silke Lander* ihren 16 Monate alten Sohn anschaut, strahlen ihre Augen. Doch an den Tag, an dem Elia geboren wurde, erinnert sich die 35 Jahre alte Kölnerin alles andere als gern: "Es war eine traumatische Erfahrung." Sie hatte sich eine natürliche Geburt gewünscht, lag schon in Wehen, als die Ärzte ihr zu einem Kaiserschnitt rieten. Der Muttermund wollte sich nicht weiter öffnen. "Das war kein Notfall, aber ich war eine Stufe davor, sagten sie." Silke willigte ein. Der Schnitt war schnell gemacht: "Es war, als wäre der Kleine aus einem Zauberkasten gekommen." Doch Silke Lander war offenbar zu stark betäubt worden. Die so genannte PDA, eine Spritze in die Wirbelsäule, betäubte nicht nur die untere Körperhälfte, sondern breitete sich in den Brustkorb aus. "Als ich den Kleinen streicheln wollte, konnte ich den Arm nicht heben. Und dann nicht mehr atmen. Ich dachte, ich sehe meinen Mann und meinen Sohn zum letzten Mal."

"Nur zehn Prozent sind Notfälle"

Die Ärzte stellten sie ruhig, sie schlief ein und erholte sich später wieder. Tatsächlich machen die wenigsten Mütter bei einem Kaiserschnitt solche traumatischen Erfahrungen wie Silke Lander. Ob dieser Eingriff bei ihr tatsächlich nötig war, weiß die junge Mutter nicht. Früher war diese Methode die Ausnahme, heute ist sie weit verbreitet: Inzwischen werden in Deutschland rund 200.000 Babys, also fast jedes dritte, per Bauchschnitt im OP-Saal zur Welt gebracht. Das ist doppelt so viel wie vor 20 Jahren. Aber nur zehn Prozent davon seien echte Notfälle, in denen Mutter und Kind gefährdet sind – etwa weil die Herztöne des Babys aussetzen, sagt Jan Böcken, Gesundheitsexperte bei der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh. In 90 Prozent der Fälle jedoch gebe es einen Entscheidungsspielraum.

Ältere Mütter oder dickere Babys erklären Anstieg nur bedingt

Für den Anstieg von Kaiserschnitten werden viele Gründe angeführt: Immer mehr Frauen bekommen ihre Kinder im fortgeschrittenen Alter, viele Neugeborene wiegen mehr als früher und weil mehr künstliche Befruchtungen durchgeführt werden, kommen mehr Zwillinge und Drillinge zur Welt. Und manchmal wollen Mütter auch an einem bestimmten Tag gebären. Das seien aber nur etwas mehr als zwei Prozent, sagt Böcken. Ein weiteres Problem sieht die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) in dem wachsenden Anteil übergewichtiger Frauen, die schwanger werden. Sie hätten mehr Probleme, ihr Kind auf natürlichem Wege zu bekommen als schlanke Frauen, sagt Frank Louwen. Der Gynäkologe und Geburtshelfer ist Mitglied im Vorstand der DGGG.

"Doch mit alldem lässt sich der allgemeine Anstieg nur bedingt erklären", sagt Jan Böcken von der Bertelsmann Stiftung. Und schon gar nicht sei das eine Erklärung für die regionalen Unterschiede, die die Stiftung im Rahmen einer bundesweiten Untersuchung festgestellt habe. So liegt die Kaiserschnittrate zum Beispiel in Olpe bei über 43 Prozent, im Rhein-Sieg-Kreis dagegen nur bei knapp 24 Prozent. So ein Gefälle ist deutschlandweit zu beobachten.

Kaiserschnitte passen besser in den Klinikalltag


Nach Meinung von Gesundheitsexperte Böcken haben Kliniken und Ärzte bei den so genannten Sectio-Geburten einen gewaltigen Einfluss. Er kann zwar nicht bestätigen, dass Kaiserschnitte den Krankenhäusern unterm Strich mehr Geld einbringen und Ärzte deshalb schneller zum Skalpell greifen. "Ob das so ist, ist nicht klar. Was für den Alltagsbetrieb in einem Krankenhaus aber entscheidender ist: Diese Eingriffe sind planbar." Deshalb werde ein Großteil der Geburten gezielt auf die Werktage gelegt. Dann sei mehr Personal da als am Wochenende. Eine Aussage, die Moritz Quiske, Sprecher bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft, als eine bodenlose Frechheit bewertet. Es sei eine Unverschämtheit, Kliniken und den dortigen Medizinern zu unterstellen, sie würden wirtschaftliche Ziele über das Wohl von Müttern und Babys stellen. Das stelle die ärztliche Integrität ungerechtfertigt infrage.

"Mangelndes fachliches Können" von Ärzten

Der Bertelsmann-Untersuchung zufolge bewerten Ärzte in den verschiedenen Regionen die Geburtsrisiken unterschiedlich - was unter anderem mit mangelndem fachlichen Können zusammenhänge. Frank Louwen von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe argumentiert in die gleiche Richtung: In nur noch wenigen Kliniken beherrschten Geburtshelfer die Technik, ein Kind auf natürlichem Weg zu holen, wenn es nicht richtig liegt oder es sich um Mehrlinge handelt. Deshalb rieten viele eher zu einem Bauchschnitt, wenn sich Komplikationen abzeichneten.

"Angst vor Haftungsklagen nicht zu unterschätzen"

Nicht zu unterschätzen sei womöglich auch die Angst vieler Mediziner vor Haftungsklagen, meint Böcken. Wenn ein Baby bei einer natürlichen Geburt zu wenig Sauerstoff bekomme, könnte das lebenslange Folgen haben und gerichtliche Schritte der Eltern nach sich ziehen. Die Komplikationen bei Kaiserschnitten seien meist nicht so schwerwiegend. Doch solche Ängste gebe kein Mediziner offen zu. Silke Lander hat sich mit ihren Ärzten später zusammengesetzt. Der Anästhesist behauptete, Lebensgefahr habe zu keinem Zeitpunkt bestanden. So recht glaubt sie ihm das bis heute nicht.

Um handwerkliche Unsicherheiten bei Medizinern zu beseitigen, werden in manchen Kliniken regelmäßig komplizierte Geburten an Puppen trainiert. In anderen Häusern sind immer zwei Geburtshelfer bei einer Niederkunft anwesend. Auch die DGGG bietet solche Kurse an. Das Interesse daran sei gewaltig, sagt Louwen.

Kaiserschnitt "wahrscheinlich nicht so gesund" wie natürliche Geburt

Die natürliche Geburt gilt als das Beste für Mutter und Kind. Studien zeigen zum Beispiel, dass Kaiserschnittkinder ein etwas höheres Risiko für Diabetes-Typ-1, Infektionen und Allergien haben. "Das ist alarmierend", sagt Gynäkologe Louwen. "Man muss die Frauen darüber aufklären, dass der Kaiserschnitt wahrscheinlich nicht so gesund ist wie eine vaginale Geburt. Er kann einen negativen Einfluss auf das spätere Leben des Kindes haben." Nicht gut belegt ist, ob es der Mutter nach einer Kaiserschnitt-Geburt tatsächlich schwerer fällt, eine innige Beziehung zu ihrem Baby aufzubauen. Silke Lander jedenfalls konnte ihren Sohn "anfangs nicht richtig annehmen und genießen". Und noch sechs Wochen später tat ihr die Schnittwunde am Bauch trotz Schmerzmitteln sehr weh. "Das möchte ich nicht noch einmal mitmachen", sagt sie. 

*Name von der Redaktion geändert

Übrigens
Lisa von Prondzinski

Schwangerschaft oder Geburt sind für Frauen in den westlichen Ländern kein großes Risiko mehr. In armen Ländern, vor allem südlich der Sahara, ist das anders. Statistisch betrachtet stirbt alle zwei Minuten irgendwo auf der Welt eine Frau an den Folgen einer Schwangerschaft oder Geburt. 99 Prozent aller Fälle von Müttersterblichkeit entfallen auf Entwicklungsländer.


Stand: 23.12.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (17)

letzter Kommentar: 28.12.2012, 09.53 Uhr

Konglomerat schrieb am 28.12.2012, 09.53 Uhr:
Die zunehmende Zahl von Kaiserschnitten hat ein Konglomerat von Ursachen,die in der Meldung alle genannt werden.Planbarkeit im Klinikalltag,Haftungsklagen,Mangelndes koennen im Umgang mit Problemgeburten.Letztere sind sicherlich angestiegen.Aber auch der egoistische Wunsch der Frauen-ich will mir eine natuerliche Geburt nicht antun!@Gertrud-du hast da nur teilweise Recht.Wuerden Frauen in der Zeit wo sie es "am besten koennen"(bis 25,aber auf jeden Fall unter 30)ihre Kinder bekommen,gaebe es deutlich weniger Probleme.Wenn aber eine Uebergewichtige 45jaehrige aus Torschlusspanik noch ein,zudem im Mutterleib uebergewichtig gefuettertes Baby,zur Welt bringen will-dann gibt es sicher Probleme.
WDR.de schrieb am 24.12.2012, 15.13 Uhr:
Beitrag gesperrt. Bitte posten Sie zum Thema.
Cordula Wienstroer, Ex-Hebamme schrieb am 24.12.2012, 14.22 Uhr:
@ Anonym schrieb heute, 13:53 Uhr: Sie sind ja vielleicht ein sich nicht im Bilde befindlicher Oberschlaumeier! Daher dieses: Sobald ich als freiberufliche Hebamme in einem Krankenhaus tätig bin, bin ich auch für meine Arbeit selbst verantwortlich! Es gibt schließlich keinen Anstellungsvertrag mit dem Krankenhaus und somit haftet dieses auch nicht. Und nun dürfen Sie unter den Baum greifen und das Buch mit dem Inhalt "Freiberufler in Klinken - Recht und Gesetz" auspacken und lesen.
Gertrud schrieb am 24.12.2012, 14.20 Uhr:
Das mit der Beratung vor der Geburt ist albern. Ich berate jede kreißende Mutter zum Abschluß einer Lebensversicherung oder zum Kauf eines Baggers. Das ist keine Kunst. @Cordula....was verstehen Sie denn unter der Förderung von Hebammen? Höhere Beiträge? Ich nicht. @Anonym 13:53.....Ihr Posting ist nur sinnfrei und ich erspare uns allen eine Antwort darauf. Wir brauchen eine bessere Anpassung der Hebammenentlohnung und heftige Strafgebühren für Kliniken, die es nicht schaffen, Kinder auf natürliche Art auf die Welt zu bringen. Alles, was dazu gehört, einem Kind das Leben zu schenken, bringt eine Frau von Haus aus mit. Hier wird aus falschem Sicherheitswahn und kommerziellem Denken aus einem natürlichen und wunderbaren Vorgang eine Krankheit gemacht, die es zu behandeln und bezahlen gelte. Es werden ganz sicher auch Zeiten kommen, da es wieder so gehen muß wie bei unseren Urgroßeltern. Dann werden sich einige noch wundern, wenn niemand mehr das Wissen um eine richtige Geburt hat.
Allein die Mütter entscheiden - nach Aufklärung. schrieb am 24.12.2012, 13.57 Uhr:
Weist man auf ein bleibendes Restrisiko bei natürlicher Geburt hin, dass bei einer Sectio verringert werden könnte, dann will keine Mutter dieses Risiko tragen. Wir Ärzte auch nicht. Sowas kommt von sowas - Defensivmedizin

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