Besondere Pflege für jüngere Menschen Nach Jahren wieder raus aus dem Pflegeheim

Von Lisa von Prondzinski

Wie können Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderung möglichst eigenständig wohnen? Das ist Schwerpunktthema auf der Messe Rehacare, die am Mittwoch (10.10.2012) in Düsseldorf beginnt. WDR.de hat eine spezielle Einrichtung für jüngere Pflegebedürftige besucht - Jeder fünfte Pflegebedürftige ist unter 65 Jahren.


Porträt Ilona Radloff
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Ilona Radloff hatte mehrere Schlaganfälle

Der helle Flur ist nicht nur enorm lang, sondern auch breit genug, damit zwei Rollstühle einander bequem ausweichen können. Fast alle elf Männer und Frauen, die hier in der fünften Etage des Ensemble Pflegezentrums in Monheim leben, sitzen im Rollstuhl. Auf dieser Station für "Junge Pflege" sind alle unter 65 Jahre alt: Menschen, die schwere Erkrankungen wie Multiple Sklerose haben, einen Unfall hatten oder nach Schlaganfällen auf Hilfe angewiesen sind.

Linksseitige Lähmung ist zurückgeblieben

So wie Ilona Radloff (49), eine temperamentvolle Frau, voller Energie. Ihr Leben veränderte sich vor fünf Jahren von Grund auf: Ein Aneurysma, eine Ader, reißt in ihrem Kopf. Sie liegt ein halbes Jahr im Koma und hat in dieser Zeit fünf Schlaganfälle. Noch heute ist sie linksseitig gelähmt. "Aber ich habe große Fortschritte gemacht", erzählt Ilona Radloff mit Stolz, denn sie musste wieder mühsam lernen zu sprechen und sich zu bewegen, nachdem sie ein Jahr lang bettlägerig war. "Mittlerweile kann ich sogar am Handlauf wieder einige Schritte gehen - jedenfalls mit Unterstützung", schiebt sie hinterher.

Streitigkeiten kommen vor


Porträt Karla Fuckardt
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Auch Karla Fuckardt ist linksseitig gelähmt

Was ihr auch geholfen hat, ist die Gesellschaft auf der jungen Pflegestation. "Hier sind die Leute in meinem Alter und ich kann meine Musik aufdrehen, am liebsten höre ich Peter Fox. Auch, wenn es die anderen nervt", lacht Ilona Radloff. Natürlich bleibt Zoff in der Gemeinschaft nicht aus, denn Räume wie Dachterrasse, Wohnzimmer und Küche teilen sich alle. Fast die Hälfte der elf Bewohner wohnt dauerhaft seit fünf Jahren hier, solange es die Einrichtung gibt. "Wenn es zu Streit kommt, dann ziehen die Pfleger die Störenfriede raus und reden mit ihnen", erzählt Karla Fuckardt (54), auch eine Schlaganfallpatientin und begeisterter Fortuna-Düsseldorf-Fan. In ihrem Zimmer hängen mehrere Plakate der Mannschaft. Sie freut sich immer riesig, wenn es ins Fußballstadion geht. Solche Events gehören zu den betreuten Freizeitaktivitäten und sind eine willkommene Abwechselung.

 Jüngere auf der Altenstation

Allein im vergangenen Jahr wurden bundesweit rund 60.000 Kinder, Frauen und Männer unter 60 Jahren zum ersten Mal als pflegebedürftig eingestuft. Über 390.000 Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, sind jünger als 60 Jahre. Das sind 17 Prozent aller Pflegebedürftigen, wie aus Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums hervorgeht. Der Großteil von ihnen wird ambulant versorgt.

Gut jeder Fünfte unter 60 Jahren lebt jedoch in einer stationären Einrichtung. Dass dabei jüngere Pflegebedürftige unter sich sind, ist nicht unbedingt der Normalfall. "Diese speziellen Einrichtungen gibt es nicht flächendeckend", weiß Uwe Brucker, Fachgebietsleiter für Pflegerische Versorgung beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDS) in Essen. In der Realität heißt das: Ein 35-Jähriger findet sich schon mal in einem Pflegeheim für Senioren wieder. Dann spricht man von "Fehlbelegung".

"Jüngere haben mehr Potenzial"


Porträt Christiane Krupp
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Christiane Krupp setzt auf Wiedereingliederung

Doch für die Jüngeren sei solch eine Unterbringung problematisch, allein wegen des Pflegekonzeptes, meint Christiane Krupp, Leiterin der Monheimer Einrichtung. "Bei den Jungen geht es mehr um Wiedereingliederung. Sie haben oft mehr Potenzial als alte Menschen. Es sei denn, die Krankheit lässt das nicht zu. Manche machen aber sogar so große Fortschritte, dass sie allein ins Betreute Wohnen ziehen können." Bei alten Menschen sei in der Regel damit nicht mehr zu rechnen. Auf der jungen Station gebe es zudem mehr Personal, so Christiane Krupp weiter. Es sind Physio-und Ergotherapeuten sowie Heilerziehungs- und Altenpfleger, die gezielt fördern.

Vergleich mit anderen spornt an


Ilona Radloff im Rollstuhl
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Ilona Radloff hat sich mühsam wieder aufgerappelt

Prinzipiell ist die Pflege mehr unterstützend ausgerichtet als helfend. Beim speziellen Wasch- und Anziehtraining etwa geht es darum, wieder mehr Selbständigkeit zu erlangen. Nicht zu unterschätzen sei außerdem der Wettbewerbsfaktor auf einer jungen Station, ergänzt die Pflegedienstsleiterin Bianca Brüsewitz. "Wenn hier jemand sieht, dass ein anderer ein Erfolgserlebnis hat, zum Beispiel wieder einen Finger bewegen kann, dann spornt das ungemein an." Im Altenpflegeheim dagegen könne es belastend sein, zu sehen, wie sich der Zustand der anderen auf Dauer verschlechtere.

Für Ilona Radloff ging es in den vergangenen fünf Jahren in der jungen Pflege langsam bergauf. Sie ist an ihrem Ziel angekommen und darf eine eigene Wohnung im Betreuten Wohnen beziehen. Sie wartet nur noch auf einen passenden Platz.


Stand: 10.10.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (2)

letzter Kommentar: 11.10.2012, 20:08 Uhr

JimKnopf schrieb am 11.10.2012, 20:08 Uhr:
Hoffe, dass die Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen bald besser bezahlt werden.
Colonia schrieb am 10.10.2012, 16:37 Uhr:
Es ist nicht ersichtlich, warum Pflegebedürftige, die älter als 60 Jahre sind, kein "Potential" haben sollten, wieder ins Leben zurückzufinden. Nicht nur die Betroffenen selber, sondern auch das Pflegepersonal ist da gefordert. Vermutlich aber "lohnt" sich das bei den Älteren nicht. So meine Erfahrung in der Familie. Meine Mutter war Mitte 70, als sie mit Oberschenkelhalsbruch stürzte und anschließend im Rollstuhl landete. Es hat vom Personal nicht wirklich jemanden interessiert, ob sie nun dort blieb oder ob man eine entsprechende Therapie hätte anwenden können. Es war wohl einfacher, nicht zu therapieren. Als Angehörige wurde man auch nicht einbezogen, sondern hatte dann die "dankbare" Aufgabe, einen passenden Heimplatz zu finden, da die eigene Wohnung nicht barrierefrei war/ist und Umbaumaßnahmen in einer Mietwohnung kaum durchzusetzen sind. Also auf der ganzen Linie verlassen.


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