Gesund und schön durchs Naschen? Die süßen Versprechen der Industrie

"Nasch Dich gesund", heißt es bei vielen Anbietern auf der Süßwarenmesse in Köln. WDR.de sprach mit der Verbraucherzentrale NRW, ob das überhaupt geht und wo eventuell Gefahren lauern.


Bonbons, die schön machen, Schokolade, die entspannt, zahnpflegende Gummibärchen. Naschen hat eine neue Dimension erreicht. Die Trends auf der Süßwarenmesse in Köln, die noch bis Mittwoch (01.02.2012) für Fachbesucher geöffnet ist, gehen eindeutig in Richtung Gesundheit. Neue Süßigkeiten mit Zuckerersatz-, Nähr- und Wirkstoffen sollen dem Körper Gutes tun. Übergewicht und Karies war früher – heute macht Naschen fit und schön. Geht das überhaupt? WDR.de sprach mit Monika Vogelpohl, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale NRW.

WDR.de: Stevia, ein neues Süßungsmittel, das von der Steviapflanze stammt, wird mittlerweile in vielen Produkten verarbeitet. Kann ich als Verbraucher sicher sein, dass Stevia nicht schädlich ist?


Monika Vogelpohl: Stevia ist ein zugelassener Zusatzstoff und von daher erst mal unbedenklich. Es gibt jedoch für die verschiedenen Produkte, in denen Stevia enthalten ist, bestimmte Höchstmengen, die eingehalten werden müssen. Stevia wird immer als natürliches Süßungsmittel angepriesen. Man muss jedoch wissen, dass Stevia nicht als Pflanze in den Produkten ist, sondern als Steviolglycosid und das ist hochverarbeitet. Die Pflanze ist nicht zugelassen, sondern nur der Extrakt. Generell sind alle Produkte, die mit Süßstoffen hergestellt werden, ernährungsphysiologisch nicht sehr empfehlenswert. Ich denke an die ganzen Süßwaren und süßen Getränke. Es gibt immer Alternativen ohne Süßstoffe.

WDR.de: Es gibt kaum noch Süßigkeiten ohne Vitaminzusätze. Ergibt das überhaupt Sinn?

Vogelpohl: Es hat zunächst den Anschein, dass Vitaminzusätze die Produkte gesünder machen. Allerdings muss man aufpassen: Wer sehr viele angereicherte Lebensmittel zu sich nimmt, wie Bonbons, Milchprodukte oder Getränke, riskiert eine Überdosierung. Vor allem bei Kindern. Man muss bedenken, dass die Richtwerte auf den Verpackungen immer für Erwachsene gelten. Beispielsweise decken zwei "Nimm 2 Bonbons" schon fast die Hälfte des Folsäurebedarfs ab. Und das gilt für Erwachsene. Wenn man sehr viel von diesen angereicherten Produkten zu sich nimmt, dann wird die Menge für den Verbraucher sehr unüberschaubar. Zudem darf man nicht vergessen, dass diese Lebensmittel, vor allem Bonbons, einen sehr hohen Zuckergehalt haben.

WDR.de: Die Süßigkeitenindustrie verspricht auf der ISM schöne Haare oder ein "Wellnessgefühl" durch den Verzehr von Bonbons und Schokolade. Kann so was funktionieren?

Vogelpohl: Wenn so was ausgelobt wird, dann muss immer der Nachweis der Wirksamkeit erbracht werden. Sonst wäre es eine Irreführung. Und dieser Nachweis ist bei solchen Produkten schwer zu erstellen.

WDR.de: Können Zusätze auch schädlich sein?

Vogelpohl: Es gibt nach aktuellen Untersuchungen keinerlei Vorteile für den Zusatz solcher Stoffe, sondern Studien, die das Gegenteil belegen. Es wurde jahrelang gepredigt, dass Betakarotin Krebs vorbeugen soll. Dann kamen Studien, die genau das widerlegt und erwiesen haben, wenn man zuviel zu sich nimmt, ist es krebserregend.

WDR.de: Die Süßwarenindustrie verzichtet immer mehr auf Aroma-, Farb- und Konservierungsstoffe. Kann man bei solchen Produkten getrost zugreifen?

Vogelpohl: Das ist ein Trend, weil die Verbraucher mittlerweile wissen, dass Farbstoffe nicht besonders gesund sind. Vor allem die Azofarbstoffe. Und bei Konservierungsmitteln sind Verbraucher auch sehr skeptisch geworden. Da richtet sich das Angebot der Industrie nach dem Verbraucher. Nichtsdestotrotz: Süßwaren sind Genussmittel, also in Maßen zu genießen.

WDR.de: Eltern wird durch Aufdrucke auf der Verpackung suggeriert, dass die Produkte gut für die Entwicklung des Kindes seien. Worauf sollte man beim Einkauf und bei der Rationierung von Süßigkeiten achten?

Vogelpohl: Die Zusätze machen Süßigkeiten nicht gesünder. Naschen ja, aber nicht so oft. Und angereicherte Süßwaren für Kinder oder Erwachsene halte ich für völlig überflüssig. Wenn man sie denn schon kauft, muss man ganz exakt auf die Menge achten, damit es eben nicht zu einer Überdosierung kommt – nicht nur bei Süßigkeiten, sondern auch bei anderen angereicherten Lebensmitteln. Ganz ohne Süßwaren geht es nicht – man muss nur das richtige Maß finden.

Das Interview führte Susanne Schnabel.


Stand: 30.01.2012, 12.07 Uhr


Kommentare zum Thema (2)

letzter Kommentar: 31.01.2012, 12.09 Uhr

Mündiger schrieb am 31.01.2012, 12.09 Uhr:
Gefahr hier, Risiko...es gibt nix, wo nicht irgendwer das Gras wachen hört. Kann mich nur dem Kommentar von MG anschließen. Jeder weiß, dass zuviel Zucker, Alkohol, Fett, Zigaretten usw nicht gesund ist und gelegentlich muss einfach erlaubt sein, was Spaß macht und auch gelegentliches über die Stränge schlagen macht das Leben erst lebenswert.
MG schrieb am 30.01.2012, 21.05 Uhr:
Süßigkeiten, in den Jahren nach nach1950 wurde das ganze Taschengeld, das waren so ab 10 Pfennig in Süßigkeiten investiert. Größere Beträge in Wundertüten. Sogenannte Negerküsse, heute heißt es Schokokuss, Negergeld, das waren Lakritzmünzen, Pfefferminztafeln, alles Köstlichkeiten und Süßigkeiten. Diese konnte man sich meistens nur am Sonntag leisten, also einmal die Woche. Wenn richtige Naschkatzen zuschlagen und über die Strenge schlagen obwohl sie es nicht sollten ist die eine Sache. Die andere ist auch für mich, ab und zu einmal zu südigen, dem Süßen zu frönen. Maßvoll versteht sich. Und das lässt man sich auch von den klugen Weisen nicht vermiesen. Selbst wenn sie recht hätten, dann habe ich sie nicht verstanden, wollte nicht.


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