Thema Intersexualität im Bundestag Mann, Frau oder "dazwischen"?

Von Lisa von Prondzinski

Manche Menschen kommen weder als Junge noch als Mädchen zur Welt. Ihr Geschlecht lässt sich nicht eindeutig zuordnen. Sie sind intersexuell. Der Ethikrat empfiehlt, dass in Personalausweisen ein drittes Geschlecht aufgeführt werden sollte. Am Montag (25.06.2012) war Intersexualität Thema im Bundestags-Familienausschuss.


"Ich weiss wie ich leben will - auch ohne Diagnose" steht auf einem Transparent von Demonstranten
Bild 1 vergrößern +

Intersexuelle fordern bei einer Demo mehr Rechte

Anja S., 44 Jahre alt, wurde nach der Geburt "als Mädchen klassifiziert". Ihre äußeren Geschlechtsorgane sahen normal aus. Später stellten Mediziner fest, dass sie im Bauchraum zwei Hoden hatte, aber keine Gebärmutter. Die Hoden operierten sie heraus. Ihre erste OP hatte Anja S. als sie ein halbes Jahr alt war. "Meinen Eltern sagten die Ärzte, dass da etwas im Körper ist, was Krebs verursachen könnte und raus muss." In diesem Glauben wuchs sie als Mädchen in Leverkusen auf. Von klein auf musste sie jedes Jahr zu einer Genitaluntersuchung - mit traumatischen Erinnerungen: "Da standen drei Ärzte um mich herum und haben meine Scheide vermessen."

"Genitale Verstümmelung" und "Zwangsbehandlung"

Anja S. ist weder eindeutig Frau noch Mann, sondern intersexuell. Bei solchen Menschen lassen sich Chromosome, Geschlechtsorgane, sekundäre Geschlechtsmerkmale, Hormone, Gene und Keimdrüsen nicht alle demselben Geschlecht zuordnen. Bei manchen ist das schon bei der Geburt sichtbar, bei anderen wird erst in der Pubertät oder noch später klar. Nach Schätzungen der Bundesregierung leben in Deutschland 8.000 bis 10.000 Intersexuelle - früher "Hermaphroditen" oder "Zwitter" genannt. Von 80.000 bis 120.000 Menschen dagegen spricht der Verein Intersexueller Menschen. Jahrzehntelang war es üblich, dass Ärzte auf geschlechtszuweisende Operationen nach der Geburt oder im frühkindlichen Alter gedrängt oder sie ohne Wissen der Eltern gemacht haben. Meistens wurden Mädchen "gemacht", weil diese Operationen einfacher sind. So entscheiden Mediziner auch heute noch. Ein früher Eingriff kann zu einer stabilen Geschlechtsidentität führen, muss aber nicht. Und wird ein falsches Geschlecht zugewiesen, bedeutet das Leid. Viele Betroffene sprechen von "genitaler Verstümmelung" und "Zwangsbehandlung".

Hormonbehandlung mit schweren Folgen

Auch Anja S. wurde seit ihrer Jugend therapiert. Sie bekam das weibliche Hormon Östrogen und daraufhin Schweißausbrüche, Schwindelanfälle, einen gutartigen Tumor an der Schilddrüse und in der Brust, Osteoporose, hatte häufig Infekte und zeitweise keinen Lebenswillen mehr. Auf die Idee, dass sie intersexuell sein könnte, kam sie erst vor sechs Jahren, als sie einen Artikel über eine andere Betroffene las. Dann forderte sie ihre Krankenakte in der zuständigen Klinik an und hatte endlich Klarheit. Anja S. fühlte sich "haltlos und betrogen von den behandelnden Ärzten, die nie die Wahrheit gesagt hatten". Sie wechselte dann "auf eigene Verantwortung und gegen den Widerstand einiger Ärzte" auf das männliche Hormon Testosteron und damit geht es ihr gesundheitlich besser.

Ethikrat empfiehlt dritte Geschlechtsangabe


Zeichen für Intersexualität auf Pappschild
Bild 2 vergrößern +

"Mein Körper - my choice" - Betroffene wollen selbst über Eingriffe entscheiden

Inzwischen bricht das Tabuthema etwas auf. So forderte ein UN-Ausschuss die Bundesrepublik Deutschland auf, intersexuellen Menschen ein möglichst selbstbestimmtes und diskriminierungsfreies Leben zu ermöglichen. Daraufhin hat die Bundesregierung den Deutschen Ethikrat mit einer Stellungnahme beauftragt. Das Gremium kam im Februar dieses Jahres zu dem Schluss, manche Betroffene seien durch medizinische Eingriffe so geschädigt, "dass sie nicht in der Lage sind, einer normalen Erwerbstätigkeit nachzugehen" oder sogar "infolge der Eingriffe schwer behindert" sind. Der Ethikrat empfiehlt, Betroffene über geschlechtszuweisende Operationen selbst entscheiden zu lassen, wenn sie alt genug sind. Außerdem schlagen die Experten die Einführung eines dritten Geschlechts im Personalausweis vor: Neben "weiblich", "männlich" könnte dort auch "anders" stehen. In Australien ist eine dritte Geschlechtsangabe bereits möglich.

"Erzieher und Lehrer besser fortbilden"


Porträt Christel Humme
Bild 3 vergrößern +

Christel Humme

Am Montag (25.06.2012) gibt es zum Thema "Intersexualität" im Familienausschuss des Bundestages eine öffentliche Anhörung, in der Experten ethische, medizinische und rechtliche Fragen und Probleme erörtern: Könnte ein Eintrag im Pass nicht zu weiterer Diskriminierung führen? Wie lange sollte mit einem Eintrag in die Geburtsurkunde gewartet werden? Welche familienrechtlichen Konsequenzen ergeben sich, wenn Intersexuelle heiraten – Ehe oder eingetragene Lebensgemeinschaft? Auch die Aufklärung im Alltag muss vorangetrieben werden, meint Christel Humme, SPD-Bundestagsabgeordnete aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis. Es müsse akzeptiert werden, dass Intersexualität eine natürliche Variante und keine Krankheit oder Störung ist. "Bereits Erzieher und Lehrer müssen verstärkt fortgebildet werden, damit sie angemessen damit umgehen und heranwachsende Kinder in diesem Sinne erziehen."

Noch trauen sich Betroffene nur selten öffentlich über ihr biologisches Anderssein zu sprechen, weil sich die Gesellschaft schwer damit tut. Zu groß ist die Angst ausgeschlossen und verletzt zu werden. So ist es auch bei Anja S.: "Manche Menschen wissen gar nicht, dass es das gibt. Wie soll ich das klarmachen?" Wie man sich zwischen den als normal empfundenen Geschlechtern fühlt, beschreibt sie so: "Auf keinen Fall wie ein Mann, auf keinen Fall wie eine Frau, aber ich bin sowohl Frau als auch Mann."


Stand: 25.06.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (17)

letzter Kommentar: 27.06.2012, 08:24 Uhr

Fiona schrieb am 27.06.2012, 08:24 Uhr:
80.000 bis 120.000 und 8.000 bis 10.000 Menschen? In der Summe bis 120.000, also inkl. dem Klinefeltersyndrom (XXY-Chromosomen) die fast alle den "männlichen Menschen" zugeordnet sind. Diese Gruppe wird mit 70.000 bis 110.000 angegeben. Die unterschiedlichen Zahlen zeigen bereits das Schwierige bei der Definition. Intersexuell sind: (1) Klinefelter, AGS, AIS, u.a. Bei den 8.000 bis 10.000 Menschen werden auch AGS-Menschen zugeordnet die meistens als Frauen leben können und die AIS-Menschen mit XY-Chromosomen und Androgenresistenz so dass der Körper sich weiblich entwickelt. Die Gruppe sind "XY-Frauen" die eine Gruppe im Verein den intersexuellen Menschen sind. Übrigens: Auch die definieren "Männer und Frauen" haben große Toleranzen in der Entwicklung der Körper was man deutlich bei der Selekton der teilnehmenden Menschen bei Leichtathletik Veranstaltungen sieht: "groß, klein, weiblich, männlich", alles hormonell nachvollziehbar ...
Gast schrieb am 25.06.2012, 15:22 Uhr:
Der Kern des Problems ist doch, das unmittelbar nach der Geburt das Geschlecht eines Kindes angegeben werden MUSS- und wenn es noch nicht eindeutig erkennbar ist, dann ist man gezwungen, sich eben für eines zu entscheiden, und das direkt. Egal, wie sich das Kind im Laufe des Lebens entwickelt. Vieles wäre für diese Menschen wohl leichter, wenn man einfach die Entwicklung abwarten würde und zu einem späteren Zeitpunkt entscheidet, in welche Richtung es nun geht. Welchen Sinn es macht, das Geschlecht zwingend direkt auf der Geburtsurkunde angeben zu müssen, erschließt sich mir nicht. Es gibt noch genug andere Merkmale, an denen man einen Menschen eindeutig identifizieren kann.
didi schrieb am 25.06.2012, 15:05 Uhr:
@ Werner Das sehe ich anders. In unserem Land wird jeder gegen jeden aufgehetzt damit eine Minderheit in saus und braus auf alle anderen leben kann.
Frank schrieb am 25.06.2012, 15:04 Uhr:
Warum muss im Ausweis überhaupt das Geschlecht drin stehen? Es wäre für alle einfacher, wenn das einfach komplett weg gelassen würde.
Werner schrieb am 25.06.2012, 14:26 Uhr:
@Aton so sehe ich das auch. Aber in unserem Land wird sich um jede Minderheit gekümmert. Nur nicht um die Allgemeinheit, die geht den Bach runter.

Alle Kommentare anzeigen



ratgeber.ARD.de

  • Edelschimmel und Scheibletten

    Wer viel Käse isst, tut etwas für seine Zähne. Und Analogkäse ist gar nicht so ungesund wie gedacht, kommt aber immer seltener vor. Stimmt nicht? "Quarks & Co" verrät, was Sie über Käse wissen müssen.

  • Leben ohne Brille

    Schnell, sicher und für immer ohne Brille: Das versprechen viele Augenkliniken. Denn Laserbehandlungen sind lukrativ. Auf Kosten vieler Patienten. "plusminus" über Risiken des Strahlenskalpells.

  • Wenn Verbraucher herabgestuft werden

    Kein Vertrag ohne Bonitätsprüfung. Auskunfteien versuchen zu beurteilen, ob ein Kunde regelmäßig zahlt - manchmal ohne Erfolg. Können sich Kunden gegen falsche Urteile wehren?

  • Wenn Eltern Hilfe brauchen

    Welches Heim ist für die pflegebedürftigen Eltern das richtige? Welche Alternativen gibt es? Und wie läuft das mit den Pflegestufen? Die Reportage zeigt Wege durch den "Pflege-Dschungel".

  • Kampagne gegen Werbeblocker

    "Schalten Sie bitte den Werbeblocker ab!" - Immer mehr Webseiten wenden sich mit dieser Bitte an ihre Leser. Denn ausgeblendete Anzeigen bedeuten für die Portale ausbleibende Werbeeinnahmen.

  • Das süße Geschäft mit Kindern

    Sie lauern an Supermarktkassen und werden an Schulen beworben: Zuckerbomben, deklariert als Kinderlebensmittel, denen der hohe Zuckergehalt nicht anzusehen ist. "Marktcheck" über dreiste Werbemaschen.

  • Das Geschäft mit der Modediagnose

    Immer mehr Menschen fühlen sich ausgebrannt. Pillen, Seminare oder Entspannungsreisen sollen helfen. Das kostet Patienten viel Geld, aber hilft es ihnen auch?

  • Wege aus der Mobbing-Falle

    Gerüchte, Sticheleien, Ausgrenzung: Die Schikane kann so schlimm sein, dass die Opfer chronisch krank werden. Wie Betroffene dem Mobbing entgegen wirken können und wer ihnen dabei hilft.

  • Die ARD-Fernsehköche

    Ob Tarte au Citron, Gemüse-Polenta oder Sauerbraten - die ARD-Köche kennen die leckersten Rezepte und haben jede Menge praktische Tipps für die Küche. Dabei spüren sie auch immer aktuellen Trends in der Küche nach.

  • Kampf den Karaffen

    Die EU verbietet offene Olivenöl-Kännchen in Restaurants. Ab 2014 darf das Öl nur noch in der Original-Flasche auf den Tisch. Salz- und Pfeffer-Streuer bleiben aber erlaubt. Und auch Essig darf weiterhin in Nachfüllkännchen serviert werden.

  • Das süße Zuckerkartell

    Europas Verbraucher haben möglicherweise zu viel für Zucker gezahlt. Die EU verdächtigt mehrere Produzenten, die Preise jahrelang abgesprochen zu haben.

  • Die Essensretter

    Zu klein, zu dünn, zu krumm: Mehr als die Hälfte aller Lebensmittel landet im Müll. Doch was lässt sich gegen die ungeheure Verschwendung tun? Lösungsansätze aus ganz Europa.

  • Das Geschäft mit der Milch

    Im Supermarkt sieht man sie immer öfter: Teure Spezialprodukte für Menschen mit Laktoseintoleranz. Oft sind diese Waren jedoch überflüssig. Denn viele Lebensmittel sind ohnehin "laktosefrei".