Implantate-Skandal "Das Gefühl, auf einem heißen Stuhl zu sitzen"

Von Lisa von Prondzinski

Vor einem halben Jahr hat der Skandal um minderwertige Brustimplantate der Firma PIP weltweit hunderttausende Frauen verunsichert. Gesundheitsbehörden rieten zur Herausnahme der Implantate. Rosemarie Margane hat es getan - vielleicht gerade noch rechtzeitig.


Porträt  Rosemarie Margane
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Rosemarie Margane: Brustimplantat aus Angst entfernt

Auch Rosemarie Margane hatte nach einer Krebserkrankung seit 14 Jahren ein Silikonkissen in der rechten Brust. Aufgeschreckt durch die Berichterstattung schaute sie im Januar 2012 in ihren OP-Unterlagen nach, "und tatsächlich stand PIP drauf". Seit drei Wochen ist das Kissen nun raus. "Ich bin absolut erleichtert", sagt die 74-Jährige aus Bad Honnef. Rosemarie Margane hatte mit der Herausnahme monatelang gewartet, weil die Untersuchungen keinen auffälligen Befund gezeigt hatten und in der zuständigen Klinik "viel zu tun war mit Operationen bei Frauen, deren Implantate gerissen waren", erzählt sie.

Riss war drei Zentimeter lang

Obwohl Rosemarie Margane eingewilligt hatte zu warten, kamen die Sorgen. Sie hatte "das Gefühl auf einem heißen Stuhl zu sitzen". Nicht ohne Grund, denn die mit Industriesilikon befüllten PIP-Produkte reißen schneller und können zu Entzündungen führen. Sie sollen zudem krebserregend sein. Die britische nationale Gesundheitsbehörde NHS berichtete jedoch kürzlich (18.06.2012), das in den PIP-Implantaten enthaltene Silikon sei weder giftig noch schade es langfristig der Gesundheit. Bei Rosemarie Margane stellte sich während der Operation heraus, das auch ihr Kissen defekt war: "Es war ein drei Zentimeter langer Riss darin, aber Gel war zum Glück nicht in den Körper ausgetreten. Das hat mich dann wieder beruhigt."

Warnung vor weiteren Implantaten

Die breite Öffentlichkeit erfuhr erst im Dezember 2011, dass die französische Firma  PIP jahrelang bewusst gepanscht hatte, um sich zu bereichern. Dann gerieten auch fehlerhafte Rofil- und Tibreeze-Implantate in Verruf. PIP hatte drei Viertel aller Kissen mit Industrie-Gel statt mit teurerem medizinischen Gel befüllt. Jahrelang hat der TÜV Rheinland die Präparate zertifiziert, bevor sie auf den Markt kamen. Vor den angekündigten Prüfungen sollen jedoch immer korrekte Dokumente vorgelegt worden sein, so dass beim TÜV kein Verdacht aufkam und er sich selbst als Opfer eines Betrugs sieht. Hunderttausende der Billig-Implantate wurden weltweit verkauft.

Bundesweit über 5.200 Frauen betroffen

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Düsseldorf wurden in Nordrhein-Westfalen mehr als 1.700 Frauen mit fehlerhaften Implantaten versorgt. Bundesweit waren es nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mehr als 5.200 (Stand April 2012). Jedoch nimmt das BfArM an, dass nicht alle Fälle registriert wurden und die tatsächliche Zahl höher ist.  Bereits im Januar hatten Experten vermutet, dass sogar bis zu 10.000 Frauen in Deutschland betroffen sind.

Kassen lassen über Herausnahmen mit sich reden


Defektes Brustimplantat in einer Hand
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PIP-Implantate reißen schneller

Die Operationskosten von Rosemarie Margane sowie ihr neues Implantat hat ihre Krankenkasse bezahlt. So verfahren die Kassen bei allen Geschädigten, die aus medizinischen Gründen Implantate tragen. Frauen, die jedoch aus Schönheitsgründen einen größeren Busen haben wollen – und das sind schätzungsweise 75 Prozent, sind gesetzlich verpflichtet sich an der Herausnahme mit bis zu 50 Prozent der Kosten zu beteiligen. Einige Kassen kommen ihren Versicherten aber entgegen: etwa durch Ratenzahlung oder eine geringere Beteiligung. Die AOK Rheinland/Hamburg hatte von Anfang an die Übernahme der Kosten der Prothesen-Entfernung und Einsetzen neuer Implantate für alle angekündigt, die sich das nicht leisten können. Insgesamt sind das laut AOK rund 4.500 Euro.

Wenige Anträge auf Kostenübernahme

Allerdings haben sich in den vergangenen Monaten nur wenige betroffene Frauen bei den Kassen gemeldet. Die Barmer/GEK hat rund 300 Anträge auf Kostenübernahme gezählt, die AOK Rheinland/Hamburg  rund 110. Ein Sprecher der Techniker Krankenkasse vermutet, dass viele Frauen sich direkt an ihre Ärzte wenden, auf deren Kulanz setzen oder alles aus eigener Tasche bezahlen.

Münchener Anwälte machen Hoffnung auf Schadenersatz


Rosemarie Margane
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Rosemarie Margane überlegt, zu klagen

Rosemarie Margane überlegt derzeit, ob sie sich mit Hilfe von Rechtsanwälten zur Wehr setzen soll. Bei ihrer Rechtsschutzversicherung wurde ihr jedoch auf erfolgreiches Klagen kaum Hoffnung gemacht. Anders sehen das die Münchener Patientenanwälte Zierhut und Graf. Sie vertreten etwa 200 Frauen, davon sind fast 70 aus NRW. Bisher haben die Anwälte Klagen von zwei Mandantinnen auf Schadens- und Schmerzensgeld eingereicht - eine vor dem Landgericht Karlsruhe, die andere in München. Beklagte sind Chirurgen, der Mülheimer Chemikalienhändler Brenntag, der PIP Industriesilikon für deren Billig-Implantate geliefert hatte. Außerdem richten sich die Klagen gegen die französische Allianz als Versicherer der Pleite gegangenen Firma PIP und den TÜV Rheinland als Zertifizierer. "Weil eine Bundesbehörde den TÜV als Zertifizierungsbehörde benannt hat", sei auch Deutschland mitverantwortlich, meinen die Anwälte. Deshalb haben sie die Klage vor einigen Wochen erweitert. Dem TÜV wiederum werfen sie vor, versäumt zu haben, sich mit den französischen Aufsichtsbehörden in Verbindung zu setzen, denn Probleme mit PIP-Implantaten habe es schon in den 1990er Jahren gegeben. Mindestens 20.000 bis 40.000 Euro wollen Zierhut und Graf für jede Mandantin einklagen. Für Ende des Jahres ist eine erste mündliche Verhandlung in Karlsruhe anberaumt.

Auch Uniklinik sieht sich als Opfer


Eingang Essener Klinikum
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Auch im Uniklinikum Essen wurden fehlerhafte Kissen eingesetzt

Auch gegen die Essener Uniklinik gibt es Klagen – wie viele, will man dort wegen der laufenden Verfahren nicht sagen. Die Essener hatten Frauen mit Rofil-Kissen versorgt.  Als der Hersteller eine Rückrufaktion meldete, setzte die Klinik diese Präparate ab dem Frühjahr 2010 nicht mehr ein. Die Klinik informierte die Patientinnen über die eventuell  fehlerhaften Implantate allerdings teilweise erst ein Jahr später. Doch genau wie alle anderen Beklagten, sieht sich die Uniklinik selbst als Opfer eines Betruges.

Rosemarie Margane würde eigentlich noch gerne wissen, ob ihr gerissenes Brustimplantat tatsächlich mit Billigsilikon befüllt war. Die Analyse dazu müsste sie allerdings selbst bezahlen. Auf der anderen Seite ist sie froh, dass alles endlich vorbei ist.       


Stand: 21.06.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (3)

letzter Kommentar: 21.06.2012, 17:06 Uhr

Analytiker schrieb am 21.06.2012, 17:06 Uhr:
Die einzigen die hier verdienen werden sind die Anwälte. Die Firma PIP als Verursacher des Skandals ist konkurs, da wird man wahrscheinlich nichts mehr holen können. Der Chemikalienhändler wäre nur dann haftbar, wenn er gewußt hatte, das die Firma PIP das Industriesilikon für Brustimplantate benutzte und er keine Einwände erhob. Die französische Allianz haftet auch nur dann, wenn die Firma PIP fahrlassig gehandelt hat. Es sieht hier doch mehr nach Vorsatz aus, dann haftet auch keine Versicherung. Der deutsche TÜV ? Er hat wahrscheinlich ein gutes Belegexemplar getestet und nicht auszusetzen gehabt. Der TÜV sollte höchstwahrscheinlich das Produkt testen und nicht die Firma. Deshalb wird man auch nichts holen können. Neben dem körperlichen Schaden wird wahrscheinlich durch diese Klagen der finanzielle Schaden bei den betroffenen Frauen nur noch größer. Selbst eine Rechtsschutzversicherung wird hier auf Grund schlechter Erfolgsausichten keine Deckungszusage geben.
reni schrieb am 21.06.2012, 15:41 Uhr:
Herr Breuer, Sie sollten vielleicht doch erst den Artikel lesen. Vielleicht schreiben Sie dann nicht mehr so einen Unfug.
Dieter Breuer schrieb am 21.06.2012, 15:21 Uhr:
Kein Wunder, das die AOKn gerne mal rote Zahlen schreiben. Bei diesem Geschäftsgebahren. Es ist nur zu hoffen, dass möglichst vioele von dem Angebot der Brustvergrößerung auf Krankenkassenkosten Gebrauch machen.


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