Bürger pflegen städtische Flächen: Grüner Daumen fürs Gemeinwohl
Am Sonntag (10.06.2012) war der Tag des Gartens. Aber auch ohne eigenen Garten lässt sich in der Erde wühlen – als Grünpate für städtische Flächen. In Köln-Lindweiler wurde so aus einem langweiligen Dornengebüsch ein kleiner Garten mit duftendem Lavendel, Küchenkräutern und viel Gemeinschaftssinn.
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Unter dem Dach der Diakonie-Einrichtung "Lindweiler Treff" pflegen sie das Hochbeet auf dem Marktplatz. (Fotostrecke 1)
"Da! Eine Brennnessel mit Wurzel" – Helga Nies kommt wieder aus ihrer gebückten Haltung hoch und zeigt das Kraut, das sie frisch aus dem dichten Lavendelbusch gezogen hat. "So viel Unkraut!", sagt sie kopfschüttelnd. "Wildkraut!", ruft Werner Hellendahl korrigierend, während er eine Winde aus dem Efeu reißt. "Aus Brennnesseln kann man Tee machen." Neben den beiden kratzt Inge Zeitel Löwenzahn aus den Ritzen der Hochbeetumrandung. Die drei Rentner aus Lindweiler treffen sich am Vormittag, um die Grünfläche auf dem zentralen Marktplatz des Stadtteils zu pflegen. Sie gehören zu einer Gruppe von zehn Aktiven, die eine Grünpatenschaft für das 100 Quadratmeter große Hochbeet übernommen haben. Vor zwei Jahren war hier noch der übliche unverwüstliche Struppelbewuchs mit dornigem Ilex. Eine traurige Heimstatt für Müll und Ratten. Stattdessen blühen hier heute Rosen, flankiert von in Form geschnittenen Buchsbäumen. Dazu gibt es einen kleinen Kräutergarten, in dem Zitronenmelisse, Salbei und Rucola wachsen. Als das Hochbeet vor zwei Jahren erstmals bepflanzt wurde, waren 120 Lindweiler dabei: Kinder, Schüler, Eltern, Rentner aller Nationalitäten haben gemeinsam gebuddelt, gepflanzt und gegossen.
Spontane Baumspende

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Eine junge Linde, gespendet von einem Lindweiler
Entstanden ist daraus die Idee zur Neugestaltung des Platzes im "Lindweiler Treff", einer sozialen Einrichtung der Diakonie. Deren Leiterin Katja Neumann erzählt, vor drei Jahren habe man die Bürger zum zentralen Marktplatz, dem "Marienberger Hof" befragt. Die Anwohner wünschten sich dringend eine Umgestaltung, doch die Stadt hatte kein Geld dafür. Darum seien die Bürger selbst aktiv geworden: Entwürfe für die Gestaltung der Grünfläche wurden diskutiert und abgestimmt, die Werbetrommel fürs Mitmachen gerührt. Helga Nies, die im Diakonie-Demenzcafé "Zur Linde" arbeitet, erzählte den Kranken von den Plänen. "Da ist Herr Bruch spontan aufgestanden und hat gerufen: 'Und ich spende die Linde.'" Weitere private Geldspenden kamen hinzu sowie eine Finanzspritze der Bezirksvertretung und der Grünen. Ein Mitarbeiter des Grünflächenamtes stand beratend zur Seite und städtische Mitarbeiter machten das Beet pflanzbereit: Sie rückten mit einem Bagger an, entfernten den alten Bewuchs und füllten Humus ein. Ein Service, den die Stadt übrigens allen Grünpaten anbietet.
Die Vorteile der offiziellen Grünpatenschaft
Auch die Stadt Bonn entfernt zum Beispiel alte Baumstümpfe, spendiert Erde und unterstützt die Ehrenamtler mit dem Fachwissen ihrer Bezirksgärtnermeister. Das Amt für Stadtgrün zählt offiziell 630 Patenschaften, aber es gebe durchaus noch mehr, heißt es. Viele würden es scheuen, eine offizielle Patenschaft anzumelden, weil sie Angst vor Reglementierungen durch die Stadt haben. Doch die Städte greifen nur ein, wenn ihre Pflichten verletzt werden. Zum Beispiel wenn hochschießende Pflanzen auf einer Verkehrsinsel die Sicht nehmen, Dornengestrüpp einen Gehweg überwuchert oder ein Beet mit schweren Steinen umrandet wird, wie in der Bonner Lennéstraße. Offizielle Patenschaften haben den Vorteil, dass die Stadt dann diese Flächen aus dem Routine-Pflegeprogramm rausnimmt – damit gepflanzte Blumen nicht versehentlich einem Rasenmäher zum Opfer fallen. Mit einer Grünpatenschaft geht man übrigens auch keine rechtlichen Verpflichtungen ein. Darauf weist das Amt für Stadtgrün hin. Alles laufe auf rein freiwilliger Basis.
Grünpaten bitten um Respekt

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Selbstgemaltes Hinweisschild in Köln-Niehl
Auch in Köln gibt es viel mehr privat gepflegte Grünflächen als die offiziellen 678 Grün- und Baumpatenschaften. In allen Stadtteilen fallen die Minigärten auf: In Sülz parken Autos vor exakt kugelrund geschnittenen Büschen. In Riehl wird eine ganze Rotdornallee von Bürgern gepflegt und in Niehl hat sich ein Anwohner einem Grünstreifen vor seiner Haustür angenommen: Tagetes blühen in fröhlichem Gelb und Orange. Mit einem selbstgemalten Schild bittet er um „Mehr Respekt“, weil bereits Blumen gepflückt wurden. Auch in Bonn in der Walter-Flex-Straße Straße weist ein Gärtner darauf hin, dass das Beet privat gepflegt wird: "Nicht betreten, nicht pflücken und Fiffi nicht das Beinchen heben."
Tulpenverlust am Muttertag

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Rose in der Mitte des Hochbeets in Lindweiler
In Köln-Lindweiler haben die Grünpaten bislang keinen Vandalismus erlebt. "Die einzige Ausnahme war, dass am Muttertag eine Tulpe gepflückt wurde", erzählt Katja Neumann schmunzelnd und Inge Zeitel sagt generös: "Ach, das ist doch nicht schlimm." Ganz im Gegenteil: Es komme immer wieder mal vor, dass Bürger eine Blume vorbeibringen und fragen, ob die auch mit ins Beet dürfe. Klar, darf sie. Denn wichtiger als ein Garten- oder Farbkonzept ist, dass alle Bewohner des Viertels etwas beitragen. "Am Anfang hat es viel Skepsis gegeben, dass alles wieder rausgerissen wird", erinnert sich Katja Neumann. Sie ist selbst ein wenig erstaunt, wie gut der Platz nun angenommen wird. Inge Zeitel ist sich sicher: Wenn die Stadt Köln alles finanziert und geregelt hätte, wäre daraus nichts geworden. "Je mehr Menschen mitmachen, desto besser", sagt Werner Hellendahl und Helga Nies bilanziert: "Wir sind uns hier alle näher gekommen durch das Projekt."
Stand: 10.06.2012, 00.00 Uhr
Kommentare zum Thema (7)
letzter Kommentar: 14.06.2012, 13:00 Uhr
- Kritisch schrieb am 14.06.2012, 13:00 Uhr:
- Ich finde es zwar gut das es Menschen gibt die sich zusammentun um etwas für die Allgemeinheit zu tun, doch sollte man sich auch mal überlegen welche Ausmaße das mittlerweile angenommen hat. Es ist ja für nichts mehr Geld da weder für Schwimmbäder oder Bibliotheken, alles was dem Allgemeinwohl Jahrzehnte lang diente wird wegrationalisiert um Geld zu "sparen" das hinterher für dubiuose Sachen wieder rausgeschmissen wird. Mich würde mal Interessieren in welchen dunklen Kanälen unsere Steuergelder versickern. Bei unseren südlichen Nachbarn kann ich ja nachvollziehen warum kein Geld da ist, da zählt ja das Steuerhinterziehen zum Volkssport.
- Horst schrieb am 13.06.2012, 13:11 Uhr:
- @Lindweiler, da gibts auch Grundsätzlich nichts gegen einzuwenden nur kann es nicht sein das sich kommunen dann sagen pff wir machen mal einfach nen Jahr lang nichts mehr an den Grünanlagen vielleicht gründet sich ja ne Bürgerinitiative die das kostenlos macht.
- Lindweiler schrieb am 12.06.2012, 11:13 Uhr:
- Hallo, ein Beet zu gestalten macht Spass und es ist wichtig für mich, dass es hier schön ist! Ich bin gerne Ehrenamtlerin! Jeder muss mit anpacken, damit sich etwas verändern kann!
- Rechts Daumen links schrieb am 12.06.2012, 03:36 Uhr:
- @Anton. Na es zwingt Sie ja keiner mit zu machen. Und wenn die Leute so einen Spaß daran haben dann sollen Sie sich Ihre Umgebung so gestalten wie Sie es mögen. Steht ja nicht unbedingt jeder auf tristen Beton und dorniges Gestrüpp :-)
- Anton schrieb am 11.06.2012, 12:36 Uhr:
- Dafür zahle ich genügend Steuern. Es ist eine Unverschämtheit immer mehr Ehrenamtliche einzubinden. Ich streiche auch nicht die Klassenräume meiner Kinder, damit noch mehr Geld überbleibt zum versenken in der EU und/oder Banken!!!!
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