Kinder bei Open-Air-Konzerten Stress und Hörschäden oder Familienspaß?

Von Susanne Schnabel

Tausende Besucher, Gedränge, Lärm, Betrunkene und zwischendrin kleine Kinder – geht das? Die Open-Air-Festival-Saison läuft auf Hochtouren – am Freitag (06.07.2012) startete das Reggae-Fest Summerjam in Köln. Viele Eltern nehmen ihren Nachwuchs mit auf Konzerte - nicht immer eine gute Idee.


Drei Mädchen bei einem Festival

"Langweilig", sagt Carla, aber ihre kleine Schwester Mina legt noch ein Tänzchen auf der Wiese hin und will noch nicht nach Hause. Zu gut ist der Sound, der dumpf durch ihren Hörschutz, die so genannten Micky Mäuse, dringt. Die kleinen Beinchen können nicht still stehen und es gibt doch so viel zu sehen hier. Sema, die dritte Schwester, hat einen kleinen Durchhänger und muss zwischendurch mit Papa schmusen. Familienausflug auf das Open-Source-Festival in Düsseldorf mit drei Mädchen, sechs, vier und eineinhalb Jahre alt. "Die Kinder entscheiden, wann wir das Festival verlassen. Wenn die Stimmung kippt, dann gehen wir. Spätestens um acht Uhr geht’s nach Hause", sagt Sven, Vater der drei Mädchen.

"Nicht zu einem Mammutfestival"


Baby mit Sonnenhut
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Entspannt am Rande des Konzerts

Welche Bands spielen ist für ihn nebensächlich. Es geht um die Festival-Stimmung und darum, Freunde zu treffen. Eine der jüngsten Besucherinnen ist Charlotte mit elf Monaten. Sie lacht, staunt und scheint sich sichtlich wohl zu fühlen auf der Picknickdecke mit Mama und Papa. "Das Gelände hier an der Galopprennbahn mitten im Wald ist optimal für Familien", sagen ihre Eltern Constanze und Gilbert. Die kleine Familie war schon häufiger auf Hochzeiten und Charlotte hat bereits Live-Bands gesehen. Sie mag es, wenn sie viele Menschen beobachten kann, wenn was los ist um sie herum. "Ob man ein Kind mit aufs Festival nimmt, hängt sehr vom Charakter des Kindes ab. Viele mögen Menschenmengen nicht oder sind sehr geräuschempfindlich, dann sollte man es natürlich lassen", so Eva, die mit ihren beiden Söhnen, neun und elf Jahre alt, das Open Source besucht. Sie ergänzt: "Natürlich würde ich mit den Kindern nicht zu einem Mammutfestival gehen wie Rock am Ring, wo viele Betrunkene sind und großes Gedränge herrscht."

Veranstalter appellieren an Vernunft der Eltern


Philipp Maiburg
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Philipp Maiburg organisiert das Open-Source-Festival

Zu Rock am Ring dürfen kleine Kinder eh nicht mitkommen, Mindestalter ist acht Jahre. Bei den vielen Festivals haben Kinder freien Eintritt, aber gern gesehen sind sie dort nicht immer. "Wir empfehlen, Kinder unter acht Jahren nicht auf das Festival mitzunehmen, da ein Rock-Festival für kleine Kinder eine erhebliche Belastung darstellt", rät das Veranstalter-Team. In Wacken appelliert man an die Vernunft der Eltern. "Es ist sicher sinnvoller die Kinder bei Freunden oder Verwandten abzugeben, während Mutti und Papi ein Wochenende mal so richtig die Sau rauslassen können", so der Ratschlag und in Haldern finden die Veranstalter ebenfalls, Eltern sollten ohne Kinder kommen: "Auch wenn wir ein sehr friedliches und kleines Festival sind, ist eine solche Großveranstaltung nicht unbedingt der richtige Ort für (Klein-)Kinder." Phillip Maiburg, Veranstalter des Open Source und selber Vater zweier Töchter, überlässt die Verantwortung den Eltern. "Es ist schön, wenn Familien sich zusammen auf die Bands freuen und einen tollen Tag zusammen haben. Ich persönlich finde, dass für Ein- bis Zweijährige ein solches Event zu laut ist und sie einer Reizüberflutung ausgesetzt sind."

Der Mediziner rät ab

Es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn Kinder Musik hören, jedoch nicht mit Ohrstöpseln, Kopfhörern oder direkt neben lauten Boxen, sagt Professor Dr. Wolfgang Ludwig Angerstein, Facharzt für kindliche Hörstörungen von der Uniklinik Düsseldorf. Mehr als 80 Dezibel über einen längeren Zeitraum könnten irreparable Innenohrschäden verursachen. Von Festivalbesuchen mit Kindern, auch mit Micky Mäusen über den Ohren, rät der Arzt ab: "Der Ohrenschutz ist nicht ausreichend, es kommen immer noch zu viele Schallwellen durch."

Familienfreundliche Festivals


Archivbild vom Summerjam 2003 - Kinder und Erwachsene auf dem Aktionsspielplatz des Summerjam-Festivals
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Viele Kinderspiele beim Summerjam-Festival

Also kein gemeinsamer Familienspaß auf Open-Air-Festivals? Doch! Es gibt Konzerte, da sind Kinder herzlich willkommen, weil die Rahmenbedingungen stimmen. Zum Summerjam nach Köln kommen jedes Jahr hunderte Kinder mit ihren Eltern. Das Gelände rund um den Fühlinger See ist riesengroß, mitten in der Natur und die Reggae-Fans sind sehr friedlich. Die Veranstalter haben einen Campingplatz für Familien und einen großen Aktionsspielplatz eingerichtet. Auch beim Mönchengladbacher Horst-Festival ist man auf viele Kids vorbereitet. "In diesem Jahr haben wir das Programm für Kinder erstmals auf zwei Tage ausgeweitet, weil die Nachfrage so groß ist", sagt Organisator Tobias Degen. Studenten der Hochschule betreuen und bespielen Kinder ab vier Jahren, während sich die Eltern Bands anschauen. "Die Kinder können selber Instrumente bauen und werden damit als kleine Wandergruppen über das Festivalgelände ziehen", so Degen. Die Betreuung kostet nichts, genau wie die Ausleihe von Micky-Mäusen, falls die Kleinen auch mal in die Nähe der Bühne wollen.

Fazit

Eltern sollten sich vor dem Besuch bei einem Open-Air-Festival folgende Fragen stellen: Möchte mein Kind dabei sein? Ist für genügend Hörschutz gesorgt? Habe ich Rückzugsmöglichkeiten weit genug entfernt von den Boxen? Wie ist das Publikum? Habe ich Lust und Nerven, mich um mein Kind zu kümmern, auch wenn ich dann meine Lieblinsgband verpasse?


Stand: 06.07.2012, 09.00 Uhr


Kommentare zum Thema (9)

letzter Kommentar: 07.07.2012, 06:47 Uhr

Ohrenbär schrieb am 07.07.2012, 06:47 Uhr:
Mich haben meine Eltern in den 70er-Jahren auch zu Konzerten mitgenommen und ich lebe noch. Ganz nebenbei - damals war es bei Konzerten gerade bei US-Acts sehr viel lauter als heute, weil man mangelnde Tonqualität mit Laustärke kompensierte und die Stühle aus der Halle blies. Ich habe auf die Weise Superstars live erlebt, die heute nicht mehr touren, bzw. tot sind und ich bin dankbar dafür! Für mich spricht absolut nichts dagegen, Kinder zu Konzerten mitzunehmen, so lange man sich nicht ins dickste Gewühl und direkt vor die P.A. begibt So lange die Kids selbst Spaß haben, gibt es nicht das geringste Problem. Die Presslufthammerwühlarbeiten auf der Straße vor dem Haus sind auch laut und das juckt offenbar niemanden. Haben wir eigentlich schon Sommerloch?
PIER schrieb am 06.07.2012, 20:52 Uhr:
Bin ich noch richtig hier beim WDR? So tief gesunken? Braucht unsere Gesellschaft eine solche Aufklärung? Kennen normale Eltern die Antworten auf die gestellten Fragen nicht sowieso? Für so etwas zahlen wir Gebühren. Und wenn Eltern wirklich diese flachen Ratschläge, teilweise ausgesprochen von Akademikern, dann armes Deutschland und auch arme Akademiker.
Alwine schrieb am 06.07.2012, 17:29 Uhr:
@Andreas: und Behinderte und Menschen mit Migrationshintergrund auch nicht. Natürlich um sie zu schützen! ... Unglaublich, wie Kinder immer mehr unter die Glasglocke gepackt werden, statt sie als Teil unserer Gesellschaft zu betrachten. Ob das auch damit zusammenhängt dass Deutschland im Jahr 2011 die niedrigste Geburtenrate seit Einführung der Statistik aufweist und Kinder somit als Exoten wahrgenommen werden, beschäftigt mich gedanklich schon eine ganze Weile. Ich denke, solange es dem Kind gut geht und es sich wohlfühlt, kann (und vor allem sollte!) man es (fast) überall mit hinnehmen. Durch ständiges "in Watte packen" werden die Kids jedenfalls keine sozialen Kompetenzen erwerben. ... ich selbst bin in den 80ern aufgewachsen. Wenn ich hier erzählen würde, wo meine Eltern in meiner Kindheit überall mit mir waren - und dann noch ohne Sicherheitsgurt auf der Rückbank eines 2CV ... hm, eigentlich ein Wunder, dass ich damals nicht spontan verstorben bin.
Silvana adams schrieb am 06.07.2012, 15:22 Uhr:
Also ich finde das nicht richtig das ist für die kinder stress pur und die kinder müssen ja auch nicht sehen wir die eltern Alkohol drinken
Tritra schrieb am 06.07.2012, 13:44 Uhr:
Verantwortungsvolle Eltern werden Kleinkinder nicht mitnehmen. Bei größeren Kindern könnte man die Lautstärke durch Schutzmaßnahmen verringern. Ich habe aber auch schon vor einigen Jahren erlebt wie bei einer Kasperleveranstaltung die Lautsprecher so gedröhnt haben, dass ich 15 Minuten nach der Veranstaltung nicht richtig hören konnte. Dieser Zustand hat dann 20 Minuten lang angehalten. Leider hatte ich es während der Veranstaltung nicht bemerkt. So etwas hätte ich bei "Kasperle" auch niemals für möglich gehalten.

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