Interview mit dem Vorsitzenden des ADFC "Prämie fürs Elektro-Fahrrad"

Die Leute wollen umsteigen - vom Auto aufs Fahrrad. Davon ist Ulrich Syberg überzeugt. Der Mann aus Herne ist Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs, der sich am Wochenende (05./06.11.2011) zur Hauptversammlung trifft. Er fordert breitere Radwege und eine Prämie fürs Elektro-Fahrrad.

Ulrich Syberg
Ulrich Syberg, Bundesvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC)

Der Bundesvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), Ulrich Syberg, arbeitet als Ingenieur für Vermessungstechnik beim Kreis Recklinghausen. Er sitzt für die SPD im Herner Stadtrat, wo er als fahrradpolitischer Sprecher aktiv ist.

WDR.de: Der ADFC fordert, dass nach der Energiewende nun die Verkehrswende kommt. Was muss sich ändern?

Ulrich Syberg: Zunächst einmal muss mehr Geld zur Verfügung gestellt werden. Schon im letzten Jahr hat der Bundesverkehrsminister den Etat für Radwege an Bundesstraßen von 100 auf 80 Millionen Euro gekürzt. Und nun plant die Bundesregierung für 2012 eine weitere Kürzung um 20 Millionen auf 60 Millionen Euro. Das ist das falsche Signal.

Der ADFC ist es leid, dass das Fahrrad in Sonntagsreden gelobt, aber gleichzeitig nicht angemessen finanziell gefördert wird. Wir wollen, dass das Thema in Berlin endlich oben auf die Agenda kommt.

WDR.de: Warum wird das Fahrrad so stiefmütterlich behandelt?

Syberg: Bisher fehlt der politische Wille. Man hat immer noch Angst vor der Autoindustrie, so wie man vor der Energiewende Angst vor der Atomlobby hatte. Wir haben in Deutschland jahrzehntelang das Auto ins Zentrum gestellt und die Städte ausschließlich autogerecht geplant.


Fahrradfahren in der Stadt
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"Städte ausschließlich autogerecht geplant"

In Zukunft wird aber das Auto nicht mehr das einzige Verkehrsmittel sein, das Mobilität bedeutet. Die Fahrradindustrie meldet Umsatzrekorde, nicht zuletzt wegen mehrerer hunderttausend Elektrofahrräder, die in den letzten Jahren verkauft worden sind. Die Leute wollen umsteigen. Nur die Politik braucht wieder mal länger, um die Prioritäten anders zu setzen.

WDR.de: Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus?

Syberg: Wir wollen den vernetzten Verkehr: Auto, Zug und Fahrrad sollen zu einer Mobilitätskette verknüpft werden. Da kann das Auto seinen Teil dazu beitragen, aber nicht mehr allein wie in den letzten Jahrzehnten. Ich habe vor zwei Wochen mit Bahnchef Rüdiger Grube gesprochen, er sieht das so wie wir. Deshalb wollen wir nun zusammen eine Mobilitätspartnerschaft zwischen der Deutschen Bahn und dem ADFC aufbauen.

WDR.de: Sie fordern von der Bundesregierung eine Prämie für Elektro-Fahrräder.

Syberg: Stellen Sie sich vor, wir hätten die Abwrackprämie von fünf Milliarden Euro anders aufgeteilt und nicht nur für Altautos verwendet! Man hätte damit auch die Verschrottung von Altfahrrädern fördern können, indem man jedem, der sich ein neues Fahrrad kauft, 100 Euro gegeben hätte. Damit hätten wir heute eine höhere Verkehrssicherheit auf deutschen Straßen.

Und warum gibt man nicht jedem, der sich ein Elektro-Fahrrad kauft, 250 Euro? Immer mehr ältere Leute lassen ihr Auto stehen und steigen aufs Elektrofahrrad um. Durch solche Prämien könnte der Anreiz zum Kauf eines neuen Fahrrades noch verstärkt werden.

WDR.de: Wie fahrradfreundlich ist NRW?

Syberg: In NRW ticken die Uhren etwas anders als im Bund. Schon 1993 wurde die Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte (AGFS) gegründet. 13 Städte hatten sich damals zusammengetan, mittlerweile sind es 64 Mitglieder. Dadurch ist eine politische Größe entstanden, die ihre Forderungen an die Landesregierung stellen kann. Und dann passiert es auch schon mal wie in diesem Jahr, dass der Parlamentarische Staatssekretär für Verkehr der NRW-Landesregierung verkünden kann, dass der Radweg-Etat von 11,6 Millionen Euro im Vorjahr fast verdoppelt wurde und nun 22,6 Millionen Euro beträgt.

WDR.de: Welche NRW-Städte sind positive Beispiele?

Syberg: Troisdorf war die erste Stadt der Arbeitsgemeinschaft, in der die Fahrradfreundlichkeit gemessen wurde. Vor gut zehn Jahren wurde dort durch eine systematische Förderung des Radverkehrs ein massiver Umstieg erreicht. Das Geld für breite und sichere Radwege kommt in einem solchen Fall von der Landesregierung, und das Geld für Öffentlichkeitsarbeit von der Arbeitsgemeinschaft.

Weitere positive Beispiele sind auch Dortmund, Bonn und Düren. Besonders ragt Münster heraus, wo es einen Radverkehrsanteil von 37 Prozent gibt. Dagegen liegt der Radverkehrsanteil in Bochum, Solingen oder Wuppertal nur bei sieben oder acht Prozent. Der Bundesdurchschnitt liegt bei zehn Prozent. Wir wollen bis 2020 eine Verdoppelung erreichen.

WDR.de: Wie sieht der optimale Straßenverkehr aus?

Syberg: Jeder bekommt den Raum, der ihm zusteht. Dabei müssen wir zwischen Autobahnen, Landstraßen und innerstädtischem Verkehr unterscheiden. Auf die Autobahn wollen wir mit den Rädern ja nicht. Aber wir überlegen, im Ruhrgebiet entlang der A40 einen Radschnellweg zu bauen, der über mehrere Kilometer ampelfrei ist.

In den Städten müssen den Radfahrern genügend breite Radwege angeboten werden und so angelegt sein, dass langsamere und schnellere Radfahrer miteinander klarkommen. Um die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen Auto und Fahrrad zu verkleinern, fordern wir zudem Tempo 30 in den Innenstädten.

Das Interview führte Dominik Reinle.


Stand: 05.11.2011, 17.31 Uhr


Kommentare zum Thema (19)

letzter Kommentar: 07.11.2011, 11:54 Uhr

Horst schrieb am 07.11.2011, 11:54 Uhr:
So ein Elektrorad wär schon ne Feine sache ich fahre jeden Tag grade mal 3km zur Arbeit mit dem Auto der Bus braucht dafür ne Halbe Stunde, und mit dem "Normal" Rad kann ich nicht fahren weils gut Bergauf geht...
Alltagsradler schrieb am 07.11.2011, 10:15 Uhr:
Was für ein Quatsch! Als wenn sich heutzutage Autofahrer noch an Regeln halten würden! Falschfahrer, Rotlichtsünder, Schneider, Radwegparker usw. - das alles ist möglich auch MIT Kennzeichen.
Innovation 125 Jahre schrieb am 07.11.2011, 07:00 Uhr:
In Deutschland braucht ein Autofahrer keinen Stellplatz bei der Zulassung seines Autos. D.h. 55 Mill. obdachlose Autos haben wir in Deutschland, die offiziell keinen Stellplatz haben. Nur wer eine Wohnung, Haus oder Geschäft bauen möchte muß in Deutschland den KFZ-Verkehr subventionieren. Bewegungsmangel ohne Ende! Seit 7 Mill. Jahren geht der Mensch aufrecht. Die Bewegung in einer Panzerung genannt "autofahren" kann doch nicht gesund sein, auch wenn sie seit 125 Jahren ausgeführt. sein. Wie wäre es mit überdachten Fahrradwegen, Beispiel in Duisburg "Königsstr." früh um 6:00?
hgs schrieb am 07.11.2011, 00:14 Uhr:
bitte keine breiteren radwege. dann kommen mir noch mehr rad-"geisterfahrer" auf der falschen strassenseite entgegen. ich habe mal eine woche versucht, dass ein wenig nachzuhalten: ca. 50% entgegenkommender radfahrer fuhren auf der falschen strassenseite! dadurch gab es für mich schon mehrere kritische situationen. also - grundsätzlich dort wo möglich und noch nicht geschehen: radwege anlegen. die oberfläche der vorhandenen radwege in ordnung und sauber halten - konsequent von widerrechtlich parkenden fahrzeugen befreien - krätigere wurzelaufbrüche schnell in ordnung bringen, das z.b. wären begrüßenswerte maßnahmen. dann fahren nicht nur die rad, die es aus wirtschaftlichen gründen müssen oder "überzeugungstäter" sind. und für die gesundheit der menschen wird nebenbei auch noch 'was getan.
pro fahrrad schrieb am 06.11.2011, 18:01 Uhr:
Autofahrer hier im Forum sind echte Jammerlappen. Diese Radfahrer vermiesen ihnen das Leben und dann müssen diese auch noch keine Fahrradsteuer zahlen, sowas aber auch. Liebe Autofahrer, schon mal über die finanziellen und gesundheitlichen Folgen des Autofahrens nachgedacht und wer das bezahlt? Das ist die Allgemeinheit, also auch Fußgänger und Fahrradfahrer, kurz Autofahren ist hochsubventioniert. Mehr Fahrradfahrer heißt weniger Stau, bessere Luft und gesundere Bürger. Die Infrastruktur fürs Fahrradfahren ist leider grauselig schlecht (wegen jahrzehntelanger Auto-Bevorzugung) und gehört dringend verbessert. Das ist nicht umsonst, aber für sehr kleines Geld zu haben, ganz im Gegensatz zur Autoinfrastruktur die sehr teuer ist. Sicher und schnell auf dem Rad vorwärtskommen ist attraktiv! Ein Fahrrad ist ein Verkehrs- und Transportmittel und gehört nicht in die Sport-/Freizeitecke (das Fahrrad auf dem Auto in grüne transportieren um dann da zu fahren), sondern in den Alltag.

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