Weniger Risiko, mehr Abtreibungen?: Interview zum Bluttest für Down-Syndrom
Schwangere können bereits heute testen lassen, ob ihr Kind mit einem Down-Syndrom zur Welt kommt oder nicht. Nun kommt aber ein neuer Bluttest auf den Markt, der risikoärmer ist als bisherige Methoden. Gegner der neuen vorgeburtlichen Diagnoseform befürchten eine Selektion von Menschen mit Down-Syndrom.

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Christina Sartori
Bisher war die Fruchtwasseruntersuchung die sicherste Methode, um das Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt, zu bestimmen. Im schlimmsten Fall kann durch die Untersuchung eine Fehlgeburt ausgelöst werden. Der neue Bluttest, gefördert auch vom Bundesforschungsministerium, gilt dagegen als unbedenklich. Gedacht ist er für Schwangere, die zu einer Risikogruppe zählen: Werdende Mütter, die älter als 35 Jahre sind, oder Frauen, bei denen Verdacht auf das Down-Syndrom für ihr Kind besteht. Typische Merkmale des Syndroms sind in der Regel körperliche Auffälligkeiten und geistige Behinderungen. Nach eigenen Angaben will die Konstanzer Herstellerfirma "Life Codexx" den "Praena-Test" in den nächsten Tagen auf den Markt bringen. In Deutschland sorgt dieser Test für heftige Debatten. Warum, erklärt Christina Sartori. Die Diplom-Biologin arbeitet seit Jahren als Wissenschaftsjournalistin, unter anderem für den WDR.
WDR.de: Frau Sartori, viele Kritiker lehnen das neue Verfahren ab. Die Gegner sprechen "von Selektion von Menschen mit Down-Syndrom", ein Verbot des neuen Tests wird gefordert. Warum ist diese Debatte so emotional?
Christina Sartori: Die Kritiker sagen, dass es jetzt noch einfacher wird zu testen, ob ein Kind mit einem Down-Syndrom zur Welt kommen könnte. Und sie fürchten, dass sich deshalb noch mehr Schwangere darauf testen lassen und damit die Zahl der Abtreibungen steigt. Denn schon heute werden 90 von 100 Kindern, bei denen Trisomie 21 festgestellt wird, abgetrieben - ohne den Grad der Behinderung zu kennen. Denn die Ausprägung zeigt sich erst, wenn das Kind da ist, und sie kann ganz unterschiedlich ausfallen: Es gibt Menschen mit Down-Syndrom, die später sogar einen Beruf ausüben. Andere dagegen sind körperlich und geistig sehr schwer beeinträchtigt.
WDR.de: Welche Argumente haben die Befürworter?

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Kinder mit Down-Syndrom wollen viele Eltern nicht zur Welt bringen
Sartori: Die Befürworter sagen, Eltern werde längst die Gelegenheit geboten, auf Trisomie 21 hin zu untersuchen und im Anschluss daran werde ihnen auch ein Abbruch zugestanden. Wenn man ihnen dieses Recht gebe, dann müsse ihnen auch die sicherste Methode angeboten werden. Tatsächlich ist das neue Verfahren sicherer für die Gesundheit des Kindes als die Fruchtwasseruntersuchung, die zu Komplikationen führen kann. Schätzungen zufolge kommt es bei 200 Untersuchungen bis zwei Mal zu Fehlgeburten. Durch den Bluttest aber können solche riskanteren Fruchtwasseruntersuchungen vermieden werden.
WDR.de: Wie funktioniert der Bluttest genau?
Sartori: Eingesetzt werden soll diese Methode ab der zwölften Schwangerschaftswoche. In Verdachtsfällen oder bei Risikoschwangeren. Dabei nimmt ein Arzt der Frau Blut aus der Vene ab. In diesem Blut zirkulieren auch Bruchstücke des Erbmaterials, der DNA, des Fötus. Diese werden im Labor auf Chromosomenveränderungen hin untersucht. Wenn das Ungeborene mehr Chromosomen mit der Nummer 21 hat als üblich, also drei statt der üblichen zwei, dann hat es höchst wahrscheinlich Trisomie 21.
WDR.de: Wie sicher ist denn das Testergebnis? Kann man sich wirklich hundertprozentig darauf verlassen?
Sartori: Nein, hundertprozentig sicher ist es nicht. Bei einer großen Studie mit 700 Proben wurden aber alle Fälle von Trisomie 21 entdeckt. Es gab jedoch zwei Mal Fehlalarm: Dabei wurde Trisomie 21 festgestellt. Tatsächlich war diese Diagnose jedoch falsch. Allerdings darf man nicht vergessen, dass es grundsätzlich wegen einer biologischen Besonderheit bei den Erbgutschnipseln nie eine hundertprozentige Sicherheit geben kann. Wie genau der Bluttest tatsächlich sein wird, wird sich in Zukunft herausstellen, wenn mehrere Tausend Frauen ihn angewendet haben. Im Moment ist die Fehlerquote jedenfalls sehr gering. In Amerika wird der Tests bereits seit Ende des vergangenen Jahres eingesetzt.
WDR.de: Angenommen ein Testergebnis bescheinigt einer Schwangeren bei ihrem ungeborenen Baby "Trisomie 21". Wie kann sie noch mehr Sicherheit gewinnen, ob das tatsächlich der Fall ist?
Sartori: Dann müsste sie im Anschluss doch noch eine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen, um sicherzugehen. Die Komplikationen bei dieser Methode können entstehen, weil der Arzt dabei unter Ultraschallkontrolle mit einer dünnen Kanüle die Bauchdecke durchsticht und einige Milliliter Fruchtwasser absaugt, in dem Zellen des Kindes schwimmen. Bei dieser Diagnostik hängt viel von der Erfahrung des Mediziners ab.
WDR.de: Im Gegensatz zur Fruchtwasseruntersuchung bezahlt die Krankenkasse den Bluttest nicht. Der Test ist eine so genannte Igel-Leistung, die die Schwangere selbst bezahlen muss. Der "Praena-Test" soll rund 1.250 Euro kosten. Meinen Sie, dass auch der neue Down-Syndrom-Test künftig in den Regelkatalog der Krankenkassen aufgenommen wird?
Sartori: Wenn der Test sich in der Anwendung bewährt und vielleicht der Preis sinkt, dann wird er auch irgendwann von der Kasse übernommen.
Das Gespräch führte Lisa von Prondzinski.
Stichworte
- Down-Syndrom
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Das Down-Syndrom ist eine genetisch bedingte Veranlagung, die nicht veränderbar ist. Es ist also keine Krankheit, die eventuell geheilt werden könnte. Menschen mit Down-Syndrom haben in jeder ihrer Zellen statt 46 Chromosomen 47 Chromosomen. Also eines mehr als üblich. Chromosomen sind Träger von Erbinformationen (Genen), die verantwortlich für das Wachstum und die Funktionen des Körpers sind. Beim Down-Syndrom liegt ein Gendefekt vor, bei dem das Chromosom 21 nicht nur zwei Mal, sondern gleich drei Mal vorhanden ist – daher auch die Bezeichnung Trisomie 21.
Das zusätzliche Erbmaterial wirkt sich auf die körperliche und geistige Entwicklung aus. Die geistigen Fähigkeiten von Kindern mit Down-Syndrom sind sehr weit gestreut: Manche sind schwer behindert, einige fast durchschnittlich intelligent. Wobei die geistige Entwicklung auch von der individuellen Förderung abhängt. Äußerlich typisch sind Trisomie 21 etwa leicht schräg stehende Augen. Häufig anzutreffen sind Herzfehler und Fehlbildungen des Darms. Die Menschen gelten charakterlich als freundlich und fröhlich. Wegen der heute guten Behandlungsmethoden werden betroffene Menschen bis zu 70 Jahre alt.
Nach Angaben des Deutschen Down-Syndrom Infocenters leben in Deutschland etwa 30.000 bis 50.000 Menschen mit dem Gendefekt. Von zirka 800 Neugeborenen kommt eines mit Trisomie 21 zur Welt. Statistisch betrachtet steigt die Wahrscheinlichkeit, ein Kind mit Trisomie 21 zu bekommen, mit dem Alter der Mutter an.
Stand: 09.07.2012, 13.00 Uhr
Kommentare zum Thema (13)
letzter Kommentar: 10.07.2012, 12:34 Uhr
- Robert schrieb am 10.07.2012, 12:34 Uhr:
- @Anoym 6:35 Uhr: Ja das ist blöd, wenn man ständig als Menschenverachter entlarvt wird, ihr Ausdruck "strunzdumm" hat sie mal wieder bloß gestellt. Also besser aufpassen beim hetzen! In anderen Foren sind sie sicherlich erfolgreicher.
- Uli Heim schrieb am 10.07.2012, 08:22 Uhr:
- Es ist eine erfreuliche Entwicklung, wenn es ein ungefährliches Verfahren gibt das Down-Syndrom vorgeburtlich zu erkennen. Bisher ist es so, dass das Risiko, dass es bei einer Fruchtwasseruntersuchung zu einer Fehlgeburt kommt ungefähr eben so groß ist, wie die Wahrscheinlichkeit, dass das Kinde Trisomie 21 hat. Sehr unerfreulich ist es, dass 9 von 10 Eltern denken, sie könnten die Bürde des Down-Syndroms nicht bewältigen und sich dafür entscheiden, das Kind zu töten. Umgekehrt ist es nämlich so, dass sicher 9 von 10 Eltern ihr Kind behalten, wenn es mit Down-Syndrom geboren wurde. Wenn man sein Baby auf dem Arm hat ist es zu aller erst sein Kind. Welche Einschränkungen es hat, welche Begabungen, was aus ihm mal werden kann, weiß man nicht so genau, aber man wird sein Möglichest tun, dass es ihm gut geht. Meine Tochter ist jetzt 19 und hat auch das Down-Syndrom. Ich will nicht behaupten, dass es immer leicht ist. Es stimmt, sie hatte auch einen Herzfehler. Der konnte abe ...
- Anonym schrieb am 10.07.2012, 06:35 Uhr:
- War ja wieder vollkommen klar, dass bei diesem Thema dieser strunzdumme Vergleich mit dem 3 Reich / Nazi usw auftaucht. Anscheinend wird das ja zur Standardfloskel bei fast jedem Thema, auch den unpassendsten..
- Colonia schrieb am 09.07.2012, 19:35 Uhr:
- Es ist für Eltern eine schwere Aufgabe, ein behindertes Kind anzunehmen. Zumal die Unterstützung durch die Gesellschaft eher spärlich ausfallen dürfte. Benötigte Hilfsmittel müssen beantragt werden, besondere Ernährung oder Hilfen für den Alltag werden oftmals von den Kassen abgelehnt. Und da ist es nicht verwunderlich, wenn Eltern es sich sehr überlegen, ob sie ein behindertes Kind überhaupt bekommen möchten/können. Und es darf überhaupt niemand diese Eltern, wenn sie sich denn gegen ein behindertes Kind entschieden haben, verurteilen. Es gehört ganz viel Kraft sowohl zu der einen als auch zu der anderen Entscheidung. Man muß schließlich auch an die fernere Zukunft denken. Wer versorgt den behinderten Menschen, wenn die Eltern dazu nicht mehr in der Lage sind? Was wird aus ihm? Heim? Entscheiden müssen immer die Eltern und die andern müssen diese Entscheidung — wie immer sie auch ausfällt — respektiern.
- spichi schrieb am 09.07.2012, 18:27 Uhr:
- viel mehr abtreibungen können es ja nicht mehr werden, wie schon richtig gesagt entscheiden sich 90 von 100 paaren gegen ein kind mit ds. unsere gesellschaft investiert immer mehr geld und energie in die selektion von behinderten menschen. wie wäre es mit etwas mehr geld und energie für sachliche aufklärung und unterstützung bei der enscheidungsfindung! den werdenden müttern wird nur druck gemacht das kind abtreiben zu lassen, ärzte, freunde, familie, oft auch vom vater des kindes. man will ja schliesslich eine perfekte familie sein! ein schlechtes gewissen haben die mütter sowieso, kaum eine frau schmeisst einfach so ihr kind in die mülltonne. viele frauen brauchen irgendwann in pschologische hilfe, weil sie die abtreibung nicht verkraften. was mache ich denn wenn mein 14-jähriger unter ein auto kommt und behindert bleibt? schmeiss ich ihn auch in die tonne? ich habe einen 6-jährigen sohn mit down-syndrom, er ist perfekt so wie er ist! nehmt doch alle kinder an so wie sie sind!
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