Aus für Diabetiker-Lebensmittel : "Ich hatte sogar das Gefühl, mir etwas Gutes zu tun"
Zu teuer, überflüssig, möglicherweise sogar schädlich: Schokolade, Marmelade, Bier und viele andere Produkte speziell für Diabetiker verschwinden nun aus den Regalen. Der Bundesrat hatte das Aus für die Lebensmittel beschlossen. Rund jeder zweite Diabetiker hat sie gekauft.

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Die Vorschriften zur Kennzeichnung von Diabetiker-Lebensmitteln werden aufgehoben
In wenigen Tagen, ab dem 9. Oktober 2012, werden Lebensmittel mit Hinweisen wie "Für Diabetiker geeignet" nicht mehr in die Läden kommen. Supermärkte dürfen ihre alten Bestände jedoch behalten, bis sie ausverkauft sind. Vor zwei Jahren hat der Bundesrat die seit 1982 gültige Diätverordnung geändert und den Herstellern eine Übergangsfrist bis jetzt eingeräumt.
Zuckeraustausch-Stoffe schaden sogar

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Josefa Rüscher - seit über 20 Jahren "zuckerkrank"
Josefa Rüscher (71) ist froh, dass mit der Diabetiker-Kost endlich Schluss ist. Die Kölnerin hat seit über 20 Jahren Diabetes. Bis vor einigen Jahren leitete die Rentnerin eine Selbsthilfegruppe. "Natürlich" kaufte sie früher das angepriesene Gebäck, die Marmelade, die Kekse und Co. "Ich hatte sogar das Gefühl, mir etwas Gutes zu tun." So wie sie haben viele die Kennzeichnung als Empfehlung verstanden. "Die Produkte suggerierten geradezu, dass sie besonders geeignet sind für Diabetiker", sagt Michael Roden, Leiter des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) in Düsseldorf.
Tatsächlich haben sich die Diabetiker damit keinen Gefallen getan, wie Ernährungsexperten Jahre später feststellten: Denn bei diesen speziellen Lebensmitteln wird Zucker ersetzt durch Austauschstoffe wie Fruktose (Fruchtzucker), die keine Vorteile bringen. Fruktose wird sogar verdächtigt, mehr Lust aufs Essen zu machen. Zu viel davon kann Verdauungsbeschwerden verursachen. Außerdem enthalten die Spezial-Produkte in vielen Fällen mehr Fett und Kalorien. Gerade für Diabetiker des Typs 2 ist das problematisch, denn sie haben besonders mit Übergewicht zu kämpfen.
"Heute gelten für Diabetiker die gleichen Empfehlungen für eine ausgewogene, gesunde Ernährung wie für die Allgemeinbevölkerung", sagt Margarete Besemann, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale NRW in Düsseldorf. In kleinen Mengen darf Zucker verzehrt werden. Über Ernährung und Bewegung können Menschen mit Diabetes ihren Zustand positiv beeinflussen und womöglich Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt vorbeugen.
Gutes Geschäft mit Diabetiker-Kost
"Das Spezial-Sortiment in den Supermärkten ist in den vergangenen zwei Jahren deutlich geschrumpft", sagt Ernährungsexpertin Besemann. Das hätten Stichproben der Verbraucherzentrale NRW ergeben. Schätzungen zufolge hat rund jeder zweite der sechs Millionen Diabetiker in Deutschland früher solche Spezial-Waren gekauft. Ein gutes Geschäft für die Nahrungsmittelindustrie. Nach Angaben des Diätverbandes in Bonn, in dem 60 Hersteller organisiert sind, wurde damit noch vor vier Jahren ein Umsatz von 138 Millionen Euro gemacht. Hinzu kamen zuckerarme Getränke, deren Umsatz bei weiteren rund 380 Millionen Euro lag. Und auch künftig geht es in diesem Bereich nicht gegen Null: Denn das Verbot gilt nur für die Kennzeichnung der Diabetiker-Kost, nicht aber für die Produkte an sich. Diese dürfen mit einer veränderten Verpackung oder einer kleinen Änderung der Rezeptur etwa bei Schokolade weiterhin hergestellt und verkauft werden.
"Ein paar Unbelehrbare gibt es immer"

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Josefa Rüscher hat ihre Insulinspritzen immer dabei
Für Josefa Rüscher ist das eigentlich Irreführung. Sie weiß jedoch, worauf sie bei ihrer Ernährung achten muss. Bereits vor sechs, sieben Jahren hat sie wieder auf gewöhnliche Lebensmittel umgeschwenkt. Deshalb musste sie zunächst wieder verstärkt auf ihren Insulinbedarf achten. Die Rentnerin hatte bei ihren regelmäßigen Ernährungsschulungen, für die ihre Krankenkasse aufkommt, gehört, dass das Spezialsortiment überflüssig ist. Jetzt spart sie sogar etwas Geld. Denn viele der Süßigkeiten und Konserven sind teuerer als vergleichbare "normale" Produkte. Auch ihre Bekannten wissen Bescheid und bringen längst keine Diabetiker-Pralinen mehr mit. Doch Josefa Rüscher kennt auch Zuckerkranke, die immer noch fleißig die Spezialnahrung kaufen. Dafür hat sie wenig Verständnis: "Ein paar Unbelehrbare gibt es immer."
Ernährungsberatung regelmäßig auffrischen
Nach Beobachtungen des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) sind ältere Diabetiker die größte Käufergruppe. "Das sind häufig Diabetiker vom Typ 2. Dieser Typ ist jedoch häufig schlechter geschult als die Typ-1-Diabetiker", sagt Michael Roden vom DZD.
Wer jahrelang auf etwas vertraut hat, das als gut galt, und sich umstellen soll, ist womöglich verunsichert. Diesen Betroffenen raten Experten zu einer Ernährungsberatung. "Die sollte ohnehin regelmäßig aufgefrischt werden", so Roden. "Denn gewöhnlich vergisst die Hälfte der Teilnehmer das Gelernte nach zwei Jahren wieder."
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- Diabetes
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Eigentlich spricht man vom "Diabetes mellitus", was übersetzt so viel heißt wie "honigsüßer Durchfluss": Das bezieht sich auf den Urin, der bei unbehandelten Diabetikern süß schmeckt. In Deutschland gibt es rund sechseinhalb Millionen Diabetiker - auch Zuckerkranke genannt. Vermutlich ist die Erkrankungsrate noch wesentlich höher, denn viele Menschen wissen anfangs nichts von ihrem Leiden. Über die Hälfte aller behandelten Zucker-Patienten sind älter als 65 Jahre. Deshalb kursiert auch der Begriff "Alterszucker".
Diabetes ist eine chronische Stoffwechselstörung. 90 Prozent aller Diabetiker gehören zum Typ 2, der meistens erst spät erkannt wird: Der Körper kann bei diesen Menschen das Hormon Insulin, das in der Bauchspeicheldrüse produziert wird, nicht mehr richtig freisetzen. Insulin bewirkt vor allem, dass die Körperzellen Zucker aufnehmen und verbrennen können. Außerdem beeinflusst es den Fett- und Eiweißhaushalt. Ohne Insulin steigt der Blutzuckerspiegel rasch an. Ein erhöhter Blutzucker schädigt aber auf Dauer Blutgefäße und Nerven. Dadurch kann es zu Folgekrankheiten wie Herzinfarkt, Nierenschwäche oder Schäden an der Netzhaut kommen. Neben einer gewissen genetischen Veranlagung begünstigt ein schlechter Lebensstil - Übergewicht, wenig Bewegung und ungesunde Ernährung - die Entwicklung dieser Diabetesform.
Zunächst kann die Insulinausschüttung mit Tabletten angeregt werden. Im Laufe der Jahre produziert die Bauchspeicheldrüse aber immer weniger des notwendigen Hormons, so dass viele Typ-2-Diabetiker irgendwann Insulin spritzen müssen.
Viel seltener dagegen kommt der Typ-1-Diabetes vor. An dieser Form erkranken in der Regel schon Kinder – im Durchschnitt, wenn sie acht Jahre alt sind. Ihr Körper bildet kein eigenes Insulin mehr. Sie müssen daher von Anfang an Insulin spritzen.
Stand: 29.09.2012, 00.00 Uhr
Kommentare zum Thema (1)
letzter Kommentar: 29.09.2012, 17:05 Uhr
- Marion schrieb am 29.09.2012, 17:05 Uhr:
- Nach einer Ernärungsberatung von -Leichter leben in Deutschland- vor 2 Jahren hab ich auch sofort aufgehört mit den Diabetiker Nahrungsmitteln. Die Dame war sehr einfühlsam und hat mir Mut gemacht meine Ernährung umzustellen. Ging einfacher als gedacht. Ich spare jeden Monat viel Geld in der Haushaltskasse und fühle mich viel gesünder. Die zusätzliche Gewichtsreduzierung tut mir ebenfalls gut.
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