1,6 Millionen Analphabeten in NRW Alltag ohne ABC

Zeitung lesen? Schwierig. SMS schreiben? Unmöglich. 1,6 Millionen Menschen in NRW sind funktionale Analphabeten. Zum Weltalphabetisierungstag (08.09.2011) ein Gespräch mit Andreas Brinkmann vom Bundesverband Alphabetisierung - über ein gesellschaftliches Phänomen, wohlmeinende Pädagogen und Probleme mit dem "P".


Analphabetismus
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Laut Duden ist ein Analphabet ein "des Lesens und des Schreibens Unkundiger"

WDR.de: Wie viele erwachsene Menschen in Deutschland sind nicht in der Lage dieses Interview zu lesen?

Andreas Brinkmann: 7,5 Millionen - das hat eine Studie der Uni Hamburg ergeben. Rechnet man diese Zahl auf das Bundesland NRW herunter, stellt man fest, dass circa 1,6 Millionen funktionale Analphabeten in unserem Bundesland leben.

WDR.de: Was bedeutet funktionaler Analphabetismus?


Andreas Brinkmann, Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung
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Brinkmann vom Bundesverband Alphabetisierung in Münster

Brinkmann: Ein funktionaler Analphabet ist zur Schule gegangen, kann sich aber im Alltag nicht mit Schrift verständigen. Er liest und schreibt schlechter als ein durchschnittlicher Drittklässler, kann ein "G" nicht vom "K" unterscheiden oder ein "B" von einem "P". Funktionale Analphabeten können unter Umständen einzelne Wörter schreiben, aber machen viele Fehler. Konkrete Probleme gibt es dann im Alltag bei SMS, Mails, Notizen und Formularen. Sie können keinen Fahrkartenautomaten bedienen, keine Verpackungsbeilage, Zeitung oder Speisekarte lesen. Millionen Erwachsene in Deutschland sind nicht in der Lage, ihren Alltag zu meistern - sie sind abhängig von anderen.

WDR.de: Warum können diese Menschen nicht schreiben und lesen?

Brinkmann: Das Bildungsministerium hat in den 70er Jahren den Begriff "Legastheniker" aus dem Wortschatz verbannt, weil er suggeriert, das Analphabetismus eine Krankheit ist. Das ist wissenschaftlich überhaupt nicht belegt. Wir vom Bundesverband Alphabetisierung in Münster sehen es eher als ein gesellschaftliches Problem und Phänomen, dass man das Lesen und Schreiben nicht richtig beigebracht bekommen hat. Jeder, der das Lesen und Schreiben lernen will, kann das auch. Wir haben mit ganz vielen von diesen Menschen zu tun. Nichts läge ferner als zu sagen, dass sie irgendeine Behinderung haben oder krank sind. Das sind ganz normale Menschen, die im Alltag nicht auffallen würden. Im Gegenteil, die oft intelligent wirken, weil sie ihr Leben lang Strategien entwickelt haben, ihr Problem zu verbergen. All das, was sie sich nicht aufschreiben können, speichern sie im Kopf ab, sie haben eine unheimlich hohe Konzentrations- und Gedächtnisleistung.

WDR.de: Wann haben die Menschen dann den Anschluss verpasst? In den ersten Klassen?

Brinkmann: Nein, das Problem startet viel früher. Im Kindergarten haben sie zwei Gruppen von Kindern, die einen bekommen von den Eltern vorgelesen, Bücher spielen eine Rolle. Vierjährige können Buchstaben malen und ihren Namen schreiben. Im gleichen Kindergarten haben sie aber auch Kinder, die gar keine Schriftkultur erleben. Die kommen in die Schule und wissen nicht, was ein Satz ist, wissen nicht, wozu man Bücher überhaupt gebrauchen könnte. Im Kindergarten und in den ersten Klassen gibt es also diese großen Unterschiede. Das Tempo orientiert sich oft an den Schnellsten, die Langsamen kippen hinten über - lernen Quatschwörter und schreiben, wie sie sprechen. Das schleppen sie dann teilweise zehn Jahre mit sich rum. Manche dieser Kinder bekommen sogar einen Abschluss, obwohl sie Analphabeten sind, weil sie die schriftlichen Noten im Mündlichen ausgleichen. Oft geschieht das aus einer wohlmeinenden Pädagogik, weil die Lehrer denken: "Um nicht die Lebens- und Berufschancen zu verbauen, gebe ich dem jetzt eine Vier." Bei schriftlichen Prüfungen und in der Ausbildung wird es dann kniffelig.

WDR.de: Aber wie kann ein Lehrer nicht merken, dass sein Schüler nicht schreiben kann?


Analphabetismus
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Gefordert: Nachhilfe im ABC für Zehntklässler

Brinkmann: Viele Lehrer wissen Bescheid, das in ihrer Klasse zwei, drei Schüler funktionale Analphabeten sind. Die rufen dann oft auch bei uns an, um sich Hilfe zu holen. Das Problem ist, dass keiner so richtig zuständig ist. Wenn der Lehrer etwas ändern will, muss er sich abends oder am Wochenende hinsetzen und dem Schüler vom Grund auf Lesen und Schreiben beibringen. Deswegen fordert unser Verband an möglichst allen Schulen in Deutschland speziell ausgebildete Sozialpädagogen, die das ABC zur Not vom Grund auf beibringen, obwohl die Schüler vielleicht schon in der sechsten, siebten oder zehnten Klasse sind.

WDR.de: Wie viele Menschen, die nicht lesen und schreiben können, lassen sich helfen?

Brinkmann: Erschreckend wenig. Wenn man das optimistisch rechnet, sind es um die 20.000, die in Deutschland in Lese- und Schreibkursen sind. Wir arbeiten daran, dass das mehr werden. Alphabetisierung ist eine Erfolgsgeschichte, wer lesen und schreiben kann, ist unabhängig. Er kann Nachrichten lesen, sich informieren, ist selbstbewusster und erweitert seinen Sprach- und Wortschatz.

WDR.de: Wie stehen die Chancen, dass ein Erwachsener nach einem Alphabetisierungs-Kurs dieses Interview lesen kann?

Brinkmann: Wenn die Motivation stimmt, liegt die Erfolgsquote bei 100 Prozent. Damit das mit dem Schreiben hinhaut, muss ein funktionaler Analphabet realistischerweise drei Jahre einkalkulieren - bei einem anderthalbstündigen Kurs, der zweimal die Woche stattfindet. Lesen lernen ist einfacher als Schreiben: Bis er dieses Interview einigermaßen lesen und auch verstehen kann, braucht er ungefähr ein Jahr.

Das Interview führte Jenna Günnewig.


Stand: 08.09.2011, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (23)

letzter Kommentar: 09.09.2011, 21:16 Uhr

Hans Westmar schrieb am 09.09.2011, 21:16 Uhr:
dan wirt der brd-staat wol um eine zweite rechtschreiprevorm nich herumkomen, un dan sint ale wider ausreichent befridikt.
Dyskalkuliert? schrieb am 09.09.2011, 18:46 Uhr:
hmm, wenn diese Zahlen mal nicht aus der Luft gegriffen sind? Aber eines ist mir klar, die Anzahl der Deutschen, die nicht rechnen können muss viel viel höher liegen, dass folger ich aus dem Umgang mit der Vokabel "Sparen" in allen Parlamenten von Kommunalebene bis zum Bund. Oder können diese Menschen nicht lesen und verwechseln "Verschwendung" mit ....? Aber seit den 68ern wurde Naturwissenschaft und dadurch indirekt Mathe/Rechnen vernachlässigt und Politik wie Sozialwissenschaften wortgewaltig in die Lehrpläne eingearbeitet. Aber haben diese Wissenschaftler nicht selbst festgestellt, dass menschl. Gehirn abschaltet, wenn ihm Sinnloses präsentiert wird? V.a Jungen möchten was herstellen, begreifen und aufbauen, werden aber 10-13 Jahren feminin und rhetorisch berieselt? Wie hängen Inhalte, Präsentation dieser und Lernerfolge also auch Lernwille zusammen? PISA hat wohl doch tiefliegende Gründe, die immer noch nicht in Lehrpädagogik akzeptiert werden, da "politisch inkorrekt"?
Alfons schrieb am 09.09.2011, 11:54 Uhr:
Das Menschen die nicht schreiben oder lesen können einen Schulabschluß erhalten haben ist der eigentliche Skandal! Die Lehrer und Schulen die hier aus falsch verstandener "wohlmeinenden Pädagogik" heraus solchen Menschen einen Schulabschluß gewährt haben gehören dafür zu Rechenschaft gezogen!
heinzb aus nrw schrieb am 08.09.2011, 20:09 Uhr:
Das gabs auch in Ostdeutschland in den 70er und den 80 sowie 90er Jahren, die Kinder wurden durchgeschleust, obwohl die Ostlehrer / in keine Beamten waren. Eigentlich undenkbar, aber Tatsachen, so wie auch hier, wenn die Kinder das nicht verstanden haben, dann nachfragen, dann wird denen gesagt, besser aufpassen, die sollen dann Nachhilfe auf Kosten der Eltern nehmen. Und die können nicht mal die Miete bezahlen von ihrem Verdienst.
Elke schrieb am 08.09.2011, 19:48 Uhr:
Detlev aus Duisburg hat vollkommen Recht, und vielleicht hab ich auch eine Antwort: Unsere Grundschullehrerin hat den Unterrichtstoff gnadenlos durchgezogen. Auf den Hinweis von Schülern "ich habe das nicht verstanden" kam grundsätzlich die Antwort:"das habe ich gerade erklärt". Irgendwann fragen die Kinder gar nicht mehr nach, und die Lehrerin ist stolz, daß sie ein paar Kinder "gymnasiumfähig"gemacht hat. Ist doch toll- der Rest kann sehen wo er bleibt, und wenn dann ein Kind gar nicht lesen und schreiben kann- wen juckts, die Grundschule ist dieses Kind los und hat keine Arbeit mehr damit. Den Lehrauftrag haben die Schulen, wer überprüft denn unsere Grundschullehrer wirklich? Wir Eltern sind doch da völlig machtlos, erst recht die, die selbst nur eine einfache Schulausbildung hatten. Die werden von so einer versagenden Grundschullehrerin mit ein paar Worten weggeputzt, wenn sie sich beschweren. Ich denke, die Grundschule ist das Problem! DAS ist der Ort, wo ein Kind das ABC lernt.

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