Ärzteversorgung auf dem Land Lieber Großstadtklinik als Landarzt-Praxis

Von Lisa von Prondzinski

In Kliniken fehlen Ärzte, Land-Praxen stehen leer. Ärzte werden fast überall händeringend gesucht. Besonders schwer ist es, junge Mediziner in die Provinz zu locken. Am Montag (10.12.2012) wurden Umfrageergebnisse zu den Folgen des Ärztemangels auf dem Land vorgestellt.


Porträt Claudia Hansmann
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Claudia Hansmann fühlt sich mit einer Anstellung wohl

Fragt man die Allgemeinmedizinerin Claudia Hansmann (32), will sie einmal eine eigene Praxis haben. Irgendwann, aber eben nicht jetzt. "Mit der Selbstständigkeit warte ich noch", sagt die Dortmunderin, die gerade in Mutterschutz ist. Erst die Familiengründung, dann die Finanzierung des Hauses sichern und später, wenn die Finanzen es erlauben, die eigene Praxis – so ihr Plan. Die finanzielle Verantwortung sich niederzulassen, wäre ihr jetzt zu groß. Außerdem kann sie als Angestellte in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in Unna-Königsborn noch jede Menge Berufserfahrung sammeln. Claudia Hansmann hat sechs Kollegen. Bis auf einen Kinderarzt sind alle Allgemeinmediziner. Doch auf Claudia Hansmann kann man bei der Bekämpfung des Ärztemangels auf dem Land nicht setzen. So wie viele andere junge Kollegen möchte auch sie sich später nicht in der Provinz niederlassen. Für die Patienten kann das unangenehme Folgen haben. Dazu veröffentlichten die Bertelsmann Stiftung und die Wuppertaler Krankenkasse Barmer/GEK am Montag (10.12.2012) gemeinsam eine Studie.

Eigene Praxis als letzte Wahl


Fragt man Medizinstudenten nach den Prioritäten für ihr späteres Betätigungsfeld, wollen sie am liebsten in einer Klinik arbeiten. Derzeit sind nach Angaben des Marburger Bundes bundesweit bis zu 12.000 Stellen in Kliniken nicht besetzt. Auch mit den Medizinern, die aus Rumänien oder Griechenland nach Deutschland kommen, ist dieser Mangel nicht aus der Welt zu schaffen. Auf Platz zwei der Wunsch-Arbeitsstätten folgt das MVZ, dann die Gemeinschaftspraxen und ganz zuletzt die eigene Praxis. Laut des Bundesverbandes der Medizinstudierenden in Deutschland spiegelt sich diese Rangfolge in mehreren Umfragen wider.

Arzt-Zentren nicht die große Lösung fürs Land


Die meisten MVZ werden in Städten gegründet. Sie sind also nicht die große Lösung für den Ärztemangel auf dem Land. Um den Medizinernachwuchs in der Provinz zu locken, ist einiges nötig: Junge Ärzte erwarten neben einer angemessenen Bezahlung vor allem eine gute Infrastruktur, verschiedene Freizeitmöglichkeiten, geeignete Betreuungsmöglichkeiten und kurze Schulwege für ihre Kinder. Auch die Jobmöglichkeiten für den Partner spielen eine entscheidende Rolle bei der eigenen Arbeitsplatzwahl. Und da bieten die Städte - und das Ausland - einfach mehr.

Über Auswanderung und Ausstieg

Auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen und flacheren Hierarchien wanderten allein im vergangenen Jahr rund 3.400 Ärzte aus Deutschland in Länder wie Großbritannien oder Schweden ab. Zudem steigen nicht wenige ganz aus der Patientenversorgung aus - Schätzungen zufolge sind das in Deutschland rund zehn Prozent. Sie gehen in die Forschung und in die Pharmabranche.

Jobsharing-Internetportal für Ärzte

Oder sie bleiben nach einer Geburt zuhause, weil Programme, die nach der Erziehungszeit eine Rückkehr erlauben, fehlen. Um die Patientenversorgung nicht dauerhaft zu gefährden, müssten mehr Teilzeitstellen eingerichtet werden, zumal der Arztberuf immer weiblicher wird: Schon heute sind über 60 Prozent der Medizinstudenten Frauen. Wenn Kinder kommen, sind sie meist weniger an Vollzeitarbeit interessiert. Aber auch Teilzeit kann zu starr sein, fanden zwei Medizin-Absolventen der Universität Witten/Herdecke und gingen vor knapp vier Wochen mit einem Internetportal online, das es Mitarbeitern in Kliniken leichter machen soll, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Die Idee dahinter ist Jobsharing. "Zwei Ärzte teilen sich einen Job und regeln untereinander wer, wann arbeitet", erklärt Raphael Tsoukas (27). Patienten hätten den Vorteil, dass einer der Beiden immer als Ansprechpartner da sei. Im Vorfeld des Projektes hat Tsoukas aus den Chefetagen mehrerer Kliniken dazu "nur gute Rückmeldungen" erhalten. Doch noch läuft der Austausch auf dem Portal aber schleppend.

Flexible Arbeitszeiten nötig


Alexander Rahn
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Alexander Rahn

Für die werdende Mutter Claudia Hansmann ist klar, dass sie in einem Jahr wiederkommt. "Ob Voll- oder Teilzeit hängt von der Betreuungsmöglichkeit für das Kind ab." Ihr Chef, Alexander Rahn, unterstützt sie, wo er kann. Er sei froh, wenn er sie halten könne, sagt er. Da Rahn selbst drei Kinder hat, weiß er, wie wertvoll es ist, bei den Arbeitszeiten Flexibilität einzuräumen. Aber die Patienten müssten auch Vertrauen aufbauen. Und das sei nur durch Kontinuität möglich. Im MVZ profitierten die Patienten zudem "durch kurze Wege". Claudia Hansmann kennt das: "Wenn man bei einer Behandlung eine andere Kollegen-Meinung hören will, geht das ganz schnell und unkompliziert."

Am Rande erwähnt ...
Lisa von Prondzinski

... finde ich es gut, ein Portal zu gründen, das Ärzten dabei hilft, noch flexibler zu werden. Bleibt abzuwarten, ob die Zeit dafür reif ist: Finden sich genügend Leute, die das wollen? Und lassen sich die Vorgesetzten tatsächlich darauf ein? Im Prinzip ist alles gut, was dem Patienten nicht schadet und Mediziner im Job hält oder sie wieder reinholt.

Stichworte

Medizinsche Versorgungszentren

Im klassischen Sinne bestehen Medizinische Versorgungszentren (MVZ) aus Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen wie Hausärzten, Chirurgen und Orthopäden. Häufig arbeiten aber auch mehrere Kollegen eines Faches zusammen. Viele neue Zentren werden seit Jahren eröffnet. Häufig werden sie von großen privaten Trägern betrieben oder sind in den Händen einzelner Krankenhäuser, seltener sind einzelne Ärzte die Gründer. Allein im Bereich Nordhrein gibt es inzwischen über 160 MVZ.

Studie von Bertelsmann Stiftung und Barmer/GEK

Laut einer Studie von TNS-Infratest im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung und der Wuppertaler Krankenversicherung Barmer/GEK sind Hausärzte sowohl in den Städten als auch auf dem Land gut zu erreichen. 90 Prozent der Befragten sind mit der Erreichbarkeit zufrieden - und zwar sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Die Studie unterscheidet nach Wohnlage. Etwas geringer, aber immer noch hoch ist die Zufriedenheit bei Fachärzten. 85 Prozent der Stadtbewohner finden Anzahl und Zugang gut, auf dem Land sind es 81 Prozent.

Für die Zukunft rechnen 34 Prozent der Befragten auf dem Land, dass die Anzahl der Fachärzte in ihrer Region abnehmen wird. Veröffentlicht wurde die Studie am Montag (10.12.2012).


Stand: 10.12.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (10)

letzter Kommentar: 12.12.2012, 09:41 Uhr

Mobilärzte statt Hausärzte schrieb am 12.12.2012, 09:41 Uhr:
Die Gesellschaft ist äußerst mobil und die Autos stehen gerade auf dem Lande in jeder Garage. Zu den geringen Wohnkosten kommt die saubere Luft, niedrigere Handwerkspreise und wohlhabende Gesellschaft im Speckgürtel der Ballungszentren. Das Landleben im Münster-Siegerland und Ostwestfalen ist ob der Subvention im Landwirtschaftlichen, einschließlich der neuen Energiemillionäre, sehr angenehm und bedarf keiner zusätzlichen Förderung. Für die Landbevölkerung ist es kein Problem zum Einkaufen oder Konzert in die Städte zu fahren, also auch nicht bei einem Arztbesuch. Diese unsinnige Diskussion ist Jammern auf unerträglichem Höchstniveau. Wir in den Ballungszentren bekommen Lärm und Abgase der Pendler in die Ohren und Lungen gedrückt und haben allein deshalb einen höheren "Arztbedarf". Mobile Büchereien und Lebensmittelversorgung könnten ein Vorbild für Ärztemobile sein um den wenigen benachteiligten Mitmenschen ohne Auto und Einkommen gerecht zu werden! Sonst besser zentrale Polikliniken
Nichtarzt schrieb am 11.12.2012, 12:31 Uhr:
wenn mein Partner auf dem Land eine Praxis übernehmen wollte, dann müsste er das mit einer neuen Partnerin unternehmen. Denn wo sollte ich dann meinen Beruf ausüben? Und wann wollte er bei der Familie sein?
Anonym schrieb am 11.12.2012, 10:27 Uhr:
MG schrieb am 10.12.2012, 19:03 Uhr: was wollen sie eigentlich sagen, die Bevölkerung ließe sich mit einem Viertel des heutigen finanziellen Aufwandes mit besserer Qualität versorgen. Man beseitige 1. KV, 2. PKV.3.Apothekerindividualismus, 4.viele Krankenkassen Man nehme 1. steuerfinanzierte GKV8eine!) und stelle 2.in Polikliniken die Ärzte ein. Vorteil, im Durchschnitt kann man dann jeden Arzt mit 200.000 Euro plus Zulagen anstellen(was meinen sie was die Ärzte im GB-Gesundheitssystem verdienen?)und mit einer normalen Arbeitszeit (nicht übermüdet oder so) einsetzen. Nur die Ärztlchen, Apotheker, Pharma und PKV/Beamten-Lobbyisten arbeiten für ihre Pfründe, eine absolute Minderheit macht Politik! Aber die Gerechtigkeitsparteien SPD/Grüne und DGB machen dabei mit, ver.di schützt die Versicherungen sowohl private wie die gesetzlichen, denn das sind Bürokratiemonster mit schuldengenerierenden Bestbezahlungen! Wer soll denn da was ändern wenn nicht der Wähler`?
42 h ARbeitszeit, dann ist Schluß und nachts wird schrieb am 11.12.2012, 09:16 Uhr:
in der REgel geschlafen. Dann noch einen Job für meinen Partner sowie eine Kita für unsere Kinder. Dann komme ich. Ach ja, und Kulturangebote sowie Einkaufen sollte nach der (akadem) ARbeitzeit ohne Auto möglich sein.
Erfahunr bestätigt: Job für den meist akademischen schrieb am 10.12.2012, 20:30 Uhr:
Partner mit Karrieremöglichkeit, Verzicht auf ein 2. PKW (zu teuer), noch-Infrastruktur (KITA, ÖPNV, Kultur, Sport), die nicht in den nächsten 10 Jahren drohen zu verschwinden, genügend Kollegen in gleicher Abteilung (und damit Dienstverteilung auf viele Schultern, damit WoE und Nachtarbeit Ausnahme bleibt). Das sind schon lange Kriterien, die gegen das Land sprechen. Übrigens Argumente, die sich fast alle Akademiker (nicht nur Ärzte) zu eigen machen. Und auch für Ärztinnen/Ärzte steht die Familienzeit über allem. "Halbgötter in Weiß" sind eine Erfindung der Medien.

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