Netzschau nach dem Fernsehinterview: Bundespräsident auf Bewährung?
Es wird überall diskutiert, eine Meinung zum Bundespräsidenten hat offenbar jeder. Am Mittwochabend gab Christian Wulff (CDU) dem öffentlichen Druck nach und bezog im Interview mit ARD und ZDF erneut Stellung. WDR.de hat die Stimmung im Netz eingefangen.
"Ich möchte nach fünf Jahren eine Bilanz vorlegen, dass ich ein guter Bundespräsident war", spricht Christian Wulff (CDU) in die Fernsehkamera, ihm gegenüber sitzen die Hauptstadtkorrespondenten Ulrich Deppendorf (ARD) und Bettina Schausten (ZDF). Nach nur anderthalb Jahren Amtszeit gibt Wulff das zweite Mal innerhalb von zwei Wochen eine persönliche Stellungnahme ab. Die Spekulationen um einen Rücktritt sind bis zu dem Interviewtermin am Mittwoch (04.01.2012) allerdings lauter geworden. Ebenso wie die Kritik an seiner Informationspolitik, an seinem Umgang mit der Pressefreiheit.

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Rege Netzdiskussion um Wulff
"Wulff will nicht zurücktreten", verbreitet @tagesschau_eil gegen 18.30 Uhr per Twitter. Das Gespräch ist am Nachmittag bereits aufgezeichnet worden, bis zum Ausstrahlungstermin um 20.15 Uhr in ARD und ZDF dürfen Medien nur Ausschnitte daraus verwenden, so die Anweisung des Bundespräsidialamtes.
Kritik an der Sperrfrist kam von Netzpolitik-Blogger Markus Beckedahl. Und schnell auch Reaktion. Man habe eine Audio-Version des Interviews (MP3) erhalten und stelle diese nun hier zur Verfügung, schreibt Beckedahl bereits vor 19 Uhr. "Wir haben kurz überlegt, ob es Konsequenzen geben würde. Wir haben uns trotzdem dafür entschieden, diese zu riskieren", so der Netzaktivist. "Unser Anliegen war, mit der Aktion auf die Absurdität von Sperrfristen und den privilegierten Vorab-Zugang zu Informationen für Journalisten in einer veränderten Medienlandschaft hinzuweisen." Ein kollaborativ erstelltes Transkript ist verfügbar, als die reguläre Ausstrahlung startet. Im Netz wird also schon früh darüber gesprochen, was der Fernsehzuschauer fast zwei Stunden später sieht.
Ja, er will bleiben. Im Gespräch bezieht er auch Stellung zu dem Anruf, der zuletzt für Empörung sorgte. Der Anruf beim Chefredakteur der Bild-Zeitung sei ein schwerer Fehler gewesen, der ihm leid tue und für den er sich bereits entschuldigt habe, sagt Wulff. "Sein Anruf beim Chefredakteur war ein Fehler, sagt er. Heißt das also in bewährter Juristenlogik, dass sein Anruf bei Döpfner OK war? #wulff", kommentiert @meta_blum über Twitter.
ZDF-Interviewerin schafft es in die Twitter-Trends
Die Twitter-Trends sind, wenig überraschend, von den Diskussionen über den Bundespräsidenten dominiert. #Wulff, Interview, Bundespräsident, Menschenrechte, Präsident, Rücktritt, zeitweise #notmypresident und "Frau Schausten" haben es am Abend in die meisten Tweets geschafft. Die ZDF-Journalistin hat mit ihrer Aussage, sie gebe Freunden Geld für eine Übernachtung, allerhand Spott auf sich gezogen. Bei Twitter hagelt es seitdem günstige Übernachtungsangebote für Bettina Schausten. Dabei sollte es um Christan Wulffs Freunde aus der Wirtschaft und deren Spendabilität gehen. Von denen ist dann auch die Rede, Wulff spricht von einer "Schutzfunktion", die er seinen Freunden gegenüber habe. "Wie viel Freunde hat Wulff eigentlich? Oder meint er seine Facebookfreunde? #wulff", wundert sich @noposing.
Er habe sich als Opfer gesehen, erklärt der Bundespräsident. Ob er das Amt beschädigt hat, fragt Bettina Schausten. "Das Amt ist aus vielerlei Gründen in Deutschland schwieriger geworden", ist ein Teil der Antwort. Christian Wulff sagt, dass "diese Art des Umgangs mit den Dingen" dem Amt geschadet habe. Eine Reaktion dazu auf Twitter: "+++Kleinanzeige+++ Bundespräsidentenamt, leicht beschädigt, gegen Mindestgebot abzugeben. #AusGründen #wulff" - Quelle: Telegehirn (Sascha Klein)
Guttenberg-Vergleich
Mario Sixtus (@sixtus) twittert: "Wulff ist spätestens jetzt oberster Anwärter auf die goldene Guttenberg-Medaille für fortgeschrittene Uneinsichtigkeit." In seinem Blog sixtus.cc hat er unter dem Titel "Kein Kommentar zu Wulff" lediglich fünf Wuff-Zitate aus dem Interview veröffentlicht. "Lese grad den Text zum #Interview mit #Wulff und fühle mich sehr an #Guttenberg erinnert beim Herumschwurbeln", twittert auch Julia Probst (@EinAugenschmaus) noch vor dem offiziellen Ausstrahlungstermin. Im Auftrag der Rhein-Zeitung wird die prominente gehörlose Bloggerin später die Körpersprache des Präsidenten analysieren. Um 20.34 Uhr schreibt sie dort: "So realitätsfremd wie #Guttenberg ist Wulff nicht mit seiner Körpersprache. Zusammengepresse Lippen, als er meint er habe nicht verstoßen. Für ihn war es ein Freundschaftsdienst laut seinen Formulierungen." Probst urteilt später: "Niemand ist perfekt. Nur hat er mich nicht überzeugt, dass diese Annahme der Vergünstigungen alle rein freundschaftlich und ohne Verpflichtungen waren."
Sie ist nicht die einzige, die den Bundespräsidenten "auf Bewährung" erkannt haben will. "#Wulff hat 21 Min lang mit ARD & ZDF gesprochen, gesagt hat er aber eigentlich nix. Außer, dass er sich selbst leid tut. -.- #notmypresident", urteilt @d_rice. "Nach dem Erfolg der Pilotsendung planen ARD und ZDF jetzt eine wöchentliche Entschuldigungsshow mit Christian #Wulff"", twittert @snetreM (Stephan Mertens) und @Alluklappleiter: "keine Spur von Selbstkritik bei #wulff. Für wie unfehlbar hält der sich eigentlich?". Auch Wulffs Ankündigung, seine Anwälte würden am Donnerstag (05.01.2012) weitere Unterlagen ins Netz stellen, sorgen für Spott. "Wenn die anwälte von wulff morgen alles 'ins internet' stellen... ist das internet dann kein rechtsfreier raum mehr? #quelleinternet", schreibt @Heiko (Heiko Hebig) und @gigalinux (Dennis Morhardt) twittert: "Wulffleaks, ab Morgen in Ihrem Internet! #wulff".
Fazit der User
Nach knapp 20 Minuten Interview äußern sich viele Menschen im Netz unzufrieden. "Wulff hat meiner Meinung nach deutlich gemacht, dass er nichts verstanden hat. Als hätte ihm jemand das Recht auf Freunde oder Privatleben abgesprochen... ", schreibt Keno S. auf die Frage von WDR.de bei Facebook. Und Userin Anne S., darunter: "Interessant ist ja, dass wenn er von positiven Taten spricht, er die Ich-Form benutzt. Geht es um Dinge, die er einräumt, nicht so gut gemacht zu haben, spricht er von 'man'. Nee, das war nichts." Michael M. ist an gleicher Stelle weniger streng: "Ich habe das Gefühl, daß einige unbedingt Fehler finden wollen." Er glaubt, dass sich im Grunde 80 Prozent aller deutschen Politiker wegen Bestechung verantworten müssten, wenn es darum ginge, ob sie schon einmal etwas umsonst bekommen hätten. Eine unaufgeregtere Diskussion wünscht sich @DJLIPSTICK "#Wulff ist auch nur ein Mensch und darf genauso Fehler machen! Bei Schäuble damals, gab es auch keinen Skandal! #Notmypresident ist Quatsch!". Auf der Facebook-Fanseite des Bundespräsidenten findet eine ähnliche DIskussion statt - allerdings melden sich hier auch häufiger die Unterstützer. Wie Lisa-Marie M. die nach der Sendung unter der Sendungsankündigung auf der Fanseite fordert: "Mein Gott, lasst ihn doch in Ruhe." Ihr Beitrag ist einer von über 3.200 - nur unter diesem Post. 19.942 Facebook-Freunde hat Christian Wulff zur Stunde.
Lutz B. ist sicherlich keiner von ihnen, er sieht in dem Interview "Humus für demokratiefeindliche Kräfte" und empört sich auf die WDR.de-Frage zum Thema bei Facebook: "Aber was soll man auch von jemanden erwarten,der bis heute nichts zu den 130 V Leuten in der rechten Szene und den 170 Straftaten der rechten Szene gesagt hat." David M. antwortet WDR.de bei Google+: "Der Höhepunkt der Peinlichkeiten war aber die vor Selbstmitleid triefende Einforderung von Menschenrechten auch für Bundespräsidenten." Selten hatte ein Gästebuch bei WDR.de so viele Einträge, am Mittwochabend sind es über 580. Einer ist von "Torsten": "Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass dieser Bundespräsident sich in Zukunft zu Themen wie Bankenkrise oder Eurorefinanzierung, Verschuldung, Pressefreiheit, Korruption Stellung beziehen kann, ohne dass es lächerlich wirkt."
Wulff selbst sagt im Gespräch mit ARD und ZDF, er sei erstaunt, wie stark die Bürger Erklärungen von ihm persönlich wünschten. ARD-Hauptstadtstudio-Chef und Interviewer Ulrich Deppendorf wundert sich im Tagesthemen Extra vor allem über die Selbsteinschätzung Wulffs, dass unbezahlte Urlaube, finanziert von Menschen mit höheren Positionen in der Wirtschaft, keineswegs als "falsches Verhalten" zu werten sind.
Rückhalt in der Bevölkerung schwindet
Dem aktuellen DeutschlandTrend vom 4. Januar zufolge, meinen nur noch 44 Prozent der Bundesbürger, Wulff solle bleiben. Grundlage dieser Zahlen sind repräsentative Telefonumfragen quer durch alle Bevölkerungsschichten, erklärt ARD-Wahlexperte Jörg Schönenborn im Tagesthemen-Extra um 19 Uhr. Im tagesschau.de-Voting zeigt ein noch deutlicheres Bild. 87,6 Prozent der rund 120.000 abgegebenen Stimmen sprechen für ein "Ja" zum Rücktritt. Eine nicht repräsentative Stimmungsäußerung, erklärt Schönenborn. Beteiligt seien nur die User von tagesschau.de und von jenen überrepräsentiert die, welche ihrem Ärger Luft machen wollten. Zum Vergleich: Im DeutschlandTrend vom 19. Dezember standen noch rund 70 Prozent der Deutschen hinter einem Bundespräsidenten Christian Wulff.
Stand: 05.01.2012, 06.25 Uhr
- Anruf beim Bild-Chef: "Der Rubikon ist überschritten" [WDR 5]
- Netzschau: Wulff auch Thema im Netz [Aktuelle Stunde]
- Chronik zur Affäre um Wulffs Privatkredit [tagesschau.de]
- Presseschau: Bundespräsident droht der "Bild" [WDR 5]
- Weihnachtsfrieden für Wulff? (23.12.2011) [tagesschau.de]
- Audios und Videos zur Kreditaffäre um Wulff [Mediathek]
- Schwerpunkt: Die Affäre um Christian Wulff und der Rücktritt
- Das Netz zu Wulff (06.01.2012) [Aktuelle Stunde]
Kommentare zum Thema (19)
letzter Kommentar: 06.01.2012, 13:35 Uhr
- wieso schrieb am 06.01.2012, 13:35 Uhr:
- ? ich hoffe sehr, dass er nicht zurücktritt. er soll seine amtszeit bis zum Schluss genießen und für sein geld etwas tun, auch wenn`s noch so peinlich wird und nicht nur bis ans lebensende kassieren. der oder die nächste sind auch nicht besser, das haben doch schon die vorgänger von h. Wulff bewiesen. herr wulff hat 2010 in einer seiner reden gesagt: ?der islam gehört zu deutschland?, wer weiß welchen blödsinn sein nachfolger/in ausheckt.
- Marlies Krug schrieb am 06.01.2012, 11:45 Uhr:
- Viele wollen den berechtigten Rücktritt von Herrn Wulff. Frau Merkel äußert sich in keinster Werise. Herr Wulff müßte bei jedem öffentlich Auftritt ausgebuht werden. Warum fährt keiner nach Berlin u. demonstriert vor dem dem Kanzler- amt? Ich fahre sofort mitf.
- Wolfgang Krug schrieb am 06.01.2012, 11:34 Uhr:
- Es ist unglaublich wie Herr Wulff an seinem Amt klebt. Als normaler Bürger würde ich mich bei einer solchern Verfehlung schämen u. vorerst die Öffent-lichkeit meiden. Hat dieser Mann eigentlich kein Schamgefühl? Das Herr Wulff v. Freunden einen Kredit in Anspruch genommen hat wäre ja, mit Hinblick auf die dann vorgenommene Umschuldung bei einer öffentlichen Bank, noch ver- zeihbar.Aber nicht die Umschuldung in noch dazu doppelt so hohen Darlehns mit einem solchen unüblichen Zinssatz. Kein Normalbürger hätte einen sol- chen Zinssatz erhalten noch in dieser Höhe bei den entsprechend fehlenden Sicherheiten. Dann aber so zu tun als wäre alles ordnungsgemäß gelaufen u. gleichzeitig, weil Ihm die Angelgenheit zu heiß geworden ist, eine weitere Umschuldung mit einem normalen üblichen Zinssatz vorzunehmen! Ein Ein- käufer in der freien Wirtschaft würde bei Vorteilnahme durch einen Lieferan- ten fristlos gekündigt. Für wie dumm hält Herr Wulff eigentlich die Bürger. R Ü ...
- Barbara schrieb am 05.01.2012, 23:16 Uhr:
- ich habe den Eindruck, dass unser BP kein Instinkt hat. Er ist sich über die Würde und Tragweite dieses hohen Amtes gar nicht bewusst: Denn ein BP muss NEUTRAL und UNABHÄNGIG sein! Und er muss sich auch die FREUNDE sehr GEWÄHLT AUSSUCHEN!! Zudem ist die FRAGE von den LINKEN berechtigt: Brauchen wir überhaupt noch einen ERSATZKÖNIG ? Wenn das Volk meint ja: Dann bitte laßt auch das Volk wählen ODER gebt jeder Partei (wir haben zurzeit 7) je 1 Stimme, wer die meisten Stimmen erhält wird BP! Und nicht einfach das Parlament - als Vormund für das Volk - wählen lassen! Das ist Parteilgemauschel!
- Dieter Blumenthal, Dortmund schrieb am 05.01.2012, 14:10 Uhr:
- Die neue Moral! Ich kann also ruhig Scheiße bauen - hinterher, so weit wie erforderlich, einsehen das es doch nicht so gut war - mich dann entschuldigen und meine Lernfähigkeit beteuern. Das schafft doch kreative Freiräume und Perspektiven die lästigen moralischen Verpflichtungen im sozialen Miteinander nach Bedarf zu interpretieren. Danke für den Tipp Herr Wulff
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