Pläne zum altersgerechten Wohnen Ministerin Steffens und ihr Traum von der Alters-WG

Von Sven Gantzkow

Leben im Alter? Der Trend geht zur Wohngemeinschaft - zumindest nach den Plänen von NRW-Gesundheitsministerin Steffens, die sie am Donnerstag (07.03.2013) in Düsseldorf vorstellte. Ein neues Pflegemodell soll her, die Kommunen sollen mehr für die Prävention tun. Die prüfen nun, ob auf sie Mehrkosten zukommen.


Seniorenbetreuung
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Betreutes Wohnen, aber in vertrauter Umgebung

90 Prozent, das ist eine deutliche Zahl. So viele Menschen wollen laut NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) in ihrer vertrauten Umgebung alt werden. Heißt: lieber kein Altersheim, schon gar nicht irgendwo in der Fremde. Pflege in den eigenen vier Wänden ist das Ziel. Nur, wie soll das funktionieren? Schließlich steigt der Pflegebedarf unaufhaltsam, die Statistiken machen das deutlich: Vor zwei Jahren waren rund eine halbe Million Menschen in NRW pflegebedürftig. Das Gesundheitsministerium rechnet damit, dass es 2030 700.000 Menschen sein werden. 2050 sollen sogar 930.000 Menschen auf Hilfe von Pflegediensten angewiesen sein. Das wäre fast das Doppelte im Vergleich zu heute. "Wir können die Pflegekräfte aber nicht einfach verdoppeln", sagt Steffens. Ihr Plan: "bestehende Lebensformen" ausbauen.

Ein neues Pflegemodell soll kommen


Dafür muss sie einen Ausgleich schaffen: einerseits den Menschen einen erfüllten Lebensabend in ihrem gewohnten Umfeld ermöglichen, andererseits darauf achten, dass die Qualität der Pflege dadurch nicht abnimmt. Um diesen Spagat zu meistern, plant ihr Haus mehrere Gesetzesänderungen. Wie altersgerechtes Wohnen ihrer Ansicht nach in Zukunft aussehen soll, stellte sie am Donnerstag (07.03.2013) in Düsseldorf vor.

Drei Kernpunkte beinhaltet das Änderungspaket: Ein neues Pflegemodell, die ambulant betreute Wohngemeinschaft, soll eingeführt werden. Mit der selbstorganisierten "Alters-WG", wie sie prominent immer wieder von Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf (SPD) propagiert wird, hat das nichts zu tun. Stattdessen sollen in gewohnter Umgebung, bestenfalls dem eigenen Stadtviertel, Wohneinheiten geschaffen werden, in denen alte Menschen so lange wie möglich miteinander leben können. Betreut werden sie nach Bedarf von einem ambulanten Pflegedienst.

Auf die Zimmergröße kommt es an


Senioren-WG
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Alters-WG: Wohnmodell der Zukunft?

Hintergrund, so Steffens, sind die zahlreichen Hürden, die Pflegediensten und Wohnungbausgesellschaften derzeit vom Gesetz in den Weg gelegt werden, wenn sie solche ambulant betreuten WGs schaffen wollen. Sie würden wie Heime gewertet, und dafür gäbe es strenge Auflagen, beispielsweise dürfe ein Bad nur für maximal zwei Personen geplant werden. Für die ambulant betreute Wohngemeinschaft, wie Steffens sie im Gesetz verankern will, sollen aber eigene Standards gelten. "Ein Duschbad mit WC für je vier Personen würde ausreichen", so Steffens. Auch feste Quadratmetergrößen für Zimmer soll es bei der WG nicht geben. Im Heim sind sie gesetzlich festgeschrieben (Einzelzimmer: 14, Doppelzimmer: 28).

Um dieses neue Modell effektiv umzusetzen, sollen altersgerechte Wohnquartiere gefördert werden. 8,7 Millionen würden dafür in einem "Landesförderplan Alter und Pflege" gebündelt, beispielsweise um Quartiersmanager für die Entwicklung der Quartiere einzustellen. Gebündelt bedeutet umschichten. Neue Gelder werden nicht locker gemacht.

Prävention soll Vorrang haben

Dritter Punkt: Die Kommunen sollen stärker für Prävention und Unterstützung der Angehörigen sorgen. Städte und Gemeinden, die ihren Haushalt konsolidieren müssen, können bislang keine Angebote machen, mit denen die Pflegebedürftigkeit verhindert werden könnte, so Steffens. Es sei auch nicht möglich, Verwandte von Pflegebedürfigen durch Haushilfen, Tages- oder Kurzzeitpflege zu entlasten. Grund: Momentan handele es sich dabei noch um freiwillige Aufgaben, die verschuldete Kommunen nicht übernehmen dürften. Erst wenn Pflegestufe eins erreicht ist, dürften sie Unterstützung gewähren.

Steffens hält das für unsinnig. Durch Prävention lasse sich der Eintritt in die Pflegebedürftigkeit verzögern. Steffens führt dazu Expertenberichte an, nach denen mit Prävention eine Pflege durchschnittlich drei Jahre später nötig wird. Die Rechnung ihres Ministeriums: 100.000 Menschen wechseln jährlich in die Pflegestufe eins. Wenn sich der Beginn der Pflegebedürftigkeit nur um durchschnittlich einen Monat verschieben ließe, wären bereits 50 Millionen Euro pro Jahr gespart. Das bedeutet: Die Gelder, die Kommunen in die Prävention stecken würden, könnten sie letzten Endes bei der Pflege einsparen.

Probleme bei der Umsetzung?


Altenpflegerin gibt einer Seniorin zu Trinken
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100.000 wechseln jährlich in Pflegestufe eins

Doch das Vorhaben, so gut es sich auf dem Papier liest, könnte Untiefen aufweisen. Zunächst wäre da die Verpflichtung der Kommunen, mehr für die Prävention zu tun. Ist das überhaupt möglich? Und: Wollen die Kommunen das überhaupt? Steffens sagt entschieden: Ja! Aus den Kommunen hätten sie Hilferufe erreicht, endlich im Vorsorgebereich tätig werden zu können. Außerdem seien die Pläne mit den kommunalen Spitzenverbänden abgestimmt. Dort seien alle einverstanden. Ganz so euphorisch klingt das auf Nachfrage beim Städtetag nicht: Dort verweist man darauf, dass man die Pläne vor ein paar Wochen erhalten habe und momentan prüfe, was sie für die Kommunen bedeuten - insbesondere: an wem Mehrkosten hängen bleiben. Eine Stellungnahme wolle man deswegen nicht abgeben.

Auch das neue Pflegemodell der ambulant betreuten Wohngemeinschaft hat Fallstricke. Mit geringeren Hürden könnte die Wohnform zum Einfalltor für Sozialmissbrauch werden. Anstatt in Heime zu investieren, bei denen höhere Qualitätsstandards gelten, könnten die Investoren zukünftig Alterswohnsitze zweiter Klasse schaffen. "Das Problem ist uns bewusst", sagt Steffens. Ihr Gegenmittel: "Es muss ständig kontrolliert werden, dass alles ordungsgemäß abläuft." Man müsse dieses Risiko in Kauf nehmen, damit das Ziel "ambulant vor stationär" verwirklicht werden könne.

CDU: "Ansatz prinzipiell richtig"

Davon ist auch die Opposition gar nicht so weit entfernt: "Der Ansatz von Frau Steffens ist prinzipiell richtig", sagt Peter Preuß, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Düsseldorfer Landtag, gegenüber WDR.de. Ambulante Alterspflege zu fördern, sei auch der Ansatz der Union. Die 8,7 Millionen, die Steffens für die Quartierbildung einplane, seien aber "bei Weitem zu wenig". In ihrer jetzigen Form seien die Pläne noch zu allgemein. "Wir werden das Verfahren aber konstruktiv positiv begleiten", kündigte Preuß an.


Stand: 07.03.2013, 17.26 Uhr


Kommentare zum Thema (12)

letzter Kommentar: 09.03.2013, 18.33 Uhr

Grufti schrieb am 09.03.2013, 18.33 Uhr:
Ministerin Steffens und ihr Traum von der Alters WG. Ja es wird wie so Vieles in NRW ein Traum bleiben. Die Ursache hierfür sind die vielen Träumer und Träumerinnen in der Kraftschen Gurkentruppe.
@Altersmediziner 2 schrieb am 09.03.2013, 07.44 Uhr:
Nach wie vor aber wird in Deutschland der FREITOD als "SelbstMORD"stigmatisiert!DANKE!Mit MIR NICHT!ICH nehme mir das RECHT mein Leben in WUERDE dann zu beenden wenn ICH nicht mehr will,weil ICH nicht mehr KANN!
@Altersmediziner schrieb am 09.03.2013, 07.42 Uhr:
Teilweise gebe ich Ihnen recht,nur ist die Ankuendigung der Landesregierung leider unglaubwuerdig!Sie bekommt es,wie so viele andere Bundeslaender ja noch nicht einmal(seit Jahrzehnten)hin,Sozialwohnungen in ausreichender Zahl zu bauen!Eines der Scheinargumente dabei ist ja das die Grundstueckspreise in den Staedten "zu hoch"seien-fuer derartige Bauten wie hier dann aber wieder nicht?Hinzu kommt das"aelter werden"tatsaechlich doch immer nur einen Wert hatte sofern man ein Sinnerfuelltes Leben fuehren kann.Sinnerfuellt aber heisst fuer viele eben nicht ihrem hedonismus zu froenen,sondern aktiv etwas fuer das Wohlergehen ihrer Familie(notfalls der Gemeinschaft) beitragen zu koennen.Selber hilfsbeduerftig zu werden ist aber ein unertraeglicher Gedanke.Mein Stiefbruder ist ueber 10Jahre an MS verreckt.Mein Onkel uber 10Jahre an Alzheimer.Meine Mutter nach Schlaganfall seit>10Jahren bewegungsunfaehig im Bett\Pflegeheim.Nach wie vor aber wird in Deutschland der FREITOD als "SelbstMORD"s ...
Altersmediziner schrieb am 08.03.2013, 16.39 Uhr:
Die Kommentare bei wdr.de sind ja immer wieder erschreckend. Wie wenig Ahnung manch einer für eine eigene Meinung benötigt ... Ich sehe täglich alte Menschen, die an ihrer Einsamkeit leiden, täglich alte Menschen, denen es zu schlecht geht, um noch alleine wohnen zu können, aber zu gut, um in ein Heim zu ziehen. Für solche Menschen fehlt bislang ein angemessenes Angebot und genau hier setzt dieser Vorschlag an. In der gewohnten Umgebeung (dem gewohnten Stadteil) wird ein zusätzliches Angebot aufgebaut. Ein guter und hilfreicher Ansatz!
Anonym schrieb am 08.03.2013, 15.40 Uhr:
Schickt die Landesregierung und die sie tragenden Fraktionen in eine Altersungerechte WG. Das sei der Lohn der bösen Taten..

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