Rot-Grüne Pläne zum Verfassungschutz Diskussion um Einsatz von V-Leuten

Von Sven Gantzkow

Die Pannenserie beim Verfassungsschutz im Zusammenhang mit der rechtsextremen NSU soll rechtliche Konsequenzen haben. Die rot-grüne Landesregierung will eine Änderung des Verfassungsschutzgesetzes vorantreiben. Kernpunkte: Stärkung des parlamentarischen Kontrollgremiums - und ein streng reglementierter Einsatz von V-Leuten.


Verfassungsschutzgesetz, Bundesrepublik Deutschland
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Das Verfassungsschutzgesetz soll verändert werden

Die rot-grüne Landesregierung nimmt die Pannenserie bei den Ermittlungen gegen die rechtsextreme Terrorzelle NSU zum Anlass, das Verfassungsschutzgesetz auf den Prüfstand zu stellen: "Wir müssen uns bemühen, das Vertrauen der Bürger in die Arbeit des Verfassungsschutzes zurückzugewinnen", sagte der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag, Hans-Willi Körfges, am Dienstag (31.07.2012) in Düsseldorf. Gleichzeitig warnte er, nach dem Debakel mit den NSU-Ermittlungen nach einem "Allheilmittel" zu suchen. "Jede Form von Extremismus ist individuell zu betrachten." Trotzdem soll die seit Monaten anhaltende Diskussion Anlass sein, Institutionen und Ermittlungsmethoden zu überdenken.

Parlamentarisches Kontrollgremium stärken


Hans-Willi Körfges, SPD-Landtagsfraktion NRW
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Hans-Willi Körfges (SPD): "Vertrauen der Bürger zurückgewinnen"

Im Mittelpunkt steht dabei vor allem das parlamentarische Kontrollgremium (PKG). Nach Vorstellung der SPD sollen dessen Kompetenzen erweitert und seine Arbeit transparenter gestaltet werden. Zur Besetzung von Führungspersonal soll dem achtköpfigen Gremium ein Mitspracherecht eingeräumt werden. Außerdem sollen geheime Sitzungen nur noch stattfinden, "wenn es der Anlass gebietet", so Körfges, also beispielsweise, wenn man mit öffentlicher Debatte das Ermittlungsziel gefährden würde. Das Kontrollgremium völlig zu öffnen, wie es zum Beispiel der Berliner Senat getan hat, hält Körfges für problematisch: "Es wäre eine Nonsensveranstaltung, wenn man grundsätzlich bestimmte Erkenntnisse des Verfassungsschutzes zur Unzeit diskutieren würde." Außerdem sollen Größe und Zuschnitt des Gremiums geändert werden. Um handlungsfähiger zu sein, könnten die acht Parlamentarier je einen Mitarbeiter gestellt bekommen.

"Wer strafbar ist, taugt nicht als Vertrauensmann"


Auch beim Einsatz von V-Leuten denkt Rot-Grün an Modifikationen: "Die Arbeit solcher Vertrauensleute darf nicht in ein kriminelles Verhalten ihrerseits münden", so Körfges. Mit neuen Regeln im Verfassungsschutzgesetz müsste man klare Grundsätze für die Beschäftigung von V-Leuten schaffen. "Es muss deutlich sein, dass derjenige, der sich strafbar macht, nicht als Vertrauensmann taugt." V-Leute als Ermittlungsinstrument ganz abzuschaffen, lehnt Körfges ab: "Es gibt radikale Gruppierungen, beispielsweise islamistische Zellen, in deren Strukturen wir nur mit V-Leuten gelangen. Der Einsatz von verdeckten Ermittlern wäre zu kompliziert."

Zusammenarbeit von Polizei und Verfassungsschutz


Details wollte Körfges zu den einzelnen Punkten nicht nennen. Rot-Grün sei in diesem Punkt daran gelegen, Änderungen am Verfassungsschutzgesetz auf eine möglichst breite parlamentarische Basis zu hieven. Die Gespräche mit den Oppositionsparteien dazu würden bereits laufen. Weitere Inhalte, die zur Diskussion stehen, sind erstens: den Dialog mit der Zivilgesellschaft fördern. "Wir haben von Bürgern, die sich ehrenamtlich in der Radikalisierungsprävention engagieren, wertvolle Hinweise erhalten", so Körfges. Diese Schnittstellen müsse man fördern. Und zweitens: Die Zusammenarbeit von Polizei, Staatsschutz und Verfassungsschutz muss besser organisiert werden. Wobei laut Körfges weiter wichtig ist, die Trennung von Polizei und Verfassungsschutz beizubehalten. Pläne, die Institutionen aus Kostengründen zusammenzulegen, lehne Rot-Grün ab. Die letzten Punkte beruhen im Wesentlichen auf dem Acht-Punkte-Programm im Kampf gegen Rechtsextremismus, das Innenminister Ralf Jäger im Dezember 2011 vorgestellt hat.

CDU: "Instrument der wehrhaften Demokratie"

Auch die Union befürwortet eine "größtmögliche Transparenz", fordert aber gleichzeitig, dass die Ausweitung der parlamentarischen Kontrollmöglichkeiten "auf keinen Fall die Schlagkraft des Verfassungsschutzes schwächen" dürfe. "Wir wollen, dass der Verfassungsschutz ein Instrument der wehrhaften Demokratie bleibt", sagt der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Peter Biesenbach. Die gesamte Tätigkeit des Verfassungsschutzes unterliege ohnehin jetzt schon der Kontrolle des parlamentarischen Kontrollgremiums.

Stichworte

"Nationalsozialistischer Untergrund"

Der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) ist eine rechtsextreme Terrorgruppe. Sie soll für eine Mordserie an neun ausländischen Einzelhändlern zwischen 2000 und 2006 sowie zwei Bombenattentaten in Köln 2001 und 2004 verantwortlich sein. Auch der Mord an einer Polizistin 2007 wird der Gruppierung zugerechnet. Der NSU soll auch Banküberfälle begangen haben. Ihre bisher bekannten Mitglieder sind mutmaßlich Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

Die Machenschaften der "Zwickauer Terrorzelle" kamen im Herbst 2011 ans Licht. Nach einem Banküberfall am 4. November 2011 hatten sich Böhnhardt und Mundlos in einem Wohnmobil verschanzt. Als die Polizei sie ausfindig gemacht hatte, begingen sie Selbstmord. Am selben Tag explodierte das Haus, in dem das Trio eine Wohnung gemietet hatte. In den Trümmern stieß die Polizei auf ein Bekennervideo, in dem die drei Verdächtigen mit ihren Taten prahlen. Vier Tage später stellte sich Beate Zschäpe der Polizei. Sie steht derzeit gemeinsam mit mutmaßlichen NSU-Helfern in München vor Gericht.

V-Leute

V-Leute sind Verbindungs- oder Vertrauenspersonen, die als ständige Informationsquelle für eine ermittelnde Behörde tätig sind. Sie agieren vor allem in extremistischen Vereinigungen oder dem organisierten Verbrechen und bleiben dabei unerkannt. Anders als ein verdeckter Ermittler sind V-Leute keine Mitglieder der Ermittlungsbehörden. Meist werden sie aus dem direkten Umfeld, das observiert werden soll, angeworben. Ihre Tätigkeit ist vor allem im Zusammenhang mit dem immer wieder diskutierten NPD-Verbotsverfahren sowie den Ermittlungspannen im Umfeld der rechtsextremen Terrorgruppe NSU in die Kritik geraten.

Polizeilicher Staatsschutz

Der Polizeiliche Staatsschutz ist für die Bekämpfung politisch motivierter Kriminalität zuständig. Zu diesem Deliktbereich werden Straftaten gezählt, die auf eine extremistische Tätereinstellung schließen lassen - sei sie nun links, rechts oder religiös orientiert. Zu rechtsextremistischen Straftaten gehören zum Beispiel das Zeigen des Hitlergrußes oder eine Körperverletzung aufgrund einer rassistischen Einstellung. Die Aufgabe, politisch motivierte Straftaten zu verhüten und zu verfolgen, wird von den Polizeibehörden auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene übernommen.

Neben dem Polizeilichen Staatsschutz kümmern sich noch andere Behörden und Institutionen um den Schutz der Bundesrepublik. Dazu gehören etwa die Verfassungsschutzbehörden, der Militärische Abschirmdienst und der Bundesnachrichtendienst. Der allgemeine Begriff Staatsschutz umfasst alle Maßnahmen, die einen Staat in seiner inneren und äußeren Existenz bewahren sollen.

Im Unterschied zum Verfassungsschutz - der extremistische Entwicklungen beobachten, dagegen aber nicht selbst einschreiten darf - kann der Polizeiliche Staatsschutz als Strafverfolgungsbehörde bei Extremismusverdacht selbst Ermittlungen durchführen.


Stand: 31.07.2012, 15.35 Uhr


Kommentare zum Thema (13)

letzter Kommentar: 02.08.2012, 15:11 Uhr

der Eulenspiegel schrieb am 02.08.2012, 15:11 Uhr:
Die Pannenserie beim Verfassungsschutz muß man schon als sehr merkwürdig einstufen. Da wird observiert und observiert und diejenigen die observiert werden können Mordent durchs Land ziehen. Da entsteht der Eindruck das diese Morde noch als " Döna-Morde" vernebelt wurden. Merkwürdigkeiten Berge weise. Es ist überhaupt nicht mehr klar wo der Verfassungsschutz eigentlich steht. Darum muß mal Klarschiff gemacht werden.
Das Zentralorgan schrieb am 01.08.2012, 15:50 Uhr:
@ BS: Eine Kraehe hackt sich selbst eben auch kein Auge aus.
der ärisch schrieb am 01.08.2012, 15:45 Uhr:
naja, bald werden die v-leute auch in IM umbenannt, dann is wieder alles wie daheme in der guden aolden ddär
Bart Simpsen schrieb am 01.08.2012, 11:05 Uhr:
Wie wäre es, wenn man erst vor der eigenen Haustür kehren würde? +++ Aufklärung tut Not +++ Was macht eigentlich der Verfassungsschutz, eine Abteilung des Innenministerium von NRW, zur Aufklärung der Morde, Anschläge und Banküberfälle der NSU-Bande in NRW? Als damals auf der Keupstraße, im Kölner Stadtteil Mülheim, die Nagelbombe hochging und es 20 Schwerverletzte gab, war die Reaktion kurz nach dem Anschlag des SPD-Innenminister Behrens und des SPD-Innenminister des Bundes, Otto Schily die, dass man ein politisches oder fremdenfeindliches Motiv ausschloss. Kritiker und Experten warfen den beiden Ministern vor, dass sie Ihre Informationen wohl aus dem Kaffeesatz besorgt hätten. Heute wissen wir noch nicht einmal: warum man damals zur dieser Einschätzung gekommen war. Schlimmer aber wiegt der Vorwurf, dass es hier keinen Ansatz von Aufklärung in NRW gibt. Also, es wäre erst einmal gut, wenn wir vor unsere eigenen Haustür kehren würde, Herr Hans-Willi Körfges (SPD).
Heinz Faßbender schrieb am 01.08.2012, 08:50 Uhr:
Einsatz von V-Leuten auf dem Prüfstand ? Hören Sie doch auf was vom Prüfstand zu erzählen - wenn die Prüfung 1. geheim ist , 2. die Verfassungsfeinde sich selbst prüfen , 3. dieses System der kriminellen Vereinigung wie die Stasi abgeschafft gehört, 4. Deutschland immer noch keine Verfassung hat sondern lediglich ein Grundgesetz. Also WDR – nicht einstimmen in die behördlich gewollte Verblödung der Menschen. Danke

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