"Düsseldorfer Zelle" vor Gericht "Die wollten eine richtige Splitterbombe machen"

Von Martin Teigeler

Die "Düsseldorfer Zelle" muss sich seit Mittwoch (25.07.2012) vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verantworten. Am ersten Verhandlungstag schwiegen die vier mutmaßlichen Al-Qaida-Terroristen. Die Bundesanwaltschaft sieht in den vier jungen Männern entschlossene Gotteskrieger.


Der Angeklagte Abdeladim El-K. steht am Mittwoch (25.07.2012) in Düsseldorf im Gerichtssaal
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Der Angeklagte Abdeladim El-K. gab sich demonstrativ selbstbewusst

Als die vier Angeklagten am Mittwoch (25.07.2012) den Gerichtssaal betraten, wurde schnell klar, wer der Chef ist. Der Marokkaner Abdeladim El-K. nahm als erster des vermeintlichen Terror-Quartetts auf der Anklagebank Platz. Der 31-Jährige scherzte mit dem Wachpersonal, lächelte selbstbewusst und räkelte sich auf seinem Sitz mit hinter dem Kopf verschränkten Armen, als säße er auf der Fernsehcouch.

Nur eine herzliche Umarmung


Die Angeklagten Abdeladim El-K. (r) und Amid C. umarmen sich am Mittwoch (25.07.2012) in Düsseldorf im Gerichtssaal
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Abdeladim El-K. (r) und Amid C. begrüßen sich mit einer Umarmung

Seine drei Kollegen, der Deutsch-Marokkaner Jamil S., der Deutsch-Iraner Amid C. und der Deutsche Halis S., gaben sich zurückhaltender, verzogen zumeist keine Miene. Die Angeklagten sitzen in vier verschiedenen Gefängnissen in NRW ein. Zur Begrüßung gab es zwischen ihnen dennoch nur eine persönliche Geste: El-K. und C. umarmten sich herzlich. Ansonsten blieb es bei Augenkontakt.

Die Bundesanwaltschaft sieht in El-K. den Rädelsführer einer "Düsseldorfer Zelle". Das Viererteam sei eine vom Terrornetzwerk Al-Qaida mit Bombenanschlägen in Deutschland beauftragte Gruppierung gewesen. Beim Prozessauftakt im hochgesicherten, bunkerartigen Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts (OLG) am Rande Düsseldorfs zeichnete die Anklage das Bild einer verschworenen radikalislamischen Bande, die "zu Mord und Totschlag" sowie zur Verbreitung von "Angst und Schrecken" entschlossen gewesen sei. Die Angeklagten schwiegen zu den Vorwürfen. Geständnisse gibt es bislang nicht.

Hauptbeschuldigter mit erhobenem Daumen


Richterin Barbara Havliza steht in Düsseldorf im Gerichtssaal
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Jovial, aber bestimmt: Richterin Barbara Havliza

Zu Beginn der Verhandlung erklärte die Vorsitzende OLG-Richterin Barbara Havliza dem Hauptbeschuldigten in einem mütterlichen Tonfall, wie er die Kopfhörer zur arabischen Simultanübersetzung aufsetzen muss. "Ich verstehe deutsch", sagte El-K. gelassen. Gleichwohl steckte er die Ohrstöpsel des Kopfhörers ein. "Alles okay", signalisierte er mit erhobenem Daumen. Havliza führte die Verhandlung jovial, aber bestimmt. Als ein Anwalt zu viel Papiere verteilte, mahnte sie, er möge doch an den Regenwald denken.

Bundesanwalt Michael Bruns verlas zunächst die Anklageschrift. Er wirft den vier Männern im Alter von 21 bis 32 Jahren die Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung vor. Deshalb drohen ihnen bis zu zehn Jahre Haft. Die bis zu ihrer Festnahme im Frühjahr und Winter 2011 in Düsseldorf und Bochum lebenden Terrorverdächtigen hätten einen "aufsehenerregenden Terroranschlag in Deutschland" geplant, sagte Bruns. Ein konkretes Anschlagziel hätten die angeblichen Gotteskrieger allerdings noch nicht ausgewählt gehabt.

Lektionen in Terror-Software "Mujahideen Secrets"

El-K. habe sich Anfang 2010 in einem Al-Qaida-Ausbildungslager im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet aufgehalten, um den Umgang mit Sprengstoffen und Verschlüsselungs-Software zu erlernen, sagte Chef-Ankläger Bruns. Mit Programmen wie "Mujahideen Secrets" zur vertraulichen Online-Kommunikation sowie Waffen- und Bombenkenntnissen sei El-K. dann in die Bundesrepublik zurückgekehrt. Im Rhein-Ruhr-Gebiet habe er seine drei Komplizen für den Gotteskrieg rekrutiert. Finanziert haben soll sich die Gruppe mit Internet-Betrug. Online-Käufer hätten für Spielkonsolen und teure Technik bezahlt - die Terrorverdächtigen lieferten meist keine Ware, sollen aber fünfstellige Geldsummen kassiert haben.

Über Monate wurde die Gruppe 2010 und 2011 von deutschen Ermittlern überwacht. Der große Lauschangriff, die offenbar rund um die Uhr erfolgte Überwachung der Terrorverdächtigen wurde erst durch Hinweise eines dubiosen Informanten aus Pakistan sowie durch einen Tipp der US-Geheimdienste möglich.

Grillanzünder im Kochtopf

Mit "gemeinsamen Kampfsportübungen" bereitete sich die Gruppe nach Meinung der Bundesanwaltschaft auf Terroranschläge in Deutschland vor. Zugleich hätten El-K. und Co. Bombenexperimente in einer Düsseldorfer Wohnung gestartet. "Aus Grillanzündern wollten sie Sprengstoff gewinnen", sagte Bruns.

In einem Kochtopf wurden laut Anklage Chemikalien aufgekocht, in einer Dusche zum Abkühlen gelagert. Angesichts der gefährlichen Experimente in der Düsseldorfer Nasszelle entschlossen sich die Ermittler dann im April 2011 zum Zugriff. "Erst danach konnte objektiv festgestellt werden, dass die Stoffe nicht bombenfähig waren", sagte Bruns. Ohne Verhaftung aber hätte die Zelle weitere Vorbereitungen für einen Anschlag getroffen. "Die wollten eine richtige Splitterbombe machen." Ziel soll ein Anschlag zum Beispiel auf eine Bushaltestelle gewesen sein.

Bruns und seine Kollegen der Bundesanwaltschaft zitieren vor Gericht aus E-Mails, die sie dem Marokkaner El-K. zurechnen. Darin habe er an seine Al-Qaida-Auftraggeber berichtet: "Wir halten unser Versprechen. Sieg oder Märtyrertum. Nach Abschluss der Vorbereitungen werden wir mit dem Schlachten der Hunde, der Söhne der Gelben beginnen." Mit den Gelben seien die Europäer gemeint gewesen.

Lückenhafte Abhörprotokolle?

Die Verteidiger rügten, dass ihnen nicht die vollständigen Abhörprotokolle der Wohnraumüberwachung ihrer Mandaten vorlägen. In der Anklageschrift seien nur "lückenhafte", womöglich aus dem Zusammenhang gerissene Protokolle der belauschten Unterhaltungen zwischen den Verdächtigen in Wohnungen und Pkw enthalten, kritisierte Rechtsanwalt Johannes Pausch, der den Hauptbeschuldigten vertritt. Die Bundesanwaltschaft beantragte dagegen, den Einstellungsantrag zurückzuweisen. "Die Beweisstücke können jederzeit eingesehen werden", sagte Bundesanwalt Bruns.

Das Gericht wies mehrere Anträge unter anderem auf Einstellung des Verfahrens nach einer mehr als dreistündigen Sitzungsunterbrechung zurück. Am Donnerstag (26.07.2012) geht der Prozess weiter. Bis November sind 30 Verhandlungstage angesetzt. Viel dürfte am Ende davon abhängen, wie überzeugend die Abhörprotokolle auf das Gericht wirken.

Stichworte

Al-Qaida

Das Terrornetzwerk Al-Qaida wurde in den späten 1980er Jahren von dem aus Saudi-Arabien stammenden Osama bin Laden und dem wenig bekannten Palästinenser Abdullah Assam gegründet. Das Ziel der radikalislamischen Organisation ist der weltweite Dschihad ("Heiliger Krieg"), der sich vor allem gegen die USA, Israel und ihre Verbündeten richtet. Als oberstes Ziel gilt die Gründung eines Kalifats auf der Grundlage der Scharia, dem islamischen Recht. Das Netzwerk ist keine hierarchisch organisierte Gruppe, sondern hat weltweit halbautonome Untergruppen. Al-Qaida gilt unter anderem als verantwortlich für die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA. Auch nach der US-Kommandoaktion vom Mai 2011, bei der bin Laden starb, besteht das Netzwerk weiter.


Stand: 25.07.2012, 18.00 Uhr


Kommentare zum Thema (18)

letzter Kommentar: 27.07.2012, 09:50 Uhr

Heinz Faßbender schrieb am 27.07.2012, 09:50 Uhr:
@Hausarbeiter : dann wollen wir mal Hoffen das die Rechtsstaatlichkeit überall Einzug hält und der Zynismus eine Ende findet.
huch... schrieb am 26.07.2012, 18:08 Uhr:
..."Die wollten eine richtige Splitterbombe machen". Sind Terroristen wirklich so gefährlich? Man kann ja fast vermuten, dass die eine noch größere Gefahr füt ganz Deutschland sind, als die Rocker. Also ich hätte gedacht, die wollen nur für das nä Sylvester den größten Knaller der Straße basteln.
Der originale Ralf schrieb am 26.07.2012, 16:01 Uhr:
Ich sehe das genau wie Karl, Karl hat es auch nicht unglücklich formuliert, und Entschuldigungen für versuchten Massenmord habe ich auch nicht aus seinem Kommentar herausgelesen: Was treibt diese Leute zu Mordtaten mit denen sie Unschuldige aber auch ihr eigenes Leben wegwerfen? Der Aufbau einer Zukunft dürfte nach so einer Tat, ob dabei erwischt oder nicht, kaum noch möglich sein. Die langjährige Haftstrafe mit anschließender Abschiebung, also alles, was viele ihnen hier wünschen, scheint sie nicht zu schrecken. Deswegen sind die Fragen nach den Hintergründen hochinteressant, insbesondere die Frage nach den Motiven der Täter.
Hausarbeiter schrieb am 26.07.2012, 12:51 Uhr:
@ Heinz F. wer sieht sie denn als Mittäter? Wer als Helfer, also nein. Ein ehrenamtlicher Betreuer in einer JVA ist doch gerne gesehen und wird nicht mit dem Inhaftierten auf einer Stufe gesehen, es handelt sich um ein angesehenes Ehrenamt. Ich bin sicher, dass die jungen Leute vor dem OLG Düsseldorf fair und nach rechtsstaatlichen Grundsätzen behandelt werden. Sie haben schließlich gute und gewiefte Anwälte, aber wer gegen unsere Rechtsordnung verstößt, der sollte auch entsprechende Konsequenzen zu spüren bekommen. In unseren Justizvollzugsanstalten geht es den meisten doch gut und wer nichts gelernt hat, der kann sogar eine Ausbildung machen, für viele eine neue Lebenschance.
Heinz Faßbender schrieb am 26.07.2012, 12:15 Uhr:
@Hausarbeiter; ich darf doch wohl Fragen selten ohne gleich als Mittäter oder Helfer abqualifiziert zu werden. Ständen Sie vor Gericht – wäre es doch auch schön – wenn alle Rechtsfragen angesprochen würden.

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