Syrer in NRW Die Revolution aus der Ferne

Von Nina Giaramita

In Syrien protestieren die Menschen seit Monaten gegen das Assad-Regime. Die Aufstände werden von den Syrern in Nordrhein-Westfalen nicht nur gebannt verfolgt, sondern zum Teil tatkräftig unterstützt.


Regierungskritische Demonstration im syrischen Deir Ezzor (17.06.2011)
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Regierungskritische Demonstration in Syrien

Ahmed (Name von der Redaktion geändert) hat in den letzten elf Monaten zwölf Kilogramm abgenommen. Seitdem in Syrien die Leute auf die Straße gehen, hat der 33-jährige Syrer, der in Duisburg lebt, keinen gewöhnlichen Alltag mehr. "Sofort nach der Arbeit setze ich mich an den Rechner und skype, manchmal gehen die Gespräche bis vier Uhr nachts, dann schlafe ich zwei Stunden und gehe dann wieder zur Arbeit." Ahmed führt mit seinen Landsleuten in der Heimat Gespräche. Von Deutschland aus versucht er, Hilfsmaßnahmen für verfolgte oder verletzte Aktivisten zu koordinieren. Manches, sagt er, sei von hier aus einfacher. "In Syrien kappt die Regierung zum Teil die Internetverbindungen, in Deutschland habe ich solche Probleme nicht." Um sicher zu gehen, dass die Gespräche nicht abgehört werden, informiert Ahmed sich laufend über die neuesten elektronischen Schutzmethoden. "Ich stehe über Mail mit verschiedenen Leuten in Kontakt, die mich bezüglich Programmen und Software beratschlagen, man braucht da fachmännische Kenntnisse."

Seine Gesprächspartner in Syrien sind zum Teil alte Nachbarn und Freunde, zum Teil Aktivisten, die er in den letzten Monaten im Netz kennengelernt hat. Die meisten von ihnen sind inzwischen an den Aufständen beteiligt und haben sich in sogenannten Revolutionskomitees organisiert. "Es gibt ungefähr 300 Komitees in Syrien", sagt Ahmed. "Sie sind entstanden, als die Revolution begann und die Leute aus ihrer Gegend sich zusammengetan und organisiert haben." Rund die Hälfte aller Komitees wird inzwischen von zwei großen Netzwerken, "Local Coordination Comitees of Syria" (LCC) und "Syrian Revolution General Commission"(SRGC), vertreten. Ahmed ist der Pressesprecher des SRGC in Deutschland – er ist damit beauftragt, die deutsche Öffentlichkeit über die Vorgänge im Land zu informieren. "In dieser Organisation sind Leute aus allen Religionen und allen politischen Richtungen, und das große Ziel ist, Syrien zu befreien", sagt er.

Schwierige Lage in Damaskus


Der syrische Staatspräsident Bascher Al-Assad bei seiner Rede in der Universität von Damaskus (20.06.2011)

Der syrische Staatspräsident Bascher Al-Assad

Vor der Revolte, so Ahmed, habe er ein ganz normales Leben geführt. "Ich kenne keinen Syrer in meinem Umfeld, der politisch aktiv war." Inzwischen jedoch habe sich sein Freundeskreis zu einem politischen Netzwerk entwickelt – ein Netzwerk, in dem es durchaus "heiße politische Diskussionen" über die Zukunft Syriens gebe. "Wenn das Regime weg ist, werden wir sicher erstmal unzählige Parteien haben", mutmaßt Hassan(Name von der Redaktion geändert). Der 37-Jährige ist einer von Ahmeds Freunden in Duisburg. Auch er ist mit seinen Landsleuten ständig in Verbindung, organisiert Mahnwachen, verteilt Flugblätter und lädt mit anderen Mitstreitern zu Podiumsdiskussionen zum Thema Syrien ein. Hassan und Ahmed kennen sich seit zehn Jahren, während des Maschinenbaustudiums in Duisburg haben sie sich kennen gelernt. Ihre Heimat in Syrien haben beide als Studenten verlassen und schon länger nicht mehr betreten. Zuletzt war Ahmed vor anderthalb Jahren dort und hat seine Eltern in Damaskus besucht. Nun kann er nur noch mit ihnen telefonieren. "Das Leben in Damaskus ist, wie überall im Land, inzwischen sehr schwierig geworden", erzählt Ahmed. "Lebensmittel und Gas sind sehr teuer, und man wird oft kontrolliert."

Familie von Repressionen betroffen

Nach UNO-Schätzungen sind seit Beginn der Aufstände über 5.000 Menschen getötet worden, zehntausende wurden widerrechtlich inhaftiert und in Gefängnissen gefoltert. Von den Repressionen ist auch Ahmeds Familie betroffen. "Mein Bruder wurde festgenommen, weil er an einer Demonstration teilnahm und Fotos gemacht haben soll ", erzählt er. "Eine Woche lang wurde er mehrmals jeden Tag gefoltert, dann haben sie ihn frei gelassen." Inzwischen, erzählt Ahmed, sei sein Bruder wieder auf der Straße, um zu demonstrieren.


Ganz sicher wähnen sich die Syrer auch in Deutschland nicht – unter anderem wegen eines Vorfalls am zweiten Weihnachtstag in Berlin. An dem Tag wurde der syrische Aktivist und Grünen-Politiker Ferhad Ahma überfallen und verletzt. Zwei Männer hatten nachts an seiner Wohnungstür in Berlin geklingelt und ihn nach dem Öffnen mit Schlagstöcken verprügelt. Ahma geht davon aus, dass es sich um Mitarbeiter des syrischen Geheimdienstes gehandelt hat.

Der Grünen-Politiker ist gemeinsam mit Ahmed im Beirat der Initiative von "Adopt a revolution". Das Projekt, initiiert von einem deutschem Aktivisten, unterstützt die Proteste gegen das Assad-Regime von hier aus. Deutsche Spender können zu "Revolutionspaten" werden und die vielen Protestkomitees in Syrien finanziell unterstützen. Vielen Komitees fehlt das Geld für Anwälte, die Gefangene betreuen, für Miete und Lebensmittel für in den Untergrund abgetauchte Aktivisten oder auch für einen in Syrien sehr teuren Internetanschluss.

Rückkehr nach Syrien ungewiss


 Nabil Chbib
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Nabil Chbib wirbt nicht nur in Bonn für die Revolution

So wie seine Landsleute in Duisburg verfolgt auch Nabil Chbib das Geschehen in seiner Heimat tagtäglich vor dem Rechner. Der 64-jährige Bonner hat schon sehr lange Zeit keinen syrischen Boden mehr betreten können. "Ich bin seit 1979 nicht mehr in mein Land gereist", erzählt er. "Seitdem bin ich als Journalist tätig und schreibe über die Lage in Syrien. Solche Leute sind schon lange nicht mehr willkommen." Nabil Chib hat vor ein paar Jahren noch für die arabische Redaktion der Deutschen Welle gearbeitet, inzwischen ist er Rentner. Von Ruhestand kann bei ihm in diesen Zeiten jedoch nicht die Rede sein. Der Syrer jettet im Dienst der Revolution um die halbe Welt – konferiert in Istanbul, netzwerkt in Kairo und demonstriert in Köln. Er interessiert sich vor allem für die Jugend in den arabischen Staaten. "Als ich gemerkt habe, dass Facebook dort ein wichtiges Instrument für die jungen Leute ist, habe ich mich auch dort angemeldet, jetzt kann ich nicht mehr ohne", erzählt er. Einer politischen Organisation gehört Chbib nicht an. "Das war nie meine Sache."

Der Journalist hat in Deutschland fünf Kinder groß gezogen und hat inzwischen acht Enkelkinder. Der Kontakt zu seiner Familie in Damaskus ist dennoch nie abgebrochen. Kürzlich musste er erfahren, dass sein älterer Bruder an einem Herzinfarkt gestorben sei. "Später habe ich in den Nachrichten gehört, dass in der Nacht, in der mein Bruder gestorben ist, Assads Leute in der Gegend Hausdurchsuchungen durchgeführt haben. Bis heute weiß ich nicht, ob diese Durchsuchungen mit seinem Tod zusammenhängen." Nabil Chibib ist, so wie Ahmed und Hassan, davon überzeugt, dass das Assad-Regime früher oder später fallen wird. Ob er dann nach Syrien zurückkehren wird? "Das kann ich noch nicht sagen", meint er. "Ich werde schauen, wo ich am meisten für mein Land tun kann."


Stand: 29.01.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (7)

letzter Kommentar: 31.01.2012, 00:32 Uhr

Deutscher Syrer schrieb am 31.01.2012, 00:32 Uhr:
Danke an die Kommentatoren für ihre humanitäre Mitgefühle gegenüber mehr als 6000 Toten, darunter 400 Kindern sowie über 100000 Festgenommene, Tausende von denen gefoltert. Meinen Sie wirklich, die Deutschen haben damit nichts zu tun?.. Ich habe viele deutsche Freunde, die anders denken und fühlen.
hermann schrieb am 30.01.2012, 14:01 Uhr:
was habe ich mit einer Revulotion in einem arabischen Land zu tun? Rein gar nichts. Sie sollen bleiben wo sie sind und ihre Dinge im eigenen Land regeln und nicht hier. Bleibt noch die Frage welche wirtschaftlichen Interessen der Großfinanz dahinter stecken.
Thomas schrieb am 30.01.2012, 10:51 Uhr:
"Der Grünen-Politiker ist gemeinsam mit Ahmed im Beirat der Initiative von "Adopt a revolution". Das Projekt, initiiert von einem deutschem Aktivisten, unterstützt die Proteste gegen das Assad-Regime von hier aus. Deutsche Spender können zu "Revolutionspaten" werden und die vielen Protestkomitees in Syrien finanziell unterstützen." Es ist (mal wieder) soweit: Deutschland mischt sich (mal wieder) massiv in die inneren Angelegenheiten fremder Länder ein. Frei nach dem Motto:" es ist gut, was Deutschland gut findet". Am deutschen Wesen soll.... wir kennen das ja. Und dann, wenn die Deutschland genehme Revolution stattgefunden hat und die Regierung "weg" ist, kommen die Islamisten (wie in Lybien, Algerien..). Und die sind schlimmer als die Regierungen vorher. Und die bunten Weltverbesserer schauen zu..
Oseline schrieb am 30.01.2012, 10:47 Uhr:
Ist die BRD der Fuchsbau für Nordafrikanische Völker oder Stämme. Seit wann? Ich habe linde gesagt, die Nase restlos voll von der bundesrepublikanischen Mentalität. Vielleicht will mir noch einer verklickern, das ist alles für unsere Sicherheit. Ich meine schleicht euch, und lasst von euch nichts mehr hören. Das deutsche Volk hat genug Eigenwut im Bauch. Mir liegt noch die Versicherung, niemandem wird es schlechter gehen, aber vielen besser, schwer im Magen. Jedes Jahr noch mehr. Es geht mir von Jahr zu Jahr schlechter. Es wird etwas gesagt, behauptet und dann untergetaucht. Sterben werde ich wie eine deutsche Laus. Mein Einzelfall tut hier aber nichts zur Sache. So wenig, wie dieses Thema in Deutschland zur Sache gehört. Wie lange werden wir Deutschen für die Belange anderer Weltteile noch versklavt?
Tausi Me. schrieb am 30.01.2012, 09:08 Uhr:
@ Bulli.....dabei leben Kurden- viele von ihnen sind Yeziden-schon wesentlich länger in ihrem Gebiet in der Osttürkei, als die Türken selbst. Ein Land, das in die EU aufgenbommen werden möchte, verfolgt Minderheiten im eigenen Land und türkische Staatsbürger bitten und erhalten Asyl in Deutschland. Das schreit doch zum Himmel, hier gibt es auch keine Asylbewerber aus Dänemark, Frankreich oder Polen. Sollte die Türkei in die EU kommen, muss dort noch eine Menge an EU- Vorgaben erlernt werden und Aufnahme in den türkischen Alltag finden. Der große Darsteller Erdowahn muss sich der EU anpassen, sonst wird es so werden, wie im Nachbarland Syrien.

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