Beobachtungen vom Wahlabend Party, Party, Party

Von Silke Wortel

Mit der Berlin-Wahl endete am Sonntag (18.09.2011) das Superwahljahr 2011, und wieder durfte Nordrhein-Westfalen nur zugucken. Wir konnten staunend beobachten, wie verrückt diese Hauptstadt doch ist. Da wird einfach überall gefeiert. Sogar bei der FDP.


Wahlparty der Piraten

Kaum den Fernseher zum Wahlabend angemacht, schon was gelernt: "Die Berliner sind volatil", sagt ZDF-Analytiker Theo Koll. Heißt laut Wikipedia "veränderlich", "flüchtig", "dampfförmig". Die Berlin-Wahl hat also ihre eigenen Gesetze. Gut, wir sind vorbereitet. Dass unsere Hauptstadt irgendwie anders ist, ahnen wir schon bei der ersten ZDF-Schalte zu den Parteien. Die Leute auf den Wahlpartys gehen offenbar vom Besten aus. Sie feiern, als hätten sie das Ding schon nach Hause geholt. Und zwar alle. Die Wahl in Berlin ist die Wahl der Wahlpartys. Bis wir wissen, wer auch nach 18 Uhr noch was zu feiern hat, verkürzt uns im ZDF Focus-Herausgeber Helmut Markwort die Wartezeit. Er glaubt, dass Wowereit sympathischer rüberkommt als Künast. Und außerdem, sagt der Experte, könne "das Griechenland-Thema" viele Leute animieren, FDP zu wählen. Soweit die Fakten.

Jubel bei der FDP


Nach der Prognose schaltet die ARD zur "Wahlparty" der Liberalen. Dort ist außer der Reporterin niemand zu sehen. Schon alle weg? Wenigstens gibt es eine Rückschau darauf, was hier um sechs los war, als die 2,0 Prozent-Prognose gesendet wurde. Wir sehen blasse Gesichter, versteinerte Mienen. Plötzlich in der letzten Reihe: Jubelschreibe, Konfetti, "Jetzt geht's los!"-Gesänge. Stehen die so weit hinten, dass sie das Komma nach der 2 nicht sehen? Die Reporterin klärt uns auf. Es ist kein Konfetti, sondern Popcorn. Und das sind auch keine FDP-Anhänger, sondern Angehörige der Partei "die Partei" von Martin Sonneborn. Sonneborn freut sich, dass "die letzte Spaßpartei in Berlin rausgeflogen ist". Großzügig verteilt er Aufnahmeanträge für "Die Partei", mit einem Aussteigerprogramm für FDP-Mitglieder.

Audios

Ja, dies ist auch der Abend der Menschen in der zweiten und dritten Reihe. Einfach schick, die junge Frau neben dem CDU-Kandidaten Frank Henkel mit ihrer Ponyfrisur und der riesigen blauen Schleife über dem "Wählt Henkel!" T-Shirt. Und die jungen Grünen, die auf der Künast-Wahlparty ganz vergessen haben, dass sie nicht in Pusemuckel sind, sondern in der coolen Hauptstadt. Beim Interview mit Künast stehen sie hinter Künast und fotografieren sich dabei, wie sie hinter Künast stehen. Politik hautnah.

SPD gewinnt Party-Challenge

Noch viel mehr Party als alle anderen macht die SPD. Die Sozialdemokraten sind sogar die Party-Biester des Tages, findet Klaus Wowereit. Er hat sich, erzählt er auf der Bühne der SPD-Party, im Fernsehen die Wahlpartys der anderen angesehen und für ihn ist völlig klar: Die SPD macht die schönste und beste Party. Arm, aber sexy, zweieinhalb Prozent verloren, aber beste Party. Trotzdem schaltet das Erste weg. Gemein, ausgerechnet zu Christian Lindner von der FDP, die mittlerweile zur 1,8 Prozent-Partei geworden ist. Lindner soll das mit dem verrutschten Komma erklären. Er analysiert die Lage tapfer als "Tiefpunkt und Weg-Ruf". Sorry, Weckruf natürlich.

Als in der Berliner Runde schließlich die Vertreter der großen Parteien zusammenkommen, ist die Siegerin des Tages, die Piratenpartei, mangels Bundestagssitzen nicht dabei. Sie verpasst aber auch nichts, denn hier ist die Party definitiv vorbei. Die Diskutanten sprechen nicht über Berlin, sondern streiten über Griechenland. Cholli2010 twittert: "Ich musste die Berliner Runde ausschalten. So ein Gezicke ohne Inhalt hat mich schon bei Germany's next Topmodel genervt." Auf Twitter wird nach diesem Party-Wettbewerb auch der Wettbewerb um den besten Liberalen-Witz eröffnet. Zurzeit führt: "Kommt ein Rösler ins Geschäft: Krieg ich bei Ihnen Prozente?"


Stand: 19.09.2011, 07.13 Uhr



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