Interview zum Friedensprozess in Nahost Shalom und Salam!

Der Krieg zwischen Hamas und Israel hat wieder einmal gezeigt, wie unversöhnlich sich Israel und Palästina gegenüber stehen. Am Rande einer Konferenz, die am Samstag (08.12.2012) in Bonn beginnt, hat WDR.de mit palästinensischen und jüdischen Studenten aus Israel darüber gesprochen, warum es so schwer ist, einander zu verstehen.


Studenten der Universität Haifa in Deutschland
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Freunde: Ward Taye und Or Brokman

Eigentlich wollen die Vereinten Nationen zwischen den Völkern vermitteln. Doch wenn Israelis und Palästinenser vor den UN sprechen, leiten sie damit oft die nächste Stufe der Eskalation im Nahostkonflikt ein. Ward Taye (24) und Or Brokman (21) wird das nicht passieren. Sie sind mit vier Kommilitonen aus Haifa nach Bonn gekommen, um an einer simulierten Konferenz der Vereinten Nationen teilzunehmen. Bei den "Bonn International Model United Nations" (BiMUN) diskutieren die Israelis mit 169 Studenten aus 35 Nationen über das Thema "Rechte und Verantwortung: Neue Perspektiven - gerechte Lösungen". Das Besondere: Die jüdischen und arabischen Studenten aus Israel vertreten nicht die Positionen ihres eigenen Landes, sondern verhandeln als Delegierte anderer Nationen. Der palästinensische Israeli Ward wird für die Vereinigten Arabischen Emirate sprechen, die jüdische Israelin Or für Kolumbien.

WDR.de: Wenn Israel und Palästina vor den Vereinten Nationen sprechen, geht es eigentlich immer um existenzielle Fragen. Ist es schwer für euch, die Perspektive zu wechseln und nicht als jüdischer oder palästinensischer Israeli zu denken?

Or Brokman: Nein, eigentlich nicht - denn im Grunde geht es doch immer um das Gleiche: Alle Menschen wollen ein friedliches Leben. Sie wünschen sich eine stabile Wirtschaft und ein gutes Erziehungssystem, in dem alle die gleichen Möglichkeiten haben.

Ward Taye: Ja - das gilt für die Menschen in Israel - egal ob Palästinenser oder Juden - genauso wie für Kolumbien und die Emirate.

WDR.de: Die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln, spielt ja auch zwischen Israelis und Palästinensern eine wichtige Rolle. Von außen betrachtet scheint es so, als ob beide Seiten ausschließlich ihre eigene Position sehen. Gelingt euch dieser Perspektivwechsel auch im normalen Leben?


Eine Israelin, die Nachbarn durch Raketen verloren hat
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Frieden will diese Frau in Israel ...

Or: In den Medien kommen ja vor allem die Politiker zu Wort - und natürlich hat jedes Land das Recht, Politiker zu wählen, die die eigenen Interessen vertreten. Mir persönlich fällt es aber überhaupt nicht schwer, die Anliegen der Palästinenser zu verstehen. Ich finde, es muss einen palästinensischen Staat geben, und die Araber in Israel müssen als Staatsbürger die gleichen Rechte und Chancen haben, wie jüdische Israelis. Mein Verständnis hört allerdings auf, wenn die Palästinenser ihre Ziele mit Gewalt durchsetzen wollen. Sie müssen eben auch unser Bedürfnis nach Sicherheit anerkennen.


Ein kleiner Junge steht auf den Treppen eines zerstörten Hauses in Gaza-City
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... genau wie dieser Junge in Gaza

Ward: Als palästinensischer Israeli muss ich beide Seiten respektieren und mehr auf den Verstand setzen als auf meine Gefühle. Vielen Palästinensern fällt es noch immer schwer zu akzeptieren, dass es den Staat Israel gibt. Ich kann das verstehen. Ors Vorfahren sind aus Polen und aus dem Irak nach Israel eingewandert. Meine Familie dagegen hat schon immer hier gelebt - der jüdische Staat ist über uns gekommen, und niemand hat uns nach unserer Meinung gefragt. Aber wir müssen die Fakten anerkennen. Und wenn wir selber in Sicherheit leben wollen, müssen wir das auch unseren Nachbarn zugestehen.

WDR.de: Das hört sich wirklich sehr vernünftig an, Ward. Ist es nicht auch ein bisschen bitter zu erleben, dass arabische Israelis benachteiligt werden - auch wenn das nach dem Gesetz nicht so sein sollte?

Ward: Ja, schon. Aber andererseits hat sich in den letzten Jahren wenigstens in einigen Bereichen etwas getan.

Or: Die Gleichstellung von Juden und Arabern in Israel ist ja auch erklärtes Ziel der israelischen Regierung ...

Ward: ... aber Du darfst nicht vergessen, dass es auch immer wieder Rückschritte gibt. In den letzten zwei Jahren zum Beispiel im Schulbereich. Andererseits leben wir in einem wunderschönen Land mit hochentwickelten Technologien, großartigen Wissenschaftlern und vielem mehr. Unterm Strich gibt es gute und schlechte Dinge - und ich versuche, beides zu sehen.

WDR.de: Ward, hast Du jüdische Freunde? Und Du palästinensische Freunde, Or?

Or: (lacht) Ja natürlich - sehr viele. Eine Seite meiner Familie kommt ja aus dem Irak. Ich spreche arabisch. Ich liebe arabisches Essen und arabische Musik. Wie übrigens viele Israelis. Araber und Juden haben sehr viel gemeinsam - vielleicht sogar mehr, als sie trennt.

Ward: Mein allerallerbester Freund ist Jude - und noch dazu kommt er aus einer Siedlung in der West Bank (lacht). Wenn sie in meinem Heimatort auf die Siedlungen schimpfen, dann sage ich, dass es dort auch tolle Menschen gibt. Das ist mir wichtig: Man kann gegen die israelische Politik sein - aber deswegen darf man doch nicht alle Israelis verurteilen. Mein Freund und ich sind oft unterschiedlicher Meinung, wir reden uns die Köpfe heiß. Und eine Viertelstunde später hören wir zusammen Musik, essen - und lachen. Wir kriegen das hin.

WDR.de: An der Uni Haifa sind fast 30 Prozent der Studenten Araber - gibt es Konflikte zwischen den jüdischen und palästinensischen Studenten?


Studenten der Universität Haifa, Israel
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In Haifa studieren Juden und Palästinenser gemeinsam

Or: In der Regel nicht. Wenn es einen Krieg gibt, wie jetzt mit der Hamas im Gazastreifen, muss man allerdings manchmal die Gefühle ein bisschen sortieren. Während des Krieges haben arabische Studenten auf dem Campus eine Versammlung mit Schweigeminute veranstaltet - angeblich um ihre Solidarität mit einem Hamas-Führer zu bekunden, der von Israel getötet wurde. Ich war schockiert! Der Mann war ein Terrorist und verantwortlich für viele Morde. Aber dann hat sich herausgestellt, dass die Studenten nur gegen Angriffe auf Zivilisten im Gazastreifen demonstrieren wollten - und damit habe ich überhaupt kein Problem!

Ward: Für mich gab es in diesem Krieg eine Schlüsselsituation. Ich habe mich im Studentenwohnheim von zwei jüdischen Freunden verabschiedet, die gerade einberufen worden waren. Sie hatten ihr Marschgepäck schon auf dem Rücken. Ich habe sie umarmt und ihnen alles Gute gewünscht - und gleichzeitig gewusst, dass sie in einen Krieg gegen meine Brüder im Gazastreifen ziehen. Darüber habe ich die ganze Nacht wach gelegen.

WDR.de: Ihr schafft es offenbar, euch gegenseitig zuzuhören und auch zu verstehen, was der andere meint. Was ist eure Botschaft? Wie kann es Frieden geben zwischen Palästinensern und Juden?

Ward: Ich glaube, da gibt es nur einen Weg: "Respektiert die Unterschiede und entwickelt die Gemeinsamkeiten!"

Or: Da kann ich nur zustimmen. Wichtig ist für mich auch: "Verzichtet auf Gewalt!"

WDR.de: Und wann werden Palästina und Israel vor den UN mit einer Stimme sprechen?

Or: Das wird noch lange dauern, fürchte ich.

Ward: Ich bin optimistischer (lacht). Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Weltgemeinschaft sie dazu zwingt. Dann sagen alle "Los Frieden - Yallah Peace!"

Das Interview führte Suska Döpp.

Erstaunlich ...
Suska Döpp

... findet die Autorin, wie einseitig sich Menschen in Deutschland häufig auf die palästinensische oder die jüdische Seite schlagen. Ihnen wünscht sie ein bisschen von der Offenheit und Ausgewogenheit, die sie bei Or und Ward erlebt hat.

Stichworte

Bonn International Model United Nations (BiMUN)

Bei den Veranstaltungen der Model United Nations (MUN) simulieren Schüler und Studenten die Arbeit der Vereinten Nationen. Weltweit nehmen circa 90.000 Studenten an den jährlich rund 400 MUN-Konferenzen teil. Sie übernehmen die Rolle von Delegierten eines Landes - das nicht ihre Heimat ist - und debattieren in simulierten Gremien wie dem Sicherheitsrat oder der Generalversammlung über weltpolitische Themen, handeln Kompromisse aus und verabschieden Resolutionen. Arbeitssprache ist in der Regel Englisch.

In Deutschland gibt es mehrere große, meist jährlich stattfindende Konferenzen, zum Beispiel seit 2002 die Bonn International Model United Nation (BiMUN). In Bonn werden außerdem Konferenzen der Europäischen Union simuliert.

Araber in Israel

Die Araber, die in Israel leben, sind die Nachfahren jener Palästinenser, die nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948 innerhalb der Grenzen des neuen Staates Israel geblieben sind. Etwa 150.000 entschieden sich laut Konrad-Adenauer-Stiftung damals, ihre Siedlungen nicht zu verlassen und in einem jüdischen Staat zu leben. Zu den arabischen Israelis zählen außerdem die Beduinen.

Nach den aktuellen Informationen des Israelischen Amts für Statistik vom April 2012 hat Israel zurzeit knapp acht Millionen Einwohner, davon 75,3 Prozent Juden und 20,6 Prozent Araber. Die Religionszugehörigkeit der Bevölkerung gliedert sich laut einer Erhebung aus dem Jahr 2010 wie folgt: Von damals 7,8 Millionen Israelis waren 75,4 Prozent Juden, 17,7 Muslime, 1,9 Prozent Christen und 1,66 Prozent Drusen. 3,78 Prozent hatten eine andere Religionszugehörigkeit.

Die Mehrheit der muslimischen, christlichen und drusischen Araber wohnt traditionell in Dörfern und Kleinstädten in Nordisrael. Die Beduinen verteilen sich auf rund 30 Stämme im Süden.

Rund 58 Prozent der Araber in Israel akzeptieren laut einer aktuellen Studie das Leben im "jüdischen, demokratischen Staat, auch wenn die überwiegende Mehrheit immer noch die Juden für die 'Nakba' - die Katastrophe - am palästinensischen Volk im Jahr 1948 verantwortlich macht". So zitiert die israelische Tageszeitung "Jerusalem Post" die Studie, die jährlich am Jüdisch-Arabischen Zentrum der Universität Haifa durchgeführt wird. Die 42 Prozent, die es nicht akzeptierten unter den aktuellen Bedingungen in Israel zu leben, bevorzugen laut Autor Professor Sammy Smuha entweder einen binationalen jüdisch-arabischen Staat oder das Leben in einem palästinensischen Land.

Universität Haifa

An der Universität von Haifa studieren rund 17.500 Studenten. Damit ist die Hochschule in der nordisraelischen Hafenstadt die drittgrößte des Landes. Sie gilt laut dem Deutschen Fördererkreis der Uni als besonders liberal und wird von Juden, Moslems, Christen und Drusen besucht. Rund 28 Prozent der Studenten sind Araber.


Stand: 08.12.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (6)

letzter Kommentar: 11.12.2012, 23:06 Uhr

Judith R schrieb am 11.12.2012, 23:06 Uhr:
Das ist auch eine Beobachtung, die ich gemacht habe: der Krieg zwischen beiden wird in DEutschland reproduziert - wie schade eigentlich, da wir für Verständigung arbeiten könnten. Allerdings: es gibt auch eine falsch verstandene "Neutralität", mit der man sich aus der Sache herauszieht und den Israel-Palästina-Konflikt quasi als etwas Naturgegebenes ansieht, das sich nicht ändern lässt. Als wäre den beiden Parteien die gegenseitige Missachtung angeboren - und nicht etwa Ausdruck einer für beide Seiten enorm schwierigen Situation, die es zu lösen gilt. Und übrigens zu behaupten, der Status Quo sei unabänderbar, ist keine neutrale Position. Es bleibt in Deutschland und anderen Ländern die Aufgabe selber Verständnis zu gewinnen und sich für die Menschen auf beiden Seiten zu interessieren - und mitzuhelfen, dass eine Situation entsteht, in der es Frieden geben kann.
Yitzckak Baruch schrieb am 10.12.2012, 23:22 Uhr:
Ich erlaube mir noch einmal einen Kommentar abzugeben. Ich stelle die Frage in den Raum. Von was wirtschaftlich gesehen, wollen diese Araber in Judäa und Samaria - Gazza, leben? Was haben diese Meschen, was angebaut produziert werden kann, für den Export, dass Devisen erwirtschaftet werden können. und zwar für eine lange Zeitspanne. Im Moment lebt der Großteil der Menschen über Jahrzehnte von Spendengeldern, Transfer- Gelder aller möglichen Organisationen. Was zu dieser Überbevölkerung des winzigen Küstenstreifens Gazza führte. Das Gebiet ist für ca 500 000 Menschen Geographisch ausgelegt. Seit den Philistern, seit den Römern, seit den Osmanen. So heute leben hier an die 2 Millionen !! Menschen. Warum? Ich provoziere einmal. Da ja niemand sich Sorgen machen muss, ob er morgen noch seine Familie ernähren kann, jede Menge Hilfseinrichtungen sorgen ja für seine Familie. Können diese Menschen fruchtbar sein und sich vermären. Das klingt grausam ich weiß es.Aber das ist Fak ...
WDR.de schrieb am 10.12.2012, 20:44 Uhr:
Posting wurde entfernt, weil es gegen unsere Kommentarregeln verstößt.
Powerbauer schrieb am 08.12.2012, 16:48 Uhr:
Endlich mal ein Projekt was ganz spielerisch die verkrusteten, polarisierten Positionen aufweicht. Danke fuer den Schritt in Richtung mehr Menschlichkeit. Letztlich sitzen doch alle im "selben Boot".
Bart Simpsen schrieb am 08.12.2012, 15:09 Uhr:
Ich weiß nicht, wie die Autorin es fände, wenn sie immer um ihre Existenz bangen müsste? Die radikal-islamische Hamas, ein großer Teil der Palästinenser, hat in ihrer Charta stehen, dass die Vernichtung Israel eines ihrer Ziele ist. Auch in Hitlers "Mein Kampf" stand das Ziel der Vernichtung der Juden drin. Wie die Geschichte endete ist bekannt. Die Palästinenser müssen einen gemeinsamen Weg finden, wie sie in Zukunft mit einer Stimme reden. Erst dann können die beiden Parteien ernsthafte Verhandlungen führen. Ansonsten wird der fragile Friede von Dauer sein.

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