Traditionalisten contra Modernisierer: Straßen(namen)kampf in Münster
In Münster streiten Bürger erbittert um einen Straßennamen. Der Stadtrat hatte nach Anraten von renommierten deutschen Geschichtsforschern den Hindenburgplatz in Schlossplatz umbenannt. Darüber waren einige Münsteraner so erbost, dass sie gegen die Stadt und ihre Veranwortlichen zu Felde zogen und schließlich einen Bürgerentscheid erwirkten. Am Sonntag (16.09.2012) war die Abstimmung.

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Die aktuelle Beschilderung des Platzes
Stefan Leschniok hat sich schon einiges anhören müssen, auch, dass er mit Rechtsextremen paktiere. Wer sich Paul von Hindenburg, den Wegbereiter des Nazi-Regimes, auf Straßenschilder wünsche, der habe der Demokratie abgeschworen, schimpfen Leschnioks Kritiker.
Heimatgefühle

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Stefan Leschniok
Leschniok versucht, diese und andere Vorwürfe gegen ihn nicht an sich heranzulassen. Der 43-jährige Rechtsanwalt aus Münster ist Sprecher der Bürgerinitaitive "Pro Hindenburgplatz" und im Kampf für den Hindenburgplatz beharrlich. Der Platz bedeute ihm ein Stück Heimat. Schon als Vierjähriger sei er dorthin zur Kirmes gegangen. "Den kann man doch nicht einfach ausradieren", sagt Leschniok. Der Mann ist ein Konservativer durch und durch. Als im Jahr 2010 in der Bundes-CDU die "Aktion Linkstrend stoppen" gegen die eigene Parteiführung startete, hat CDU-Mitglied Leschniok sofort unterschrieben. Er hält an Traditionen fest, und dazu gehört für ihn auch der Hindenburgplatz.
Als sich bereits im vergangenen Jahr abzeichnete, dass die Stadt plant, den Hindenburgplatz in Schlossplatz umzubenennen, ergriff Leschniok die Initiative. Inzwischen hat er mehrere tausend Unterstützer, allerdings auch ebenso viele Gegner, darunter die beiden renommierten Historiker Hans-Ulrich Thamer und Alfons Kenkmann.
Vernichtendes Urteil

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Die Plakate der beiden Parteien
Sie hatten im Jahr 2010 von der Stadt Münster den Auftrag für eine wissenschaftliche Studie erhalten. Damit sollte einwandfrei geklärt werden, in welcher Beziehung der Namensgeber des Hindenburgplatzes, Reichspräsident Paul von Hindenburg, zu Hitler stand und ob er möglicherweise eine Mitschuld trug am Zustandekommen des Nazi-Regimes. Das Ergebnis war wenig überraschend, verunsicherte aber doch den ein oder anderen Hindenburg-treuen Münsteraner. "Hindenburg", sagt der Historiker Kenkmann, "ist die Symbolfigur für das Scheitern der Weimarer Republik und für den Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft." Er verdiene es nicht, mit einem Platz geehrt zu werden. Sein Name müsse von den Straßenschildern verschwinden.
Entrüstung im Lager der Hindenburgplatz-Anhänger
Dieser Empfehlung folgte der Stadtrat. Er entschied mit klarer Mehrheit, dass der Parkplatz zwischen Altstadt und Schloss künftig Schlossplatz heißen solle. Seitdem herrscht Straßenkampf in Münster. Traditionalisten gegen Modernisierer. In Leserbriefen in der Zeitung und in Kommentaren auf Facebook wird gehetzt, beleidigt, diffamiert, Rechtsextreme missbrauchen das Thema für ihre Zwecke. Der Historiker Kenkmann hatte vorher nicht für möglich gehalten, dass in Münster ein Streit derart eskalieren könnte. "Man hat eigentlich nur wild um sich geschlagen und Hindenburg plötzlich zur Identitätsfigur Münsters hochstilisiert. Mit reflektiertem Geschichtsbewusstsein hat das nichts mehr zu tun, das ist Geschichtsklitterei", sagt Kenkmann.
Oberbürgermeister befürchtet Imageschaden

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Oberbürgermeister Markus Lewe
Das ist die Ausgangslage. Kaum einer vermag vorherzusagen, wer sich beim Bürgerentscheid am Sonntag (16.09.2012) durchsetzen wird. Die Befürworter des Hindenburgplatzes appellieren an das Heimatgefühl der Menschen in Münster. Ihre Gegner haben für ihre Kampagne Prominente aus Fernsehen, Show-Business und Politik mobilisiert. Auch Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe ist dabei. Er macht sich inzwischen ernsthaft Sorgen um Münsters Ruf.
Jahrelang haben er und sein Vorgänger gegen das verstaubte Image der Stadt angekämpft. Münster sollte als modern, tolerant und weltoffen wahrgenommen werden. Das alles sieht Lewe nun in Gefahr. "Wie stehen wir denn da, wenn wir Hindenburg, den Wegbereiter des Nazi-Regimes per Bürgerentscheid nachträglich demokratisch legitimieren? Das darf einfach nicht passieren."
Der Sprecher der Bürgerinitiative "Pro-Hindenburgplatz", Stefan Leschniok hat signalisiert, dass er und seine Mitstreiter im Falle einer Niederlage Ruhe geben werden. Allerdings: Sollten sie erfolgreich sein und der Name Hindenburg auf die Straßenschilder zurückkehren, wird der Straßenkampf in Münster weiter gehen. Das haben die Hindenburgplatz-Gegner bereits angekündigt.
Stand: 14.09.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (99)
letzter Kommentar: 16.09.2012, 20:11 Uhr
- Anonym schrieb am 16.09.2012, 20:11 Uhr:
- Und morgen.. schrieb heute, 18:51 Uhr: In Euro(rettungs)politik stehen deutsche Politiker auch nicht zum BRD-Souverän, warum also hier lamentieren? Man darf aber auf zweifelhaften Ruhm hinweisen, wenn man aus Geschichte gelernt hat?
- Bürger schrieb am 16.09.2012, 19:46 Uhr:
- Warum wir mit den eigentlichen Problemen in diesen Land nicht weiter kommen sieht man an solchen Themen bzw. Entscheidungen. Politik zur Selbstdarstellung und am Bürger vorbei!
- Andreas Winkler schrieb am 16.09.2012, 19:43 Uhr:
- Als jemand der im Umland der Stadt Münster lebt kann ich die Verharmlosung des Reichspräsident Hindenburg nur schwer ertragen. Es scheint z.Zt. ja so als ob die Hindenburgplatzbefürworter scheitern. Gottsei Dank. Hindenburg war ein Antidemokrat.Er wollte von Anfang an die Weimarer Republik abschaffen und das Kaiserreich wieder einführen. Dies haben seine Aussagen und sein Handeln bewiesen. Ob er tatsächlich einer der Erfinder der Dolchstoßlegende ist entzieht sich meiner Erkenntnis. Hindenburg und seine politischen Freunde haben sich in Hiltler geirrt, da sie ihn als Pappfigur selbst im Hintergrund lenken.Das misslang. Ein solcher Mensch kann heute nicht mehr mit einem Platz geehrt werden und ein kleines Schild,das keiner liest, weisst dann auf die Bedenken hin. Anmerkung: In Münster haben offensichtlich die Menschen je näher sie an diesem Platz lebendagegen gestimmt, je weiter weg um so mehr dafür.Das ist für mich ein Zeichen.
- Und morgen.. schrieb am 16.09.2012, 18:51 Uhr:
- Es ist allgemein ein deutsches Problem, alles verbessern zu müssen - siehe Griechenland oder der hinterste Winkel von Afrika - uns immer schuldig zu fühlen und jegliche Vergangenheit zu verteufeln... Die Franzosen stehen auch zu Napoleon, obwohl er auch etliche Tote auf dem Gewissen hat. Die Briten stehen zu ihren Bomben-General. Die Russen stehen zu ihrer Geschichte usw. usw.
- Maik schrieb am 16.09.2012, 18:12 Uhr:
- @DM_ Es darf aber doch, wenns nach dem Willen der ganzen Multi Kulti Leutchen geht, keinen aufrechten Deutschen mehr geben, und darf es auch nie gegeben haben. Deswegen darf es auch nix geben, was mal irgendwie zwischen 1933 und 1945 existierte und den Nazis geholfen hat. Im Gästebuch zum Golf 7 war auch son Stratege. Nach dessen Willen dürfte es nix mehr geben, was damals Materialien und Geräte für die Nazis hergestellt hat. Von VW bis hin zu Siemens usw müsste dann alles weg. Und so auch die Strassennamen. Alles löschen und brav umbennen, damit sich unsere Gutmenschen nicht auf den Schlips getreten fühlen. Die meisten betrifft es zwar eh nicht, die werden da auch nie drüber nachgedacht haben, bevor die Stadt etwas tat, aber heute sind sie ja empört, und waren es auch schon immer, haben aber nie was gesagt, usw usw. Die ganze Jammerei, weil man sich noch immer schuldig fühlen will. Traurig ist das, wenn man nichts anderes hat, woran man sich interessiert.
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