Honorar-Affäre der Bochumer Stadtwerke Eine einzige Peinlichkeit

Von Rainer Kuka

Dieser Freitag (16.11.2012) wird für die Stadtwerke Bochum und ihren Aufsichtsrat kein guter Tag: Nachmittags werden Wirtschaftsprüfer ihren Bericht zum "Atriumtalk" vorlegen. Schon vorab ist klar: Der Bericht wird für die Geschäftsführung und den Aufsichtsrat eine einzige Peinlichkeit.


Die Geschichte beginnt am 30. Oktober. An diesem Tag legt in Berlin SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück seine Nebeneinkünfte offen. Der höchste Betrag, 25.000. Euro, kommt ausgerechnet von den Stadtwerken Bochum. Dafür musste Steinbrück nicht etwa eine Rede halten, sondern zwei Stunden in lockerer Atmosphäre über sein Leben plaudern. Nachfragen bei der Pressestelle der Stadtwerke ergeben, Steinbrück hätte zwar das hohe Honorar bekommen, doch hätte er das spenden sollen an caritative Einrichtungen seiner Wahl. Der Konter von Steinbrück lässt nicht lange auf sich warten. Von einer Spende sei nie die Rede gewesen. Der SPD-Mann fordert von den Stadtwerken eine Unterlassungserklärung, die diese auch abgeben. Damit ist das Thema Spende für Steinbrück vom Tisch.

Keine schriftlichen Vereinbarungen zum Spendenwunsch


Allerdings beginnt nun beim kommunalen Energieversorger die Suche nach Verträgen und Absprachen. Offensichtlich gehen die Stadtwerke davon aus, dass alle acht Talkgäste (u.a. Joachim Gauck, Uli Hoeneß, Peter Maffay, Richard von Weizsäcker) ihre Honorare spenden sollten. Das hat das Unternehmen bereits schriftlich dem Rat der Stadt mitgeteilt, als ein Abgeordneter im Frühjahr 2010 danach fragte. Tatsächlich scheint es aber so zu sein, wie inzwischen auch Stadtwerke-Chef Bernd Wilmert einräumte, dass der Spendenwunsch nie schriftlich mit der Medienagentur Hellen, die die Talkreihe organisierte, vereinbart wurde. Ob es mündliche Absprachen gab, müssen die Prüfer klären. Sicher ist, die meisten Talkgäste dürften davon nichts gewusst haben.

Honorarhöhe bleibt umstritten

Auch wie die Höhe der Honorare zu erklären ist (Peer Steinbrück erhält im Schnitt für Vorträge zwischen 10.000 und 15.000 Euro), haben die Stadtwerke bisher noch nicht offengelegt. Die vorhandenen Verträge und Mails waren selbst für Aufsichtsräte nicht einsehbar. "Zwei Mal hat uns der Vorstand das schon zugesagt, zwei Mal haben wir nichts gesehen", beschwert sich Christian Haardt, einer von zwei CDU-Vertretern im Kontrollgremium.

Unverständnis über das Verhalten von Stadt und Stadtwerken


Dass die Stadt Bochum und die Stadtwerke über zwei Wochen nach Bekanntwerden des Steinbrück-Honorars immer noch keine Aufklärung betrieben haben, verwundert auch den Bochumer Politikprofessor Jörg Bogumil. "Wer hat den Akteuren eigentlich gesagt, dass sie die Affäre einfach aussitzen können?" Das Krisenmanagement sei ein einziges Trauerspiel, selbst im Ausland werde man darauf schon angesprochen, so der Wissenschaftler weiter. Er meint damit auch eine Personalie, die fast untergegangen ist. Bevor die externen Prüfer ins Boot geholt wurden, sollte der Leiter des Bochumer Rechnungsprüfungsamtes Aufklärung betreiben. Nachdem er zwei Tage mit allen Beteiligten gesprochen hatte, erklärte er sich für befangen und gab den Auftrag zurück. Der Grund: Den Chef der Medienagentur Hellen kennt er von einem Kindergartenprojekt, über das beide schon verhandelt haben. Warum dem Amtsleiter das erst nach zwei Tagen auffiel, darüber wird in Bochum gerätselt.

Ist auch der "Steiger Award" in Gefahr?


Der "Atriumtalk" ist inzwischen eingestellt. Dem "Steiger Award" - eine alljährliche Preisverleihung mit viel Prominenz - droht ein ähnliches Schicksal. Organisator ist auch hier wieder die Hellen Agentur. Sponsoren sind hier unter anderem die Stadtwerke, mit etwa 125.000 Euro, und die andere solvente Tochter der klammen Kommune, die Sparkasse mit 66.000. Euro. So schluckt eine noch nicht aufgeklärte Talkaffäre auch ein anderes Event, das bis dato in Bochum scheinbar unumstritten war. Ob das Interesse der Bochumer an Prominenz der Stadt allerdings je genützt hat, bezweifelt Wissenschaftler Bogumil. "Darüber hat es offensichtlich nie wirkliche Erkenntnisse gegeben."


Stand: 16.11.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (51)

letzter Kommentar: 19.11.2012, 13.02 Uhr

Ehrenwerte Gesellschaft schrieb am 19.11.2012, 13.02 Uhr:
ist in anderen Ländern die Mafia. Und bei uns in D, wer ist Ehrenwert? Da der deutsche Michel (und auch immer mehr Michaela`s) für alle Länder wie z.B. Italien, Griechenland, China, Spanien, Russland usw. weiß, was dort gut ist; da verwundert es mich, dass immer mehr "Ehrenwerte" hier in deutscher Politik, Verwaltung und Wirtschaft sozusagen Hand in Hand das Ruder und das Geld u. Gold übernehmen. Nur für die Zahler, sprich Arbeitnehmer, dieses Geldes bleibt nichts über! Darf man die Zustände in Bochum und den anderen verfilzten Städten in NRW schon mafiös nennen? Oder wird man dann zur Rechenschaft gezwungen und "muss" schweigen? Die Bochumer Bevölkerung sollte keinesfalls schweigen wenn diese Oberbürgermeisterin weiter im Amt bleibt. Es lebe die Filzokratie!
der Eulenspiegel schrieb am 18.11.2012, 14.57 Uhr:
Ich denke die massive Differenz im Einkommen zwischen den kleinen Malocher und die da oben ist generell zu kritisieren ob es nun der Chef der Stadtwerk oder der Bankmanager ist. Denn letztlich bezahlt all dieses der kleine Malocher. In Bochum sind aber wohl bei diesen "Atriumtalk" große Fehler gemacht worden. Wenn es wirklich so ist das der Bürger mit seiner Stromrechnung diese Veranstaltung finanziert hat dann sollten auch in Bochum einige Leute den Hut nehmen.
Dreher schrieb am 18.11.2012, 11.29 Uhr:
Eigentor@, die Bezeichnung "Eigenversorger" wäre durchaus berechtigt, wenn man z. B das Gehalt des Chefs der Dortmunder Stadtwerke, das nur schlappe 380 000 € beträgt, kann man zu diesem Schluß kommen.
Eigentor! schrieb am 17.11.2012, 14.50 Uhr:
Muss man die Eigenbetriebe der Kommunen jetzt umbenennen:"Eigenversorger"?
R.Hast schrieb am 17.11.2012, 08.01 Uhr:
was passiert eigentlich mit dem ehrenwerten Bundespräsidenten Herrn Gauck-schließlich hat er auch 25.000 Euro von den Stadtwerken Bochen für seinen Vortrag erhalten ?

Alle Kommentare anzeigen



Mehr Politik

tagesschau.de

  • Krisengipfel zum Ukraine-Konflikt in Genf

    Im Konflikt um die Ostukraine liegen die Positionen Russlands und Kiews weit auseinander. Doch zumindest kommen sich beide Länder am Verhandlungstisch näher. In Genf treffen die Außenminister Lawrow und Deshchytsia aufeinander, gemeinsam mit Vertretern der USA und der EU.

  • USA lehnen Waffenlieferung an die Ukraine ab

    Offiziell unterstützen die USA die Übergangsregierung der Ukraine. Doch in einem Punkt hält sich US-Präsident Obama eisern zurück: Er schließt nicht nur ein militärisches Eingreifen aus, sondern auch Waffenlieferungen an Kiew.

  • Interview zur Ukraine: "Sie muss zu retten sein"

    Die Ukraine müsse als Staat erhalten bleiben, meint Osteuropa-Experte Ewald Böhlke. Wenn das Land zerbreche, habe das katastrophale Folgen - auch für Europa. Entscheidend sei nun, der Bevölkerung Gehör zu verschaffen, erklärt er im Interview mit tagesschau.de.

  • Deppendorfs Woche: Countdown für die Ukraine?

    Das Militär agiert, die Diplomatie rotiert. Angesichts der Krise in der Ukraine sieht Ulrich Deppendorf Europa vor großen Herausforderungen, auch im Vorfeld der Europawahl. Zeitgleich soll die Ukraine über einen neuen Präsidenten entscheiden.

  • Fährunglück vor Südkorea: Kaum noch Hoffnung für 290 Passagiere

    169 Boote und 29 Flugzeuge sind im Einsatz, um Überlebende des Schiffsunglücks vor Südkorea zu retten. Bislang wurden sieben Todesopfer geborgen, doch noch immer gelten 290 Menschen als vermisst. Und die Hoffnung der Rettungskräfte sinkt.

  • Nigeria: Armee befreit entführte Schulmädchen

    Bis zu 100 Schulmädchen waren Anfang der Woche entführt worden. Nun vermeldete die nigerianische Armee einen Erfolg: Fast alle der Mädchen seien befreit worden, teilte ein Ministeriumssprecher mit. Regionale Behörden bestreiten dies jedoch.

  • Bundesregierung fordert USA im Fall Snowden zu Klärung auf

    Die Bundesregierung will von den USA wissen, welche Straftaten dem Ex-NSA-Mitarbeiter Snowden vorgeworfen werden - und ob ihm die Todesstrafe droht. Das könnte Bedeutung für eine mögliche Aussage vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss haben.

Videos, Blogs, Specials