Parteitag: NRW-SPD empfängt Peer Steinbrück: Er kann Kandidat ...
Peer Steinbrück will genug Beinfreiheit und zur Not die Kavallerie satteln. Beim ersten Auftritt als frisch gekürter Kanzlerkandidat auf dem SPD-Landesparteitag am Samstag (29.09.2012) in Münster war Steinbrück einfach Steinbrück - schnodderig, schlagfertig und undiplomatisch wie immer.

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Steinbrück: schnodderig, schlagfertig und undiplomatisch wie immer
"Wenn Sie mich freundlicherweise einmal durchlassen wollen", die Ministerpräsidentin von NRW tippt von hinten an die Schulter. Unbemerkt ist Hannelore Kraft auf ihrem Parteitag angekommen, arbeitet sich etwas ironisch lächelnd durch die schubsende Journalisten-Traube hindurch. Bis in die Mitte, ins Zentrum, zu Peer Steinbrück, dem designierten Kanzlerkandidaten. Am Freitag (28.09.2012) war er von SPD-Parteichef Sigmar Gabriel vorgeschlagen worden.
Steinbrück besitzt trockenen Humor und nüchternen Verstand
Es ist kurz vor zehn, zehn, kurz nach zehn. Steinbrück scherzt mit den Fotografen, schüttelt Hände, badet entspannt in der ganzen Aufmerksamkeit. Ignoriert von Journalisten fängt der stellvertretende Landesvorsitzende irgendwann einfach an mit seiner Eröffnungsrede - Marc Herter begrüßt Hannelore Kraft, die anwesenden NRW-Minister und dann: "Peer Steinbrück. Willkommen zu Hause."
Steinbrück ist Schachspieler, Hitzkopf, begnadeter Redner. Er ist Norddeutscher und trotzdem mit NRW verbunden. 2002 bis 2005 regierte der 65-Jährige hier als Ministerpräsident. Dann, 2005 fuhr er eines der schlechtesten Ergebnisse für die NRW-SPD ein - Jürgen Rüttgers (CDU) kam an die Macht. Es war Steinbrücks bislang größte Niederlage. Gelernt hat er als Büroleiter unter Johannes Rau. Angela Merkel kennt er als ehemaliger Bundesfinanzminister in der Großen Koalition. Steinbrück besitzt einen trockenen Humor und nüchternen Verstand. Steinbrück polarisiert, ist in der Partei nicht unumstritten.
"Jetzt haben wir Klarheit, jetzt sind wir im Wahlkampfmodus"

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Kraft: "Jetzt sind wir im Wahlkampfmodus"
Die Organisatoren haben sich erkennbar bemüht, Peer Steinbrücks Schatten nicht allzu groß werden zu lassen. Zunächst reden Delegierte aus Münster, dann die NRW-Ministerpräsidentin. Kraft ist verschnupft. Ihre Stimme kratzig, so als hätte sie den Wahlkampf schon hinter sich. "Erstens kommt es immer anders und zweitens, als man denkt. Ich freue mich, dass Sigmar Gabriel Peer Steinbrück vorgeschlagen hat. Jetzt haben wir Klarheit, jetzt sind wir im Wahlkampfmodus", so beginnt sie ihre Rede.
Dann holt Kraft zum Rundumschlag aus: kommunale Finanzen, Steuerstreitigkeiten mit der Schweiz, Antworten auf den Armutsbericht, die Inklusion. "Wir haben" kommt in Krafts Rede häufiger vor, als "wir werden". Sie schließt mit einem Appell, mit engagierter Werbung für Steinbrück: "Wir wollen erreichen, dass die Sozialdemokratie bei der Bundestagswahl stärkste Kraft wird. Lieber Peer, wir freuen uns, dass ein Nordrhein-Westfale der nächste Bundeskanzler wird. Wir stehen alle hinter dir!"
"Die Kavallerie? Hätte man auch satteln können"

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Steinbrück: "Witz, Leichtigkeit und Humor"
Peer Steinbrück versichert wenige Minuten später, wie wichtig diese Unterstützung für ihn sei. Denn Steinbrück hat in der SPD nicht nur Fans, gerade bei den Parteilinken polarisiert er. Er sei seit 1975 hier in NRW zu Hause: "Ihr habt mich getragen, habt mich manchmal ertragen, wir haben uns vertragen." Ihm sei die Dimension der Verantwortung seiner Kandidatur sehr bewusst. Dann verspricht Steinbrück nicht nur ein gutes Programm. Auch "Witz, Leichtigkeit und Humor" seien nicht ausgeschlossen. "Es muss auch Spaß machen, liebe Genossen!" Ob er sich neue Bilder in Sachen Kavallerie ausdenke, wüsste er noch nicht. "Manchmal denke ich, man hätte nicht nur über sie reden, sondern man hätte sie auch satteln sollen."
Klare Kante kann Steinbrück. Da ist er wie Kraft. Er hat eine schnodderige Schnauze, seine Verteidigung ist der Angriff. Mit dem Zeigefinger drischt er immer wieder runter auf das Rednerpult. "Ich bin nicht leichtfertig in diese Herausforderung reingegangen. Wir setzen eindeutig auf Sieg und nicht auf Platz." Steinbrücks Botschaft klingt einfach und in sozialdemokratischen Ohren gut, obwohl sie aktuelle Umfragewerte ignoriert: "Wir beschäftigen uns nicht mit Szenarien, die wir nicht wollen. Ich bin nicht zu gewinnen für ein Kabinett Merkel. Es wird diese Bundesregierung in zwölf Monaten nicht mehr geben."
"Ihr müsst mir aber auch etwas Beinfreiheit einräumen!"

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Steinbrück - für die Partei zwar eine Herausforderung
Und am Ende warnt Steinbrück vor seinem Dickkopf: "Das Programm muss zum Kandidaten passen und der Kandidat zum Programm. Ihr müsst mir aber auch etwas Beinfreiheit einräumen!" Durch die Reihen geht ein leises Raunen. Das ist Steinbrück. "Der bleibt erkennbar so, wie er ist!" bilanziert Wirtschaftsminister Garrelt Duin nach der Rede. "Das muss man sich als Kandidat erst mal trauen. Ich freu mich so sehr über die Entscheidung von gestern!" Auch Franz Müntefering ist angetan: "Das ist Peer Steinbrück so, wie ich ihn kenne." Er sei für die Partei zwar eine Herausforderung - aber eine gute.
Altkanzler Helmut Schmidt war es, der Steinbrück schon früh mit dem Satz adelte: "Er kann es". Reden kann er, Kandidat kann er - so ist auch die Stimmung in Münster. Denn auch wenn Steinbrück von den rund 500 Delegierten hier nicht frenetisch gefeiert wird, keiner kritisiert seine Wahl öffentlich. Alle scheinen hier froh, endlich eine Antwort auf die schwelende K-Frage gefunden zu haben. Ob es die richtige Antwort war, ob Steinbrück auch Kanzler kann und ob Helmut Schmidt am Ende wirklich immer Recht behält, zeigt sich im kommenden Herbst.
Stand: 29.09.2012, 13.56 Uhr
Kommentare zum Thema (96)
letzter Kommentar: 01.10.2012, 11:48 Uhr
- Anarchie = Reindemokratie schrieb am 01.10.2012, 11:48 Uhr:
- So lange die Politik nicht FINANZIEL entkoppelt wird von der Wirtschaft, so lange wird diese ungerecht zum Normalbüreger sein. Keiner der im Kreis.- Land.- oder Bundestag sitzt darf in Aufsichtsräten sitzen oder anderswie für jemanden Tätig sein, selbstständigkeit ohne Abhängigkeit kann eine Ausnahme sein. Parteien dürfen keine Firmen betreiben u.s.w. Erst wenn die umgesetzt ist haben wir eine Demokratie, momentan sind wir Bürger am Gängelband des Kapitals und dehren Banken.
- Roger schrieb am 01.10.2012, 11:23 Uhr:
- @Justus: Sie müssen sich irren. Die Zusammenlegung von Sozialamt und Arbeitsamt zur neuen "Arge" war verfassungswidrig. Später kamen zu anderen Gesetzesinhalten weitere Abmahnungen hinzu. Rot-Grün hatte im Sozialbereich schwere handwerkliche Fehler gemacht. Mir ist es übrigens egal, ob ein sozialdemokratischer Kanzler 17 Tsd. oder 17 Mill. ausgezahlt bekommt. Verdienen tut er das sowieso nicht. Ich mahnte übrigens nur die moralische Verpflichtung der Sozialdemokratie an. Wenn ein Pfarrer Enthaltung predigt, sich aber selbst ein Leben in Luxus genehmigt, wird die Glaubensbotschaft insgesamt unglaubwürdig. Hier geht es nicht um Neid oder Sozialismus. Übrigens, auch die Sozialdemokratie wollte mal einen Sozialismus - keinen Kommunismus. Deswegen nannten die Leute sich "Sozialdemokraten".
- Justus schrieb am 01.10.2012, 10:54 Uhr:
- @Roger: Wie kommen sie darauf das die Hartz4 Gesetze verfassungswidrig sind. Das ist schlicht nicht wahr! Die "Hartz4" Gesetze sind grundsätzlich auch nicht schlecht. Es braucht lediglich einige moderate Anpassungen und alles ist gut und bleibt ruhig. Zur finanziellen Situation der Personalie Steinbrück: Reichtum ist doch keine Schande! Ich glaube sie verwechseln Sozialdemokratie mit Sozialismus. Das eine hat mit dem anderen aber nicht viel gemeinsam. Ich sehe in Herrn Steinbrücks monitärer Situation keinerlei Nachteil, ganz im Gegenteil. Mir kommt ihre Kritik an Herr Steinbrücks Vermögen mehr wie NEID vor denn als sachliches Argument.
- Anonym schrieb am 01.10.2012, 10:42 Uhr:
- Die Sozies sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Macht versaut den Charakter.
- Kalle schrieb am 01.10.2012, 10:32 Uhr:
- Steinbrück for Kanzler!
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