Kritik an den Ermittlungsmethoden in der rechten Szene: Verfassungsschutz und Rechtsextremismus - Fragen und Antworten
Angesichts der jetzt aufgedeckten rechtsextremen Mordserie wächst die Kritik an der Arbeit des Verfassungsschutzes. Die Aufklärung habe nicht funktioniert und müsse neu organisiert werden, fordert Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). Experten sehen strukturelle Probleme in der staatlichen Aufklärung.
Wie sammelt der Staat Informationen in der rechten Szene?

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Bernd Wagner, Gründer von "Exit"
Die wichtigste Rolle nehmen dabei die so genannten V-Männer ein. "Der Verfassungsschutz ist bemüht, Mitarbeiter in allen relevanten rechtsextremistischen Organisationen und Gruppierungen zu platzieren", sagt Bernd Wagner, Gründer des Aussteigerprogramms für Rechtsextreme "Exit", ehemaliger Kriminalist und Kenner der rechten Szene. Diese Informanten erstatten ihrem V-Mann-Führer demnach regelmäßig Bericht über aktuelle Vorgänge und geplante Aktionen. Dafür erhalten sie einen durchschnittlichen Lohn von 300 bis 1.000 Euro im Monat. "Wie viele Informanten der Verfassungsschutz in der Szene genau hat, ist nicht bekannt. Es sind aber sehr viele", sagt Wagner.
Wie wird die Aufklärung koordiniert?
Zuständig sind zunächst die Landesbehörden, in deren Grenzen die beobachtete Gruppe aktiv ist. Bei länderübergreifenden Gruppierungen übernimmt der Bundesverfassungsschutz die Federführung. Die Kontrolle liegt bei den parlamentarischen Kontrollausschüssen, die es sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene gibt. "Die Politiker erfahren regelmäßig, wer überwacht wird und mit welchen Methoden der Verfassungsschutz vorgeht. Details werden gewöhnlich nur auf Nachfrage mitgeteilt", sagt Wagner. Grundsätzlich sollte zwischen Landesbehörden und Bundesverfassungsschutz ein ständiger Informationsaustausch stattfinden: Hierfür wurde in Berlin ein gemeinsames Terrorismusabwehrzentrum eingerichtet, das sich allerdings aussschließlich mit islamistischen Terror beschäftigt. "Möglicherweise haben viele Behörden in den vergangenen Jahren das Phänomen des Rechtsterrorismus zu spät erkannt, weil man sich beim Austausch von Informationen zu sehr mit den Islamisten beschäftigt hat", sagt ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der Polizei?

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ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt
Sobald der Verfassungsschutz von einer unmittelbaren Gefährdung für die öffentliche Sicherheit erfährt, zum Beispiel von einem geplanten Anschlag, muss er die Polizei informieren. Dieser Pflichtaustausch bezieht sich allerdings nicht auf alle Straftaten. "Der Verfassungsschutz arbeitet nach dem Opportunitätsprinzip, die Polizei nach dem Legalitätsprinzip", erklärt Wagner. Die Polizei müsse eingreifen, wenn sie von einem Verbrechen erfährt, der Geheimdienst könne zunächst abwägen, ob er die Information zurück hält. Das Problem sei auch, dass Verfassungsschutzbehörden mit den Methoden eines Geheimdienstes arbeiten. "Die eigenen Quellen, die eigenen V-Leute, die man hat, die Art und Weise, wie man an Informationen kommt ist sehr sensibel", sagt Schmidt. "Jede Behörde tut sich schwer, irgendeine andere Behörde zu beteiligen, weil man immer Angst um die eigenen Quellen hat."
Gibt es noch andere strukturelle Probleme?
Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger ist nicht die erste, die den Verfassungsschutz in Deutschland für nicht "optimal organisiert" hält. Eine zentrale Behörde könne die Lösung sein, meinen einige Kritiker. Andere argumentieren, dass die Landesämter für Verfassungsschutz besser auf die Gegebenheiten in ihrem Bundesland reagieren können als eine Bundesbehörde, erklärt Schmidt. "Eine komplette Neustrukturierung wird kommen", meint Wagner. "Im aktuellen Fall waren die Täter schon als militante Gewalttäter identifiziert und wurden vom Thüringer Verfassungsschutz beobachtet. Und dann sind sie einfach untergetaucht und wurden einfach vergessen." Eine solch massive Panne müsse einfach Konsequenzen nach sich ziehen - nicht nur für die unmittelbar Verantwortlichen beim Landesverfassungsschutz Thüringen.
Wie ist die Situation des Verfassungsschutzes in NRW?
Das Landesamt für Verfassungsschutz in NRW gehört zu den größten deutschen Landesämtern. "Hier kann man sich große Abteilungen für Rechtsextremismus, Linksextremismus und einen großen Bereich für die islamistischen Brennpunkte in NRW leisten. In anderen Bundesländern bestehen die einzelnen Referate zu den unterschiedlichen Phänomenbereichen unter Umständen nur aus einigen wenigen Personen", erklärt Schmidt. Sollte sich herausstellen, dass auch der Nagelbombenanschlag in Köln der Gruppe um die mutmaßlichen Heilbronner Polizistenmörder zuzuordnen ist, müssten sowohl Polizei als auch Verfassungsschutz in NRW einige Fragen beantworten. "Bei dem Anschlag ist ja lange darüber gerätselt worden, ob das nicht ein Anschlag der PKK gewesen ist. Und hier räumen auch führende Ermittler ein, dass man das vollkommen falsch bewertet hat."
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Vierter Tatverdächtiger in Hannover festgenommen
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WDR aktuell
14.11.2011 -
Vierter Tatverdächtiger in Hannover festgenommen
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Ermittlungen in rechtsextremistischer Szene
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WDR aktuell
14.11.2011 -
Ermittlungen in rechtsextremistischer Szene
Stichworte
- Extremismus
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Zur Unterscheidung der Begriffe "extremistisch" und "radikal" hat der Verfassungsschutz NRW auf seinen Internet-Seiten Definitionen veröffentlicht. Demnach werden die zwei Begriffe wie folgt unterschieden:
extremistisch: ziel- und zweckgerichtete Verhaltensweisen, durch die ein Verfassungsgrundsatz beseitigt oder außer Geltung gesetzt werden soll.
radikal: verfassungskritische Auffassungen und politische Handlungen. Der Begriff "radikal" ist nicht rechtlich definiert.
Der Verfassungsschutz hat in der Vergangenheit "extremistisch" und "radikal" gleichgewichtig benutzt. Das ist heute nicht mehr der Fall. Vielmehr weist er auf den "wichtigen Unterschied zwischen verfassungsfeindlichen 'Extremisten' und verfassungskritischen 'Radikalen'" hin.
Stand: 14.11.2011, 11.35 Uhr
Kommentare zum Thema (4)
letzter Kommentar: 15.11.2011, 09:20 Uhr
- Helmut G. schrieb am 15.11.2011, 09:20 Uhr:
- Ich frage mich, ob nicht ganz grundsätzlich die Rolle der V-Leute in der rechten Szene überprüft werden muss. Mein Eindruck ist mittlerweile, dass es sich bei vielen dieser V-Leute um weitgehend überzeugte Nazis handelt, die den Verfassungsschutz an der Nase herumführen. Da werden dann ein paar kleine, harmlose Interna ausgeplaudert, während die wichtigen Dinge verschwiegen werden. Aber der Verfassungsschutz ist beruhigt und forscht nicht weiter nach. Dafür bekommen die auch noch Geld, das sie schlimmstenfalls ihren "Kameraden" zur Verfügung stellen. Bei der Aufklärung von Straftaten helfen die V-Leute nicht viel weiter, weil sie dann auffliegen könnten, so die Angst des Verfassungsschutzes. Womöglich sind die an so mancher Straftat sogar aktiv beteiligt, um bloß nicht aufzufallen! Aber ich glaube nicht, dass die Verfassungsschutzämter willens sind, die Rolle und den wirklichen Nutzen ihrer angeblich ach so wichtigen Informanten der interessierten Öffentlichkeit darzulegen.
- Hans schrieb am 14.11.2011, 20:57 Uhr:
- Das traurige ist, daß der Verfasuungsschutz angefangen in Pulheim bis hin nach Thüringen auf dem rechten Auge bis heute absolut blind ist! Es wird dort nach dem Motto gehandelt: Es kann nicht sein was nicht sen darf!!! Angeblicher Linksterrorismus und radikale Islamisten, ja die werden mit sehr viel Akribi verfolgt. Was ich persönlich sehr gut finde. Aber rechter Terror, nein das kann und darf nicht sein! Und das sehen auch leider viele unserer Polizeibehörden!! Den Erfolg sehen wir jetzt und heute!!!! Jeder Terror sollte mit der gleichen Akribi verfolgt werden. Wann werden diese Behörden endlich wach????
- Ein Kölner schreibt schrieb am 14.11.2011, 18:32 Uhr:
- Für mich gibt es keinen Zweifel, dass hier Seilschaften dahinter stecken. Wer den Film "Barbie" gesehen hat, der weiß wie so etwas geht. Angefangen bei Bismarck über die Weimarer Zeit, die Nazizeit und nicht zu letzt die Besatzungszeit nach 1945, wo die Amerikaner diese Banditen wieder ins Geschäft brachten und in hohe deutsche Ämter einschleusten. Denken wir nur an Globke, Gehlen und Konsorten. Solange wir das nicht sehen und nicht handeln- wir haben ja noch eine Demokratie, kann der rechte Sumpf seine Verbrechen weiter unbeschwert und unbehelligt abwickeln. Ich sage nur armes Deutschland. PS: Der Film Barbie wurde vorige Woche vom Bayrischen Fernsehen um Null Uhr gesendet. Es wäre besser gewesen man hätte ihn nach der Tagesschau gezeigt. Wahrscheinlich hat auch hier der rechte Einfluss seine Finger im Spiel!
- Münsteraner schrieb am 14.11.2011, 16:11 Uhr:
- Liegt es nicht daran, dass die westlichen Geheimdienste alle miteinander ihr Augenmerk seit Jahrzehnten überwiegend auf den Linksterrorismus und seit 10 Jahren auch auf den islamistischen Terror richten? Das mag seine Wurzeln im Weltbild der 1950er Jahre haben, wo als "Feind" ausschließlich der Kommunismus galt und andererseits in Deutschland so mancher Altnazi sein Auskommen in den Geheimdiensten fand. Aber diese Blindheit der Geheimdienste auf dem rechten Auge war sicher mit verantwortlich dafür, dass solche Attentate wie das in Bologna 1980, das Oktoberfestattentat im gleichen Jahr oder das in Oklahoma City 1995 stattfinden konnten.
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