Unterwegs mit den Kleinparteien: Mit Gesang auf Stimmenfang
Sie stürzen sich begeistert in den Wahlkampf, opfern ihre Zeit und meist auch ihr Geld - und landen dann nicht im Landtag, sondern unbemerkt unter den "Sonstigen". Trotzdem sind Kandidaten der Kleinparteien auch diesmal wieder dabei.

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Wahlwerbung via Briefkasten
Knister, klapp. Knister, klapp. Das ist das einzige Geräusch, das die Stille an diesem frühen Samstagmorgen durchbricht: der Klang, der entsteht, wenn Papier sorgfältig geknickt wird und im Briefkasten verschwindet, wieder und wieder. Es sind Kandidatenbriefe, die Günter Pröhl in die Schlitze steckt. Der 57-Jährige ist Direktkandidat der Liberalen Demokraten, für die er in den Landtag einziehen will. Dafür hat er Urlaub genommen und Plakate geklebt. Und deswegen klappert er an diesem Morgen die Häuser in der Mülheimer Siedlung ab, klemmt seine selbstentworfenen Wahlaufrufe zwischen Morgenzeitung und Pizza-Werbung. Ob die nicht gleich wieder im Müll landen? "Naja, gelesen werden sie wohl", sagt er und nestelt die nächste Ladung Blätter aus einem Stoffbeutel. "Schließlich habe ich letztes Mal 100 Stimmen bekommen."
Bibeltreue, Kommunisten und Liberale Demokraten
Schwerpunkt
Letztes Mal: Das war bei der Landtagswahl 2005. Damals traten zwei Dutzend Klein- und Kleinstparteien an, die alle zusammen gerade mal die Fünf-Prozent-Hürde schafften - solche wie die Bibeltreuen Christen und die DKP, die Ökolinxe und die Grauen, Parteien ohne Promi-Gesichter und mit wenig Geld, aber viel Enthusiasmus. Der treibt auch Günter Pröhl auf die Straße. Nicht an einen Stand, "da bleibt eh keiner stehen", eher zu den Orts- und Vereinsfesten. Da kann er den Leuten in Ruhe erklären, dass die LD, einst aus Protest gegen den Bruch der sozialliberalen Koalition gegründet, bitte nicht mit der FDP verwechselt werden darf. Und dass er eine linksliberale Alternative sein und den Kommunen unter die Arme greifen will, wenn er denn gewählt werden sollte. Hier in der Siedlung besteht jetzt aber wenig Gesprächsbedarf. Eine junge Türkin schiebt ihre Kinder schnell an dem Mann im T-Shirt mit dem Parteien-Logo vorbei, ein Paar ruft ihm zu: "Sehen wir uns nachher?" Natürlich, da steht ein Vereinsschießen an, da muss er auch hin. Pröhl nickt nur kurz, faltet und wirft. "3.500 Briefe habe ich noch", sagt er - und nur noch zwei Wochen Zeit.
Hauptsache laut
Zwei Stunden später, auf der anderen Rheinseite: Die Stadt wird wach, in den Straßen von Ehrenfeld gibt es die ersten Staus. Mittendrin, ausstaffiert mit einem Transparent und packenweise Flugblättern, steht eine Truppe junger Leute von der "Bürgerrechtsbewegung Solidarität", kurz BüSo - mit unterschiedlichen Hautfarben und unterschiedlichen Akzenten, aber alle mit gewaltigen Stimmen. Die lassen sie quer über die Venloer Straße erschallen, während sie von einer Ecke zur nächsten ziehen: "Die Gedanken sind frei", singen sie, oder auch: "Glück auf, die BüSo kommt, sie hat allein das Patentrezept für Vollbeschäftigung". Die Rückkehr zur klassischen Bildung ist Teil der Parteiphilosophie, erklärt Stephan Hochstein, Kandidat für den Kölner Wahlkreis 15, in einer der wenigen ruhigen Minuten, "und Singen gehört dazu. Das lernen wir dann auch."
Beinah-Unfälle auf der Venloer Straße
Als Wahlkampfmittel ist das vielleicht nicht effizient: Vor fünf Jahren bekam die BüSo hier in Ehrenfeld gerade mal 94, landesweit gut 6.500 Stimmen. Aber hier, mitten im Verkehrsgewühl, erregt es Aufsehen. An den Häusern gehen Fenster auf, auf der Straße gibt es mehrere Fast-Auffahrunfälle. Und wer staunend stehenbleibt, hat ein Flugblatt in der Hand. Sogar der Mann am Stand der Linken, dem es etwas peinlich ist, damit erwischt zu werden. Ein Ende des "Drogenkrieges" in Afghanistan? Wiedereinführung der D-Mark? "Ich weiß nicht, ob ich das ernst nehmen soll", grummelt er.
Piraten auf Wahlfang

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Piratenpartei gewinnt Ratssitze in Aachen und Münster
Die BüSo-Truppe ist unterdessen singend weiter gezogen, vorbei an der Kirche St. Joseph. Da sollten jetzt eigentlich die Piraten stehen, mitsamt ihrem mobilen Piratenschiff, einem umfunktionierten Handkarren voller Flyer und Programme. Aber Mike Nolte, Informatiker und Kandidat der Piraten für den Wahlbezirk, hat Probleme, das Teil allein ins Auto zu hieven. "Das kommt davon, wenn man solche Termine spontan ansetzt. Da fehlen dann die Leute", erklärt er, als er, das Schiff im Schlepptau, endlich ankommt - ein knalloranges und schon deswegen aufsehenerregendes Gefährt. "Jetzt aber schnell die Segel setzen!", treibt er seine Mitstreiter an. Samstagmittag, gutes Wetter, viele junge Leute auf der Straße: ideale Bedingungen für Piraten auf Wahlfang.
Reden, reden, reden
Dabei sind sie sozusagen in heimischen Gewässern unterwegs. Fast 2.800 Stimmen hat die Partei bei der Bundestagswahl hier in Ehrenfeld bekommen, über 150.000 in NRW - und das, obwohl sie als reine Internet-Partei gilt. Nolte will noch mehr holen, geht dafür ganz traditionell an einen Stand in der Innenstadt, schlägt sich aber auch die Nächte um die Ohren, um vor Diskos und Kneipen zu diskutieren. Das war letzte Nacht so, das wird auch heute Nacht so sein. Aber jetzt steht er vor der Kirche, verteilt aus dem Bauch des Schiffes Flyer mit dem Parteiprogramm ("Wir sind keine Internetpartei!") und streitet mit SPD-Anhängern über deren vermeintlichen Zensurpläne. Vor allem redet er: Zehn Minuten über Energiepolitik mit einem jungen Mann mit Dreadlocks, drei Minuten mit einem Rentner, der sich über die Kopfpauschale beschwert, fast eine halbe Stunde mit einem Flipflop-beschuhten und gepiercten Frühdreißiger - über das dreigliedrige Schulsystem ("Da bin ich dagegen"), die Abschaffung von Subventionen (dafür) und die Videoüberwachung (dagegen). Dass die BüSo-Truppe wieder vorbeizieht, diesmal im Auto und mit Megaphon, bekommt er gar nicht mit.
Hoffen auf die Mundpropaganda
Der selbe Wahlkreis, eine andere Welt: In Ossendorf, wenige Kilometer nördlich der Venloer Straße, sitzt Hans Peter Weiß unterm Sonnenschirm, links einen Pool, vor sich Bekannte, die ihn zum Gespräch eingeladen haben - die personifizierte Basis, wenn man so will. Weiß mag solche Hausbesuche: "Da erfahre ich, was die Leute über Politik denken." Und er kann gleich erklären, wie er denkt: Der Betriebswirt will in den Landtag, als Einzelbewerber, das heißt ohne die Rückendeckung einer Partei - und ohne Plakate, Flugblätter oder Luftballons. Also setzt er darauf, dass die Gespräche im Garten weitergegeben werden. "15.000 Stimmen brauche ich wohl, um einzuziehen", rechnet er vor - und ist selbstbewusst genug anzunehmen, dass er die bekommt, obwohl alle Einzelbewerber im Land 2005 zusammen nur gut 5.000 Stimmen bekamen. Weiß, der mit dem Slogan "Nicht links, nichts rechts, einer aus Eurer Mitte" wirbt und Kölner Themen im Blick hat, bleibt dabei: "Ich habe hier einen sehr hohen Bekanntheitsgrad. Und einige habe ich ja schon überzeugt."
Volkes Seele, Volkes Stimme
Die Runde unterm Sonnenschirm auch? Es scheint nicht so, zu heftig ist der Schlagabtausch - vor allem, wenn es um "die Ausländer" geht. Egal, welches Thema Weiß anschneidet - seinen Besuch in einer Jugendeinrichtung, die von Mittelkürzungen betroffen ist, die Zusammenlegung der Ordnungsämter, die jüngsten Studentendemos: Das Gespräch kommt wieder darauf zurück. Weiß wundert sich, beschwichtigt, argumentiert; leicht machen es ihm die Sechs nicht. Wählen werden sie ihn trotzdem, "selbstverständlich!" "Die Großen, die eh nur tun, was sie wollen, die hätten meine Stimme sowieso nicht bekommen", kommt es trotzig aus der Runde.
Der Wahlkampf geht weiter
Der Wahlkampftag ist damit für Weiß gelaufen, er will erst am Sonntag weitermachen, Vereine besuchen. Die BüSo-Truppe steht noch in der Kölner Fußgängerzone, in Sichtweite der Piraten, die mit ihrem Schiff dorthin gezogen sind. Und Günter Pröhl ist in den Kneipen unterwegs und redet mit den Leuten. Am Sonntagmorgen wird er wieder Kandidatenbriefe verteilen: "Für mich gibt es momentan keinen Feiertag."
Stand: 25.04.2010, 10.43 Uhr
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