Inklusion in NRW "Ich sehe gar nicht, wer hier Förderbedarf hat"

Von Martina Züger

Viele Eltern von Kindern mit Handicap wünschen sich für den Nachwuchs Plätze an Regelschulen. Auch Birgit Walter hat den Schritt gewagt: Ihre Zwillingstöchter gehen zur Gesamtschule Essen-Holsterhausen. WDR.de hat mit der Mutter eine Doppelstunde Englisch besucht.


Sonderschulpädagoge Bernhard Haußmann und Klassenlehrerin Ivonne Spindler im Englischunterricht
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Ruhe bitte! Sonderschulpädagoge Bernhard Haußmann und Klassenlehrerin Ivonne Spindler im Englischunterricht

Die Kinder drehen an den Zeigern von Pappuhren. "What's the time, please?", lesen sie an der Tafel. Klassenlehrerin Ivonne Spindler und der Sonderschulpädagoge Bernhard Haußmann verteilen zwei Arten von Arbeitsblättern: Auf einem sind runde Uhren mit Zeigern abgebildet, auf dem anderen werden sie digital angezeigt. "Die digitalen Uhren gebe ich denjenigen, die noch Probleme haben, die Uhr zu lesen", erklärt Spindler. "Ich nehme dann die schweren Uhren", sagen einige Kinder sofort. Aber Birgit Walter flüstert: "Wäre schön, meine Mädchen würden die Digitaluhr bekommen, das Uhrenlesen beherrschen sie noch nicht so gut." Ihre beiden Zwillingstöchter, Annabelle und Josefine, elf Jahre alt, gehören zu den acht Kindern mit Handicap in der Klasse 5a, der Inklusionsklasse an der Gesamtschule Essen-Holsterhausen. Ab dem Schuljahr 2013/14 werden alle behinderten Kinder einen Rechtsanspruch auf inklusives Lernen haben.

Walter-Schwestern streben Schulabschluss an

Von den insgesamt 22 Schülern in der 5a werden fünf behinderte Kinder zieldifferent unterrichtet; sie streben keinen regulären Abschluss an und bekommen meist keine Noten. Für die drei anderen Schüler mit Einschränkungen heißt die Unterrichtsart zielgleich: Die Lehrer glauben, sie können einen Haupt- oder Realschulabschluss schaffen. Dazu gehören die Walter-Schwestern. "Ich sehe gar nicht, wer hier Förderbedarf hat und wer nicht", sagt Birgit Walter, als sie die Gesichter hinter den u-förmig gestellten Tischen betrachtet. Zum ersten Mal erlebt sie ihre Töchter an der Gesamtschule im Unterricht.

"Kinder akzeptieren sich schnell"


Klassenlehrerin Ivonne Spindler mit Josefine und Annabelle Walter im Englischunterricht
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Ivonne Spindler erklärt Josefine und Annabelle die Uhr

Auf den ersten Blick fallen nur Heinrich und Yannick auf – wegen ihrer Integrationshelfer. Zwei Frauen sitzen direkt hinter den beiden Schülern, damit sie beim Thema bleiben, und schreiben auch hin und wieder mit, damit wirklich alles im Heft steht. Heinrich, Yannick und die beiden Walter-Schwestern füllen das Arbeitsblatt mit den Digitaluhren aus. Josi, wie sie ihre Mitschüler nennen, meldet sich und nennt mit "twenty past eight" die korrekte Uhrzeit. "Perfekt", sagt Lehrerin Ivonne Spindler, die viel lobt. Yannick legt den Kopf auf die Bank, reißt ihn wieder hoch, wedelt mit dem Hefter in der Luft. Die anderen Kinder ignorieren die Phasen, in denen er sich nicht konzentrieren kann. "Am Anfang fragten die Schüler zum Beispiel, warum humpelt Josi? Ich habe es erklärt und dann war es gut. Kinder akzeptieren sich schnell", erinnert sich der Bernhard Haußmann, seit elf Jahren Sonderschulpädagoge an der Gesamtschule mit wöchentlich 25 Unterrichtsstunden.

Für die Förderschule nicht gehandicapt genug


Birgit Walter mit ihren Zwillingstöchtern Annabelle und Josefine auf dem Schulhof der Gesamtschule Essen-Holsterhausen
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Birgit Walter konnte sich für ihre Mädchen nie eine Förderschule vorstellen

Birgit Walter ist vom Unterricht an der Gesamtschule überzeugt. "Frau Spindler lässt die schwächeren Schüler nicht spüren, was sie noch nicht so gut können." Annabelle und Josefine konnte sie sich nie an einer Förderschule vorstellen. Sie seien genau dazwischen: für die Förderschule nicht gehandicapt, für eine normale Klasse nicht selbstständig genug. Die Zwillinge kamen 14 Wochen zu früh zur Welt, wogen unter tausend Gramm. "Seitdem machen sie alles etwas langsamer, von der Motorik und vom Kopf her", erklärt Walter. Geblieben ist beiden eine Spastik im Bein. Josefine humpelt etwas, sie trägt eine Unterschenkelorthese, die die Muskeln streckt. Annabelles rechter Fuß neigt sich stark nach innen. "Weil sie heute ihre Einlagen nicht im Schuh trägt", erklärt die Mutter. "Aber trotz der Spastik können sie sich gut bewegen, können lesen, schreiben, radfahren, schwimmen. Annabelle lernt Klavier, Josi Cello. Sie brauchen aber für alles etwas länger, vieles muss wiederholt werden", sagt Birgit Walter.

Lernatmosphäre ist ruhiger und rücksichtsvoller


Sie verteidigt das Konzept der Inklusion in jeder Hinsicht: "Verschiedenheit ist normal, also warum soll man die verschiedenen Schüler trennen? Die stärkeren helfen den schwächeren, und auch die Kinder ohne Handicap lernen etwas: Rücksichtnahme und soziale Kompetenzen." Tatsächlich ist die Lernatmosphäre ruhiger und weniger schadenfroh. "Der Umgang untereinander ist drastisch besser als in den vier Parallelklassen. Wir sind zwei Lehrer, das bedeutet schlichtweg ein mehr an Kontrolle", erklärt Haußmann später in der Pause. Davon würden alle Schüler profitieren - vor allem diejenigen im Mittelfeld. "Auch wenn sie es nicht immer zugeben: Sie sind glücklich über die vielen Wiederholungen", so Spindler. Und Haußmann ergänzt: "Grundsätzlich neigen wir dazu, Kleinigkeiten aus dem Lehrplan wegzulassen, die Grundlagen aber intensiver zu lehren."

Andere Arbeitsblätter für die Kinder mit Förderbedarf

Für die Lehrer ist der Umgang mit den unterschiedlichen Stärken der Schüler immer wieder eine Herausforderung. "Wir müssen den Kindern mit Förderbedarf viel Extra-Material anbieten", erklärt Ivonne Spindler. "Wir müssen andere Arbeitsblätter bereithalten und auch Klassenarbeiten anders bewerten." In der 5a seien drei Schüler, die kein Verständnis für Zahlen haben, wahrscheinlich nie ein schriftliches Rechenverfahren wie Addition oder Division beherrschen werden. "Wir müssen noch überlegen, was wir mit den drei Kindern machen", so Spindler. Vermutlich wird der Sonderpädagoge Bernhard Haußmann bald mit ihnen in den Nebenraum gehen, in dem man ein rotes Bett von der Wand klappen kann, falls sich ein Kind ausruhen will. Vor allem in den Fächern Mathematik und Englisch – sobald die Grammatik beginnt – macht Haußmann sozusagen Förderunterricht in kleiner Runde.

Mädchen fühlen sich gut aufgehoben und behütet

Ivonne Spindler läutet ein rotes Glöckchen, die Übung mit den Uhren ist beendet. Nach dieser Stunde laufen Josefine und Annabelle mit ihrer nicht behinderten Freundin und Banknachbarin Anna über den Hof. Sie fühlen sich in der Klasse gut aufgehoben und behütet, erzählen sie. Ihre Lieblingsfächer seien Technik und Deutsch. Nach dem Winter will Birgit Walter ihre beiden Töchter mit dem Schulbus in die Gesamtschule schicken. "Vielleicht ist es schon jetzt falsch, sie länger mit dem Auto zu fahren. Wir als Eltern müssen uns überwinden und ihnen immer mehr zutrauen", sagt sie und schaut den beiden rennenden Mädchen hinterher.

Wie werden sich Annabelle, Josefine, Yannick und die Anderen in der 5a weiterentwickeln? WDR.de wird die Klasse an der Gesamtschule Essen-Holsterhausen im Laufe des Schuljahres wieder besuchen.

Stichworte

Rechtsanspruch

Ab dem Schuljahr 2013/14 sollen alle behinderten Kinder einen Rechtsanspruch auf den Platz an einer allgemeinen Schule in zumutbarerer Entfernung haben, heißt es im Papier "Zusammen lernen – zusammenwachsen – Eckpunkte für den Weg zur inklusiven Schule in NRW" von SPD und Grünen. Der Elternwille bleibt jedoch entscheidend: Wer sein Kind an eine Förderschule schicken will, darf dies weiterhin tun. Um den Rechtsanspruch im Schulgesetz verankern zu können, wird der NRW-Landtag voraussichtlich im Herbst 2012 eine Schulgesetzänderung beschließen. Der Inklusionsplan der rot-grünen Regierung sieht Vorreiterschulen vor, die ab Sommer 2013 mit neuen Inklusionsklassen den Rechstanspruch in den Klassenstufen 1 und 5 sichern. Diese Schulen erhalten zusätzliche Stellen für Lehrer und Sonderpädagogen und nicht näher bezifferte Starter-Budgets.

Das Eckpunktepapier ist Teil des umfassenden Aktionsplans "Eine Gesellschaft für alle – NRW inklusiv", der die Teilhabe von behinderten Menschen in allen Lebensbereichen voranbringen will. Dazu gehören auch Maßnahmen wie behindertengerechte Wohnprojekte und der Ausbau von Integrationsbetrieben, in denen Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenarbeiten.

Inklusion

Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich die Bundesrepublik wie alle anderen Vertragsstaaten dazu verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen einzurichten. Damit soll das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen zum Regelfall werden. Gegen den Willen der Eltern darf ein behindertes Kind nicht mehr auf die Förderschule geschickt werden. Der Fachausdruck dafür lautet Inklusion, lateinisch für Einschluss. Die UN-Konvention "Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" ist seit 2009 in Deutschland verbindlich, 2010 hat NRW-Landtag diesem Ziel formal zugestimmt


Stand: 25.09.2012, 08.42 Uhr


Kommentare zum Thema (22)

letzter Kommentar: 27.09.2012, 11:41 Uhr

bürger schrieb am 27.09.2012, 11:41 Uhr:
Bei der Lektüre der Kommentare zum Thema (nicht nur hier) fällt immer ins Auge, dass sich die Fraktion der absoluten Inklusionsgegner sehr hervor tut. Dabei wird für mich deutlich, dass mit der Inklusion offensichtlich die Gefahr / die Angst der eigenen Statusabwertung verbunden wird. - Mein Kind soll als angehende Elite nicht mit der (unterstellten) Behinderung im Lernprozess durch Behinderte konfrontiert werden. - Ich als Lehrerin (insbesondere eine weiterführenden Schule mit höherem Status, sprich: Realschule oder gar Gymnasium) muss mich nicht um die Stoffvermittlung an falsch eingeschulte Kinder kümmern. - Ich als tragende Säule unserer Leistungsgesellschaft habe ein Recht darauf von den gesellschaftlichen drop-outs nicht belästigt zu werden. Wahrlich überspitzte Formulierungen!? All jenen, die in ihren Kommentaren ihre deutliche Ablehnung gegen den Inklusionsgedanken zum Ausdruck bringen, wünsche ich auch in Zukunft ein "gesundes", nichtbehindertes Leben.
Karin Reske schrieb am 26.09.2012, 14:06 Uhr:
Dass die Mutter den Förderbedarf einzelner Kinder nicht sieht, wundert mich nicht. Woher sollte sie wissen, was und wie Kinder in diesem Alter lernen, sie hat ja nur zwei. Dass Inklusion nicht heißen muss "Alle in einem Raum, koste es, was es wolle ", ist wohl bei den ""Systemveränderern" nicht angekommen. Entscheidend ist nämlich, dass die Behinderten innerhalb des Systems einen ihnen angemessenen Platz finden, also auch die Schulabschlüsse, die sie erreichen können, an den jeweiligen Förderschulen machen können. Das können sie hier schon seit Jahrzehnten. Aber einige können keine der vorgesehenen Abschlüsse erreichen. Das ändert auch das Zusammensperren vieler Kinder und konkurrierender PädagogInnen in einem Raum nicht ohne Dauermogeln. Und genau das ist die Lüge der "Inklusion" der Frau Löhrmann und anderer "Bildungssozialisten". Die Eltern, die oft nichts von Schule verstehen, glauben nun, es ginge, dass ihre Kinder auch die höheren Bildungschancen bekommen.
Karin Reske schrieb am 26.09.2012, 13:56 Uhr:
Ohne mich in ketzerischer Weise zum Hauptthema zu äußern, weise ich darauf hin, dass hier wohl von einer Englischstunde die Rede war. Das Ablesen der analog dargestellten Uhrzeit auf so altmodischen Uhren mit Zeigern unterscheidet sich da etwas von der in deutscher Sprache und musste auch vor vierzig Jahren schon etwas länger geübt werden. Heute können die Kinder das wohl auch auf Deutsch nicht, denn das Handy hat keine Zeiger. Und bevor da eine Lehrerin den Stoff der zweiten Klasse auf Deutsch durchnimmt, bevor sie das entsprechende auf Englisch mit den "Hochbegabten" paukt, lässt sie es eben ganz. Die Kinder werden es schon merken, wenn sie in den teuren Sprachferien ihre Termine verpassen, weil jemand so altmodische Zeitangaben benutzt.
Vater schrieb am 26.09.2012, 12:34 Uhr:
Mein blindes Kind hat kürzlich auf einer "Sonderschule" ein Einser-Abitur hingelegt, mit maximaler Individualförderung. Das wäre inklusiv auf einer Regelschule nicht möglich gewesen. Ich schlage jeden Tag dreimal das Kreuz dass mein Kind durch ist bevor der Wahnsinn hier richtig los geht. Deutschland schafft sich ab und zwar auf allen Ebenen.
Ich schrieb am 26.09.2012, 01:29 Uhr:
Nun sind es aber nicht nur die "lieben", angepassten Schüler, die demnächst den Unterricht an den Regelschulen bereichern. Schön wäre mal eine Berichterstattung, die den inklusiven Unterricht mit erziehungsschwierigen Kindern zeigt....

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