Gremium für Menschen mit Behinderung: Inklusionsbeirat eine Alibiveranstaltung?
Menschen mit Behinderung werden seit Donnerstag (20.12.2012) in NRW von einem Inklusionsbeirat vertreten. Das Gremium berät die Landesregierung, soll dabei aber mit einer Stimme sprechen. Bei den sehr unterschiedlichen Interessen keine leichte Aufgabe. Schon urteilt die Opposition: eine Alibiveranstaltung.

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Inklusion beginnt in Schule und Kindergarten
Da wäre zum Beispiel die Sache mit dem Bordstein. Für Blinde und Sehbehinderte kann die Bordsteinkante am Fußweg nicht hoch genug sein. Wie sollen sie sonst wissen, wo der Bürgersteig endet und die Straße beginnt? Soll man also künftig beim behindertengerechten Ausbau der Innenstädte hohe Bordsteinkanten einplanen? Wohl kaum. Denn für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer sind das nur schwer zu überwindende Hindernisse. Ein echter Interessenkonflikt.
"Gewichtige Stimme für behinderte Menschen im Land"
Um solche Probleme wird es im neu konstituierten Beirat für Inklusion wohl häufiger gehen. Er besteht aus mehr als 40 Vertretern der unterschiedlichsten Verbände, Interessengemeinschaften, der Städte und vieler anderer. Ihr gemeinsames Ziel ist die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Diese besagt, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt in allen Bereichen der Gesellschaft barrierefrei teilhaben sollen. Der Inklusionsbeirat soll die Landesregierung bei diesen Themen beraten und - wie es heißt - Handlungsempfehlungen aussprechen. "Damit bekommen behinderte Menschen in unserem Land eine gewichtige Stimme", sagt NRW-Sozialminister Guntram Schneider, dessen Haus die Federführung bei der Inklusion hat.
Rechtsanspruch auf inklusives Lernen ab August

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Als Fachkräfte gebraucht
Das klingt zunächst gut. Und Schneider betont bei der Konstituierung des Beirats im Düsseldorfer Landtag, wie wichtig das Thema Inklusion für die Landesregierung sei. Alle Gesetze und Verordnungen des Landes sollen in den kommenden Jahren daraufhin überprüft werden, ob sie der Behindertenrechtskonvention entsprechen, verspricht der Minister. In einem Aktionsplan sind zudem mehr als hundert Maßnahmen aufgelistet, die die Landesregierung bis zum Jahr 2020 ergreifen will, um das Land barrierefreier zu machen.
Zu den wichtigsten Projekten zählt dabei ohne Zweifel die Inklusion behinderter Schüler in die Regelschulen. Schon im kommenden Sommer beginnt der Rechtsanspruch auf inklusives Lernen. Aber auch im Alltag, beim Wohnungsbau, in öffentlichen Verkehrsmitteln und nicht zuletzt der Arbeitswelt sollen Menschen mit Behinderung Stück für Stück integriert werden. "Wir brauchen diese Menschen als Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt", sagt Schneider. Die Gesellschaft müsse so beschaffen sein, dass Menschen mit Behinderung voll partizipieren könnten.
Inklusives Lernen für alle?

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Blinde haben andere Prioritäten als Gehörlose
Bei solchen Sätzen herrscht natürlich Konsens unter den in Düsseldorf versammelten Vertretern der Behindertenverbände. Als es aber darum geht, wie die Arbeit des Inklusionsbeirates konkret aussehen soll, wird schnell klar, wie unterschiedlich die Interessen sind. Blinde haben andere Prioritäten als Gehörlose, Gehbehinderte andere als geistig Behinderte. So betont beispielsweise Professor Theresia Degener von der evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen, wie wichtig inklusives Lernen sei. Auf Dauer, sagt sie, könne man sich zwei Systeme nebeneinander - also Regelschulen und Förderschulen - nicht leisten. Martin Magiera, Dozent für Gebärdensprache, meint hingegen, hörgeschädigte Kinder sollten in speziellen Förderschulen bleiben. Auf einer Regelschule würden sie ansonsten schnell isoliert.
"Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht lähmen"
Nun lässt sich argumentieren, dass widerstreitende Meinungen durchaus auch eine Stärke sein können. Allerdings hat Sozialminister Schneider eine Entscheidung getroffen, die bereits im Vorfeld für Verstimmung gesorgt hat. Der Inklusionsbeirat nämlich soll nach dem Willen des Ministers nur dann Empfehlungen an die Regierung aussprechen, wenn sie einstimmig zustande gekommen sind. Das werde nicht funktionieren, meinen Behindertenverbände. "Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht lähmen", sagt Behindertenvertreterin Geeseke Wörmann. Die CDU im Landtag ist ebenso skeptisch: "Wird dort wirklich beraten oder ist das eine Alibiveranstaltung?", fragt Fraktionsvize Klaus Kaiser. Der Minister weist die Kritik zurück. "Eine Organisation, eine Stimme", das sei der bessere Weg.
Vertreter der Wohlfahrtsverbände blieben aus Protest fern
Davon abgesehen sind die "Empfehlungen" des Beirates an die Landesregierung keinesfalls bindend. Schneider betont zwar, dass sie "mehr als nur zur Kenntnis genommen" würden. Gleichzeitig stellt er alle Maßnahmen unter Finanzierungsvorbehalt. "Nicht alles, was notwendig wäre, können wir auch umsetzen", sagt er mit Blick auf die Landesfinanzen. Da passt es ins Bild, dass die Vertreter der freien Wohlfahrt der konstituierenden Sitzung des Beirates aus Protest fern geblieben sind. Der Grund: Das Land hat beschlossen, die Zuschüsse für die Wohlfahrtsverbände im kommenden Jahr von 7,2 auf 2,8 Millionen Euro zusammenzustreichen.
Leicht wird die Arbeit des neuen Gremiums also wohl nicht. Wenigstens gibt es bei der Sache mit den Bürgersteigen eine Lösung. Bordsteinkanten sollen künftig drei Zentimeter hoch sein. Nicht mehr und nicht weniger.
Stichworte
- Inklusion
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Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich die Bundesrepublik wie alle anderen Vertragsstaaten dazu verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen einzurichten. Damit soll das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen zum Regelfall werden. Gegen den Willen der Eltern darf ein behindertes Kind nicht mehr auf die Förderschule geschickt werden. Der Fachausdruck dafür lautet Inklusion, lateinisch für Einschluss. Die UN-Konvention "Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" ist seit 2009 in Deutschland verbindlich, 2010 hat NRW-Landtag diesem Ziel formal zugestimmt
Stand: 20.12.2012, 16.54 Uhr
Kommentare zum Thema (4)
letzter Kommentar: 21.12.2012, 08:32 Uhr
- der Pfleger schrieb am 21.12.2012, 08:32 Uhr:
- Förderschulen werden den Behinderten am ehesten gerecht. Nicht umsonst wurden sie damals gegen viel Wiederstand eingeführt. Inklusion wird seit Jahren gelebt an einzelnen Schulen mit einzelnen Kindern, aber nur da wo es dem Behinderten auch hilft und andere Schüler nicht darunter zu kurz kommen. Die gesammte Diskusion ist doch nur ein unwürdiger Einsparungsversuch auf kosten der behinderten Kinder. Übrigens ein Behinderter kann nicht normal leben, eben wegen seiner Behinderung. Aber normal Lebende können ihm Respekt und Hilfe entgegenbringen ohne einfach verschämt und hilflos drüber weg zu sehen das wäre hilfreicher. Doch was will man von einer Generation erwarten die in unserem Land täglich Tausend Abtreibungen durchführt und nun auch versucht aktive Sterbehilfe bei Älteren einzuführen wie bereits in der Schweiz + Holland. Einen Hund bringt man zum einschläfern zum Arzt, aber wollen wir das auch für Oma + Opi? Das Christliche Menschenbild geht uns immer mehr verlohren. Leider!!!
- Fredo schrieb am 21.12.2012, 00:56 Uhr:
- Deutschland lebt von Alibi Institutionen - deren Sinn macht nur für viele einen finanziellen Sinn. Hauptsache so tun als ob.
- Paul aus OWL schrieb am 20.12.2012, 20:14 Uhr:
- Inklusion fängt in den Köpfen an. Wer hofft über einen Inklusionsbeirat vertreten zu werden der irrt. Beiräte waren schon immer zahnlose Gremien die als Alibi fungieren. Warum solch ein Gremium dann auch noch einstimmige Empfehlungen abgeben soll ist völlig rätselhaft. Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beschreibt recht detailliert wie Inklusion zu leben ist und was getan werden muss. Seit 3 Jahren gibt es keine echten Konzepte. Jedes Bundesland geht eigene Wege. Die Kommunen berufen sich wiederum auf die Landesregierungen und tun ebenfalls nichts. Das Ergebnis ist beschämend. Außer Vorträgen, Hochglanzbroschüren und Arbeitskreisen passiert nichts. Bei den Menschen ohne Behinderung wird Inklusion nur mit Kosten und Arbeitsbedingungen von Pädagogen verbunden. Bei Menschen mit Behinderungen kommt wenig von den Ideen der Konvention an. Inklusion ist übrigens in jedem Alter wichtig. . Es ist ein langer Weg der wohl nie ein Ende hat.
- DetlefausDuisburg schrieb am 20.12.2012, 17:28 Uhr:
- Arbeitskreis halt, nicht mehr. Einer, der nichts zu sagen hat. Die Inklusion wird, wenn man nicht sehr behutsam vorgeht, scheitern. Viele Eltern wollen ihre behinderten Kinder auf den Förderschulen belassen. In Wirklichkeit geht es doch nicht um wohlfeile Integration, sondern darum Geld zu sparen.
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