Schulbeginn in NRW Förderschulen sind Schutzraum

Von Martina Züger

Behinderte Kinder, die an allgemeinen Schulen lernen - ihre Zahl nimmt auch in diesem Schuljahr zu. Laut Schulministerium sollen 85 Prozent der Förderschüler bis 2020 inklusiv unterrichtet werden. Doch längst nicht alle Eltern wollen ihr behindertes Kind auf eine Regelschule schicken.


Julia Rohlfs ist Autistin
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Die zehnjährige Julia ist Autistin und besucht eine Förderschule

Als Andrea Rohlfs ihre Tochter fragt, ob sie die Olympischen Spiele im Fernsehen gucken will, sagt Julia: "Keine Olympiade, keine Olympiade, keine Olympiade, keine Olympiade". Eine Stunde lang wiederholt die Zehnjährige beide Wörter. Julia ist Autistin, sie nimmt ihre Umwelt intensiver wahr als andere Menschen. Schnell entsteht eine Reizüberflutung, ein Chaos in ihrem Kopf. Hohe Lautstärke zum Beispiel oder Worte und Sätze, die ihr nicht gefallen, lösen Schreiattacken aus oder endlose Wortwiederholungen. Julia, blaues Stirnband, blaues Tour-T-Shirt von Yusuf Islam, besucht die 5. Klasse einer Düsseldorfer Förderschule mit dem Schwerpunkt "Geistige Entwicklung". "Jedes behinderte Kind wird von einer allgemeinen Schule ungemein profitieren. Jedes Kind ist inklusierbar", sagt ihre Mutter zum Thema Inklusion. "Doch meine Tochter auf eine allgemeine Schule zu schicken - das ist undenkbar, zumindest unter den derzeitigen Bedingungen." Sie befürchtet, ihre Tochter könnte nicht gut genug betreut und als Außenseiterin betrachtet werden.

Deutlich mehr integrative Lerngruppen in NRW


Dabei stehen die Chancen auf einen inklusiven Platz bereits ein Jahr vor dem Rechtsanspruch gut wie nie. 19 integrative Lerngruppen, also Klassen in denen behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam lernen, gab es 2011/12 in Düsseldorf, mit Beginn des neuen Schuljahrs gehen 31 an den Start. "Der Eindruck ist richtig, dass bereits jetzt fast allen Eltern, die dies wünschen, ein solcher Platz angeboten werden kann, wenn auch nicht an jeder beliebig gewünschten Schule", erklärt Bernhard Hamacher von der Bezirksregierung Düsseldorf.

Bis 2020 kaum noch Schüler an Förderschulen


Grundschule praktiziert das Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kinder
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Behinderte und nichtbehinderte Kinder lernen gemeinsam an der Grundschule

Von 2,7 Millionen Schülern in NRW haben 130.000 Förderbedarf. Die große Mehrheit von ihnen - 83 Prozent - lernt an Förderschulen mit einem von sieben Schwerpunkten: "Emotionale bzw. soziale Entwicklung", "Geistige Entwicklung", "Hören", "Sehen", "Sprache", "Lernen" und "Körperliche bzw. motorische Entwicklung". Derzeit gibt es in NRW mehr Förderschulen als Gymnasien - in Förderschulen sind die Klassen allerdings viel kleiner, 13 Kinder gehen zum Beispiel in Julia Rohlfs Klasse. Die beiden Bildungswissenschaftler Klaus Klemm und Ulf Preuss-Lausitz prognostizieren in einem Gutachten für das Schulministerium, 85 Prozent der Förderschüler könnten bis 2020 an Regelschulen unterrichtet, ein Großteil der Förderschulen also überflüssig werden.

"Nicht jedes Kind ist für die Regelschule geeignet"

Theo Teigeler von der Landeselternschaft der Förderschulen mit dem Schwerpunkt "Geistige Entwicklung" ist jedoch - wie viele Eltern von Förderkindern - zufrieden mit den Einrichtungen. "Bestimmt nicht jedes Kind ist für eine Regelschule geeignet. Das Gefühl, immer der letzte zu sein, immer hinten anzustehen, ist für manche Förderkinder schwer zu ertragen. Man muss die Grenzen unserer Kinder sehen. Förderschulen sind ein Hort, ein Schutzraum", sagt Teigeler, dessen 18-jähriger Sohn Christoph selbst eine Förderschule besucht.

Wie integiert man Schreiattacken in den Unterricht?

"Wir haben Angst, dass unsere Kinder an der normalen Schule die Exoten bleiben", sagt auch Andrea Rohlfs aus Düsseldorf. Am schwersten zu integrieren seien Julias Schreiattacken: An schlechten Tagen hat sie drei, an guten nur eine. Sie brauche dann einen Raum, in den sie sich jederzeit zurückziehen und beruhigen kann – und eine Bezugsperson, die ihr dabei hilft. "Autisten haben einen enormen Betreuungsbedarf", sagt Rohlfs. Julia hat zur Zeit den Wissensstand einer Fünfjährigen.

Kleine Klasse und immer zwei Lehrer


Andrea Rohlfs ist Mutter einer Autistin
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Andrea Rohlfs fordert zwei Lehrer in der Klasse

Kleine Klassen und viel Betreuung - das wünschen sich Andrea Rohlfs und auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Das bedeutet für Andrea Rohlfs: maximal 20 Kinder in der Klasse, davon höchstens fünf mit Förderbedarf. Unterrichten sollen durchgehend zwei Lehrer, einer davon am besten ein Sonderschulpädagoge. Beides ist derzeit nicht der Fall. Zwar dürfen tatsächlich nur höchstens fünf Kinder mit Förderbedarf in einer Klasse sitzen, eine Begrenzung der Klassenstärke allerdings gibt es nicht. "Eine normale Klassenstärke, das lässt sich für unsere Kinder nicht machen. Wir sind nicht gegen Inklusion, der Grundgedanke ist gut. Wir sind nur dagegen, dass unsere Kinder auf dem Flur beschult werden, weil sie den normalen Unterricht stören", sagt Theo Teigeler. Doch er betont: "Mit kleinen Klassen ist eine Menge möglich."

Auch eine durchgehende Doppelbesetzung bei den Lehrern ist derzeit nicht vorgesehen. Beim Förderbedarf "Lernen" ist ein Sonderpädagoge je Förderkind 2,6 Stunden in der Woche anwesend, beim Schwerpunkt "Geistige Entwicklung" immerhin 4,5 Stunden. Das ergibt bei fünf Förderkindern in der Klasse ja nach Schwerpunkt zwischen 13 und 22,5 Wochenstunden. Die restlichen Stunden verbringt der Sonderschulpädagoge an der Förderschule, von der er stammt.

Förderschulen werden weiterhin wichtig bleiben

Die Förderschulen selbst kennen ihren Vorzüge: viel Platz, kleine Klassen, gute Ausstattung – und vor allem eine langjährige, intensive Erfahrung mit behinderten Kindern. "Fast alle Eltern ziehen integrative Klassen vor – wenn diese ihren Qualitätsvorstellungen entsprechen würden", sagt Wolfgang Reif, Schulleiter der Franz-Marc-Schule in Düsseldorf, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt "Geistige Entwicklung". "Doch viele Eltern sagen zurzeit: Die Regelschulen sind noch nicht soweit. Die Förderschule ist der bessere Ort für mein Kind." Die Schülerschaft an der Franz-Marc-Schule hat sich von 90 Schülern Anfang der 90er-Jahre bis zu heute 160 Schülern stets vergrößert. "Der Trend wird in den nächsten Jahren bleiben, der Bedarf ist da", so Reif.

Julia zeigt unberechenbares Verhalten

Auch Andrea Rohlfs glaubt, dass die Düsseldorfer Förderschule mit Julias unberechenbarem Verhalten zur Zeit besser umgehen kann als eine allgemeine Schule. Zu Hause steigt Julia zwischen Wänden aus Sichtbeton und Glas in ihr Zimmer im ersten Stock und liest "Conni erlebt die Jahreszeiten". "Kastanie, Kastanie", murmelt sie. Auch das ist ein überraschendes Verhalten für die Mutter, die ihre Tochter nur selten so gelassen erlebt: "Sich zurückzuziehen, nichts zu wollen, das geschieht zwei Mal im Jahr." Am frühen Nachmittag hat sie vorsorglich bereits den Feldsalat fürs Abendessen geschleudert und das Dressing vorbereitet. Kommt ihre Tochter am Nachmittag aus der Betreuung zurück, muss alles erledigt sein. Andrea Rohlfs weiß nie, wie der restliche Tag verläuft. Letztens war der sandfarbene Schirm im Garten umgekippt. Julia verlor die Fassung und die Mutter drang lange Zeit nicht durch ihre Schreie hindurch.

Stichworte

Inklusion

Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich die Bundesrepublik wie alle anderen Vertragsstaaten dazu verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen einzurichten. Damit soll das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen zum Regelfall werden. Gegen den Willen der Eltern darf ein behindertes Kind nicht mehr auf die Förderschule geschickt werden. Der Fachausdruck dafür lautet Inklusion, lateinisch für Einschluss. Die UN-Konvention "Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" ist seit 2009 in Deutschland verbindlich, 2010 hat NRW-Landtag diesem Ziel formal zugestimmt

Rechtsanspruch

Ab dem Schuljahr 2013/14 sollen alle behinderten Kinder einen Rechtsanspruch auf den Platz an einer allgemeinen Schule in zumutbarerer Entfernung haben, heißt es im Papier "Zusammen lernen – zusammenwachsen – Eckpunkte für den Weg zur inklusiven Schule in NRW" von SPD und Grünen. Der Elternwille bleibt jedoch entscheidend: Wer sein Kind an eine Förderschule schicken will, darf dies weiterhin tun. Um den Rechtsanspruch im Schulgesetz verankern zu können, wird der NRW-Landtag voraussichtlich im Herbst 2012 eine Schulgesetzänderung beschließen. Der Inklusionsplan der rot-grünen Regierung sieht Vorreiterschulen vor, die ab Sommer 2013 mit neuen Inklusionsklassen den Rechstanspruch in den Klassenstufen 1 und 5 sichern. Diese Schulen erhalten zusätzliche Stellen für Lehrer und Sonderpädagogen und nicht näher bezifferte Starter-Budgets.

Das Eckpunktepapier ist Teil des umfassenden Aktionsplans "Eine Gesellschaft für alle – NRW inklusiv", der die Teilhabe von behinderten Menschen in allen Lebensbereichen voranbringen will. Dazu gehören auch Maßnahmen wie behindertengerechte Wohnprojekte und der Ausbau von Integrationsbetrieben, in denen Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenarbeiten.

Gutachten zur "schulischen Inklusion"

In dem Gutachten "Auf dem Weg zur schulischen Inklusion", das die beiden Wissenschaftler Prof. Klaus Klemm und Prof. Ulf Preuss-Lausitz für das Schulministerium erstellten, heißt es: "Bei Realisierung unserer Empfehlungen kann bis 2020 ein Inklusionsanteil von 85 Prozent erreicht werden." Derzeit lernen etwa 17 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf bis zur 10. Klasse in allgemeinen Schulen, 83 Prozent in Förderschulen. An den Grundschulen beträgt die Quote 24,9 Prozent, in der Sekundarstufe I nur noch 11,1 Prozent. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung, ebenfalls erstellt vom Bildungswissenschaftler Klemm, wurden 2010 in NRW 0,7 Prozent der Förderschüler inklusiv unterrichtet, der Bundesdurchschnitt liegt bei 1,1 Prozent. Nur in Hessen und Niedersachsen lag die Quote noch niedriger.


Stand: 23.08.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (7)

letzter Kommentar: 28.08.2012, 17:49 Uhr

Sandra schrieb am 28.08.2012, 17:49 Uhr:
Meine 8-jährige "gesunde" Tochter und ich haben das große Glück, mit Julia und Andrea sehr gut befreundet zu sein! Auch wir mussten uns natürlich erst mit dem Begriff Autismus bekannt machen und ich lerne bei jedem unserer Besuche dazu. Meine Tochter sieht Julia mit Kinderaugen sowieso "einfach nur" als sehr gute Freundin! Parallel dazu sollten sich einige der o. g. Verfasser dieser Kommentare doch auch ernsthaft mit "anderen Menschen" auseinandersetzen. Es steht außer Frage, dass JEDES Kind eine Bereicherung ist, nur muss auch in unserer Gesellschaft akzeptiert weden, dass nun mal nicht alle gleich sind und sich dementsprechend nach vorne bewegen. Ein autistisches Kind zu unterrichten als ausweglose Situation zu betrachten, fördert leider nur die Schwierigkeiten der Inklusion, ich bin entsetzt über solche Äußerungen! Ziel solcher Dokumentationen sind nicht Mitleid, sondern ein Appell an unsere Gesellschaft! Wir freuen uns schon sehr auf unseren nächsten Besuche bei den beiden!!!
andreaII schrieb am 28.08.2012, 13:31 Uhr:
Autismus ist keine Krankheit, es ist ein Symptom. Fachleute streiten sich sogar darüber ob es überhaupt eine Behinderung ist. Eltern wachsen mit ihren Aufgaben, ein autistisches Kind wie Julia zu haben ist sicher oft eine Herausforderung, aber auch eine Bereicherung, aber das sehen leider wenige Menschen so. Das Leben wird gerade mit einem autistischen Kind entschleunigt, man konzentriert sich auf die wirklich wesentlichen Dinge im Alltag, es scheint weniger oberflächlich. Im Kölner Autsimuszentrum gibt einmal im Monat eine Gesprächsrunde für Eltern von Kindern mit Autismus, sicher bereichernder als die Kaffeerunden die man bei manchen Bekannten sieht wo es oft darum geht das das "normale" Kind erfolgreich wird und welche Kleidung es trägt. Das würde mir als Mutter nicht mehr reichen.
lollebie schrieb am 26.08.2012, 15:26 Uhr:
Frau Rohlfs braucht Ihnen nicht "Leid zu tun". Sie ist eine klasse Frau mit einer wunderbaren Tochter. Natürlich sind Kinder mit einem Handicap oft sehr anstrengend und bringen eine schnell an die eigenen Grenzen. Aber Mitleid hilft so gar nicht und tut eher noch weh. Besser wären mehr Interesse,Einfühlungsvermögen und Toleranz. Eigentlich müsste doch jedem klar sein, daß es ihn/sie jederzeit selber "treffen" kann. Ich wünsche mir eine gut gestaltete,zügige schulische Inklusion,weil :-) :-) :-) :-) :-) :-) :-) :-) "Wenn Kinder nicht von klein auf lernen,dass die Menschen verschieden sind,wann dann? (Zitat zum Film "Berg Fidel",ANSEHEN!!!!)
Anarchie = Reindemokratie schrieb am 24.08.2012, 07:50 Uhr:
@ wylly, Das dies so gelaufen ist wie beschrieben ist ohne Zweifel nicht schön, aber verbockt haben das die anwesenden Pädagogen weil sie ihren Auftrag nicht umsetzen konnten. Sie und die anderen Eltern hätten sich dafür einsetzen müssen das den "für diese aufgaben nicht gewachsenen Pädagogen" geholfen wird. Das wohl aller Kinder soll im Vordergrund stehen und das geht wenn man nur will.
wylly schrieb am 23.08.2012, 16:44 Uhr:
Meine Tochter hatte vier Jahre ein körperbehindertes Kind in der Klasse. Vier Jahre lang hieß es: nehmt Rücksicht wg XX, passt auf auf XX, wir können nicht, weil XX nicht kann, auf der Klassenfahrt muss sich jemand um XX kümmern etc. Resultat der ganzen Geschichte - alles drehte sich auf Grund der Behinderung nur um XX - die Klasse war im Eimer. Die Lehrer total überfordert, da man um den Ruf der Schule fürchtete. Dann ist XX freiwillig auf eine entsprechende Förderschule gegangen - die Klasse lebt wieder. So leid es mir tut, aber Inklusion ist wieder typisch Gutmenschendenken und voll an der Realität vorbei - typisch für Schreibtischpädagogen von der Sorte Löhrmann.

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