Einwände aus NRW gegen AKW in Zeeland Grenzfall Atomkraft

Von Andreas Poulakos

In dem kleinen Ort Borssele in den Niederlanden, rund 200 Kilometer Luftlinie von Düsseldorf entfernt, soll noch in diesem Jahrzehnt ein neues Atomkraftwerk entstehen. Bürger von Nordrhein-Westfalen können noch bis Donnerstag (12.01.2012) schriftlich Einwände gegen das Projekt einreichen.


Blick auf das niederländische Atomkraftwerk Borssele
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Auf dem Gelände des AKW Borssele soll ein zweites Kraftwerk entstehen

"In Deutschland ist das neue AKW bisher kein großes Thema", sagt Udo Buchholz vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU). "Dabei würden die Folgen eines Störfalls den gesamten Westen der Republik treffen. Und zwar massiv." Die Planungen für das neue Kraftwerk in der Provinz Zeeland, einer Urlaubsregion auch für viele Menschen aus NRW, sind dabei schon weit fortgeschritten. In Borssele gibt es schon seit 1969 ein Atomkraftwerk. Das Genehmigungsverfahren für einen zweiten Kernkraftwerksblock läuft seit Juni 2009. "In den Niederlanden sind solche Genehmigungsverfahren deutlich kürzer als in Deutschland", warnt Buchholz. Noch in diesem Jahrzehnt könnte der neue Reaktor ans Netz gehen. In der niederländischen Öffentlichkeit sei die Anti-Atom-Bewegung außerdem selbst nach der Katastrophe von Fukushima nicht so stark wie hierzulande. "Deshalb ist der Widerstand von dieser Seite der Grenze so wichtig."

Kriterien für die Umweltverträglichkeit


Porträt Udo Buchholz, BBU

Udo Buchholz organisiert den Widerstand

Aktuell bereitet die niederländischen Behörde eine Umweltverträglichkeitsstudie vor, um den genauen Standort für das neue Kraftwerk festzulegen. Dazu wurde ein Grundlagenpapier vorgelegt, das die Kriterien der geplanten Untersuchung festlegt: zum Beispiel die Auswirkungen radioaktiver Strahlung auf die Umgebung und die Versorgung der Brennelemente mit Kühlwasser. Zu diesem Grundlagenpapier können auch NRW-Bürger Stellungnahmen und Einwendungen einreichen, die in die spätere Studie einfließen sollen. Dass auch deutsche Bürger ein Einspruchsrecht haben, verdanken sie der Espoo-Konvention von 1991.

Einspruchsfrist läuft ab

Wer seine Stellungnahme abgeben möchte, muss dafür allerdings nicht das ganze Dokument gelesen haben - es ist 136 Seiten stark und außerdem nur in niederländisch und englisch erhältlich. Es genügt zum Beispiel die allgemeine Feststellung, dass schon im Normalbetrieb von Atomkraftwerken schädliche Radioaktivität frei wird und die Folgen von Störfällen auch den eigenen Landstrich treffen könnten. Auf den Homepages von Umweltorganisationen wie der BBU und dem BUND gibt es Mustertexte. Außerdem kann man sich dort einem Sammeleinspruch anschließen. Allerdings muss man sich jetzt beeilen: Die Einspruchsfrist läuft am Donnerstag (12.01.2012) ab. Die Einwände müssen per Brief oder telefonisch abgegeben werden - nicht per E-Mail.

Auch RWE ist beteiligt

Noch spielt Atomkraft bei der Energieversorgung der Niederlande keine bedeutende Rolle. Seit der Schließung des AKW Dodewaard im Jahr 1997 ist die bestehende Anlage in Borssele das letzte verbliebene Atomkraftwerk des Landes. Die niederländische Regierung plant allerdings, die Nutzung der Kernkraft auszubauen um so CO2-Emissionen zu reduzieren. "Genehmigungsanträge für den Bau von einem bzw. mehreren Kernkraftwerken, die den Anforderungen genügen, werden bewilligt", heißt es hierzu im Koalitionsvertrag. Derzeit bewerben sich zwei Unternehmen um den Bau des neuen AKW in Zeeland, darunter der niederländische Energieversorger Delta, an dem auch der deutsche RWE-Konzern beteiligt ist.

Landesregierung äußert sich pessimistisch

"Dass wir Atomkraft nicht für zukunftsfähig halten, ist bekannt", sagt Wilhelm Deitermann vom NRW-Umweltministerium. Eine kritische Stellungnahme von Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) werde derzeit vorbereitet. Allerdings seien die Planungen für Borssele schon sehr weit fortgeschritten. "Ich halte es für eher unwahrscheinlich, dass das Projekt noch verhindert werden kann."

Stichworte

Espoo-Konvention

Im Jahr 1991 wurde in Espoo (Finnland) die UNECE-Konvention über die Umweltverträglichkeitsprüfung im grenzüberschreitenden Rahmen - genannt Espoo-Konvention - vereinbart. Seit 1997 ist die Konvention in Kraft. Sie verpflichtet die beteiligten Länder bei Projekten, die möglicherweise negative Umweltauswirkungen haben, eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuführen. Wenn es grenzüberschreitende Auswirkungen gibt, muss die Öffentlichkeitsbeteiligung auch auf das Nachbarland ausgeweitet werden.


Stand: 05.01.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (57)

letzter Kommentar: 10.01.2012, 17:38 Uhr

Nils schrieb am 10.01.2012, 17:38 Uhr:
Für alle Atompaniker: In Borssele gibt es seit 1973 eine laufende DWR-Anlage (Hersteller KWU, Typ1) mit einer elektrischen Leistung von ca. 482 MW. Die nächste Ausbaustufe der KWU DWR war das Kraftwerk Biblis (Typ 2)...
Nils schrieb am 10.01.2012, 17:26 Uhr:
Na endlich mal ein Projekt in Strandnähe! Ich hatte eigentlich mehr an einen Job in San Onofre oder Diablo Canyon gedacht, aber Zeeland ist doch auch nett! Ich kann noch relativ einfach die Verwandtschaft im verarmten Deutschland besuchen und in kalten Wintern Obhut bieten. Alles super!!! So jetzt mich aber wieder um die laufenden Anlagen kümmern... VG Nils
Patrick schrieb am 10.01.2012, 16:42 Uhr:
das hat ja perfekt funktioniert! kurzerhand angerufen meine einwende geäussert die wurde schriftliche aufgenommen und wenns dann nähere informationen gibt dann bekommt man post ! und die dame am telefon war sehr freundlich !
Günter schrieb am 08.01.2012, 14:48 Uhr:
Das Gorleben für ein Endlager nicht geeignet ist steht seit 30 Jahren fest. Ob es überhaupt einen Ort gibt an dem man Atommüll Endlagern kann in Verantwortung für die nachfolgenden Generationen kann ich nicht beurteilen. Das hätte man aber klären müssen bevor man die Kernenergie ausbaut. Noch einmal es gibt seit einiger Zeit ein Kresbakataster für ganz Deutschland aus den gans klar hervor geht das es um sämtlich Atomanlagen signifikant erhöhte Krebswerte gibt . Es sind für diese erhöhten Krebswerte bisher noch keine anderen Erklärungen gefunden worden. Bei einigen AKWs war dies schon viele Jahre vorher bekannt. Aber eins hätten wir ja schon mal geklärt: Das jeder Bundesbürger auch EU-Bürger ist und als EU-Bürger sein gutes Recht ist gegen ein geplantes AKW zu demonstrieren auch wenn eine Grenze da zwischen ist.
Piratenstrom schrieb am 08.01.2012, 09:16 Uhr:
Offensichtlich meinen die Niederländer, nicht auf Versprechungen der Alternativen ihre Küstensicherung aufbauen zu können. Wir werden so viel Energie wie nie zuvor in Menschheitsgeschichte benötigen und können daher nicht irrwitzigen Energiesparphantasien von supergrünen Mitbürgern, die ihr Geld unkündbar fernab der Realität verdienen, nachhängen. Schon 1999 stand der Atomausstieg fest, aber Rot-Grün hatte kein echtes Alternativkonzept, im Gegenteil verhindert(e) die PV-Subvention 20 Jahre lang einen echten Atomausstieg. Unter Rot-Grün vermehrte sich Bürokratie und Einkommen der Banker, Versicherungen, Beamten aber nicht der notwendige alternative Strom zur jeder Tageszeit. weder CDU/CSU noch Rot-Rot-Grün haben stimmiges Konzept, so schaut es aus. Hand in den Mund-Politik nennt sich das wohl.

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