Notunterkunft für Asylbewerber Warten in Stolberg

Von Nina Magoley

Steigende Flüchtlingszahlen sorgen für drangvolle Enge in den Aufnahmestellen NRWs. In mehreren Städten wurden bereits spontane Notunterkünfte errichtet. In Stolberg bei Aachen versorgen ehrenamtliche Helfer des THW zurzeit rund 75 Flüchtlinge rund um die Uhr.


Wolfgang Geicht
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THW-Einsatzleiter Wolfgang Geicht

Eigentlich hatte sich Wolfgang Geicht auf eine Woche Urlaub gefreut. Doch dann klingelte beim Ortsbeauftragten des Technischen Hilfswerks (THW) in Stolberg am Montag (15.10.2012) um 17 Uhr das Telefon: Bis 22 Uhr solle der Ortsverband ein Notlager für rund 100 Flüchtlinge auf die Beine stellen, hieß es. Auftraggeber: die Landesregierung NRW.

"Wir konnten die Ankunft der Menschen dann glücklicherweise noch auf den nächsten Tag verschieben", erzählt der 58-Jährige, der in seinem anderen Leben Physiklehrer an einer Gesamtschule ist. Mithilfe eilig herbeitelefonierter Helfer verwandelte sich das Grundstück des THW in Stolberg über Nacht in ein provisorisches Flüchtlingslager: In der 330 Quadratmeter großen Halle, in der normalerweise die Fahrzeuge des Hilfswerks parken, reihen sich nun Doppelstockbetten aneinander, auf dem Hof stehen Container mit Toiletten und Duschen. In zwei weißen Zelten wird das Essen ausgegeben, ein Container dient als Kinderzimmer. In der milden Herbstsonne sitzen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Hautfarbe auf herumstehenden Stühlen, stehen in Grüppchen beieinander, Kleinkinder laufen über den Hof. Ein Mann liest ein Buch in arabischer Schrift. Zu hören ist die Sprache der Roma, dazwischen das Arabisch der Syrer, afrikanische Sprachen. Allgemeines Warten.

Dortmund: Wegen Windpocken geschlossen


Container der Notunterkunft von der Straße aus
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Container schirmen die Unterkunft ab

105 Menschen waren Dienstagmittag eingetroffen, vom Säugling bis zum alten Mann. Viele junge Leute sind darunter, aber auch ganze Familien. Die meisten hatten zunächst in Dortmund vor dem Tor der Erstaufnahmestelle für Asylbewerber gestanden - die allerdings wegen einer umgehenden Windpockeninfektion zurzeit geschlossen ist. Eigentlich muss sich jeder Asylbewerber, der nach NRW kommt, hier oder bei der Erstaufnahmestelle in Bielefeld registrieren lassen. Auch die Anhörung durch das Bundesamt für Migration, die darüber entscheidet, ob der Asylsuchende einen Antrag stellen kann oder nicht, soll direkt hier stattfinden. Zurzeit aber ist alles anders. Die Aufnahmestelle in Dortmund ist geschlossen, die beiden sogenannten Zentralen Übergangseinrichtungen in Hemer und Schöppingen sind genauso hoffnungslos überfüllt, und das Land sucht händeringend nach neuen Unterbringungsmöglichkeiten für die täglich neu eintreffenden Flüchtlinge.

THW-Helfer: Flüchtlinge statt Verschüttete


spielendes Flüchtlingskind
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Gespendetes Spielzeug im Kinderzimmer

Auch für Wolfgang Geicht und seine Kollegen vom THW ist zurzeit alles anders: "Normalerweise haben wir es mit Strom, Wasser oder Verschütteten zu tun", sagt Geicht. Jetzt sorgen die allesamt ehrenamtlich arbeitenden THWler in wechselnden Schichten rund um die Uhr dafür, dass die Flüchtlinge drei Mahlzeiten am Tag bekommen, dass alle warme Decken und Kleidung haben, dass die Kinder Raum zum Spielen finden. Ebenfalls ehrenamtliche Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes untersuchen die Neuankömmlinge und schicken kranke Menschen zum Arzt. "Wir müssen ganz viel improvisieren", staunt der THW-Mann selber darüber, was er in den letzten 48 Stunden hier erlebt hat, "solch' eine Situation hatten wir zuletzt vor 20 Jahren, als die Übersiedler aus der DDR hier ankamen".

Waschen, Schlafen und Essen

"Wir versuchen, die Leute so gut es geht darüber zu informieren, wo und warum sie sich hier befinden", sagt Geicht. Auch hier ist Improvisation gefragt: "Einige sprechen etwas Englisch oder Deutsch, ansonsten verständigt man sich mit Händen und Füßen." Professionelle Übersetzer gibt es in der Notunterkunft nicht. Auch sind die Flüchtlinge aufgrund der augenblicklichen Überforderung der Behörden praktisch namenlos in Stolberg: Die Aufnahme der Personalien und des Fluchtgrunds, die eigentlich in Dortmund oder Bielefeld stattfindet, ist bisher noch nicht geschehen. Für den THW-Mann Geicht spielt das keine Rolle: "Wir sind keine Behörde, unsere Aufgabe ist lediglich der Rundumservice: Wir sorgen für Waschen, Schlafen und Essen und versuchen, die Leute zu beruhigen, damit sie nicht in Panik geraten". Einige seien mittlerweile von Verwandten abgeholt worden, sodass inzwischen noch 75 Menschen in der Notunterkunft leben.

Kleider, Essen und Spielzeug werden gespendet


Wolfgang Geicht und Alfred Sensen stehen auf dem Hof der Notunterkunft
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Wolfgang Geicht und Alfred Sensen auf dem THW-Hof

Zurzeit sei die Stimmung relativ ruhig, sagt Alfred Sensen, der vom THW aus dem benachbarten Alsdorf zur Verstärkung herübergekommen ist. Auch die Anwohner in der dicht bebauten Umgebung hätten sich bisher überwältigend verständnisvoll gezeigt. "Wir haben schon zig Anrufe von Leuten bekommen, die Kleider, Essen oder Spielzeug spenden wollen." In einem der Container, der als Kinderspielzimmer dient, stapeln sich bereits Plüschtiere, Legosteine und Malbücher. Die in Stolberg massiv vertretene Neonaziszene habe sich zum Glück bisher nicht blicken lassen, sagt Sensen. Den ganzen Tag über fährt eine Polizeistreife regelmäßig am THW-Gelände vorbei.

"Mein Kopf und mein Herz tun weh"

In einer Ecke des Hofs sitzen drei junge Afrikaner auf Stühlen. Sie sprechen nur wenig Englisch oder Französisch, dafür unterschiedliche afrikanische Sprachen. Untereinander können sie sich kaum verständigen. Ihre Blicke sind ernst, sie verbringen die Zeit mit gemeinsamem Warten. Seine Eltern sind verschwunden, sagt der 19-jährige Diallo, der aus dem militärregierten, von Unruhen geprägten Guinea stammt. Er selber sei geschlagen und ins Gefängnis gesperrt worden. Nach Deutschland sei er ohne Gepäck, nur mit seinen Kleidern am Leib gekommen. Der junge Mann wirkt verstört, er könne mit niemandem reden, sagt er. Aber wenn er schweige und an seine Eltern denke, schmerze sein Kopf und sein Herz. Sein stiller Kumpel Ali trägt eine Strickmütze und sagt, er komme aus Gambia. Dort habe er nichts gehabt: keine Arbeit, kein Geld, kein Essen. Ihn habe die Armut hierher verschlagen. Er hoffe, in Deutschland einen Job zu finden.

"Privates Denken bleibt vor der Tür"


Flüchtlinge am Eingangstor des Lagers
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Flüchtlinge am Eingangstor

Nur für 14 Tage ist die Notunterkunft in Stolberg gedacht, sagt THW-Leiter Wolfgang Geicht, dann wolle das Land eine andere Unterbringung für die Flüchtlinge gefunden, beziehungsweise die Registrierungen und Anhörungen abgearbeitet haben - so jedenfalls sei es ihnen gesagt worden. "Länger würde auch schwierig", meint Geicht, der zurzeit von frühmorgens bis zehn Uhr abends vor Ort ist. Er als Lehrer könne vielleicht eine Woche vom Unterricht beurlaubt werden, überlegt er, aber einige seiner Kollegen haben sich extra freigenommen oder übernehmen in ihrer Freizeit Schichten.

"Was wir hier erleben, ist sehr intensiv", sagt Alfred Sensen, der sich als selbstständiger Handwerker selber freigegeben hat. Auch könnte sich nicht jeder frei davon machen, "was in der Öffentlichkeit über die Flüchtlinge diskutiert wird", räumt er ein. "Aber das private Denken muss hier außen vor bleiben: Wir haben ein Problem, das gelöst werden muss." Während inzwischen auf Anweisung der Bezirksregierung Arnsberg auch in Essen, Dortmund, Unna-Massen und Köln spontane Notunterkünfte in Turnhallen oder in leer stehenden Schulen eingerichtet wurden, wirft der Flüchtlingsrat NRW der Landespolitik Ignoranz vor: Die aktuellen Flüchtlingszahlen seien "keineswegs exorbitant und über Nacht angestiegen". Vielmehr sei bereits seit 2010 eine Veränderung erkennbar, die mit den politischen Entwicklungen weltweit zusammenhänge.

"Hier kann ich helfen"


Unterdessen steht vor dem Eingangstor, das von Sicherheitsleuten bewacht wird, eine junge Frau mit vier großen Plastiksäcken, in denen rote Äpfel leuchten. Sie wohnt direkt in der Nachbarschaft "Als ich von der Ankunft der Leute hörte, musste ich für die Familien weinen", sagt sie, "gegen Bomben in Syrien kann ich nichts machen, aber hier kann ich helfen".

Übrigens ...
Nina Magoley

Beeindruckend fand Autorin Nina Magoley den unermüdlichen Einsatz der ehrenamtlichen Helfer in der Notunterkunft, aber auch die Anteilnahme der Nachbarn: Eine Stolberger Zahnärztin, so erfuhr sie, hat bereits mehrere Flüchtlinge, die Zahnschmerzen hatten, kostenlos behandelt.


Stand: 19.10.2012, 08.00 Uhr


Kommentare zum Thema (26)

letzter Kommentar: 23.10.2012, 09:02 Uhr

unbekannt schrieb am 23.10.2012, 09:02 Uhr:
und jetzt auch noch begrüßungsgelder???....haben ja selbst keine problemfälle hier....:o(((
Anonym schrieb am 21.10.2012, 13:11 Uhr:
Wenn diese sentimentalen Gutmenschen den Mut hätte ihr Gutmenschentum vor Ort in den Krisen und Kriegsgebieten dieser Welt auszuleben dann wäre hier schon eine Menge gewonnen und wir hätten "Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen"!!!
Hoffnung oder Los? schrieb am 20.10.2012, 10:26 Uhr:
Es stellt sich die Frage, weshalb man nicht den betroffenen Ausgangsländern der Welle, die ja an EU-Tür klopfen, die Mittel, die hier eingesetzt werden dort anbietet und THW wie auch die Guten Grünen im Winter hinschickt? Dadurch käme dort auch an und könnte eine Infrastruktur aufbauen! Aber das wäre EU vereinigend gedacht und bringt leider keinen Umsatz in den Taschen der "Gutmensch-Edelhelfer" hier in BRD. Es kann doch nur das Prinzip zur Selbsthilfe angewendet weden, wenn man denn was verbessern möchte. Ansonsten ist mir Buschkowskys Neukölln-Analyse wertvoller als Reden der Grünen in Düsseldorf! Der Mann tut was, er ändert auf beiden Seiten der Zuwanderungsmedaille die Einstellungen und das auf Dauer?
Zum Glück kein Stollberger schrieb am 20.10.2012, 01:00 Uhr:
Hoffentlich bleibt die Notunterkunft das, wofür sie bereit steht: ein beheiztes Wartehäuschen bis zur baldigen Rückreise. Dann können sich die ganzen "Ehrenamtlichen" vielleicht auch mal um die kümmern, die hier auch Hilfe brauchen und über die nie berichtet wird.
EU Fänn schrieb am 19.10.2012, 19:33 Uhr:
Gibt es eigentlich dieses vielgepriesene Schengener Abkommen nicht mehr?

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