Sekundar- oder Gesamtschulen beantragt: Trend überrascht sogar die Ministerin
Mit diesem Andrang hatte selbst NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann nicht gerechnet. 51 Kommunen wollen eine Sekundarschule gründen. Für neue Gesamtschulen liegen 21 Anträge auf ihrem Schreibtisch – so viele wie noch nie seit 1970.

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Die "Sekundarschule" endet nach der zehnten Klasse mit der sogenannten Ausbildungs- oder Oberstufenreife
Die Überraschung der Ministerin ist verständlich. Schließlich wurde die Sekundarschule als neue Schulform erst im Juli des vergangenen Jahres dank des parteiübergreifenden Schulfriedens möglich. Nach ihrer Verankerung im Schulgesetz blieb den Kommunen gerade einmal ein Vierteljahr, um sich auf ihre Einführung politisch festzulegen. Eine kurze Spanne, zumal sich viele lange zuvor eigentlich auf die ursprünglich von der Landesregierung geplante Gemeinschaftsschule geeinigt hatten. Doch für sie konnte sich die Opposition im Düsseldorfer Landtag nicht erwärmen. Der Kompromiss lautete: Sekundarschule. Sie bietet als wesentlichen Unterschied zur Gemeinschaftsschule keine Sekundarstufe II an, arbeitet aber auch integrativ.
"Eltern wollen Schicksalsfrage nicht mehr"

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Sylvia Löhrman, Norbert Röttgen, Hannelore Kraft
Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) macht aus ihrer Freude darüber, dass NRW nun zwei integrative Schulformen anbietet, keinen Hehl. Der Bildungskonsens habe den Weg frei gemacht weg von ideologischen hin zu pragmatischen Entscheidungen. Er sei ein Segen für das Land, die Kommunen, die Kinder und die Eltern. Für die nach ihrer Einschätzung große Nachfrage nach Sekundar-, vor allem aber auch Gesamtschulen, hat die stellvertretende Ministerpräsidentin einen immer stärkeren Elternwillen ausgemacht: "Sie wollen die Schicksalsentscheidung nach Klasse 4 nicht mehr und möchten die Bildungswege für ihre Kinder länger offen halten."
Elternwille und demographischer Wandel
Die Fakten bestätigen das. 51 Kommunen haben eine Sekundarschule beantragt. Darunter befinden sich Großstädte wie Bochum, Dortmund, Gelsenkirchen und Münster. Doch zumeist kommen die Wünsche aus kleineren Städten und Gemeinden. Sie reagieren damit nicht nur auf den sich ändernden Elternwillen, sondern auch auf den demographischen Wandel und das damit drohende Schulsterben. Kommunen, die eine integrative Schulform mit Oberstufe wünschen, haben sich in noch nie da gewesener Zahl für die Gesamtschule entschieden. 21 Anträge liegen in Düsseldorf vor. Dass sind zehn Prozent der derzeitig existierenden. Ihre Gründung wird künftig leichter – es sind nur noch 100 statt bislang 112 Anmeldungen von Kindern erforderlich.
Forscher sieht Anfang eines "Booms"
Glaubt man dem Dortmunder Schulentwicklungsforscher Ernst Rösner ist der spürbare Trend hin zu Sekundar- und Gesamtschulen erst der Anfang eines "Booms". Er rechnet mit einer großen Gründungswelle zum Schuljahr 2013/2014. Die Probleme auf kommunaler Ebene zwängen die Städte und Gemeinde zum Handeln. Er denkt dabei insbesondere an das immer dramatischer sinkende Interesse an Hauptschulen. Rösner geht davon aus, dass es am Ende dieser Wahlperiode in NRW 500 bestehende, genehmigte und beantragte Sekundar- und Gesamtschulen geben wird. Er geht davon aus, dass die Reform im Ländlichen startet und auf die Städte übergreifen wird.
Neuorientierung nach "trauriger Überraschung"

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Forscher rechnen mit einer großen Gründungswelle zum Schuljahr 2013/2014
Noch lassen sich zahlreiche Kommunen nach der politisch gewollten Festlegung auf die Sekundarschule Zeit für ihre Schulstrukturplanung. Eine von ihnen ist das kleine Städtchen Hamminkeln. 28.000 Menschen leben in der jüngsten und zugleich flächengrößten Stadt des Kreises Wesel am Unteren Niederrhein. Geführt wird die Stadt vom parteilosen, von der CDU aufgestellten Bürgermeister Holger Schlierf. Bislang verfügt sie über zwei Haupt- und eine Realschule. Der Tag des Schulkonsenses, der 19. Juli 2011, bescherte der Kommune eine "traurige Überraschung". Sagt CDU-Chef Norbert Neß. Schließlich habe sich die Kommune über alle Parteigrenzen hinweg bereits auf die Gemeinschaftsschule festgelegt. "Jetzt müssen wir die beste Lösung für unsere Stadt neu suchen", berichtet der Mann, der einst Sprecher des größten Verfechters des gegliederten Schulsystems, Ex-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, war.
Auf der Suche nach der richtigen Schulform
Noch in diesem Monat wird sich die Arbeitsgruppe "Schulentwicklung der weiterführenden Schulen" mit einem neuen Konzept auseinandersetzen. "Mit ausreichend Zeit suchen wir die beste Lösung für unsere Kinder. Und das im politischen Konsens", kündigt die Leiterin des Schulamtes Rita Nehling-Krüger an. Ein "weiter so" kann es dabei wohl nicht geben, verlautet aus politischen Kreisen. Die Frage heißt eher: Sekundarschule oder doch Gesamtschule. Norbert Neß plädiert als Chef der stärksten Fraktion dafür: "Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit. Wir müssen ausloten, was wir genau wollen und dann entscheiden, welche Schulform die dafür richtige ist." Ausdrücklich lobt er die Arbeit der existierenden Hauptschulen und ist sich sicher, dass Jugendliche, die dort einen Abschluss erwerben, in Hamminkeln selbst kein Problem haben, eine Ausbildung und einen Job zu finden. "Aber", so fügt er hinzu, "30 Kilometer entfernt wird die Hauptschule schon nicht mehr akzeptiert."
Die Zukunft der Realschulen
Eine ähnliche Entwicklung sagt Ernst Rösner auch den Realschulen voraus. Die Nachfrage nach ihr werde mit zunehmender Zahl integrativer Schulen ebenfalls deutlich abnehmen. Entsprechend kritisch verfolgt die Interessenvertretung der Realschulen "lehrer nrw" die Veränderungen. Städte und Gemeinde entschieden sich nicht wegen pädagogischer Vorzüge, sondern wegen handfester finanzieller Vorteile für die Sekundarschule. Schließlich gebe es nach dem Gemeindefinanzierungsgesetzes deutlich mehr Geld für integriert arbeitende als für differenzierende Systeme. Zudem seien viele Kommunen der Ansicht, das integrierte System sei der Öffentlichkeit einfacher zu vermitteln. "Und so werden reihenweise hervorragend funktionierende Realschulen ohne triftige Sachgrundlage geschlossen", fürchtet die Vorsitzende von "lehrer nrw", Brigitte Balbach.
Stichworte
- Die Sekundarschule
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Die Sekundarschule ist ein Kompromiss, der den parteiübergreifenden Schulkonsens in NRW ermöglichte. Im Unterschied zu der von der rot-grünen Landesregierung ursprünglich für ganz NRW geplanten Gemeinschaftsschule wird es an keiner Sekundarschule eine Oberstufe geben. Vielmehr müssen Kooperationen mit Schulformen (Gymnasium, Gesamtschule, Berufskolleg) eingegangen werden, an denen Schüler einer Sekundarschule die Reifeprüfung nach insgesamt neun Schuljahren ablegen können. In der Sekundarschule, die in der Regel das Ergebnis eines Zusammenschlusses anderer Schulformen sein wird, lernen alle Kinder in den Klassen fünf und sechs gemeinsam, anschließend kann differenziert werden. Die Klassengröße soll auf 25 begrenzt werden. Der Unterricht erfolgt unter gymnasialen Standards. Die Sekundarschule muss dreizügig und wird zumeist Ganztagsschule sein. Die bereits über einen Schulversuch genehmigten zwölf Gemeinschaftsschulen genießen Bestandsschutz.
Stand: 09.01.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (23)
letzter Kommentar: 12.01.2012, 11:46 Uhr
- Renate schrieb am 12.01.2012, 11:46 Uhr:
- Nun, es sieht ganz so aus als würde sich die Vernuft bei den Kommunen durchgesetzen. Mit Konkurenzdenken schon in frühen Schultagen den Kindern den Spaß und die Unbefagenheit beim lernen auszutreiben ist kontraproduktiv. Und die Mär vom hochbegabten Kind das dann nicht adäquat gefördert wird ist nichts als Quatsch! Es gibt nicht einmal im Ansatz so viele hochbegabete Kinder wie Eltern glauben. Die meisten Kinder die von ihren Eltern als hochbegabt angesehen werden sind faktisch lediglich guter Durchschnitt. Es ist das perverse Konkurenzdenken der Eltern das sich hier negativ auf die Kinder auswirkt, nicht die Schulform!
- schwarzer Martin schrieb am 11.01.2012, 16:53 Uhr:
- Welches Hickhak hat sie denn beendet ? Zum dreigliedrigen Schulsystem hat sie die Sekundarschule noch dazu erfunden. In Zukunft haben wir in jedem Ort sogar ein anderes Schulsystem. Vorher hatten wir das nur in jedem Bundesland. Haupt-Realschule und Gymnasium werden weiterhin bleiben, KEINE davon wird abgeschafft, und dazu kommt jetzt neu die " Mischmaschschule ". Damit haben wir jetzt ein viergliedriges Schulsystem.
- Günter schrieb am 11.01.2012, 16:38 Uhr:
- Wir haben es der Weitsicht unserer Ministerpräsidentin zu verdanken das sie das neue Schulgesetz mit der CDU verabschiedet hat. Das sie lieber ein Stück kürzergetreten ist. So hat sie das große Hickhack, das Jahrzehnte die Schulpolitik bestimmte, beendet. Das ein wichtiger Punkt, den zum Schluß sogar die CDU eingesehen hat, die Zielsetzung ist das kein Kind zurück gelassen wird.
- Jo schrieb am 10.01.2012, 13:00 Uhr:
- Ein weiteres Puzzle-Teilchen im schulpolitischen Herumgemurkse in NRW. Da können einem nur die Kinder leid tun, die andauernd von irgendwelchen ideologisch geprägten Experimenten überrollt werden, und am Ende die Leidtragenden sind. Alle Versuche, ohne ein Minimum an Leistung oder Eigenverantwortung zum Abitur zu gelangen, werden scheitern, wie man ja an dem Versuch "Gesamtschule" unschwer erkennen kann.
- Günter schrieb am 09.01.2012, 23:15 Uhr:
- Noch ein mal: Chancengleichheit heißt das der Erfolg eines Kindes nicht vom Status der Eltern ab hängt und das alle Kinder einen gleich großen Anspruch auf Bildung haben.
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