Vor 40 Jahren - Radikalenerlass: "Gesinnungs-TÜV" für Lehrer und Postboten
Maoisten, Spartakisten, Sozialisten – die Angst vor radikalen Gruppen in den 70er Jahren war groß. Ihre Anhänger sollten vom Staatsdienst fernbleiben. Deshalb trat der so genannte Radikalenerlass in Kraft - am Samstag (28.01.1972) vor 40 Jahren. WDR.de sprach mit einer Lehrerin, die ins Visier des Staates geriet.

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Angelika Lehndorff-Felsko ist mittlerweile pensioniert.
Der Radikalenerlass war von Anfang an umstritten. Es handelte sich um eine Art "Gesinnungs-TÜV": Bewerber für den öffentlichen Dienst wurden auf ihre Verfassungstreue überprüft. Rund 3,5 Millionen wurden durchleuchtet. Etwa 1.500 Personen lehnten die Behörden ab oder entfernten sie aus dem Staatsdienst. Dazu zählten Krankenschwestern, Ärzte, Postboten und Lehrer. Es traf auch Angelika Lehndorff-Felsko, heute 67 Jahre alt. Als links denkende Studentin war sie im Spartakus-Bund, dann in der DKP. Sie protestierte gegen überholte Strukturen an den Unis, gegen die Aufrüstung und dann gegen ihr eigenes Berufsverbot. Nach ihrem Referendariat 1976 wurde sie nicht eingestellt. Eine lange Prozesskette folgte. Erst vier Jahre später durfte sie in den Schuldienst. An einer Gesamtschule in Köln hat sie dann bis zur Pensionierung Geschichte, Pädagogik und Sozialwissenschaften unterrichtet.
WDR.de: Frau Lehndorff-Felsko, auch auf den Bildern aus den 70er Jahren haben sie kurze Haare. Damit entsprechen sie nicht dem Bild von damaligen linken Studenten und Aktivisten, das man heute hat.

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Angelika Lehndorff-Felsko bei einer Demo gegen Berufsverbote 1976
Angelika Lehndorff-Felsko: (lacht) Ja, das ist das heutige Bild. Aber nicht alle hatten lange Haare. Das war schon durchwachsen. Ich musste die Haare bis zum Abitur lang tragen, deshalb kamen sie danach ab und so blieb es. Aber mehr als die Haare waren Parka und Jeans Ausdruck einer kritischen, rebellischen Einstellung gegenüber dem Establishment.
WDR.de: Sie haben sich politisch engagiert, haben auch gegen den Radikalenerlass demonstriert. Haben Sie damals ernsthaft damit gerechnet, ins Visier des Verfassungsschutzes zu geraten?

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Als Studentin aktiv im Spartakus-Bund
Lehndorff-Felsko: Eigentlich nicht. Es war ein Schock und Schikane dazu: Einen Monat, nachdem ich 1974 mein Referendariat begonnen hatte, fand ich einen Brief in der Post, in dem mir Verfassungsfeindlichkeit vorgeworfen wurde. Ich wurde zu einer Anhörung geladen. Es war willkürlich, wen so etwas traf. Es gab DKP-Mitglieder, die mühelos in den Schuldienst kamen. Unmittelbar nach mir bekam aber ein Kriegsdienstverweigerer Berufsverbot. Auch Sozialdemokraten und später Gewerkschafter wurden verhört.
WDR.de: Was genau wurden Ihnen vorgeworfen?
Lehndorff-Felsko: Unter anderem, dass ich zur Aufhebung des KPD-Verbotes aufgerufen hätte, was auch etliche Bundestagsabgeordnete getan hatten. Außerdem sei ich in ein höheres Amt der DKP gewählt worden – eine legale Partei, möchte ich dazu sagen. Kurioserweise war der Brief von einem Dr. Spitzl unterschieben (lacht). Der Name war tatsächlich authentisch.
WDR.de: Wer kann solche Informationen über Sie weitergetragen haben?
Lehndorff-Felsko: Das weiß ich bis heute nicht. Leider. Aber genau das war das Schlimme. Man hatte das Gefühl, überall sind Ohren. Dieses Klima der Bespitzelung ging auch ins Private. Natürlich habe ich überlegt: 'Wer war bei dem und dem Gespräch dabei? Wer könnte das weitergetragen haben?' Der Radikalenerlass führte insgesamt zu einem vergifteten Klima - zu Misstrauen und Empörung.
WDR.de: Ihre Schulkarriere wurde nach dem Referendariat abrupt unterbrochen. Sie wurden als einzige ihres Jahrgangs nicht in den Schuldienst übernommen.
Lehndorff-Felsko: Ja, meine guten fachlichen Beurteilungen interessierten bei den Anhörungen in der Schulbehörde nicht, wo ich alle paar Monate antreten musste. Nachdem ich von einem auf den anderen Tag arbeitslos wurde, war ich bei vielen Veranstaltungen und Diskussionen, die sich um das Berufsverbot drehten. Um meine Familie über Wasser zu halten, habe ich als Verkäuferin und Aushilfs-Sekretärin gearbeitet. Mein Mann hatte damals noch kein Einkommen, weil er promovierte.
WDR.de: Welche Unterstützung haben Sie in dieser Zeit bekommen?

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Die Schüler der Referendarin organisierten einen Streik.
Lehndorff-Felsko: Ich hatte Rückhalt aus dem Lehrer-Kollegium. Meine Schüler haben an meinem letzten Schultag für meinen Verbleib an der Schule gestreikt. Und Schüler von elf weiteren Schulen in Köln machten mit. Noch heute gibt es aus dieser Zeit Kontakte zu einigen von ihnen. Und ich hatte das Glück, dass mein Fall sogar im Ausland, in Frankreich, Belgien und den Niederlanden bekannt wurde. Sozialdemokraten, antifaschistische Gruppen oder einfach Bürgermeister, die demokratisch dachten, luden mich ein. Als es meiner Familie finanziell ganz schlecht ging, haben wir sogar Spendengelder bekommen. Etwas absurd war, dass mein Bild in einem DDR-Schulbuch abgedruckt war - als Beispiel für das anti-demokratische Verhalten der Bundesrepublik.
WDR.de: Bekamen Sie nur positive Reaktionen?
Lehndorff-Felsko: Der Grundtenor war positiv, ja. Natürlich gab es auch die, die gesagt haben: 'Wärst du nicht auf die Straße gegangen, dann wäre es nicht so weit gekommen'. Und auch einige Referendare sagten klipp und klar: 'Ich unterschreibe zwar den Aufruf gegen dein Berufsverbot, aber nicht gerne, weil ich Angst habe, dass ich der nächste bin'.
WDR.de: Sie haben nie locker gelassen. Hatten Sie Angst, nie in den Schuldienst aufgenommen zu werden?
Lehndorff-Felsko: Es war eher Wut, die ich spürte. Es gab noch eine Menge Prozesse. Irgendwann wurden Verfahrensfehler in der Anhörung festgestellt, dann alles neu aufgerollt. Vier Jahre nach dem Referendariat bekam ich an einem Freitag einen Anruf, ich solle mich am Montag an einer Schule vorstellen. Es war mitten im Schuljahr. Dort wusste man von nichts, aber ich konnte bleiben. Monate später kam dann ein lapidarer Brief, mit der Nachricht, dass die Zweifel an meiner Verfassungstreue nunmehr ausgeräumt seien. Damit war die ganze Sache zu Ende.
WDR.de: Tatsächlich?

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Über den Fall der Kölner Lehrerin berichteten viele Medien.
Lehndorff-Felsko: Jedenfalls formal. Danach fiel eine große Last von mir ab. Aber gesundheitlich habe ich gemerkt, dass die Jahre der Anspannung mich sehr gebeutelt hatten. Vor zwei Jahren habe ich versucht, für die Zeit, in der ich nicht als Lehrerin arbeiten durfte, Rentenansprüche geltend zu machen. Doch das wurde abgelehnt. Ein anderer Betroffener hat zu hören bekommen, er solle doch froh sein, dass er überhaupt wieder eingestellt wurde. Wir haben dann weitere Prozesse um Rentenansprüche unterlassen.
Das Gespräch führte Lisa von Prondzinski.
Stand: 28.01.2012, 10.00 Uhr
Kommentare zum Thema (17)
letzter Kommentar: 30.01.2012, 13:52 Uhr
- T.Weber schrieb am 30.01.2012, 13:52 Uhr:
- Es wird Zeit das ein solcher " Tüv " für unsere Politiker eingeführt wird. So würde uns manche Überraschung erspart bleiben. Somit hätten wir wieder echte Politiker und keine Dummschwätzer.
- Günter schrieb am 29.01.2012, 22:59 Uhr:
- Wenn die DKP damals wirklich so gefährlich war warum wurde seiner Zeit kein Verbotsverfaren eingeleitet? Dann wären die ganzen Maßnahmen gegen DKP- Mitglieder ja auf eine rechtsstaatliche Ebene gebracht worden. So waren die ganzen Maßnahmen gegen DKP- Mitglieder außerhalb jeglicher rechtsstaatlicher Grundlage. Ein wichtiger Pfeiler unserer freiheitlich, demokratischen Grundordnung ist die Unschuldsvermutung. Das heißt jeder Bürger gilt grundsätzlich so lange als unschuldig bis von einem Gericht das Gegenteil Bewiesen wurde. Das heißt Die DKP, und ihre Mitglieder gelten so lange als unschuldig bis von einem Gericht das Gegenteil bewiesen wurde. Das ist bis heute nicht geschehen. Ergo es war nicht die DKP die unsere freiheitlich, demokratische Grundordnung gefährdete. Es war unser eigener Staat der Verfassungsbruch beging.
- Frank schrieb am 29.01.2012, 10:53 Uhr:
- Rente für Beamte ist aber sehr sonderbar. Schließlich erhalten Beamte ihre Pension aus dem letzten erreichten Amt. Welche Rolle spielen dann die vier Jahre - keine, es sei denn sie dienten dazu, die Dramatik des Ganzen auszuschmücken. In dem System übrigens, das von der DKP, der Frau Lehndorff-Felsko angehörte, so bejubelt wurde, sind Frauen mit einer der Staatsdoktrin widersprechenden Einstellung in Hoheneck eingefahren und haben jahrelang unter schlimmsten Bedingungen gesiebte Luft geatmet. Vor diesem Hintergrund erscheint mir das beschriebene erlittene Ungemach wieder mal ein Jammern auf allerhöchstem Niveau zu sein.
- Bert schrieb am 29.01.2012, 10:52 Uhr:
- Irmgard: Ich finde es erschreckend, wie naiv manche Kommentare sind! Sie erinnern an die Schrecken der Naziherrschaft. Das ist richtig und gerät leider immer öfter in Vergessenheit! In meiner Familie gibt es Opfer dieser Zeit! Es gibt aber auch Opfer der "Linken" in meiner Familie! Ich weiß nicht, ob Sie sich jemals für die Geschichte der DDR interessiert haben, aber Sie sollten es tun. Vielleicht sollten sie mal Hohenschönhausen besuchen und Eltern befragen, deren Kinder zwangsadoptiert wurden...Und sie sollten sich mal mit den stalinistischen Säuberungsaktionen beschäftigen...Dann werden Sie merken, dass Linksextremismus und Rechtsextremismus sich gar nicht so sehr unterscheiden. Und ich wiederhole: Die DKP in den 60ern und 70ern wollte einen Systemwandel und sang Lobeshymnen auf das erstrebte System der DDR! Solche Vertreter als Staatsdiener einzustellen, halte ich für Irrsinn! Und was Herrn Brand anbelangt...nun ja, seine engsten Vertrauten ...
- 0711Boomer schrieb am 29.01.2012, 03:10 Uhr:
- Interessant wie in den Medien über linksradikale berichtet wird. Erinnert mich irgendwie überhaupt nicht an Berichte über rechtsradikale. Ach stimmt ja, es muss uns ja gelehrt werden, dass die linken die guten sind. Immerhin übernehmen sie die Anwaltschaft für sämtliche Randgruppen und wissen grundsätzlich bei allem, wie es richtig gemacht wird. Die rechten, gleichzusetzen mit rechtsextremen und rechtsradikalen, sind einfach böse. Unglaublich was heute für eine Propaganda getrieben wird. Ich bin, weder in der einen, noch in der anderen Richtung extrem eingestellt, der Meinung: die linken sind radikaler, krimineller und intoleranter als die rechten. Wer das nicht sieht, ist einfach nur blind.
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