Piraten-Partei in NRW zieht Bilanz: Die hundert Tage der Piraten
Seit hundert Tagen sitzen die Piraten im NRW-Landtag. Sie wollen anders sein, andere Politik machen, sich nicht vom System verbiegen lassen, sondern das System selbst verändern. Ist das Entermanöver gelungen? Am Freitag (24.08.2012) zogen die NRW-Piraten eine erste Bilanz.

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Seit hundert Tagen sitzen die Piraten im Landtag
Eigentlich wollten die Piraten die Pressekonferenz zur 100-Tage-Bilanz im Netz streamen. Das ist bislang in der Landespressekonferenz aber nicht vorgesehen. Doch dass nur Journalisten das Privileg haben sollen, Parteivertreter zu befragen, widerspricht dem Selbstverständnis der Partei. Gleich nach der Pressekonferenz richtete die Fraktion deshalb eine "Piratenstunde" ein, einen einstündigen Livestream aus der Fraktion. Über Twitter, Facebook, per Mail und andere Kanäle konnten die User Fragen an den Fraktionsvorsitzenden Joachim Paul und die Parlamentarische Geschäftsführerin Monika Pieper stellen. Rund 100 Bürger nahmen das Angebot an.
Bei der Steuer-CD-Debatte blieb der Livestream stumm
Ein typisches Piratenangebot ist das. Offenheit gehört schließlich zu den Eckpfeilern der Piratenpartei. Wenngleich es gerade in dieser Hinsicht auch Kritik an den 20 Piraten im Landtag gegeben hat. Der hehre Grundsatz der Transparenz habe den Realitätstest nicht bestanden, ist den Neulingen im Landtag auch von den eigenen Anhängern vorgeworfen worden. So blieb beispielsweise der übliche Livestream aus der Fraktionssitzung ausgeschaltet, als es um eine wirklich interessante Frage ging: Ob die Fraktion die Klage zweier Piraten-Abgeordneter gegen NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans wegen des Ankaufs von Daten-CDs unterstützen soll.
"Das war ein Fehler", sagt Fraktionschef Paul. Eigentlich sollte alles, was datenschutzrechtlich unbedenklich ist, öffentlich gemacht werden. Wie auch jetzt schon jede Fraktionssitzung gestreamt werde und jeder Antrag, jede Kleine Anfrage öffentlich einsehbar sei. Geheim bleiben sollen lediglich informelle "Kafferunden" mit Abgeordneten anderer Fraktionen, und auch aus der internen Runde der Parlamentarischen Geschäftsführer soll nichts an die Öffentlichkeit dringen.
Debatten bis tief in die Nacht

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Pieper und Paul bei der Pressekonferenz
Wie sich im Politikbetrieb Transparenz herstellen lässt, ist nur eines von vielen Problemen, denen sich die Neulinge im Landtag bislang gegenübersehen. Sie mussten sich überhaupt erst einmal einfinden in die neue Arbeit. "Wir mussten in kürzester Zeit eine komplette Fraktion aus dem Boden stampfen", berichtet Pieper. 70 Leute werden demnächst für die Fraktion arbeiten, mehr als 1.300 Bewerbungen für diese Posten mussten gesichtet werden. Statt in den Sommerurlaub zu fahren, seien die Abgeordneten größtenteils daheim geblieben und hätten im Landtag oft bis in die Nacht zusammengesessen, sagt Pieper. Man habe sich erst kennenlernen, Positionen besprechen, Inhalte debattieren müssen. Und immerhin habe die Fraktion in den ersten hundert Tagen 30 Kleine Anfragen an die Landesregierung gestellt und zwei Gesetzesentwürfe in den Landtag eingebracht.
"Man muss Dissens aushalten"

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Joachim Paul will Positionen zusammenbringen
Das klingt nicht schlecht. Und dennoch werfen Kritiker den Piraten vor, sie hätten es nicht geschafft, sich ein klares Profil zu geben. Viele Positionen seien unklar oder widersprüchlich. Bei so gut wie jeder Abstimmung im Landtag stimmen die 20 Piraten uneinheitlich ab. Und bei der Steuer-CD-Klage der beiden Abgeordneten ging die Fraktion sogar öffentlich auf Distanz. Fehlt der Partei eine gemeinsame Linie? Fraktionschef Paul will das nicht gelten lassen: "Man muss Dissens aushalten", sagt er, jeder Abgeordnete sei frei. Einschränkend gibt Paul zu, dass es in Zukunft Aufgabe der Fraktion sein werde, widerstrebende Positionen zusammenzubringen.
Auf inhaltlicher Ebene sieht der Fraktionschef denn auch noch Nachholbedarf. Besonders bei Finanz- und Wirtschaftsthemen fehle es an Kompetenz. Deshalb will sich die Fraktion Experten als Berater ins Haus holen. Dass die eigene Basis ebenfalls als Ideenschmiede genutzt wird, versteht sich bei den Piraten von selbst. Über das parteiinterne Wiki - eine Plattform zum Austausch von Meinungen und Vorschlägen - und die so genannte Antragsfabrik im Netz hätten sich zahlreiche Parteimitglieder an der Arbeit der Fraktion beteiligt, sagt Paul. Thematisch soll es in den nächsten Monaten vor allem um den ÖPNV, Hochschulpolitik, Inklusion an Schulen, die Haushaltspolitik sowie Open Data - das Öffentlichmachen von Behördendaten - gehen.
Piraten im Umfragetief
Die Piraten in NRW - so die Botschaft - haben viel vor. Und von den anhaltenden Querelen in der Partei, all den Personaldebatten und Streitereien in anderen Landesverbänden wollen sich die hiesigen Freibeuter nicht bange machen lassen. Selbst das derzeitige Umfragetief - zuletzt stand die Partei bundesweit bei nur noch sechs bis sieben Prozent - macht sich Fraktionschef Paul keine Sorgen. Jedenfalls noch nicht. "Wir stehen nicht mehr so im Mittelpunkt der Öffentlichkeit", sagt er. Da sei es klar, dass die Umfragewerte zurückgehen. Spätestens in den Wochen vor der Bundestagswahl 2013 dürfte die Gelassenheit aber Geschichte sein.
Stand: 24.08.2012, 16.07 Uhr
Kommentare zum Thema (27)
letzter Kommentar: 29.08.2012, 15:02 Uhr
- JoGei schrieb am 29.08.2012, 15:02 Uhr:
- Pirat leitet sich vom griechischen peirates ab und bedeutet Angreifer oder Seeräuber. Was greifen denn die Piraten an. Wenn Seeräuber in ihrer Zeit ähnlich konzept- und planlos über die Meere geschippert wären, wie sich heute die Partei in wichtigen Fragen aufstellt, wären sie mit Glanz und Gloria untergegangen bzw. hätten nicht rauben können. Ich hoffe und denke, das die Partei ähnlich wie die echten Piraten von der Bildfläche verschwinden. Ihr Handeln und Wirken hat mit echter Parteiarbeit nichts zu tun, denn wer arbeitet schon gerne unentgeltlich ... lach lach. 100 Tage im Amt - nach der Wahl habe ich von der Partei nichts mehr Konstruktives gehört und gesehen. Man ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Traurig.
- Orange-Frieden schrieb am 29.08.2012, 08:58 Uhr:
- Orange befreite im 80jährigen Krieg Niederlande und auch Europa von spanischer Dominanz und wird uns wieder von dem befreien, was uns zurzeit spanisch vorkommt, nicht nur in Eurozone sondern in BRD, die Macht der Altparteien. Allerdings sollte es nicht wieder 80 Jahre dauern, ein bischen mehr Anstrengung und Disziplin bei Piraten ist sschon notwendig! Vielleicht sollte man schnellstens im Münsteraner Rathaus den Frieden mit Piraten schließen?
- Anarchie = Reindemokratie schrieb am 28.08.2012, 13:57 Uhr:
- @ Sie meinen halt Demokratie und nicht..? schrieb am 27.08.2012, 09:56 Uhr: "Anarchie ist von der Herrschaftsgesellschaft als regelloser Chaoszustand stilisiert worden" So ist es aber es sagt nichts anderes als das alle entscheiden und nicht privilegierte Gruppen. Mit den heutigen Möglichkeiten ist dieses aber durchaus machbar das wesentlich mehr zu den Entscheidungen herangezogen werden und oder wesentlich mehr vom Volk entschieden wird und nicht von Lobbyvertretern. Somit ist Anarchie die Form der Reindemokratie, diese wird durch das WWW immer mehr möglich und sollte somit auch angestrebt werden. Deswegen bleibt mein Pseudonym.
- Anonym schrieb am 27.08.2012, 20:08 Uhr:
- Nur gut, dass die Piraten weder Lobbyisten noch abgehalfterte Politiker aus den Altparteien am Rockzipfel hängen haben. Noch können sie frischen Wind in die muffigen Parlamente bringen. Das wirkt besser als 68 die Entmuffung der Talare, denn in Parlamenten werden die Gesetze angeschoben und über Parteien die obersten Gerichte besetzt, weshalb neue Parteien nur einen Wandel bringen. In den Altparteien herrscht schon Seilschaft und neuerdings verstärkt das Ehegattensplitting! Allerdings muss auf den Listen auch die Zahl der Beamten und Juristen auf Minimum (gemäß gesellschaftlicher Anzahl) gehalten werden, nur so ist Parlament also der Wähler souverän!
- Kölle Alaaf ! schrieb am 27.08.2012, 14:27 Uhr:
- @Robert Maynard, so ganz sind diese Piraten noch nicht in der Versenkung verschwunden.Spätestens am 11.11.12 tauchen sie in den Stunksitzungen wieder auf.
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