Nationalsozialismus-Opfer Der NS-Mord an psychisch Kranken

Von Lisa von Prondzinski

"Ballastexistenzen", "unnütze Esser" - so nannten die Nazis psychisch Kranke und Behinderte, die sie "ausmerzen" wollten. Daniela Martin aus Köln forschte in ihrer Familiengeschichte und erfuhr, dass auch ihre Uroma aus der Heilanstalt abgeholt und mit 47 Jahren vergast wurde.


Anna Lorenz als junges Mädchen
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Anna Lorenz wurde mit 47 Jahren getötet, eines der wenigen erhaltenen Fotos zeigt sie als junges Mädchen

Im Totenschein steht, dass Anna Lorenz an Herzmuskelschwäche gestorben ist. Der Familie wurde mitgeteilt, dass ihr Körper wegen Seuchengefahr sofort eingeäschert wurde. "Alles erfunden, vertuscht, damit niemand die Wahrheit erfährt", hat ihre Urenkelin Daniela Martin herausgefunden. Denn tatsächlich wurde Anna Lorenz 1940 mit 47 Jahren in der Anstalt Prima-Sonnenstein, in Sachsen, vergast. Ihr Todesurteil: Sie hörte Stimmen, litt aus heutiger Sicht unter Schizophrenie. Vorher hatte sie mehr als 20 Jahre in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen verbracht. Die in Köln lebende Autorin Daniela Martin hat über das Schicksal ihrer Urgroßmutter vor zwei Jahren eine Biografie veröffentlicht. "...Die Blumen haben fein geschmeckt" heißt der Titel, so wie eine Zeile aus einem Brief, den die Kranke an ihre beiden Kinder schrieb.

In der NS-Ideologie gab es keinen Platz für Depressive, Epileptiker oder geistig Behinderte. Als "Defektmenschen" oder "unnütze Esser" wurden sie diskriminiert. Die ersten Euthanasie-Opfer waren behinderte Kinder. Auch sie sollten aus "rassehygienischen" Gründen getötet werden.

Plus oder Minus entschied über Leben oder Tod


Menschen stehen um einen Bus herum (historische Aufnahme)
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Busse brachten Psychiatrie-Bewohner zu den Tötungsanstalten

Anna Lorenz wurde bei der so genannten Aktion T4 ermordet. Das Kürzel steht für die Tiergartenstraße 4 in Berlin. Dort war der Sitz der Sonderbehörde, wo Gutachter nach Akteneinsicht mit einem Plus- oder Minuszeichen über Leben oder Tod entschieden, ohne die Psychiatrie-Bewohner jemals gesehen zu haben. Mit meist grauen Bussen wurden sie aus Dutzenden Heil- und Pflegeanstalten abtransportiert. Trotz aller Bemühungen den Massenmord geheimzuhalten, sickerten Fakten durch. Nach massiver Kritik aus der Kirche – allen voran vom Bischof von Galen aus Münster – wurde das systematische Morden beendet. Zwischen Januar 1940 und August 1941 waren in sechs Tötungsanstalten mehr als 70.000 Menschen durch Kohlenmonoxid vergast worden. Das dort erworbene Wissen nutzten die Nazis später für die Gaskammern in den Konzentrationslagern.

In den Jahren bis zum Ende des Krieges ließen Anstaltsleiter ihre Psychiatrie-Patienten dann verhungern, verabreichten ihnen vollkommen fettfreie "Hungerkost" oder spritzten sie mit Medikamenten zu Tode, nicht ohne an manchen vorher medizinische Versuche durchzuführen. Schätzungen zufolge haben die Nazis insgesamt 300.000 psychisch Kranke und geistig Behinderte in Deutschland und Europa umgebracht und 400.000 Menschen zwangssterilisiert.

Kritik an Entschädigungszahlungen

Nach dem Krieg bekleideten viele der Täter, darunter Mediziner, neue Ämter, ohne für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen zu werden. Ähnlich wie in der Politik und Justiz. Jahrzehntelang reichte den Opfern und ihren Angehörigen kaum jemand die Hand. Im vergangenen Jahr trat eine neue Entschädigungsregelung in Kraft: Eine monatliche Rente von 291 Euro steht den Opfern zu. Aus Sicht des Bundes der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten richtet sich das jedoch an einen zu eng gefassten Kreis. Die Geschäftsführerin Margret Hamm meint: "Für Zwangssterilisierte ist das zwar gut, aber die meisten dieser Opfer leben nicht mehr." Gelitten hätten aber auch Kinder, wenn der Vater oder die Mutter ermordet worden seien. Heute sind diese noch lebenden Hinterbliebenen alt. "Wir sähen es gerne, wenn diese Angehörigen entschädigt würden." Doch das sei nicht der Fall.

Schweigen nach dem Krieg


Porträt Frank Schneider
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Frank Schneider hat die Opfer und ihre Familien offiziell um Verzeihung gebeten

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) hat die Opfer und deren Angehörige offiziell erst vor zwei Jahren um Verzeihung gebeten und Verantwortung übernommen. Prof. Frank Schneider, der damalige DGPPN-Präsident und Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Uni-Klinikum Aachen, kann nicht sagen, warum seine Kollegen diesen Schritt nicht schon früher getan haben. "Wir stehen fassungslos davor, können es nicht beantworten. Es ist beschämend", so Schneider. Deshalb soll nun im Rahmen eines Forschungsprojekts auch die Nachkriegsrolle der Psychiater durchleuchtet werden.

Daniela Martin hörte erst spät vom Schicksal ihrer Uroma


Porträt Daniela Martin
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Daniela Martin forschte in der Familiengeschichte

Schweigen herrschte über Jahrzehnte auch bei den Angehörigen der Ermordeten. Vor allem deren Kinder waren traumatisiert durch die Tötung von "lebensunwerten" Familienmitgliedern. So hat auch Daniela Martin erst mit 25 Jahren das erste Mal von ihrer ermordeten Urgroßoma gehört. "Ich wollte meine Oma sofort nach ihr fragen, damit sie mir von ihr erzählt." Doch ihr Großonkel hielt sie davon ab: "Wenn du das tust, könnte das den letzten Sargnagel für sie bedeuten." Erst als die Oma starb "und eine Menge Wissen mitnahm", traute sich Daniela Martin nachzuforschen, was wirklich passiert war. Glücklicherweise waren viele Familiendokumente gerettet worden, so dass es Briefe und sogar einige Fotos gibt. In ihrer Biographie hat Daniela Martin nebem dem Schicksal ihrer Urgroßoma auch die Zustände in der Psychiatrie der 20er und 30er Jahre beschrieben.

Auch heute wird über "Wert oder Unwert von Leben " diskutiert

Schicksale ermordeter Psychiatrie-Patienten will auch die DGPPN im Rahmen einer geplanten Wanderausstellung aufarbeiten. Zudem ist die Beteiligung am Aufbau eines zentralen Gedenkortes für alle Euthanasie-Opfer vorgesehen. Von der Bundesregierung wurden dafür eine halbe Million Euro zugesagt. "Erst wenn wir die Vergangenheit verstehen, können wir vermeiden, das so etwas noch einmal passiert", sagt Prof. Frank Schneider vom Uni-Klinikum Aachen. Sensibilität sei auch heute gefragt. "Migration, Präimplantationsdiagnostik, Sterbehilfe, alte Menschen, – alles Themen, bei denen es um den Wert und Unwert von Leben geht", so Schneider. "Diese Diskussionen führen wir zwar nicht mit der scharfen Terminologie von damals, aber so ähnlich durchaus."

Stichworte

Euthanasie

Euthanasie kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "guter" oder "schöner" Tod. Heute ist damit meist ein würdiger, schmerzfreier Tod unheilbar Kranker gemeint - auch mit Hilfe anderer. In Deutschland ist dafür das Wort "Sterbehilfe" gebräuchlich, was einer Abgrenzung zum historischen Missbrauch gleichkommt: Denn die Nationalsozialisten benutzen die so genannte Euthanasie, um ihre pervertierte Ideologie im Staat auszubauen. Sie rechtfertigten mit genetischen und "rassehygienischen" Gründen den Mord an Menschen, die in ihren Augen als "nicht lebenswert" galten. Dazu zählten psychisch Kranke, die an Depressionen oder Schizophränie litten, aber auch Menschen, die eine erbliche Form der Epilepsie hatten, blind, taub oder kleinwüchsig waren.

Eingeleitet wurde die Entwicklung 1933 mit dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", das Zwangssterilisationen erlaubte, wenn jemand vermeintlich als genetisch minderwertig angesehen wurde. Sterilisationen gegen den eigenen Willen waren damals in auch in anderen europäischen Ländern möglich, allerdings gab es kein staatlich verordnetes Programm dazu. Das Vorgehen gegen psychisch Kranke und Behinderte eskalierte in deren Ermordung. Hitler hatte im Oktober 1939 mit einem auf den 1. September - dem Kriegsbeginn - zurückdatierten Schreiben die Ermächtigung gegeben, dass unheilbar Kranken "der Gnadentod gewährt werden kann".


Stand: 27.01.2012, 06.00 Uhr



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