Studie über Neueltern in Monheim Wenn Eltern Hilfe brauchen

Von Rainer Kellers

Fast ein Viertel aller jungen Eltern ist überfordert. Viele von ihnen laufen Gefahr, von Problemen überwältigt zu werden. Das ist das Ergebnis einer Studie der Stadt Monheim. Die Untersuchung zeigt aber auch, wie geholfen werden kann.


Symbolbild: Eltern mit Kleinkind im Bett
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Junge Familien können schnell in Notlagen geraten

Eine Studie über die Lebenssituation junger Eltern muss dieser Tage im Lichte der vielen Familientragödien gesehen werden, die das Land in den vergangenen Wochen erschüttert haben. Allein im August haben sich in NRW bereits vier Fälle von Kindstötung ereignet. Jüngst in Neuss, wo ein Vater vermutlich seine beiden Kinder und seine Ehefrau erschossen hat. Wie und ob solche Tragödien verhindert werden können, darum geht es in der Untersuchung der Stadt Monheim zwar nicht explizit. Die so genannte Neuelternstudie - vorgestellt am Mittwoch (22.08.2012) in Düsseldorf - zeigt aber auf, welchen Risiken junge Familien ausgesetzt sind und wie man ihnen begegnen kann.

Begrüßungsbesuch bei allen neuen Eltern

Im Mittelpunkt der Untersuchung standen Eltern, die gerade erst ein Kind bekommen haben. Um mit ihnen möglichst schnell Kontakt aufzunehmen, schickten Stadt und Arbeiterwohlfahrt Mitarbeiter zum Begrüßungsbesuch. Fast jede Familie mit einem Neugeborenen in der 43.000-Einwohner-Stadt wurde besucht und befragt. Gut 80 Prozent der Eltern erklärten sich bereit, Auskunft über ihre Lage zu geben. Die wichtigste Erkenntnis: Fast ein Viertel aller Eltern sind durch die neue Lebenssituation verunsichert oder von ihr überfordert. Sie laufen Gefahr, den Boden unter den Füßen zu verlieren.


Symbolbild: Zerstrittene Eltern mit Baby
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Helfen, wenn Eltern den Boden unter den Füßen verlieren

Sechs Prozent dieser Familien zählen die Wissenschaftler des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS), die die Befragungen ausgewertet haben, zur Gruppe der "Risiko-" oder "Hochrisikofamilien". In diesen Familien häufen sich die Probleme, zum Teil ist das Wohl des Kindes gefährdet, und sie benötigen umgehend Hilfe. Bei den anderen 17 Prozent ist die Situation nicht so dramatisch. Allerdings besteht bei diesen Familien die Gefahr, dass die Lage kippt. Sie sind verunsichert, haben Ängste, fühlen sich allein gelassen. Viele der Mütter in dieser Gruppe sind vergleichsweise jung, haben bereits mehrere Kinder und verfügen nicht über eine Berufsausbildung. Ein hoher Anteil dieser Familien hat einen Migrationshintergrund. Es sind diese "unsicheren Familien", die oft übersehen würden, heißt es in der Studie. Und genau da setzt die Arbeit der Stadt an.

Notlagen erkennen, Hilfe anbieten

Der Begrüßungsbesuch soll dabei nur der erste Schritt sein. Alle Institutionen der Stadt, die mit Kinder- und Jugendhilfe zu tun haben, wurden vernetzt. Zusätzlich hat die Stadt ein Eltern-Café eingerichtet, das für die Familien ein ständiger Anlaufpunkt sein soll. Außerdem unterstützt bei Bedarf eine Familienhebamme und eine Bildungsbegleiterin kostenlos alle Neueltern. Auf diese Weise will die Stadt möglichst früh Notlagen erkennen und Hilfe anbieten.

560.000 Euro lässt sich die Stadt das Engagement im Jahr kosten. Gut angelegtes Geld, meint Bürgermeister Daniel Zimmermann. "Ein konsequenter präventiver Ansatz ist der richtige Weg, um für alle Kinder optimale Zukunftschancen sicherzustellen", sagt er. Außerdem lohne sich der Einsatz für Familien auch wirtschaftlich. Nach zehn Jahren konsequenter Präventionsarbeit ließe sich beobachten, dass die Kinder bessere Sprachkenntnisse besäßen, gesünder seien und höhere Bildungsabschlüsse erzielten. Auch die Kosten für so genannte Erziehungshilfen wie eine Heimunterbringung seien in Monheim weniger stark gestiegen als im Bundesschnitt.

"Wegweiser für künftige Familienpolitik"

Die rot-grüne Landesregierung, die Prävention und sei es auf Kosten höherer Schulden zum Credo erhoben hat, versteht diese Ergebnisse als Bestätigung. Und so lobt Britta Altenkamp, Fraktionsvize der SPD im Landtag und gleichzeitig Vorsitzende des AWO-Bezirksverbandes Niederrhein, das Monheimer Projekt als vorbildlich: "Es ist ein Wegweiser für die zukünftige Gestaltung der Familienpolitik in NRW", sagt sie. Es wäre wünschenswert, wenn zumindest der Begrüßungsbesuch bei Neueltern in allen Kommunen Pflicht würde. Dass das Geld kostet, ist auch Altenkamp klar. Sie glaubt jedoch, dass, wenn die Kommunen ihre Familienhilfe besser organisierten, genügend Mittel frei würden. "Es lohnt sich", versichert Altenkamp. Und Gerda Holz vom ISS, angesprochen auf die Familientragödien der letzten Zeit, glaubt, dass das Monheimer Präventionsmodell geeignet sei, Gewalt in Familien rechtzeitig zu verhindern.


Stand: 22.08.2012, 17.06 Uhr


Kommentare zum Thema (29)

letzter Kommentar: 27.08.2012, 03:14 Uhr

RechtsDaumenLinks schrieb am 27.08.2012, 03:14 Uhr:
Führt das dann irgendwann zu Kindesentzug ala Margot Honnecker? Zum Zwang seine Kinder doch besser zur Adoption für Parteifreunde freizugeben weil man von Staatsseite sugriert bekommt es nicht zu schaffen diese Kinder zu erziehen? Bekommen die sozial Schwachen Eltern aus diesem Grund immer weiter den Geldhahn zugedreht? Also von derartigen Zwangsbesuchen wie Sie hier vorgeschlagen werden halte ich ja mal gar nichts. Auch bei Eltern bei denen es im ersten Moment so aussieht als würden dort Probleme entstehen, sollte man doch in erster Linie davon ausgehen das eben das nicht der Fall ist(Unschuldsvermutung).
Ilse Eickemeyer schrieb am 23.08.2012, 15:58 Uhr:
Der Kontakt der Fürsorge sollte schriftlich vortgetragen werden und nicht durch einen obligatorischen Besuch eines Sozialarbeiters bei den jungen Familien erfolgen. Ich habe in Frankreich einen solchen Besuch über mich ergehen lassen müssen, weil die Fürsogerin, ca 22 Jahre alt, mich als aus Deutschland kommend (wo ich gerade mein Hochschulstudium abgeschlossen hatte, als Gastarbeiterin mit Migrationshintergrund (!) ansah - und deshalb als hilfsbedürftig einstufte. Ich war damals 31 Jahre alt und reichlich perplex über den Besuch! Es bestand keinerlei soziale, finanzielle oder persönliche Notwendigkeit für einen öffentlichen Eingriff in meine Familie. - Solch ein Hilfangebot kann also auch daneben gehen !
Bertram in Mainz schrieb am 23.08.2012, 14:30 Uhr:
Mich stören viele Punkte bei dieser "Hilfe". Anforderungen, Stress und andere Belastungen steigen. Über eine Verringerung wird gar nicht nachgedacht. Statt dessen wird Familienleben generell als verdächtig und potentiell schädlich für die Kinder angesehen. Freiwillige Angebote (Beratungen, Jugendtreffs usw.) werden aus Kostengründen abgebaut. Statt dessen wird auf Druck und Kontrolle gesetzt. Kosten spielen dann plötzlich keine Rolle. Einziges Ziel ist der Arbeitsmarkt. Die Eltern müssen gleich nach der Geburt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Die Kinder müssen durch Frühförderung fit gemacht werden für den Arbeitsmarkt. Mich stört diese unglaubliche Staatsgläubigkeit. Dieser "Begrüßungsbesuch" ist eine Kontrolle des Privatlebens! Wollen wir eine Kontrolle unserer privaten Verhältnisse durch den Staat? Mit dem Recht zu Zwangsmaßnahmen, wenn dem Kontrolleur irgend etwas nicht passt?
Piratenwende? schrieb am 23.08.2012, 12:38 Uhr:
leider hat sich die BRD in den Jahren vor und nach der Wiedervereinigung von Kindern als Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft soweit entfernt, dass höchstrichterlich entschieden werden musste, laute Kinderstimmen nicht als lästigen Lärm vor Gerichten als Ruhestörung oder Wertminderung beklagen zu können. Beginnend mit einer Fraktion innerhalb der Grünen pflanzte sich eine Welle der Singlekultur in Lebenspartnerschaften fort, die jetzt in Medien und Politik, sogar neuerdings in CDU viel größer und wichtiger als die Kinderrechte und -erziehung geführt wird. Niemandem kommt die Idee, auf den Lehrplan der Hauptschulen bis Gymnasien etwas wie Buchführung für einfachen Haushalt oder gar Baby-oder Kinderumgang bzw. Familienbelange zu setzen und das ist nicht gut so!
Leonilda schrieb am 23.08.2012, 12:26 Uhr:
Es ist nicht immer eine Frage von arm oder reich, wenn es um die Kindererziehung geht. Eine beängstigende Menge junger Menschen kommen heutzutage mit sich selbst nicht klar, willschweigen noch mit der Erziehung eines oder gar mehrerer Kinder. Früher kriegten die meisten Leute mit Anfang oder Mitte 20 ihre Kinder. Wenn man sich heute die Anfang oder Mitte zwaniger jungen Menschen ansieht, ist es bei vielen unvorstellbar, dass diese in der Lage sind ein Kind so zu erziehen wie es sein sollte. Das liegt daran, dass diese jungen Menschen, die heute in dem Alter wären Kinder zu bekommen, selbst so schlecht erzogen wurden, dass sie dazu gar nicht mehr in der Lage wären. Was sollen Kinder lernen, wenn die Eltern selbst nichts auf dem Kasten haben oder keinen Bock auf Arbeit haben, Drogen nehmen, abchillen oder keinen Schulabschluss vorweisen können. Ich finde es traurig, dass diese Kinder unsere Zukunft sind. Was für Aussichten.....

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