Umstrittene Statistik zur Lebenserwartung: Sterben Geringverdiener immer früher?
Die Schlagzeile sorgte für Wirbel: Menschen mit geringem Einkommen sollen eine deutlich schlechtere Lebenserwartung haben als andere. Die Linke hats errechnet, die Bundesregierung kontert. WDR.de fragt bei einem Kölner Statistik-Experten nach.

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Werden Reiche besonders alt?
Die Linke im Bundestag ist gegen die Rente mit 67. Um ihre Position zu untermauern, bat sie die Bundesregierung um Datenmaterial. Aus über 350 Seiten Tabellen zur Rente filterte der linke Rentenexperte Matthias Birkwald laut Saarbrücker Zeitung schließlich eine Essenz: "Die Rente erst ab 67 ist nichts anderes als ein gigantisches Rentenkürzungsprogramm." Grund: Geringverdiener sollen heute eine zwei Jahre geringere Lebenserwartung als noch vor zehn Jahren haben.
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales nimmt das nicht hin: Die genannten Zahlen seien weder repräsentativ noch aussagekräftig. Was stimmt denn nun? Ist es überhaupt möglich, die Sterblichkeit nach sozialen Schichten zu differenzieren? WDR.de hat bei dem Demografen Prof. Dr. Eckart Bomsdorf vom Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Universität Köln nachgefragt.
WDR.de: Herr Bomsdorf, ist eine Aussage wie "sinkende Lebenserwartung bei Geringverdienern" wissenschaftlich überhaupt haltbar?
Bomsdorf: Es ist sehr schwierig, so etwas festzustellen. Das hängt damit zusammen, dass man letzten Endes nicht als Geringverdiener geboren wird. Man muss das an Hilfsgrößen festmachen: zum Beispiel daran, wie lange die Menschen im Durchschnitt Rente beziehen. Aber dennoch: Es bleibt schwierig, solche Aussagen wissenschaftlich zu untermauern.
WDR.de: Auch ohne ein solches statistisches Fundament existiert ja die Aussage, dass sozial Schwache nicht so alt werden wie der Rest der Gesellschaft…
Bomsdorf: Das taucht immer wieder auf, lässt sich auch durch manche Untersuchung untermauern. Andere Ergebnisse sprechen dagegen. Die Frage bleibt: Woran liegt das? Liegt es daran, dass sie im Schnitt zu wenig Geld haben, oder liegt es daran, dass sie eine andere Lebensweise haben? Es ist schwierig, da Ursache und Wirkung genau auseinander zu halten, zumal sich vieles gegenseitig beeinflusst.
WDR.de: Was kennzeichnet dann eine solche "andere Lebensweise"?
Bomsdorf: Die andere Lebensweise ist zum Teil vom Beruf geprägt. Zum Beispiel ist die körperliche Belastung im Beruf von Bedeutung. Aber auch Ess- und Lebensgewohnheiten spielen eine große Rolle: Lebt man insgesamt gesünder oder nicht so gesund? Man kann aber auch gesund leben, wenn man unterschiedlichen sozialen Schichten angehört. Man kann auf manche Dinge verzichten, die nicht so gesund sind. Ich meine, dass es schwierig ist, so etwas immer nur an einem Kriterium, wie etwa der Bildung, festzumachen. Aber auch sie spielt natürlich eine Rolle.
WDR.de: Im aktuellen Fall wurden Daten der Deutschen Rentenversicherung ausgewertet. Ein Ansatz, der sinnvolle Informationen bringen kann?

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Prof. Dr. Eckart Bomsdorf: "Man muss genau schauen, was man vergleicht."
Bomsdorf: Er könnte sinnvolle Daten und Interpretationen bringen, wenn man wirklich große Datensätze hat und genau schaut, was man vergleicht. Es gibt auch die Möglichkeit, dass sich nur die Struktur der Niedrigverdiener verändert hat, und deshalb ganz andere Zahlen am Ende rauskommen. Ein einfaches Beispiel: Wenn ursprünglich nur Frauen mit einer höheren Lebenserwartung Niedrigverdiener gewesen wären und wir jetzt vielleicht einen Strukturwandel hätten, hin zu mehr Männern mit niedrigem Einkommen. Dann sinkt im Schnitt die Laufzeit der Renten, weil Männer durchschnittlich eine niedrigere Lebenserwartung haben als Frauen.
WDR.de: Wie aufwändig müsste eine Datensammlung sein, um zu prüfen, ob Menschen mit geringem Einkommen früher sterben als Besserverdienende?
Bomsdorf: Also, da müsste man sehr sorgfältig vorgehen. Man muss viel über die einzelnen Menschen wissen. Daten, die man gegenwärtig gar nicht zur Verfügung hat. Man hat zum Beispiel Sterbedaten, weiß aber gar nicht, wie die Menschen vorher gelebt haben. Es müssten viel mehr Daten gesammelt werden als das, was man durch die Zahlen der Rentenversicherung belegen kann. Und man müsste die Analyse strukturell hinterfragen.
WDR.de: Jetzt ist mit dem Thema Lebenserwartung und sozialer Hintergrund ja auch politisches Terrain verknüpft: die Gesundheitsversorgung oder eben die Rente mit 67. Wie schätzen Sie die Einflussmöglichkeit der Politik darauf ein, wie alt wir werden?
Wenn es darum geht, Bevölkerungs-Vorberechnungen zu machen, dann hat man drei Größen zu berücksichtigen: Geburtenrate, Sterbefälle und Wanderung. Letzteres lässt sich am ehesten von der Politik beeinflussen. Auf die reine Lebenserwartung hat die Politik kaum Einfluss. Es wird ja auch in der Diskussion um die Rente mit 67 oft mit problematischen Fragestellungen argumentiert. Zum Teil sehe ich da auch eher Lobbyismus als politische oder gesellschaftliche Argumentationsstränge. Im Übrigen gilt: Erst in 20 Jahren, 2031, soll der erste Jahrgang mit 67 in Rente gehen, nicht bereits 2012.
Das Interview führte Lis Kannenberg.
Stand: 12.12.2011, 15.29 Uhr
Kommentare zum Thema (43)
letzter Kommentar: 17.12.2011, 10:14 Uhr
- Lasset die Kindlein zu ... schrieb am 17.12.2011, 10:14 Uhr:
- Das betrifft die finanzielle Seite des Lebens. Es gibt von anderen weltlichen Bemühungen diktierte Alterserscheinungen, eine ganze Generation, die von Kindesbeinen an, wie soll ichs schreiben, im Sinne einer gewissen Weltanschauung einiger Weniger sozusagen erzogen wurde (ich will mir nicht anmaßen zu schreiben, dass sie von denen absichtlich verblödet werden dürfen) - da sitzen die Alten gut verpflegt und jeden Tag in ihren rostenden Alterskäfigen herum und haben die Welt vergessen. Irgendwelche bunt aufgemachten Gestalten lassen sich wie eh und je durchblättern, mit speziellfeinen Kommentaren versehen auf Flimmerscheiben sehen; es macht sich leicht, alten Menschen etwas von schlechten Menschen beizubringen, die Wahlen fälschen und Künstlern, die wie ganze Völker unterdrückt werden, vom Klima, das unsere Nachkommen umbringen wird, und von vielem mehr. Ich sage es endlich so: Solange ich mich dagegen wehren kann, bleibe ich, mich neugierig und selbst mühend, 100 Jahre jung und gesund.
- ThorstenV schrieb am 16.12.2011, 17:26 Uhr:
- Herr Prof. Bomsdorf hat natürlich schon recht, wenn er sagt ?Es ist schwierig, da Ursache und Wirkung genau auseinander zu halten?, denn ?genau auseinanderhalten? ist in der empirischen Sozialforschung immer schwierig. Aber wie wäre es denn damit, einmal beim Naheliegenden anzufangen? Für etwa 90% der Bevölkerung definiert sich Gesundheitsfürsorge durch die gesetzliche Krankenversicherung. Das einschlägige Gesetz ist das SGB V, wo man schon in § 2 findet ?Die Krankenkassen stellen den Versicherten die im Dritten Kapitel genannten Leistungen ... zur Verfügung, soweit diese Leistungen nicht der Eigenverantwortung der Versicherten zugerechnet werden.? Wenn dann z.B. Leistungen ?der Eigenverantwortung der Versicherten zugerechnet? werden, aber der nunmehr Eigenverantwortliche leider kein Geld hat, seiner Verantwortung gerecht zu werden, so hat man schon mal einen möglichen Grund aufgetan, warum Arme früher sterben.
- Anonym schrieb am 14.12.2011, 10:58 Uhr:
- Nehm eure Krücken und schlagt zu. Es trifft selten ein Schlag falsch. Das hättet ihr aber schon früher, als ihr noch jung wart, unter euch ausmachen sollen.
- müller schrieb am 13.12.2011, 19:43 Uhr:
- Viele Leute in diesem Land haben bei der Rente gerade mal eine Grundsicherung obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet haben. Unserer NRW-Politiker wollen auch im Alter üppig leben, drum haben sie sich mal eben 500 Euro zusätzlich für ihre Altersversorgung genehmigt. Wie normale-arme Menschen leben müssen, davon haben die keine Ahnung, weder die sich Christen - Sozial oder Grüne nennen.
- Julius Hollmann schrieb am 13.12.2011, 15:41 Uhr:
- Nennt man das in "unserer" real existierenden freien Marktwirtschaft nicht "sozialvertraegliches Fruehableben"?
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