Bayern klagt gegen Länderfinanzausgleich: "Das hat nichts mit Solidarität zu tun"
Bayern macht ernst: Am Dienstag (17.07.2012) hat das Kabinett beschlossen, gegen den Länderfinanzausgleich zu klagen. Das war erwartbar, genauso wie die abwiegelnde Reaktion aus NRW. Achselzucken und ein "wir sehen der Klage gelassen entgegen".
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Solidarität und Selbstständigkeit der Bundesländer sollen sich die Waage halten
(01:51 Min.)
WDR aktuell vom 17.07.2012
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Solidarität und Selbstständigkeit der Bundesländer sollen sich die Waage halten
Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hatte die Klage mehrfach angedroht, nun macht er ernst: Der Länderfinanzausgleich soll vom Bundesverfassungsgericht geprüft werden. Darauf verständigte sich das schwarz-gelbe, bayrische Kabinett am Dienstag in München (17.07.12). Das Hauptgeberland hält die Lastenverteilung für ungerecht und will noch in diesem Jahr in Karlsruhe klagen.
Alles Wahlkampf, winkt NRW ab

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Messal wirft Bayern unsolidarisches Verhalten vor
Im kommenden Jahr wird in Bayern gewählt – und während sich das Geberland langsam auf Wahlkampftemperatur erhitzt, reagiert das Nehmerland NRW auf die angekündigte Klage cool. Statt Ministerpräsidentin Hannelore Kraft oder Finanzminister Norbert Walter-Borjans (beide SPD) kommentiert Rüdiger Messal, Staatssekretär im Finanzministerium, den Beschluss des bayrischen Kabinetts: "Wir sehen einer Klage von Bayern gegen den Länderfinanzausgleich gelassen entgegen." Wenn das Solidar-System der Länder auf den Tisch komme, müssen alle Teile überprüft werden. Dazu gehöre dann auch der Umsatzsteuerausgleich. Dadurch habe Nordrhein-Westfalen alleine im vergangenen Jahr mehr als zwei Milliarden Euro in das Ausgleichssystem eingezahlt.
Damit spricht Messal den sogenannten vertikalen Finanzausgleich an: Dabei werden zwischen Bund und den 16 Ländern jene Steuern aufgeteilt, die beiden Ebenen gemeinsam zustehen. Dies sind die Einkommen-, Körperschaft- und Umsatzsteuer. Anschließend folgt der eigentliche, der horizontale Länderfinanzausgleich, den Bayern nun kippen will. Verglichen werden dabei die Einnahmen der Länder. Jährlich werden Milliardensummen von den reicheren Ländern an die ärmeren gegeben.
"Offenbar braucht die CSU ein populäres Thema im Wahlkampf", so Messal. Bayern sei von 1950 bis 1986 ausschließlich Nehmerland im Länderfinanzausgleich gewesen. "Jetzt wo sie nicht mehr profitieren, klagen sie. Das hat nichts mit Solidarität zu tun", so Messal.
Jeder ist sich selbst der nächste

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Der Länderfinanzausgleich in den vergangenen 62 Jahren
"Wir sind solidarisch, aber blöd sind wir nicht", entgegnet Markus Söder. Der bayrische Finanzminister verwies darauf, dass Bayern inzwischen Jahr für Jahr so viel Geld in den Finanzausgleich einzahle, wie es zuvor über mehrere Jahrzehnte hinweg insgesamt bekommen habe.
Die Grafik als Tabelle gibt es hier.
Zumindest inhaltliche Rückendeckung gab es von der Schwesterpartei aus NRW: Ein Geberland wie Bayern setze sehr stark auf die Konsolidierung seines Landeshaushalts, während ein Nehmerland wie Nordrhein-Westfalen unter der rot-grünen Landesregierung auf Studienbeiträge verzichte und ein beitragsfreies Kindergartenjahr eingeführt habe, so der haushalts- und finanzpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Marcus Optendrenk. Es müsse reformiert, das Anreizsystem gestärkt und "zügig mit einer sachlichen und konstruktiven Verständigung über die künftige Gestalt des Länderfinanzausgleiches begonnen werden", heißt es. Kein Wort über Seehofers Klage - zum bayrischen Alleingang nach Karlsruhe schwiegen sich Optendrenk und die NRW-CDU lieber aus.
Selbst Geberland Baden-Württemberg will weiter verhandeln
Aus den anderen Ländern bekam Bayern am Dienstag einiges an Gegenwind. Dass die Nehmerländer Berlin, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern protestieren würden, lag auf der Hand. Aber selbst Geberland Baden-Württemberg kündigte an, lieber weiter zu verhandeln als zu klagen.
Nicht nur durch die Bundesländer, auch durch den Bund der Steuerzahler geht ein interessengesteuerter Riss, was das Thema Länderfinanzausgleich angeht: Während der Verband in Baden-Württemberg fordert, die Verteilung der Gelder an Bedingungen zu knüpfen, verurteilt die NRW-Vertretung die bayrische Klage. "Die Landesverbände der Geberländer sehen das naturgemäß anders als die der Nehmerländer", erklärt Bärbel Hildebrand vom Bund der Steuerzahler in Nordrhein-Westfalen. Grundsätzlich könne sie die Klage verstehen, aber Bayern habe nun mal auch jahrelang vom Länderfinanzausgleich profitiert und NRW in den vergangenen Jahren beim Wachstum im Bundesdurchschnitt nicht mithalten können.
NRW - vom Geber zum Nehmer
Die drei großen Geberländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen hatten den Nehmerländern schon mehrmals mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht gedroht, wenn diese nicht zu einer Neuregelung des Finanzausgleichs bereit seien. Bayern war bis Ende der 80er Jahre selbst lange Zeit ein Nehmerland, hat inzwischen aber mit Abstand die Hauptlast zu tragen.
NRW hat auch 2011 Geld aus dem Länderfinanzausgleich erhalten. Laut Bundesfinanzministerium flossen dem Land 224 Millionen Euro zu. 2010 hatten die Geberländer die NRW Kasse mit 354 Millionen Euro aufgebessert. Einzahler in den Finanzausgleich war NRW zuletzt 2009 mit 59 Millionen Euro. Von 1995 bis 2007 war das bevölkerungsreichste Bundesland regelmäßig Einzahler. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 7,3 Milliarden Euro zwischen den Ländern umverteilt. Größter Zahler war Bayern mit fast 3,7 Milliarden Euro.
Stichworte
- Länderfinanzausgleich
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Der Länderfinanzausgleich ist Teil eines komplexen Systems der Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern und der Länder untereinander. Er dient dem Verfassungsziel, trotz unterschiedlicher Wirtschaftskraft der einzelnen Regionen in allen Teilen Deutschlands gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen und zu wahren.
Im Grundgesetz und der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ist mit zwei zentralen Begriffen umschrieben, wie ein rechtmäßiger Länderfinanzausgleich zu sein hat: Er muss für einen "angemessenen" Ausgleich sorgen und er muss "die richtige Mitte" finden zwischen Solidarität und Selbstständigkeit der Bundesländer.
Stand: 17.07.2012, 15.48 Uhr
Kommentare zum Thema (55)
letzter Kommentar: 23.07.2012, 00:08 Uhr
- der Eulenspiegel schrieb am 23.07.2012, 00:08 Uhr:
- @ Fred in welt-online gibt es tatsächlich einen Bericht "Warum heute keiner mehr stolz auf NRW ist " Dort wird aber nur beschrieben das NRW mal das reichste Bundesland war, es heute aber nicht mehr ist. Über die Ursachen wird da gar nichts geschrieben. Welche Zusammenhänge da eine Rolle spielen wird auch nichts geschrieben. Was soll der Blödsinn?
- ---warum nur ist das so in NRW ? schrieb am 22.07.2012, 22:07 Uhr:
- @ Fred 17:22 Uhr, Ihnen ist in allen Punkten zuzustimmen. Und wenn man dann hier die dummerhaften Kommentare dieser Ewiggestrigen liest, die für 40 Jahre SPD-Desaster noch Herrn Rüttgers verantwortlich machen wollen, dann schwillt mein Kamm. "welt-online" bringt heute einen Bericht mit dem Titel: "Warum heute keiner mehr stolz auf NRW ist " . Dort werden die katastrophalen Versäumnisse und das Unvermögen von Rot und Rot/Grün aus 40 Jahren genau beschrieben. Griechenland lässt grüßen.
- Fred schrieb am 19.07.2012, 17:22 Uhr:
- Die CSU hat in den Jahrzehnten seit dem sie an der Macht ist aus dem einstigen Agrarland Bayern ein Wirtschaftsmetropole aufgebaut, die nicht nur in Deutschland ihresgleichen sucht. Neben einer soliden Finanzpolitik hat das Land die kleinste Kriminalitätsrate und die höchste Aufklärungsquote. Was hat die SPD dagegen in den 40 Jahren in denen sie an der Macht ist zu bieten? Sie hat den vorhersehbaren Niedergang der Montanindustie völlig verschlafen. An Stelle von Förderung neuer Industrieansiedlung wurden über viele Jahre Milliarden an Subventionen für den Steinkohlenbergbau gezahlt nur um sich Wählerstimmen zu sichern. Heute zahlen die Ruhrgebietsstädte mit ihrer hohen Arbeitslosigkeit die Zeche. Die Folge: immer mehr junge Menschen wandern ab und meistens sind dieses dazu noch die Besten.
- BayernBerlusconi schrieb am 19.07.2012, 15:54 Uhr:
- Ach der Seehofer - dem sitzt die nackte Panik im Genick: als Aussicht auf Opposition in Bayern 2013. Die absolute Mehrheit hat ja der in mehrfacher Hinsicht potente Ministerpräsident schon "verseehofert". Rechnet man die in NRW erbrachte UMSATZSTEUER der Betriebe gegen, so profitiert Bayern wiederum von der starken Wirtschaft hier. Da aber lieber Klischees bedient werden (Seehofer) und die gerne aufgenommen werden (in diversen Foren) stimmt der Spruch: "Gegen Dummheit kämpfen selbst Götter vergebens!"
- Kerner schrieb am 19.07.2012, 15:27 Uhr:
- Ich würde an Stelle von H. Seehofer ganz genauso handeln. Ein SPD MP nach dem anderen setzen Millionen von Steuergeldern in den Sand. Platzek und Wowereit machen sich mit ihrem Flughafen geradezu lächerlich. Beck wollte sich mit dem Nürburgring ein Denkmal setzen und scheitert kläglich. Ich würde mich auch weigern für solchen Schwachsinn zu zahlen. Das Schlimme ist keiner von den Genannten wird zur Rechenschaft gezogen. Da geht man im Süden ganz anders zur Sache. Faltershauser (CSU) muß sich wegen der Bayern LB Miesen vor Gericht verantworten. Gegen Mappus (CDU) läuft wegen der Enbw ein Ermitlungsverfahren. Und was passiert in NRW? Obwohl das West LB Desaster mit 18 Milliarden ein Mehrfaches beträgt wie die vorgenannten Finanzskandale wird hier niemand zur Rechenschaft gezogen. Das ist in Wahrheit ein Megaskandal der zum Himmel schreit. Wie dick muß der rote Filz sein, der sich in 40 Jahren SPD über das Land NRW gelegt hat?
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