Diskussion zu Ladenöffnungszeiten Ende der Offenheit?

Von Sven Gantzkow

Aushöhlung des Sonntags? Belastung der Arbeitnehmer? Rot-Grün diskutiert die Ladenöffnungszeiten erneut, die Grünen wollen die Bevölkerung online dazu befragen. Zunächst aber äußerten sich am Mittwoch (12.01.2012) die Spitzenverbände im Landtag.


Geschlossene Geschäfte in einer Innenstadt
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Müssen Läden demnächst wieder früher schließen?

Nach der Arbeit noch schnell ein paar Bananen, Brot und Butter besorgen? Früher undenkbar und besonders für berufstätige Singles problematisch. Viele Läden schlossen bereits um 18.30 Uhr, große Lebensmittelketten hatten bis maximal 20 Uhr geöffnet. Heute ist der Einkauf am späten Abend in vielen nordrhein-westfälischen Städten und Ballungsgebieten Normalität. Vor allem Supermärkte und Shoppingzentren nutzen die erweiterten Öffnungszeiten, teilweise bis 24 Uhr, montags bis samstags.

Theoretisch können die Geschäfte 24 Stunden am Tag öffnen


Die Neuregelung der Ladenschlusszeiten besteht seit 2006. Die damalige schwarz-gelbe Landesregierung nutzte die Föderalismusreform, durch die unter anderem die Gesetzgebungskompetenzen für die Geschäftsöffnungszeiten auf die Länder übergingen. Vorher herrschte bundesweit eine einheitliche Gesetzgebung. Die Regierung Rüttgers kippte die Schließzeiten an Werktagen. Von Montag bis Samstag können Geschäfte theoretisch 24 Stunden am Tag geöffnet sein. Hinzu kommen optional bis zu vier verkaufsoffene Sonntage pro Jahr, die die Kommunen selbst bestimmen können. Innerhalb größerer Kommunen ist auch eine Differenzierung nach Bezirken möglich. Das bedeutet, dass die Stadtteile an unterschiedlichen Sonntagen öffnen dürfen.

Korrektur der Öffnungszeiten stand bereits im Koalitionsvertrag


Sven Lehmann, Landesvorsitzender der NRW-Grünen
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Sven Lehmann (Grüne) will die Bürger online befragen

Geht es nach der Landesregierung, soll sich das ändern. Zwar wollen sich SPD und Grüne momentan nicht auf Details festlegen, aber dass "die Aushöhlung des Sonn- und Feiertagsschutzes durch die momentanen Öffnungszeiten korrigiert werden soll", haben die Regierungsfraktionen bereits in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben. "CDU und FDP haben viele Beschäftigte im Einzelhandel in die Nacht- und Sonntagsarbeit gezwungen", sagt der nordrhein-westfälische Grünen-Vorsitzende Sven Lehmann WDR.de. Die Zahl der verkaufsoffenen Sonntage sei explodiert, Neueinstellungen habe es allerdings nicht im nennenswerten Rahmen gegeben. "Wir brauchen einen Ausgleich zwischen Verbraucherinteressen und dem Schutz der Beschäftigten."

"Anhörung soll keine Alibiveranstaltung werden"

Den soll, nach rot-grüner Vorstellung, eine Neuregelung herbeiführen: Das Wirtschaftsministerium unter Leitung von Harry Voigtsberger (SPD) hat bereits im vergangenen Sommer einen Evaluierungsbericht vorgelegt, in dem Umsatzentwicklung, Beschäftigtenzahlen und Erfahrungen von Unternehmen, Kommunen und Kunden mit den erweiterten Öffnungszeiten dokumentiert wurden. Auf dieser Grundlage sollen sich nun am Mittwoch (18.01.2012) Interessenverände wie der Einzelhandel, Gewerkschaften und Kirchen zu einer möglichen Änderung des Gesetzes im Landtag äußern. Erst dann wollen SPD und Grüne mögliche Gesetzesänderungen im Detail besprechen. Die Anhörung solle keine Alibiveranstaltung werden, heißt es aus beiden Fraktionen.

Gewerkschaft fordert Öffnungszeiten wie vor 2006


Schild mit Öffnungszeiten an einer Ladentür
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Die Gewerkschaften wollen auf den Gesetzesstand vor der schwarz-gelben Änderung zurück

Nach bisherigem Stand könnte es allerdings schwierig werden, einen Interessensausgleich herbeizuführen. Denn die Positionen der Verbände gehen weit auseinander: Die Gewerkschaften beispielsweise fordern, die früheren Verhältnisse wieder einzuführen, das heißt unter anderem: montags bis freitags nur bis 20 Uhr, samstags bis 18 Uhr, bei den vier verkaufsoffenen Sonntagen keine Differenzierung mehr nach Bezirken. "Eine Ladenöffnung rund um die Uhr, wie sie an Werktagen möglich ist, führt zu unzumutbaren Arbeitsbedingungen und einer Vielzahl sozialer, psychischer und wirtschaftlicher Probleme", sagt Andreas Meyer-Lauber, der Vorsitzende des DGB NRW. Bei der Einschränkung der Sonntagsöffnungszeiten erhält er Unterstützung von den Kirchen.

"Die Durchlöcherung des Sonntags muss wieder reduziert werden", sagt Prälat Martin Hülskamp, Leiter des Katholischen Büros NRW. Der Sonntag sei ein Tag der seelischen Erholung, die Möglichkeit, sich vom Alltag abzugrenzen, gebe es mit der jetzigen Regelung nicht mehr. Vor allem die Möglichkeit, die vier verkaufsoffenen Sonntage nach Stadtbezirken zu unterteilen, lehnt Hülskamp ab. "Das führt faktisch dazu, dass in großen Städten an fast jedem Sonntag irgendwo Geschäfte geöffnet haben." Darüber hinaus fordert er eine Einschränkung des Warenangebots an Sonntagen. "Erhältlich sollten nur die Artikel sein, die zur Sonntagsgestaltung nötig sind." Beispielsweise Zeitungen, Brötchen und Blumen.

CDU: "Gesetz hat sich bewährt"


NRW-CDU-Generalsekretär Hendrik Wüst sitzt am 03.12.2009 im NRW-Landtag
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Hendrik Wüst (CDU) will am bestehenden Gesetz festhalten

Demgegenüber stehen die Forderungen des Handelsverbandes NRW, der das aktuelle Ladenöffnungsgesetz unverändert beibehalten will. "Wir leben in einer modernen Welt, in der die Verbraucher ihr Leben, ihre Arbeit und ihren Konsum zunehmend flexibler gestalten", sagt Hauptgeschäftsführer Peter Achten. "Wird aus dem Ladenöffnungsgesetz wieder ein Ladenschlussgesetz, wird der Wirtschaftsstandort NRW geschwächt." Insgesamt gehe ihm die Diskussion zu sehr an der Lebensrealität der Menschen vorbei. Die NRW-CDU sieht das genauso. "Das Gesetz hat sich als praktikabel bewährt", sagt Hendrik Wüst, wirtschaftpolitischer Sprecher der Unionsfraktion. "Die Menschen wollen nicht vorgeschrieben bekommen, wann sie einkaufen dürfen."

Wüst betont auch, dass seiner Partei der Sonntagsschutz wichtig ist. Die Kritik, vor allem der Kirche, versteht er nicht. "Verkauft werden darf nur nach 13 Uhr, also nach dem Gottesdienst." Vor allem das Argument, in großen Städen wäre durch die Stadtteilregelung gefühlt fast jeden Sonntag geöffnet, empfindet er als "unredlich". "Dieser Eindruck entsteht doch nur, weil Gewerkschaften und Kirchen das immer wieder vortragen. Kein Arbeitnehmer muss deswegen öfter als viermal im Jahr an einem Sonntag arbeiten." Auch wirtschaftlich verteidigt er die Unterscheidung nach Bezirken: "Wenn die verkaufsoffenen Sonntage einheitlich für die ganze Stadt gelten würden, würde nur die Innenstadt profitieren, die Stadtteile hätten das Nachsehen."

Grüne starten Online-Umfrage

Der Landesregierung ist bewusst, dass das Thema ein Wespennest ist. Deswegen hält sie sich momentan auch mit konkreten Vorschlägen bedeckt. Die Grünen wollen zur Meinungsbildung eine Online-Umfrage durchführen. Dazu wird in der Woche nach dem 23. Januar eine Webseite freigeschaltet. Neben der Online-Umfrage, für die man sich mit einer E-Mail-Adresse registrieren muss, wird auch ein Diskussionsforum eingerichtet. Dass das Ergebnis nicht repräsentativ sein wird, ist Sven Lehmann klar. "Aber je mehr Menschen teilnehmen und sich äußern, desto größer der Erkenntnisgewinn."

Dem Einwand der Union, eine Umfrage via Internet schließe vor allem viele ältere Menschen aus, begegnet er gelassen: "Ich glaube, es gibt viel mehr ältere Online-User, als man gemeinhin annimmt." Hendrik Wüst ist sich da nicht so sicher: "Klar lässt sich daraus etwas ableiten, ein solches Instrument ist für die Meinungsbildung durchaus praktikabel. Aber größer wäre der Erkenntnisgewinn wahrscheinlich, wenn sich die Grünen mal in der Innenstadt um 22 Uhr vor einen Supermarkt stellen und die Kunden nach ihren Erfahrungen fragen."


Stand: 18.01.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (150)

letzter Kommentar: 23.01.2012, 12:30 Uhr

Westfälin schrieb am 23.01.2012, 12:30 Uhr:
Ach, ja, wie war das früher schön... Na ja, aber da git es keinen Weg zurück. Ich bin selbstständig (nicht gerade freiwillig: das oder arbeitslos) und gearbeitet wird, wenn Arbeit da ist. Mindestens auch ein Wochenende im Monat. Fertig. Eine goldene Nase verdiene ich mir dabei nicht. Ich fahre durch das halbe Ruhrgebiet zum Kunden. Wenn ich früher nach Hause kam, war oft schon alles geschlossen. Heute kann ich bis 22.00 Uhr meinen Kühlschrank wieder füllen, ohne mich am Wochenende durch die überfüllten Läden zu quälen zu müssen. Dafür bin ich wirklich sehr dankbar. Klar, dass ich die armen Verkäuferinnen nicht noch mit Superextra-Wünschen nerve. Und wenn die Wursttheke geschlossen ist, gibt es halt etwas eingeschweißtes. Am Sonntag muss sicher nicht auch noch die große Warenschau in der City sein, aber wir müssen den geänderten Lebensumständen Rechnung tragen. Zu den alten Öffnungszeiten zurück zu wollen, ist weltfremd.
Alvermann Klaus schrieb am 23.01.2012, 10:54 Uhr:
Die zur Zeit geltenden Ladenöffnungszeiten stimmen nicht mit dem Artikel 6 des Grundgesetzes überein. Dort ist der besondere Schutz der Kinder und der Familien verankert. Lange Öffnungszeiten verhindern ein umfassendes Familienleben in den Abendstunden. Da ein Familienmitglied durch Berufstätigkeit in der Regel fehlt. Gemeinsames Abendessen verbunden mit Gesprächen von Eltern und Kindern fördern die Struktur der Familie. Ferner verhindern lange Ladenöffnungszeiten intensive Hausaufgabenbetreuung durch die Eltern. Lernen kann nicht allein den Schulen überlassen werden. Diese sind, ohne umfassende Unterstützung durch die Eltern, überfordert. Im übrigen zeigt die Verminderung der Vollzeitstellen und die Zunahme der 400,-- ? Arbeitsverhältnisse einen klaren Vorteil für den Handel. Durch 400,-- ? Arbeitsverhältnisse sind dem Handel fast unbegrenzte Möglichkeiten der Gewinnoptimierung gegeben. Steuern und Sozialabgaben werden in 80% der Beschäftigungsverhältnisse nicht gezahlt.
DHU schrieb am 23.01.2012, 06:54 Uhr:
@moderne Zeiten: Sehr wohl ist zwischen notwendigen Diensten rund um die Uhr und nicht lebensnotwendigen zu unterscheiden. Früher ist auch niemand verhungert. Nicht selten geht Harz IV auf Abendeinkauf und kauft Cola, Bier und Pizza. Schon mal morgens an einem Discounter vorbeigefahren , so gg. 5:00 - 6:00 Uhr ist da schon Dienst!
Moderne Zeiten schrieb am 22.01.2012, 20:08 Uhr:
Eine Ergänzung habe ich noch: Der/die "schnappatmende" Einzelhandelsverkäufer/in tut immer so, als müssten er oder sie alleine die verlängerten Ladenöffnungszeiten tragen. Die 40-Stunden-Arbeitswoche wird durch Öffnungszeiten von bspw. 06:00 bis 24:00 Uhr und Samstag nicht länger, sondern anders aufgeteilt. Nun muß eben der Verkäufer auch mal dann arbeiten, wenn Rettungsdienste, Polizei, Bus- und Taxifahrer, Lokführer, Servicepersonal/Bedienungen und tausend andere Arbeitnehmer für ihn auch arbeiten: Nämlich abends und samstags. Mal nachgedacht: Längere Öffnungszeiten bedürfen mehr Personal; das schafft vielleicht sogar Arbeitsplätze ... Den Sonntag allerdings halte ich persönlich auch nach wie vor von allen nicht absolut notwendigen Arbeiten als freizuhalten.
DHU schrieb am 22.01.2012, 09:43 Uhr:
Zurück zu den alten Öffnungszeiten. Zurück zu den Tagen an denen niemand verhungerte, auch wenn um 18:00 geschlossen war. Zurück in die Zeit, als Kinder abends noch Ihre Eltern zu sehen bekamen. Zurück zu den Tagen, als 400 Euro Ausbeuter-Jobs noch Vision waren und noch jemand zu Hause war , wenn die Kinder aus der Schule kamen. Gängelung der Konsumenten ? Unverschämtheit. Schämen muss man sich für die Laudatien des Handelsverbandes, die vorgaukeln alles zum Wohle der Verbraucher zu tun. Profit, Profit Profit und nochmal Profit Wir brauchen kein Pisa, keine Schulzeitverkürzung, wir brauchen Zeit für Familien- und Gesellschaftsleben.

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