Wirtschaftsminister besucht Supermarkt: Je später der Abend ...
Ist das Ladenschlussgesetz in NRW zu liberal? Was halten die Beschäftigten von Arbeitszeiten bis Mitternacht? Was meinen die Kunden? Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger wollte es genau wissen und ging am Montagabend (13.02.2012) zur Recherche in einen Kölner Supermarkt.
Montagabend, 21.51 Uhr: Im Rewe-Supermarkt am Kölner Hohenstaufenring sind vier Kassen geöffnet. Ein Mann mit Daunenjacke wuchtet einen Sechserpack Mineralwasser auf das Laufband, die Frau hinter ihm braucht Cornflakes, Quark und Zigaretten. An der linken Kasse sitzt Rita Weiß. Sie ist Studentin, arbeitet meist abends und ist froh über den 400-Euro-Job, der sich sehr gut mit ihrem Stundenplan vereinbaren lässt. "Ich jobbe lieber hier als in einer Kneipe. Viel angenehmer." Sie schaut auf die Uhr. Noch gut zwei Stunden bis zum Feierabend.
Rot-Grün prüft Ladenöffnungsgesetz
Seit im November 2006 das Ladenöffnungsgesetz geändert wurde, dürfen die Läden in NRW von Montag bis Samstag rund um die Uhr öffnen. Beschlossen wurde diese Liberalisierung damals von der schwarz-gelben Rüttgers-Regierung, nun soll das Gesetz auf den Prüfstein. Im Januar 2012 führte der NRW-Landtag eine öffentliche Anhörung durch, nach Auswertung der Ergebnisse entscheidet sich frühestens im März, ob es zu einer Änderung kommt. Doch Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger (SPD) will nicht nur die Meinung von Experten und Interessengruppen hören, sondern sich selbst ein Bild vor Ort machen. Rewe-Vorstandschef Alain Caparros hat ihn vor ein paar Wochen eingeladen und wartet nun vor den Altpapiertonnen auf den Gast aus Düsseldorf. Endlich kommt Voigtsberger an, der Rundgang kann losgehen.
Zufriedener Betriebsrat, zufriedene Mitarbeiter
In der Gemüseabteilung trifft er Roland Gerstenberg, den Betriebsratsvorsitzenden von Rewe West. Der kann dem Wirtschaftsminister nur Gutes von den langen Ladenöffnungszeiten berichten: "Bis jetzt hat sich kein Mitarbeiter beschwert. Im Gegenteil: Viele wollen genau in dieser Zeit arbeiten. Die Anzahl der Bewerbungen ist gigantisch." Voigtsberger nickt, aber er will noch mehr hören. Vielleicht weiß der Betriebsrat ja doch nicht alles, was hier im Laden läuft? Also spricht er, noch immer in der Gemüseabteilung, einen Mitarbeiter an. Dirk Friede hat heute um 15 Uhr angefangen und bleibt bis Ladenschluss. Wie das so sei, fragt der Minister? "Super. Ich schlafe gerne etwas länger aus, da passen die Arbeitszeiten sehr gut", sagt Friede. Und das Familienleben, leide das nicht? "Nein, gar nicht. Heute Vormittag habe ich lange mit meinem Sohn gespielt", sagt Friede.
"Am besten durchgehend öffnen"
Die Karawane zieht weiter, am Müsli und den Nudeln vorbei. "Jetzt würde ich gerne mal mit ein paar Kunden reden", wünscht sich Voigtsberger. Gesagt, getan. Aus dem Gang mit den Konserven schlurft ein bärtiger Argentinier, neben den asiatischen Saucen steht eine Frau auf der Suche nach einem Valentinstagsgeschenk. Beide können nur Gutes über die langen Öffnungszeiten berichten. Vor dem Kühlregal mit dem Kartoffelsalat erwischt Voigtsberger Katharina Gömann, die gerade aus dem Fitnessstudio kommt. "Guten Tag, ich bin der Wirtschaftsminister." – "Oh!" – "Und das hier ist der Chef von Rewe." – "Ah!" Erst macht sie sich noch Gedanken um ihre Frisur, doch dann hat auch sie eine klare Meinung für den Minister: "Ich finde es klasse, dass so lange geöffnet ist. Von mir aus könnten die Läden sogar noch länger aufmachen. Am besten durchgehend, so wie in Amerika."
Wasser statt Wein für den Wirtschaftsminister
Neben der Wursttheke gibt es Schnittchen und Getränke für den prominenten Besucher. Rewe-Chef Caparros reicht Châteauneuf-du-Pape, doch Voigtsberger bleibt lieber beim Wasser. Wie denn sein Eindruck sei, ob er nun den Ladenschluss verkürzen wolle oder nicht, lautet die Frage. Die Antwort kommt zunächst gewunden. Voigtsberger verweist auf den Teil des Gesetzes, der die Sonntagsarbeit regelt: "Der Sonntag bedarf eines gewissen Schutzes, die Ausuferungen, die es gibt, nehmen überhand." Das mag sein, steht allerdings hier und heute, am Montagabend um 23.05 Uhr, gar nicht zur Debatte. Ihr Eindruck, Herr Minister? "Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, scheinen ja alle sehr zufrieden zu sein mit der aktuellen Regelung." Heißt das, Sie werden diesen Teil des Gesetzes nicht ändern? "Für mich persönlich wäre es wichtig und wertvoll, ein solches Angebot wie hier zu haben. Wie allerdings das Parlament entscheidet, muss man abwarten."
Der Kiosk als Leidtragender
Der Minister scheint zufrieden, genau wie der Vorstandschef, der Betriebsrat, die Mitarbeiter und die Kunden. Erst 50 Meter weiter trifft man jemanden, der gegen die langen Ladenöffnungszeiten ist: Jagjit Singh. Er arbeitet bei einem Kiosk um die Ecke, hier holt man sich Getränke, Zigaretten und Süßes auf dem Weg zur Zülpicher Straße, der Ausgehmeile der Kölner Studenten. Allerdings erst ab Mitternacht. Vorher kommt kaum jemand vorbei in dem kleinen Büdchen, das keinen Namen und nur drei Verkäufer hat: "So lange Rewe offen hat, ist es bei uns tot. Die gehen alle dorthin." Vor der Lockerung des Ladenschlussgesetzes habe der Kiosk ganz gut da gestanden, heute gehe es ihm wirtschaftlich schlecht, so Singh. "Aber was soll ich machen?" Wie wäre es, das Problem mit dem Wirtschaftsminister zu besprechen? Der ist gleich da vorne. "Ich kann hier nicht weg, falls Kunden kommen. Aber vielleicht lade ich ihn auch mal zu uns auf einen Rundgang ein ..."
Stand: 14.02.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (46)
letzter Kommentar: 18.02.2012, 20:51 Uhr
- martin schrieb am 18.02.2012, 20:51 Uhr:
- ich muß den händlern und unternehmern hier wiedersprechen, es gehören ganz klare vorgaben bezüglich der maximalen öffungszeiten, damit für alle unternehmen gleiche wettbewerbsbedingungen herrschen. beispiel: "ganz große auf der grünen wiese" machen was Sie wollen, erhalten noch aus der eu zuschüsse und der kleinere läden in der stadt kommt dagen nicht mehr an! wollen wir das? ein klares nein! genau dazu gehören jobs von der die mitarbeiter leben können und entsprechende beiträge in die sozial kassen fließen. der neo kapitalismus ist in die schranken zu weisen! das sind aufgaben die eine starke regierung durchsetzen muss! wir sind eins der reichsten länder der welt und machen unsere hausaufgaben nicht.
- Händler schrieb am 17.02.2012, 14:18 Uhr:
- Wenn der stationäre Handel auch in Zukunft sichere Arbeitsplätze anbieten soll dann geht das nur über die konsequente Abschaffung der Ladenschlußgesetzes! Alles andere gefährdet Arbeitsplätze!
- Martin der Schwarze schrieb am 17.02.2012, 06:18 Uhr:
- @Trauerspiel, auch ich trauere der CDU und unserem allseits beliebten aber abgewählten Herrn Rüttgers noch immer nach.
- Trauerspiel schrieb am 16.02.2012, 14:57 Uhr:
- und diese SPD-Grünen loben sich immer noch wegen Agenda 2010, die selbst H.Geißler in ihren Auswirkungen geißelt. Immer noch noch die alten schröder-Köppe in Partei-und Fraktionsspitzen, die Stimme Schröders lässt sich mit all der Kreide nicht verdecken. Leute die Jahrzehnte sozialversicherungspflichtig malocht haben rutschen mit 50 unverschuldet in H4-Klasse mit all denen die nie an Arbeit auch nur gedacht haben. SPD-Grüne und verdi, nein Danke! nie wieder?
- Angsthase schrieb am 16.02.2012, 13:13 Uhr:
- @Gaby , auch ich leide unter Angststörungen und deshalb verlasse ich meine Wohnung bei Anbruch der Dunkelheit nicht mehr.Das Böse lauert überall. Kaufe deshalb nur im Internet ein.
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