NRW Schlusslicht bei Ärztehonoraren Ministerin fordert mehr Geld für NRW-Ärzte

Von Rainer Kellers

In keinem anderen Bundesland erhalten niedergelassene Ärzte weniger Geld für die Versorgung ihrer Patienten als in NRW. Ein Standortnachteil für das Land, meint NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) und will den Ärzten helfen.


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Die Zahlen, die die Ministerin und die Ärzte so ärgern, haben die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) und die Krankenkassen errechnet. Danach erhalten die Ärzte im Bereich der KV Westfalen-Lippe für die ambulante Versorgung 321 Euro im Jahr für jeden Patienten. Das ist bundesweit der niedrigste Wert. Auch die Mediziner in der zweiten KV des Landes, in Nordrhein, schneiden mit 330 Euro schlecht ab - der drittschlechteste Wert bundesweit. Spitzenreiter bei den Honoraren ist Berlin. Dort bekommen die Ärzte pro Patient 386 Euro im Jahr. Der deutschlandweite Durchschnitt liegt bei 348 Euro.

Standortnachteil für NRW

Dass die beiden KVen in NRW unter dem Durchschnitt liegen, hält Gesundheitsministerin Steffens für nicht akzeptabel. Es sei ein Standortnachteil für das Land, da junge Ärzte wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten eher geneigt seien, sich in einem anderen Bundesland niederzulassen. Und das, so meint die Ministerin, gehe auf Kosten der Patientenversorgung in Nordrhein-Westfalen. Am Freitag (16.09.2011) stellte Steffens in der Landesvertretung NRW in Berlin Maßnahmen vor, wie das finanzielle Ungleichgewicht aus ihrer Sicht beseitigt werden könne.

Viel Geld wird umverteilt

Doch wie kommt es überhaupt zu der unterschiedlichen Bezahlung der Ärzte? Die Antwort ist kompliziert. Seit Einführung des Gesundheitsfonds im Jahr 2009 zahlen alle gesetzlich Versicherten in Deutschland den gleichen Beitragssatz für ihre Krankenversicherung. Der Gesundheitsfonds verteilt das Geld an die Krankenkassen nach einem bestimmten Schlüssel. Kassen mit älteren oder besonders kranken Versicherten bekommen mehr als Kassen, deren Klientel eher jung und gesund ist.

Die Kassen wiederum geben das Geld weiter an die Kassenärztlichen Vereinigungen, für jeden Patienten gibt es einen Pauschalbetrag. Dieser Betrag allerdings bemisst sich nicht nach dem aktuellen Gesundheitszustand der Patienten, sondern danach, was die Ärzte der Region in den vergangenen Jahren abgerechnet haben. Und hier liegt nach Ansicht der KVen aus NRW das Problem.

Sind die Westfalen so gesund?

"Unsere Ärzte haben früher immer geknausert", sagt der Sprecher der KV Westfalen-Lippe, Christopher Schneider. Sie hätten vor Einführung des Gesundheitsfonds immer nur solche Behandlungen an die Kassen gemeldet, die nach damaliger Gesetzeslage abgerechnet werden konnten. Ärzte in anderen Bundesländern seien weniger zurückhaltend gewesen und profitierten nun davon. "Auf dem Papier wirken andere Patienten kränker als die Westfalen", ärgert sich Schneider. "Und uns wird gesagt: Ihr seid früher mit dem Geld ausgekommen, dann könnt ihr es auch heute."

Die beiden nordrhein-westfälischen KVen fordern, dass die ungleiche Bezahlung der Ärzte in den Bundesländern vom Gesetzgeber in Berlin beendet wird. Gemeinsam mit Ministerin Steffens wollen sie darauf hinwirken, dass im Versorgungsstrukturgesetz, das derzeit im Bundestag beraten wird, eine Angleichung der Ärztehonorare verankert wird. Dabei sollen die besser gestellten Regionen nichts abgeben müssen, die unterdurchschnittlichen Ärztehonorare sollen aber mindestens auf den derzeitigen Durchschnittswert von 348 Euro angehoben werden.

Krankenkassen haben für Begehrlichkeiten kein Verständnis

Doch das kostet natürlich Geld - allein bei der KV Westfalen-Lippe geschätzte 200 Millionen Euro pro Jahr, bei der KV Nordrhein 120 Millionen. Wenn die anderen "benachteiligten" KVen hinzukommen, ergibt sich ein Zusatzbedarf von mindestens 500 Millionen Euro, hat der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) ausgerechnet. Wer soll das bezahlen? Etwa die Versicherten über höhere Beiträge?

Da winkt KV-Sprecher Schneider ab. Die Krankenkassen sollen es bezahlen. Schließlich erwirtschafteten diese hohe Überschüsse. Und tatsächlich liegt der Überschuss der gesetzlichen Krankenkassen im ersten Halbjahr 2011 bei satten 2,4 Milliarden Euro. Die Kassen allerdings haben für die Begehrlichkeiten kein Verständnis. "Die Ärztehonorare sind nach der jüngsten Honorarreform kräftig gestiegen", sagt GKV-Sprecherin Ann Marini. Der Verband der Ersatzkassen spricht von einem Einkommenszuwachs der Ärzte in NRW von mehr als 17 Prozent seit 2007. Die Sätze noch einmal zu erhöhen, hält GKV-Sprecherin Marini für überzogen. Eine Lösung wäre, allen Ärzten gleiche Sätze anzubieten. Das hieße aber, dass die besser Gestellten Abstriche machen müssten. "Und das wollen die KVen nicht", sagt Marini.

"Wir haben genügend Ärzte"

Einen drohenden Ärztemangel in Westfalen oder anderen Regionen mit niedrigeren Sätzen sieht der GKV-Spitzenverband indes nicht. "Wir haben genügend Ärzte. Wo sie ihre Praxis eröffnen, ist nicht allein eine Frage des Geldes", sagt Marini. Sie vermutet zudem, dass die KVen nicht die Sorge um die Patienten umtreibt, sondern die Sorge um die Geldbeutel der Ärzte. Die KVen weisen das zurück. Ärzte, die weniger verdienten, könnten auch weniger in Geräte und Personal investieren. Und darunter leide die Versorgungsqualität.


Stand: 16.09.2011, 15.07 Uhr


Kommentare zum Thema (17)

letzter Kommentar: 21.09.2011, 14:07 Uhr

didi schrieb am 21.09.2011, 14:07 Uhr:
Einige sprechen mir hier aus der Seele. Erst mal gesetzlichen Mindestlohn von min 8,50? dann kann man ja mal über andere Sachen reden. Die Verhinderer dieses Mindestlohns sind Menschen die nicht unter einem Stundensatz (Gebührenordnung) von 50? und mehr liegen und das ist mehr als unverschämt. Zumal wir Steuerzahler noch diese Dumpinglöhne mit unseren Steuern und Abgaben Sponsern.
Grüne Tomaten auf den Augen? schrieb am 19.09.2011, 08:47 Uhr:
Bemerkenswert in dieser Debatte dürfte ein Interview (welt online) mit Klaus von Dohnanyi sein, der zwar dort auf Bildung und Kosten eingeht, was aber auch auf andere subventionierte Bereiche mit bombastischem Mindestlohn für Leistungserbringer übertragbar ist:Zitat"Wir haben nach meiner Meinung im Vergleich einen zu hohen Anteil an Lehrergehältern in Deutschland. Sie liegen 20 Prozent höher als der OECD-Durchschnitt. " Demgegenüber steht aber bei den Bezahlern(Realeinkommen pro Kopf aus unselbstständiger Arbeit einschließlich Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung) der unverhältnissmäßigen "Mindestlöhnen" ein Einkommensverlust von 2000-2008 nach Europäische Kommission, WSI Hans-Böckler-Stiftung mit Minus 0,8%. Alle anderen EU-Länder hatten ein PLUS! Wir sehen also den Durchschnittsarbeitnehmer mit Verlusten, aber in bei den Ärzten( und auch Beamten !) ein sattes Plus innerhalb der letzten 10 Jahre. BRD driftet nicht trotz DGB/ver.di und Co sondern mit DGB/ver.di auseinander!
Günter schrieb am 18.09.2011, 15:31 Uhr:
Ich bin reichlich konsterniert was sich eine Ministerin von den GRÜNEN da ausdenkt. Die Ärzte hatten seit vielen Jahren jedes Jahr ein Einkommenszuwachs weit über den Einkommenszuwächsen ihrer Patienten. Wer soll das bezahlen? Wenn das System nich irgendwann kollabieren soll muß man dort ganz klar Grenzen setzen. Wie gut das es links von SDP und GRÜNE noch eine Partei giebt.
Anonym schrieb am 18.09.2011, 14:31 Uhr:
Grünen-Politik hat sich nie um die Durchschnittsverdiener und deren politischen Interessen von Renten, GKV-und Familienpolitik geschert, sondern immer um die gehobene Einkommensschicht und Single bemüht. Schaut man auf die Privatsphäre der NRW-Gesundheitsministerin, so hatte sie zu keiner Zeit Berührungsängste mit CDU. Warum sich die SPD aber diese Personalie gefallen ließ, zumal die SPD Hochburg von einem Diegel geradezu "belästigt" wurde, ist und bleibt ein Rätsel. Für wen interessiert sich also diese SPD, wohl auch mit aller Kraft für Bestverdiener und deren garantierten Mindesteinkommen. Besserung nicht in Sicht?
Ulli schrieb am 18.09.2011, 12:28 Uhr:
Die Ärzte brauchen unsere Fürsorge in finanzieller Hinsicht ganz sicher nicht! Was soll blos dieser Unsinn. Liebe Grüne, sorgt mal besser dafür das die unteren Einkommen angehoben werden und niemand mehr mit Dumpinglöhnen durch gierige Arbeitgeber abgespeist werden kann.

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