Kony 2012: Vom Internet auf die Straße: "Ihr unterstützt eine Militäraktion!"
Hunderte Schüler und Studenten werden am Freitag (20.04.2012) in NRW-Städten wie Bonn, Münster und Düsseldorf Plakate gegen den ugandischen Kriegsverbrecher Joseph Kony kleben. Barbara Meier von der Uni Münster kritisiert die Kampagne und das Verhalten der Generation Facebook.
Die US-Organisation "Invisible Children" hat Anfang März eine umstrittene Internetkampagne gestartet, um den berüchtigten ugandischen Rebellenführer Joseph Kony zu ergreifen. Das emotionale Video wurde seitdem millionenfach angeklickt und von Prominenten wie Bill Gates, George Clooney und Rihanna und vor allem von Schülern und Studenten in Sozialen Netzwerken verbreitet. Am Freitag (20.04.2012) werden die Unterstützer die Kampagne auf die Straße holen und in vielen NRW-Städten Plakate kleben. Nach massiver Kritik hat "Invisible Children" mittlerweile einen zweiten Film nachgeschoben. Dr. Barbara Meier, Ethnologin am Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Universität Münster, hat Uganda mehrfach besucht und beide Filme gesehen.
WDR.de: Wie haben Sie von der Kony 2012-Kampagne zum ersten Mal erfahren?
Dr. Barbara Meier: Meine 16-jährige Tochter hat mir den YouTube-Film gezeigt. Es waren ja vor allem die Teenager, die ihn zuerst entdeckt haben. Die jungen Menschen waren gut zu gewinnen, weil sie schnell Mitleid haben: Sie sehen leidende Kinder und Ungerechtigkeit und fragen nicht nach den Hintergründen.
WDR.de: Als Uganda-Kennerin, wie war Ihr erster Eindruck?
Meier: Der Film ist völlig undifferenziert und suggeriert falsche Tatsachen. Der zweite Film hat zwar ein paar Fakten nachgeschoben, aber die Grundbotschaft bleibt: Kony soll gefasst werden. Dabei spielen er und seine Rebellengruppe Lord's Resistance Army (LRA) in Uganda seit 2006 keine Rolle mehr, sie sind längst in den Kongo, die Zentralafrikanische Republik und den Südsudan weitergezogen. Der Bürgerkrieg ist vorbei. Heute werden in Norduganda höchstens ein paar hundert Kinder vermisst, nicht 30.000. Schulen für die Kinder und Geld für die Ausbildung – das sind heute die wichtigsten Themen für die Menschen dort.
WDR.de: Wie denken die Ugander über die Kampagne?
Meier: Sie sind erbost und empört, dass nun amerikanische College-Kids ankommen und ihnen sagen, wie sie ihre Probleme lösen sollen. Das empfinden sie als unerträgliche Arroganz. Die meisten Nordugander sehen in Kony einen von Geistern Besessenen und erkennen ihn immer noch als Teil ihres Volkes an. In dem Video wird er als das personifizierte Böse dargestellt, als diabolischer Verbrecher, der seine Untaten ohne Grund begeht. Die Hintergründe sind komplexer: Ugandas Gesellschaft durchlebte zu Beginn des Konflikts einen tiefgreifenden Umbruch. Nicht nur Konys Rebellen auch andere Gruppen waren unterwegs und plünderten, weil sie sonst keine Nahrung hatten, so wie sie es nun im Kongo, Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik tun. Viele Kinder werden zunächst als Träger der Beute mitgenommen, kehren aber bald wieder in ihre Dörfer zurück. 30.000 Kindersoldaten soll Kony rekrutiert haben. Das ist eine Schätzung, die sich auf einen Zeitraum von nunmehr 26 Jahren bezieht. Es gibt keine genaue Zahlen. Außerdem muss man sagen: Kindersoldaten in Afrika sind leider die Regel, auch wenn das niemand zugeben will.
WDR.de: Auch viele Wissenschaftler, Journalisten und die Ugander selbst kritisieren die Kony 2012-Kampagne. Dennoch werden heute (20.04.2012) viele Menschen Plakate in Städten wie Düsseldorf, Münster und Bonn aufhängen.
Meier: Diese Schüler und Studenten halten sich für Pazifisten und protestieren gegen Gewalt und Unterdrückung. Sie machen sich nicht klar, dass sie den Aufruf zu einer militärischen Aktion unterstützen! Denn genau das ist die Botschaft der beiden Kony-Filme.
WDR.de: Eine junge Frau schreibt auf Facebook: "Es ist soweit, wir kleben Düsseldorf zu und machen 'Kony famous'!", also Kony berühmt.
Meier: Und bringt damit das Problem auf den Punkt: Der Film hat Kony bereits weltweit zur Celebrity gemacht. Die Gefahr besteht, dass die Kampagne ihm Aufwind verschafft.
WDR.de: Also raten Sie jungen Leuten, nicht mitzumachen?
Meier: Kony muss geschnappt werden, dem stimme ich zu, und das Militär ist wohl die zuständige Instanz dafür. Aber die Botschaften der Kampagne sind fragwürdig. Die Menschen im Westen sitzen vor Facebook und Youtube und die Leute vor Ort müssen das ausbaden. Jede militärische Maßnahme, die fehlschlägt, kann brutale Rachefeldzüge der Rebellentruppen nach sich ziehen. Schon 2002 und 2009 kam es nach Operationen der ugandischen Armee mit US-amerikanischen Militärberatern zu Vergeltungsschlägen.
WDR.de: Die meisten Beteiligten weisen die Kritik nicht zurück, sagen aber, es sei dennoch wichtig, auf das Unrecht in Afrika aufmerksam zu machen.
Meier: Und genau das finde ich schade an der Sache: Weil die Probleme der Region simplifizierend, krude und eindimensional dargestellt sind, werden die jungen Leute betrogen. Ihr Engagement und Idealismus wird mit der Aktion verpulvert. Nachdem meine Tochter mehr über die Hintergründe erfahren hat, war auch sie desillusioniert.
Das Gespräch führte Martina Züger.
Stand: 20.04.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (18)
letzter Kommentar: 21.04.2012, 19:19 Uhr
- Klaus Lohmann schrieb am 21.04.2012, 19:19 Uhr:
- "Social networking", ah ja. In der Annahme, etwas zum Hintergrund der Kampagne zu finden, landet man auf der IC-Portalseite in einem Customer-Service-Bereich, auf dem es dann nur noch um "Sales, Pre-Sales, Order, T-Shirt, Buttons, Purchase, Tax, Merchandise" etc. geht. Diese Art von "Networking" wird wohl von Menschen unterhalb eines annähernd ausgeprägten Medienverständnisses eher begriffen als inhaltliche Auseinandersetzungen.
- Markus schrieb am 21.04.2012, 02:45 Uhr:
- Hallo. Wenn Sie das Video aufmerksam geguckt hätten, dann wäre Ihnen aufgefallen, dass an hand eine Landkarte deutlich erklärt wird, dass die LRA in Richtung DR. Kongo, Süd-Sudan, Zentral Afrikanische Repuplik und Norduganda geflüchtet ist. Weiterhin wird es nicht so dargestellt, dass wenn Joseph Kony gefasst ist, die Welt wieder im Reinen ist. Die Organisation Invisible Children, hat sich vor einer Zeit, einen Friedensplan überlegt, der für alle einsehbar ist und meiner Meinung nach Sinn macht. Das große Problem an der Aktion finde ich ist, das es immer irgendwelche Leute gibt, die einfach auf halben Tatsachen, total KONTRA geben gegen solche Aktionen. Einem großen Teil der Anhänger ist bewusst, dass eine Menge Arbeit, nach der wahrscheinlichen Gefangennahme von Joseph Kony, auf Invisible Children und die einzelnen Staaten, zu kommt. Mit freundliche Grüßen Markus
- WDR.de schrieb am 20.04.2012, 17:42 Uhr:
- Vielen Dank für den Hinweis. Wir haben auch diesen Beitrag gesperrt.
- Ludwig schrieb am 20.04.2012, 16:49 Uhr:
- Ihre Begründung zu meinem Text kann man ja noch nachvollziehen. Aber wie paßt der Beitrag da von "Heinrich" ins Bild? Da ist doch nur von proisraelischer Rechtfertigung der atomaren Bewaffnung die Rede. Eine Einstellung, die ich überhaupt nicht teile. Die Thematik um Kony und die Facebookaktion dagegen wird in dessen Beitrag weder wörtlich noch thematisch überhaupt berührt. Da empfinde ich eine einseitige Löschung jetzt nicht wirklich als ausgewogen.
- WDR.de schrieb am 20.04.2012, 16:40 Uhr:
- @Ludwig @Anonym Hallo! Die Kommentarfunktion hier dient - wie immer - dem Austausch über den Gegenstand der Berichterstattung. Und das sind im vorliegenden Fall die Aktionen gegen Joseph Kony. Postings über Israel, die Türkei etc. haben damit nichts zu tun und werden künftig gelöscht. Der Eintrag von Ludwig war ein unqualifizierter Verstoß gegen die Kommentarregeln und wurde deshalb gelöscht. Pardon, dass dies nicht sofort erfolgt ist.
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