Konferenz für Entwicklungspolitik: Vom Haben und Nichthaben
30 Prozent aller Lebensmittel landen im Abfall, gleichzeitig hungern weltweit 925 Millionen Menschen - das ist seit Montag (30.01.2012) Thema auf der 3. Bonner Konferenz für Entwicklungspolitik. Wie müssen wir leben, damit unsere Zukunft auf der Erde nachhaltig gesichert ist? Antworten von Entwicklungsforscher Joachim von Braun.

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Auf dem Müll: überschüssiges Fleisch
Video zum Thema
Gemeinsam mit der Stadt Bonn und mehreren wissenschaftlichen Instituten lädt die Landesregierung NRW zum dritten Mal zu dieser Konferenz. Dort geht es um unterschiedliche Aspekte der Entwicklungspolitik: Konsum- und Lebensstile und Nachhaltigkeit etwa. Erwartet werden mehr als 800 Teilnehmer aus aller Welt - darunter der Friedensnobelpreisträger Mohan Munasinghe aus Indien, die bolivianische Kultusministerin Elizabeth Salguero Carrillo und Selina Juul, Initiatorin der Bewegung "Stop Wasting Food". Angekündigt sind Expertenvorträge, Diskussionen und Workshops. Als Experte geladen ist auch Joachim von Braun, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn und Professor für wirtschaftlichen und technologischen Wandel.
WDR.de: Hierzulande landet im Müll, was andernorts Menschen bitter entbehren. Was läuft da falsch?

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Professor Joachim von Braun
Joachim von Braun: Auf beiden Seiten läuft etwas falsch. In den Entwicklungsländern fehlt den Hungernden die Kaufkraft, und die landwirtschaftliche Produktivität ist zu gering, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren, und es gibt große Verluste in der Produktion und Verarbeitung von Nahrungsmitteln, weil die dortigen Systeme schlecht ausgestattet sind. Auf unserer Seite läuft falsch, dass aufgrund von Fehlverhalten und Verantwortungslosigkeit viel verschwendet wird. Die Nachlässigkeit, mit der wir mit Lebensmitteln umgehen, verstärkt die Knappheit weltweit und belastet damit direkt und indirekt die Armen der Welt. Während in den Entwicklungsländern der Verlust am Anfang der Verbrauchskette das Problem ist, also z.B. auf dem Acker, ist es in den reichen Ländern die Verschwendung der Konsumenten am Ende der Verbrauchskette.
WDR.de: Ist damit auch das Stück Käse gemeint, das ich im Kühlschrank vergessen habe und dann irgendwann wegschmeiße?
von Braun: Das, was wir in den Haushalten wegwerfen, auf den Tellern im Restaurant oder in Kantinen liegenlassen oder was aus den Supermärkten der Industrieländer entsorgt wird, summiert sich zu großen Mengen, die in der Versorgungsbilanz der Welt fehlen. Denn in unseren Lebensmitteln stecken viele Grundnahrungsmittel in der Form von Viehfutter. Auch die Produktion von Biosprit aus landwirtschaftlichen Ressourcen ist eine große Verschwendung. All diese Formen der Verschwendung erhöhen die Preise - denn die Eine Welt hat einen zusammenhängenden Weltmarkt für Nahrungsmittel - und die Armen in den Entwicklungsländern können sich bei den hohen und schwankenden Preisen keine ausreichende und gesunde Ernährung leisten. Und wenn wir den Käse wegwerfen, statt die alte Rinde abzuschneiden und den Rest zu essen, ist das auch ein Symptom unseres Konsumverhaltens.
WDR.de: Welchen Einfluss kann die Politik darauf nehmen?

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Überdruss am Wegwerfen
von Braun: Nicht die Lebensmittel müssen teurer werden, wie manche fordern, sondern das Wegwerfen. Das Wegwerfen von Lebensmitteln ist bei uns einfach zu billig. Allerdings reicht es nicht, nur über höhere Müllgebühren Anreize zu einer Verhaltenänderung zu schaffen. Wir brauchen Bildung und Aufklärung, weil Konsumverhalten so früh im Leben geprägt wird. Die Politik kann durchaus was tun, aber auch die Zivilgesellschaft ist gefragt. Es gibt ja inzwischen eine Reihe Initiativen, die Überdruss am Wegwerfen ausdrücken, wie z.B. die Bewegung "Clean up the world", die in Deutschland noch zu wenig bekannt ist. Wir müssen das Recycling mit Verhindern des Wegwerfens kombinieren und zugleich die landwirtschaftliche Produktion in den Entwicklungsländern fördern.
WDR.de: Wie sich ihr eigenes Verhalten auf die Lebensbedingungen von Menschen in Entwicklungsländern auswirkt, ist vielen Menschen in den reichen Ländern ziemlich gleichgültig, solange es ihnen selber gut geht. Wird sich daran jemals etwas ändern?

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Philippinen: Lebensmittel für manche unbezahlbar
von Braun: Ich bin da durchaus hoffnungsvoll. Die neuen sozialen Medien und die globale Vernetzung haben zwei Effekte: Die Menschen in Entwicklungsländern mit niedrigem Einkommen sind besser informiert - und wir sind besser informiert über sie. Diese globale Kommunikation kann zu neuen, verantwortungsvolleren Verhaltensweisen auch bei uns führen. Eine globale Neuauflage der Kant'schen Verhaltensweisen quasi: Das Bewusstsein dafür, dass man durch sein Verhalten seinen Nächsten, auch wenn er weit entfernt ist, nicht schädigen darf. Das greift durchaus um sich, so nehme ich es jedenfalls wahr.
WDR.de: Müssten beim Thema Nachhaltigkeit nicht eigentlich die reichen Länder Vorbildfunktion für die armen übernehmen?
von Braun: Westliche Konsumstile werden sehr schnell adaptiert, wenn Menschen rasch reicher werden und urbaner leben. Da haben die Schwellenländer oft schon ein ähnliches Problem wie wir, wenn z.B. nicht nachhaltiges Konsumverhalten in Kombination mit mangelnder Bildung bei Jugendlichen in den Städten zu Übergewicht führt, ähnliche wie bei uns. Da ist es schon sinnvoll, Konzepte zu vergleichen.
WDR.de: Sie sind selber Teilnehmer der Konferenz. Was versprechen Sie sich von einer solchen Veranstaltung?
von Braun: Einen guten Gedankenaustausch, denn die Lösungen zum Problem der Verschwendung müssen in der Diskussion entwickelt werden. Und weitere Schwerpunktsetzung in der Eine-Welt-Strategie. Initiativen wie das Ausrufen eines fleischlosen Tages pro Woche in NRW, das wäre ein konkreter Schritt in die richtige Richtung. Oder auch die Frage, wie Kommunen und Länder durch Überzeugung, Anreize und Steuersysteme das Wegwerfen verteuern können.
Das Interview führte Nina Magoley.
Stand: 30.01.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (16)
letzter Kommentar: 30.01.2012, 16:13 Uhr
- Volkmann schrieb am 30.01.2012, 16:13 Uhr:
- Gemessen an dem was sich "Globalisierung" kommt es mir vor als herrsche partiell immer noch finsteres Mittelalter. Möglichweise ist der Transport von/in Kühl-Containern teurer als die Nahrungsmittel selber. Wenn ich mal das geflügelte Wort Ludwig Feuerbachs ?Der Mensch ist, was er isst" zugrunde lege, so stellt doch die Frage was zuerst da sein sollte bei den Hungernden. In den gesättigten Zonen der Welt scheinen mir nicht wenige überkandidelt. Die Zeiten während der man sich für ein Stück Brot an die Gurgel ging kommen hoffentlich nicht wieder und es wäre auch keine Lektion für die Masse der Egoisten. Apropos: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" (Brecht).
- Volker schrieb am 30.01.2012, 15:30 Uhr:
- Sinnfreie Konferenz! Überflüssig! Die Probleme des Hungers in den Entwicklungsländern müssen die Menschen in den Entwicklungsländern lösen, nicht WIR! Solange noch Waffen oder auch nur eine Patrone Munition von solchen Ländern gekauft werden und diese Länder eine Armee unterhalten, haben diese Länder grundsätzlich genug. Es muß nur anders verteilt werden. Damit haben wir hier in Europa allerdings nichts zu tun. Das einzige was wir tun könnten ist keinerlei Waffen mehr in diese Länder zu verkaufen! Was hier an Lebenmitteln im Müll landet oder nicht, ändert dort gar NICHTS!
- der PBC wähler schrieb am 30.01.2012, 15:05 Uhr:
- @Beatrice: Genau so ist es. Diese Belanglosigkeiten sollen von den eigendlichen Verursachern und Problemen in den Ländern ablenken. Hilfe geht nur über Selbsthilfe der verantwortlichen Staaten und ihrer Vertreter.
- Beatrice schrieb am 30.01.2012, 14:50 Uhr:
- Das ist wieder so ein Pseudothema zur Profilierung von insuffizienten grünen Politikern und pseudowissenschaftlichen Forschern. Wer sich dann besser fühlt der kann ja seine alten Lebenmittel, statt wegzuwerfen, in Entwicklungsländer schicken. Ich lasse mir jedefalls kein schlechtes Gewissen einreden und genieße die Vorteile und Errungenschaften unseres modernen Lebens. Auf ständige Verfügbarkeit von frischen Lebensmitteln und Vielfalt in großer Auswahl möchte ich nicht verzichten. Ich kaufe gerne eine gewisse Bandbreite an frischen Lebenmitteln weil ich kurzfristig entscheide wonach mir gerade ist und worauf ich Appetit habe. Das ist für mich Lebenqualität! Natürlich wird da auch häufiger mal was zu alt, schlecht oder welk und wird weggeworfen. Ich habe da keinerlei Probleme mit und kann auch, ehrlich gesagt, nicht nachvollziehen warum das ein Problem sein sollte. Wenn ich mein Wegwerfverhalten ändere wird in den Hungerländern niemand zusätzlich satt.
- Ossi-Preusse schrieb am 30.01.2012, 14:34 Uhr:
- EU-Subvention streichen schrieb heute, 13:46 Uhr: ,,...den Bauern sollte die EU-Subvention gestrichen werden, dann würde endlich nicht mehr so viel produziert!'' - Ach ja, endlich, endlich nicht mehr so viel. Lieber Mitbürger, es geht schneller nach unten, als nach oben. Ich merke schon, wer so denkt, kannte nur Wohlstand. Es dauerte in den westlich besetzten Zonen nach dem Krieg nicht lange und die Töpfe waren voller Geschenke, als im Osten noch erst an Möglichkeiten gearbeitet werden musste, aus den oft verlassenen und zerstörten landwirtschaftlichen Haus- und Landbrachen etwas Essbares für die ostdeutsche Bevölkerung herauszuholen. Es gab nicht einmal Verteilung von Schmalz, Eipulver, Milchpulver, Konserven und Dergleichen aus Übersee. Ich kann mir ja auch nichts sehnlicher wünschen, als den Zerfall all dessen, was nach dem vollständigen Verfall als Ergebnis des Zweiten Weltkrieges begann, im Alter wiederzuerleben: In Not und Tod geboren und in Not sterben.
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