Krankenkasse fordert Bettenabbau Wie viele Kliniken braucht das Land?

Von Lis Kannenberg

Aktuell gibt es 400 Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen. Zu viele? Das meint der Chef der Krankenkasse Barmer GEK und stößt damit auf Unverständnis bei Kliniken und Ärztekammer. Teilweise Zustimmung kommt von Gesundheitsökonom Jürgen Wasem.


Krankenzimmer
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2010 gab es in NRW knapp 122.000 Krankenhausbetten.

Vom kirchlich getragenen Kleinstadtspital auf dem Land bis zum Maximalversorger mit über 1.000 Betten reicht die Spanne der Kliniken in Nordrhein-Westfalen. Ihre Zahl von 404 im Jahr 2010 ist der größten deutschen Krankenkasse Barmer GEK offenbar ein Dorn im Auge. Deren Vorstandschef Christoph Straub sprach sich im "Welt"-Interview für weniger Krankenhäuser und einen damit verbundenen Rückgang der Bettenzahl aus. Rückendeckung bekommt er ein Stück weit von einem Experten, der auch schon die Bundesregierung in Gesundheitsfragen beraten hat: "Im internationalen Vergleich leisten wir uns eine überdurchschnittlich hohe Bettendichte und höhere stationäre Verweilzeiten", sagt Prof. Dr. Jürgen Wasem. Er lehrt Medizin-Management an der Universität Duisburg-Essen. Aus seiner Sicht sei es verständlich, wenn ein Krankenhaus so viele Betten wie möglich belegen will.

Kliniken und Politik: Keine Überkapazitäten in NRW

Die Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW) kontert Straubs Forderung nach weniger Betten mit der Statistik: Es sei seit 1995 fast ein Fünftel der Betten abgebaut worden. Von Überkapazitäten könne keine Rede sein. Und überhaupt dürfe die Bettenzahl nicht als Leistungsindikator herangezogen werden, sagt Sprecher Lothar Kratz: "Die Krankenhäuser sind in einem politisch gewünschten Wettbewerbsprozess." Wohnortnahe Versorgung müsse dennoch das Ziel der zuständigen Landesregierung sein.

Diese Ausrichtung bestätigt Christioph Meinerz, Sprecher im NRW-Gesundheitsministerium: "Eventuell ist das eine oder andere Krankenhaus im Land nicht unbedingt notwendig, aber in Gänze ist NRW nicht überversorgt." Auf die Seite der Kliniken stellt sich auch Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein: "Gerade für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, muss ein Krankenhaus in der Nähe sein. Man darf nicht mit der Brechstange Kapazitäten abbauen."

Freie Klinikwahl für Versicherte


Der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Jürgen Wasem
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Wasem: "Kliniken sind in vielen Regionen wichtige Arbeitgeber."

Die Krankenkassen sind gesetzlich verpflichtet, mit allen im Landes-Krankenhausplan gelisteten Kliniken zusammenarbeiten. Hätten die Versicherer einen Vorteil, wenn es davon weniger gäbe? Wasem sagt Ja: "Bei weniger Betten sinkt für die Kasse das Risiko, eine womöglich unnötige stationäre Behandlung bezahlen zu müssen." Eine andere Möglichkeit der Regulation wäre, wenn sich die Versicherer aussuchen könnten, mit welchen Kliniken sie Versorgungsverträge abschließen. Ein Wunsch, der von anderen Kassen durchaus schon zu hören gewesen sei. "Eine Einschränkung der freien Klinikwahl würde die Rechte des Patienten beschneiden", wehrt Ministeriumssprecher Meinerz ab. Genau wie das Einholen einer zweiten Meinung sei auch die freie Entscheidung für ein bestimmtes Krankenhaus schützenswert.

Ambulante Versorgung auf dem Vormarsch

Eine weitere zentrale Forderung des Krankenkassen-Chefs: Die medizinische Versorgung müsse viel häufiger ambulant erfolgen. Hier verlangt Straub im aktuellen Interview etwas, was bereits intensiv von Politik, Kliniken und niedergelassenen Ärzten vorangetrieben wird. Seit der ersten Gesundheitsreform 1988 unter Bundesminister Norbert Blüm gelte die Devise "ambulant vor stationär", sagt der Essener Forscher Wasem. "Krankenhäuser gründen Medizinische Versorgungszentren und kooperieren vielerorts bestens mit Facharztpraxen. Diese Entwicklung hebt die Trennung von ambulant und stationär auf", sagt Kratz für die KGNW.

"Vermutlich geht der Barmer die Entwicklung zur ambulanten Versorgung nicht schnell genug", versucht Wasem die Motivation des Kassenchefs zu ergründen. "Allerdings gibt es auch Kassen, die fürchten, dass die Kosten steigen, wenn eine Klinik zwar die ambulanten Leistungen ausbaut, gleichzeitig aber die Zahl der stationären Aufenthalte stabil bleibt." NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) wünscht sich nach Auskunft ihrer Sprechers eine Planung beider Behandlungssäulen aus einer Hand. Dabei müsse das Land nicht die Entscheidungshoheit haben, aber auf jeden Fall ein Mitspracherecht.


Stand: 02.01.2012, 14.27 Uhr


Kommentare zum Thema (32)

letzter Kommentar: 04.01.2012, 12:14 Uhr

Marvin schrieb am 04.01.2012, 12:14 Uhr:
Es ist bekannt, dass es zuviele Kliniken gibt. Auf die Lobbyisten darf dabei nicht gehört werden.
Piratenpfleger schrieb am 04.01.2012, 08:29 Uhr:
BRD das Land der (Ab)Dichter und (Um)Denker wählt sich sein System nicht selbst. Der Euro als Ablenker, die Krise als Gelegenheit dahinter heimlich zu mauscheln, befördert BRD und Europa an die Spitze der Weltbürokratie. ES werden die verdianer und Beamtenzahlen erhöht, das beschreibt die Bürokratiekrake von Parkinsonschem Gesetz. Dabei benötigen wir nur ein Kernbeamtentum der Polizei und Steueraufsicht, nur eine staatlich finanzierte Gesundheitskasse, nur ein gerechtes Rentensystem mit bedingungslosem Grundeinkommen, aber so viele Rechte , wie sie selbst für sich beanspruchen,wollen die Politiker, Richter und Beamte dem gemeinen Volk nicht zubilligen. wie gesagt führt man lieber das Stück von Eurokrise auf, um von einem Sofa und Talkshow zur nächsten zu hetzen, um bloss nichts verändern also erarbeiten zu müssen. Das System wird permanent abgedichtet und allenfalls umgedacht.
rhedenser schrieb am 03.01.2012, 20:11 Uhr:
Abschaffen sollte mann die gefühlten tausend Krankenkassen und ihre völlig überbezahlten Vorstände wie diesen Dummschwätzer der Barmer.Dazu weg mit den vielen Länderparlamenten und Reduzierung des Bundestages und weg mit den Selbstversorgern von Politikern aller Parteien.Schluß mit dem verteilen Deutschen Geldes in der ganzen Welt.Dann ist endlich genug Geld für wichtige Dinge wie z.b der Krankenversorgung da.
Anonym schrieb am 03.01.2012, 14:58 Uhr:
Die Krankenversorgung kann ganz einfach verbessert und kostengünstiger gestaltet werden: 1. Reduzierung der Anzahl der Krankenkassen auf EINE 2. Umschulung der freigesetzten Vorstände und anderem Leitungspersonal zu Krankenpflegern und -pflegerinnen mit der entsprechenden Vergütung 3. Eine nach Grundschemen aufgebaute Therapie (heute macht jeder Chefarzt/Krankenhaus so sein eigenes Ding) Welche Probleme sind dann gelöst? 1. Kosten bleiben überschaubar 2. Therapien sind nicht Glückssache 3. Das bisherige Krankenkassenpersonal macht was sinnvolles
Ruhr-Pirat schrieb am 03.01.2012, 10:50 Uhr:
Wir brauchen Betten für Notfälle aber keine Bürokratie. Steuerfinanzierte Krankenkasse erspart KVs und PKs und viele der geballt ansässigen Apotheken. Zentrale Kassenapotheken und rigideres Pharmapreismanagement(wie im Ausland üblich) sparen mehr und sinnvoll, als den echten Notfall zum Russisch Roulette werden zu lassen. Die Zielrichtung gegen Privatisierung der Betten und unsinnige Auslastung ist schon klar, nur sollte bei Personen in leitender Position, die Fähigkeit das Kind mit dem Bade auszuschütten, eben nicht hervorstechen. Aber mit den Wahlen kann mehr unsinnige Pläne durchkreuzen als man annimtt, jedenfalls jetzt wieder mit den Piraten auf dem Operationsschiff.

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