Jugendliche türmten aus offenem Vollzug: Justizminister beendet Modellprojekt
Nach der Flucht von drei Jugendlichen aus dem offenen Vollzug in Dormagen hat NRW-Justizminister Thomas Kutschaty das Modellprojekt gestoppt.
-
Video:
Jugendstraftäter fliehen aus offenem Vollzug
(01:57 Min.)
,
WDR aktuell vom 28.09.2012
-
Jugendstraftäter fliehen aus offenem Vollzug
Der Grund für das Ende des Projekts sei aber nicht, dass die drei Jugendlichen geflüchtet seien. Vielmehr gibt das Justizministerium der CDU die Schuld am Ende des Projekts, da sie den Parteienkonsens aufgekündigt habe. Alle Parteien hätten gewusst, dass es bei dem Projekt zu "Entweichungen" kommen werde und hätten dies mittragen wollen.
"Das ist eine wirklich katastrophale Bilanz für das rot-grüne Modellprojekt", hatte CDU-Fraktionsvize Peter Biesenbach am Freitag in Düsseldorf den Justizminister angegriffen. Seine schlimmsten Befürchtungen seien noch übertroffen worden. Kutschaty räumte einen schlechten Start für das Projekt ein, nannte die Empörung der CDU aber "scheinheilig" und "unanständig". Schließlich stamme die gesetzliche Grundlage für das Modellprojekt aus der Zeit der CDU-geführten Landesregierung und Biesenbach selbst habe für das Gesetz gestimmt, so ein Sprecher des Ministeriums.
Der konterte am Nachmittag: Die CDU habe sich vor dem Start des Projekts gegen eine Unterbringung von jugendlichen Intensivtätern ausgesprochen. Er kritisierte seinerseits die Informationspolitik des Ministeriums. Wochenlang sei das Verschwinden der Jugendlichen verschwiegen worden.
Der Leiter des Hauses bestätigte WDR.de am Freitag (28.09.2012), dass zwei 17-Jährige bereits Mitte August aus der Einrichtung getürmt waren. Ein 16-jähriger Jugendlicher, der Anfang September weglief, sei nach wenigen Tagen wieder gefasst worden und musste zurück in ein Gefängnis.
Verurteilt wegen Gewaltdelikten und Diebstahl
Die beiden 17-Jährigen waren nach Angaben des Justizministeriums zu Gefängnisstrafen von vier Jahren und zwei Monaten sowie eineinhalb Jahren verurteilt worden. Grund waren Gewalt- und Diebstahldelikte. Einen Großteil der Strafe hatten sie bereits in einer regulären Jugendhaftanstalt abgesessen. Am 1. August waren sie in das gerade gestartete Projekt in Dormagen verlegt worden. Unklar ist, warum das Ministerium das Projekt noch Ende August als viel versprechend vorstellte, ohne zu erwähnen, dass zu diesem Zeitpunkt die zwei Jugendlichen bereits auf der Flucht waren. Gegenüber dem WDR sagte ein Sprecher, das Ministerium sei damals nicht gefragt worden, ob es bereits zu einem Entweichen gekommen sei.
Statt Knast: Sport, Schule, Therapie
Mit dem Modellprojekt "Jugendstrafvollzug in freien Formen" wollte die Landesregierung gegen die hohe Rückfallquote bei jugendlichen Straftätern vorgehen. Im Gegensatz zum sogenannten offenen Vollzug gibt es keinerlei Sicherungsmaßnahmen. Das Raphaelshaus in Dormagen, das noch 100 andere Jugendliche beherbergt, hat dafür sieben Plätze geschaffen, sechs wurden belegt. Die Straftäter sind zwar nicht eingesperrt, aber müssen sich an strenge Regeln halten und werden rund um die Uhr von Pädagogen betreut. Es gibt Frühsport, Unterricht und Therapien. Wer nicht mitmacht oder abhaut, muss zurück ins Gefängnis.
Leiter hat mit Weglaufen gerechnet
Im Gespräch mit WDR.de zeigte sich Hans Scholten, der das Haus seit 25 Jahren leitet, enttäuscht. Er habe damit gerechnet, dass jemand weglaufe - "aber dass es gleich drei sind, hat mich betrübt". Alle drei hätten einen "läppischen Konflikt vom Zaun gebrochen, um einen Grund zu haben abzuhauen". Einem Jungen sei er noch mit dem Rad hinterher gefahren, aber er habe sich nicht beruhigen lassen. Die zwei anderen hätten beim Sportunterricht einen Streit mit einer Pädagogin provoziert und sich nachher gemeinsam aus dem Staub gemacht.
Auf der Suche nach den Jungen habe ein Raphaelshaus-Mitarbeiter einen der beiden auf der Kölner Domplatte aufgefunden. Laut Scholten hatte der sich zwei Tage vorher gegrämt, weil sein Vater den Besuchstag unter fadenscheinigen Gründen abgesagt hatte. Und weil er panische Angst gehabt hätte, wieder ins Gefängnis zu müssen, sei er dem Mitarbeiter dort wieder entwischt. Warum die drei letztlich wegliefen, kann Scholten nur vermuten: Vielleicht sei es Heimweh gewesen, Liebeskummer, Freiheitsdrang oder auch "die sehr reglementierte Pädagogik".
Scholten: "Nicht mehr diesen verhärteten Blick"
Und was ist die Konsequenz aus der dreifachen Flucht? Am Freitagvormittag sagte Hans Scholten: "Wir gucken jetzt noch genauer auf die Motivation und die Leistungsbereitschaft der Jugendlichen, die wir aufnehmen." Die freien Plätze sollten jetzt nicht auf ein Mal, sondern nach und nach wieder besetzt werden. Die anderen drei Jugendlichen hätten sich gut im Haus integriert. "Alle haben nicht mehr diesen verhärteten Blick, mit dem sie gekommen sind", ergänzte der 62-Jährige. Im Jugendstrafvollzug hätten sie bis vier Uhr nachts Fernsehen geguckt, in Dormagen seien sie tagsüber so müde gemacht worden, dass sie nachts geschlafen hätten. Von der Entscheidung des Justizministers, den Modellversuch zu stoppen, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nichts.
Stand: 28.09.2012, 18.04 Uhr
Kommentare zum Thema (38)
letzter Kommentar: 03.10.2012, 22:51 Uhr
- Teil 2 schrieb am 03.10.2012, 22:51 Uhr:
- Dieses führt dann zu genau was?? Was lernen die Jugendluchen aus diesem Knastaufenthalt? Nichts ausser das sie noch mehr Kriminelle kennenlernen. Und was ist nach den 2 Jahren ? Wie soll es dann für diese Jungs weiter gehen? Job, Ausblidung, Schule usw. Sie haben gelernt ohne ihrer taten zu reflektieren im Knast geil was eine Strafe ich hab den ganzen Tag meine Ruhe muss nichts tun bin satt und mir geht es gut! Sie haben kaum eine Zukunft weil diese Menschen zum großteil niemals gelernt haben das sie was tun müssen für ihr täglich Brot. Und genau desshalb finde ich solche Projekte grade für Jungendliche sollten noch viel früher angesetzt werden und nicht erst wenn sie bereits im Knast sind. MFG
- Teil 1 schrieb am 03.10.2012, 22:45 Uhr:
- Meine lieben Leute, Sie sollten sich mal Fragen besonders "Joachim aus Köln" was Sie da von sich geben. Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat und nicht mehr im Zeitalter der öffentlichen Hinrichtung. Ein Strafvollzug wie in den USA halten Sie für angemessen? In dem jedes Jahr mehrer hunderte Menschen zum Tode verurteilt werden und sich dann nach geraumer Zeit dann doch rausstellt, dass diese doch keinerlei schuld haben...??? Wir müssen mal Realistisch denken es handelt sich hierbei um Jugendliche zwischen 16 und 17 Jahren desweitern sind es keine Mörder oder dergleichen, Sie halten ein einsperren also für Ziel führend? Ok ihre Meinung diese würde ich ja sehr gerne mit Ihnen teilen wenn es sich hier um gestandene Menschen handeln würde welche ihrer Taten mit vollem Bewusstsein begehen würden. Was bringt denn diese Wegsperren???? Beispiel ein Junglicher 16 Jahre wird zu 2 Jahren haft verurteilt. In diesen 2 Jahren macht er nichts ausser "Chillen", TV gucken usw.
- ursula könig-willems schrieb am 02.10.2012, 09:10 Uhr:
- Bei der Nachricht 3 Jugendliche aus dem Raphaels entlaufen kam die Vergangenheit wieder hoch. Auch mein Sohn (Plegesohn) war vor ca. 20 Jahren in diesem Hause. Es war katasprophal. Es gab nur Gewalt. Schulbesuche wurden nicht kontrolliert, die angeblich geförderte Freizeit fand nicht statt. Unser Sohn wollte damals nur noch da weg. Was Herr Scholten unter keinen Umständen wollte. Er hielt viel von Zucht und Ordung. ??. Wir haben unseren Pfegesohn damals bei Nacht und Nebel aus dem Haus geholt. Später kamen Anzeigen von der Dormagener Polizei gegen meinen Sohn. Er hatte sich einer Bande Jugendliche aus dem Raphaelshaus angeschlossen, die die Altenheimer ausräumten und die alten Leute in Angst und Schrecken versetzten. Die örtliche Polizei hatte damals die Wände eines Zimmers mit diesen Straßtaten regelrecht tapeziert. Deshalb wundert es mich nicht was da geschehen ist. Herr Scholten ist ein für diese Stelle mehr als unqualifiziert. Mein Sohn kann sich leider nicht mehr äuß ...
- Joachim aus Köln schrieb am 29.09.2012, 11:02 Uhr:
- @Hausarbeiter: Sie habel leider recht, wir sind von einem richtigen Strafvollzug weggekommen und haben den Irrweg der Pädagogik und Therapie eingeschlagen. Es gibt allerdings nicht einen Grund von diesem falschen Weg wieder ab zu kommen. Letztlich ist das eine politische Entscheidung und der Weg zu einem Strafvollzug der den Namen STRAFvollzug wieder verdient ist schnell wieder eingeschlagen. Viele Menschen im Land sind dafür, ich auch! Sie und andere werden es erleben, es wird noch einige Jahre dauern aber es wird letzlich kein Weg darum herumführen wieder zu Strafen statt sinnlose Therapieversuche auf Kosten der Bevölkerung durchzuführen. Ich bin sehr für einen Strafvollzug nach US Beispiel, von mir aus gerne auch durch private Unternehmen. Das kommt den Steuerzahler deutlich billiger und die Straftäter sind SICHER! untergebracht und werden sicher auch nicht verhätschelt.
- Kölner schrieb am 29.09.2012, 09:56 Uhr:
- Wer aus ideologischen Gründen Kriminelle frei herumlaufen lassen will, sollte sich bewusst machen, dass er Teil des Problems ist.
Seite teilen
Über Soziale Medien