Justizminister stellt Modellprojekt vor Junge Straftäter sollen nicht mehr ins Gefängnis

Von Rainer Kellers

Rundumbetreuung statt Jugendknast: NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) will junge Straftäter in offenen Jugendeinrichtungen unterbringen. Seit gut einem Monat läuft ein entsprechendes Modellprojekt in Dormagen. Eine sinnvolle Maßnahme oder Kuschelpädagogik?


Ein Insasse einer Justizvollzugsanstalt sitzt auf einer Fensterbank und schaut aus dem Fenster.
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60 Prozent der jugendlichen Straftäter im regulären Strafvollzug werden rückfällig

Es sind nur sieben Jugendliche, die beim neuen Modellprojekt des Landes mitmachen. Sollte das auf drei Jahre angelegte Projekt jedoch Erfolg haben, könnte sich der Jugendstrafvollzug in Nordrhein-Westfalen grundlegend verändern. Die 14- bis 18-jährigen Teilnehmer des Projekts müssen ihre Jugendstrafe nicht in einem Gefängnis verbüßen, sondern sind in einem speziellen Jugendhilfezentrum in Dormagen untergebracht. Dort werden sie nicht eingesperrt, aber praktisch rund um die Uhr von Pädagogen betreut.

Frühsport, Schule, Therapie


"Sie haben einen sehr engen Zeitplan und müssen sich an strenge Regeln halten", sagt am Mittwoch (29.08.2012) der Sprecher des Justizministeriums, Detlef Feige. Der Tag der jungen Insassen beginnt morgens um 6 Uhr mit Frühsport, danach unterrichtet sie ein Lehrer, und es folgen bis zum Ende des Tages um 22 Uhr verschiedene pädagogische Maßnahmen wie Einzelgespräche und Gruppentherapien. Wer nicht mitmachen will oder abhaut, für den ist das Projekt beendet, und er wird in den regulären Jugendstrafvollzug geschickt. Die Dauer der Betreuung in der Einrichtung entspricht der für jeden Jugendlichen verhängten Strafe.

Hohe Rückfallquote soll sinken

Ziel des Projekts ist es, die jugendlichen Straftäter fit für die Gesellschaft zu machen und zu verhindern, dass sie erneut straffällig werden. Im regulären Jugendstrafvollzug beträgt die Rückfallquote katastrophale 60 Prozent. Durch die intensive Betreuung soll den Jugendlichen eine Perspektive aufgezeigt werden und die Quote deutlich fallen. Der Personalaufwand ist allerdings ziemlich hoch. Für jeden Jugendlichen ist ein Pädagoge zuständig. Wie hoch die Kosten sind, konnte der Ministeriumssprecher nicht beziffern. In jedem Fall sei es erstmal teurer als der reguläre Strafvollzug, der den Steuerzahler pro Gefangenen 111,55 Euro am Tag kostet. Sänke aber die Rückfallquote, würde es sich rechnen, meint Feige.

Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet. Sollte die Experten es am Ende positiv bewerten, könnte das Prinzip des "Vollzugs in freien Formen" landesweit angewendet werden. Ministeriumssprecher Feige gibt aber zu, dass nicht jeder der derzeit rund 1.650 jugendlichen Gefangenen auf diese Weise untergebracht werden sollte. "Wir müssen die Jugendlichen sehr genau auswählen", sagt Feige. "Es müssen Jugendliche mit Potenzial sein." Für offensichtlich hoffnungslose Fälle, schwere Gewalttäter oder gar Mörder sei diese Form der offenen Unterbringung nicht geeignet.

Kriminologe: "Wir brauchen im Jugendstrafvollzug Alternativen"

Lob kommt vom Leiter des Instituts für Kriminologie an der Uni Köln, Professor Frank Neubacher - der selbst nicht in das Projekt involviert ist. Angesichts der hohen Rückfallquote und der Gewalt in den Anstalten sei der neue Ansatz allemal wert, ausprobiert zu werden. "In den Jugendgefängnissen haben Sie eine verschlossene und gewaltbereite Subkultur", sagt Neubacher im Gespräch mit WDR.de. Im offenen Vollzug fehle diese Gewaltkulisse, und man habe viel bessere Chancen für eine erfolgreiche Behandlung. "Wir brauchen Alternativen im Jugendstrafvollzug, so wie bisher kann es nicht weitergehen." Allerdings warnt Neubacher vor zu hohen Erwartungen. Es komme immer auf die Rahmenbedingungen an, auf die richtige Auswahl der Jugendlichen und die richtige Betreuung.

"Für Opfer schwer zu vermitteln"

Skeptischer als der Wissenschaftler ist die Opferschutzorganisation "Weißer Ring". Es sei zwar positiv, wenn künftige Straftaten verhindert werden, meint Veit Schiemann, Sprecher der Organisation. "Aber es wird den Opfern in vielen Fällen schwer zu vermitteln sein, dass anstelle von Strafe Pädagogik tritt." Wichtig sei, dass die Behandlung der kriminellen Jugendlichen von deren Opfern als Strafe gesehen wird. Nur so sei es möglich, das Erlebte zu verarbeiten. Es sei Aufgabe des Landes, die Zusammenhänge gut zu erklären.

Die Perspektive der Opfer kommt auch der CDU im Landtag beim Vorstoß des Justizministers zu kurz. "Es steht außer Frage, dass der Vollzug einer Freiheitsstrafe auch Sanktionscharakter haben muss", sagt Rechtsexperte Peter Biesenbach. "Von diesem Gedanken scheint sich der SPD-Justizminister verabschiedet zu haben." Das sieht Kriminologe Neubacher nicht so. Der Vollzug in freien Formen sei "ähnlich beschränkend wie eine Unterbringung im Gefängnis". Nur habe man hier die Chance, "den Panzer des Selbstschutzes und der Legendenbildung aufzubrechen und zum Kern der Jugendlichen vorzudringen".


Stand: 29.08.2012, 13.50 Uhr


Kommentare zum Thema (70)

letzter Kommentar: 31.08.2012, 20:45 Uhr

kleinundbissig schrieb am 31.08.2012, 20:45 Uhr:
Kein Geld für ausreichende Krankenversorgung - kein Geld für humane Versorgung unserer "Alten", die ein Leben lang geschuftet habe - aber genügend Geld um jedem pubertierenden, heranwachsenden asozialen Jugendlichen seinen persönlichen Lakaien auf Staatskosten zu finanzieren. Perverse Weltanschauung!!!!
@Analytiker schrieb am 31.08.2012, 12:17 Uhr:
Wie praktisch jedes posting ist auch dieses voll von Unkenntnis-hier als bsp.:Privatinsolvenz;Ausgeschlossen sind:"Geldstrafen und Geldbußen, Zwangsgelder und Ordnungsgelder,aus einer unerlaubten Handlung entstandene Forderungen, die auch mit diesem Rechtsgrund von den Gläubigern angemeldet wurden!Habe ich einen Vollstreckbaren Titel kann ich diesen 30 Jahre lang eintreiben!Somit also wohl doch besser auch dem Taeter auf die Beine zu helfen-mit 2 Zielen:Keine neuen Straftaten und vergangenes Unrecht wenigstens Materiell zu entschaedigen.Btw. heute wird bereits in einigen Faellen ein Taeter\Opfer "Ausgleich"angestrebt-d.h. der Taeter wird mit seinem Opfer(sofern dieses dazu bereit und in der Lage ist)in kontrollierter Umgebung zusammengebracht und nein das ist nicht "kuschelig" fuer die Taeter.Vorgespielte Reue hilft hier nicht.Da ist schon so mancher "harte Junge"heulend zusammgegeklappt.
@Analytiker schrieb am 31.08.2012, 10:51 Uhr:
Na SUPER-da kaemen ja so diverse CDU Politiker nie wieder aus dem Knast :lol: u.a. Wulf,Mappus...Btw. Meldung auf SPON 2.2 Milionen junge Deutsche ohne Berufsabschluss. Ach ja-dank des Drogenverbotes muss jeder suechtige(lt. Drogenbeauftragter der BRD 200.000!) zwischen 3-7 Straftaten_pro Tag(!)begehen um seine Sucht zu finanzieren-hmmm wer schickt nun die fuer diese verfehlte Politik verantwortlichen Politiker in dein von dir gewuenschtes Arbeitslager?
Analytiker schrieb am 31.08.2012, 09:31 Uhr:
Der Herr Kutschaty versucht wohl am Rande der Gesellschaft Sympathie zu ernten. Was immer wieder vergessen wird, ist der finanzielle Schaden der durch die Straftaten verursacht wird. Bei den Tätern ist zivilrechtlich fast nie etwas zu holen. Die SPD hat das durch die Heraufsetzung der Pfändungsgrenzen noch verschlimmert und zur Not gibt es ja noch die Privatinsolvenz. Man kann die Botschaft der SPD an die (potenziellen) Straftäter nur so deuten : Ihr könnt fast alles ohne große Konsequenzen machen. Deutlich wirkungsvoller wäre es alle Straftäter mindestens so lange im Gefängnis arbeiten zu lassen, bis der von ihnen angerichtete Schaden bezahlt ist.
Waerter schrieb am 31.08.2012, 09:10 Uhr:
@Rechtslinks daumen-behandelt man einen Hund nach deinen "Richtlinien"bekommt man eine reissende Bestie!Wieso also glaubst du man sollte mit Mensche so umgehen?Mir ist allerdings schon klar das der Text(Kuschelpaedagogik)dieser WDR"Nachricht"gleich wieder ein "KILLT" Zeitungstypisches Vorurteil impliziert.Wenn diese Einrichtung richtig konzipiert ist\wird-dnn wird das das genaue Gegenteil von "kuschelig"!Denn im Gegensatz zu einem "normalem Knast"wo bei Gefangenen,im Gegenteil zu deiner Irrigen Meinung das dort ein denken an ihre Opfer einsetzen wuerde,nur eine Verfestigung ihres Fehlverhaltens und eine Anpassung an die Knastbedingungen stattfindet-wird in so einer Einrichtung es richtig hart fuer die Einsitzenden.Hier werden sie sich das erste Mal ihren Fehlentwicklungen und Schwaechen stellen muessen(man bringt sie bspw.in die Rolle ihrer Opfer-ohne das sie erneut so reagieren duerfen wie sie es in der Vergangenheit getan haben!) und das in Gegenwart von andern Gefangenen!Klar ab ...

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