Interview mit Wirtschaftsminister Duin: "Strom hat seinen Preis"
Strompreise, Netzausbau, Energiewende: Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) hat ein Haus mit vielen Baustellen übernommen. Seit bald hundert Tagen ist er im Amt. Im Interview mit WDR.de erzählt er, warum er Unternehmen subventionieren und die Bundesregierung antreiben will.

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NRW WIrtscahftsminister Garrelt Duin (SPD): "Strom hat seinen Preis"
WDR.de: Herr Duin, demnächst sind Sie hundert Tage im Amt. Wie viele Ostfriesenwitze haben Sie über sich ergehen lassen müssen?
Garrelt Duin: Außer Journalisten, denen ich Ostfriesenwitzen erzählen soll, hat mich niemand darauf angesprochen. Ich werde manchmal mit einem 'Moin' begrüßt, und das Teetrinken wird erwähnt. Aber das ist es dann auch.
- NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin
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Garrelt Duin ist seit dem 21. Juni 2012 Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes Nordhrein-Westfalen. Duin, Jahrgang 1968, stammt aus Leer in Ostfriesland. Der Sozialdemokrat war Mitglied im Europäischen Parlament und im Bundestag. 2005 bis 2010 hatte er den Landesvorsitz der SPD in Niedersachsen inne. Bis zu seiner Berufung zum Minister war der gelernte Rechtsanwalt wirtschaftspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion. Duin ist verheiratet und hat einen Sohn.
WDR.de: Sie sind von Hannelore Kraft ins Kabinett gerufen worden, um die Wirtschaftskompetenz zu stärken. Trotzdem wird immer wieder der Vorwurf laut, sie könnten sich nicht gegen den Umweltminister behaupten.
Duin: Das ist ein Vorwurf, der aus der Opposition zu hören ist, aber nicht in den Branchen, mit denen ich zu tun habe. Ich glaube auch, dass ich in den ersten knapp drei Monaten im Amt den Eindruck hinterlassen konnte, dass es jetzt einen Minister gibt, der sich um Wirtschaft und wirtschaftliche Interessen intensiv kümmert.
WDR.de: Ist Herr Remmel, der grüne Umweltminister, für Sie ein besonderer Kollege?

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Partner oder Konkurrenten? Duin und Johannes Remmel
Duin: Es gibt schon eine Besonderheit, denn wir haben viele Schnittmengen. Wir haben aber unter Beweis gestellt, dass wir nicht nur so tun, als ob wir gut zusammenarbeiten. Beim Thema Fracking zum Beispiel haben wir eine abgestimmte Position vertreten. Nämlich die, dass es in Nordrhein-Westfalen ein Fracking mit giftigen Chemikalien niemals geben wird. Wir brauchen Methoden, die ohne giftige Chemikalien auskommen.
- Audio: Landesregierung stellt sich gegen das Fracking in NRW (07.09.2012) Klaus Scheffer / Gerd Tille, WDR 2 Der Tag
- Gutachten sieht zu viele Risiken: Keine Fracking-Bohrungen in NRW (07.09.2012)
WDR.de: Wie hat Remmel denn reagiert, als Sie im Sommer gesagt haben, notfalls lassen Sie sich verhauen, aber Subventionen für stromintensive Betriebe sollen bleiben?
Duin: Also, er gehört schon mal gar nicht zu denjenigen, die zum Verhauen greifen würden.
WDR.de: Die nötige Reichweite hätte er.
Duin: (lacht) Da sind wir ungefähr eine Gewichtsklasse, ja. Aber im Ernst, in den Äußerungen des Umweltministers kommt immer wieder zum Ausdruck, dass er ein Interesse daran hat, energieintensive Betriebe in NRW zu halten. Da wird mit künstlichen Gegensätzen gearbeitet, die es real in dieser Regierung gar nicht gibt.
WDR.de: Wie erklären Sie es dem Bürger, dass er mehr Geld für Strom zahlen muss, weil große Unternehmen keine Netzentgelte entrichten müssen?
Duin: Im Kern geht es darum, alles zu unternehmen, um den energieintensiven Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, eine Perspektive in NRW offen zu halten. Dafür setze ich mich ein. Allerdings, wenn die Bundesregierung Unternehmen von den Netzentgelten befreit, die gar nicht im internationalen Wettbewerb stehen, wie zum Beispiel ein Rechenzentrum, ist das eine Fehlentwicklung. Der Kreis derjenigen, die profitieren, ist zu groß geworden. Die Landesumweltminister haben verabredet, dass alle Sondertatbestände überprüft werden. Das finde ich richtig. Aber die Mehrzahl der Unternehmen hier in NRW nimmt die Subvention völlig zu Recht in Anspruch.
WDR.de: Bleibt die Frage, ob die Bürger dafür Verständnis haben, da die Strompreise steigen.

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Duin: "Strom ist ein kostbares Gut"
Duin: Der Umbau des Energiesystems kostet den durchschnittlichen Haushalt zwischen fünf und zehn Euro im Monat. Das halte ich für eine verkraftbare Größenordnung, für ein so kostbares Gut, das uns 24 Stunden am Tag zur Verfügung steht. Strom hat seinen Preis. Im Übrigen liegt der Anstieg der Strompreise nicht an den Subventionen, sondern vor allem daran, dass wir uns ganz bewusst für die Energiewende entschieden haben.
WDR.de: Und in dem Zusammenhang liegt der Anstieg insbesondere an der Umlage für Erneuerbare Energien. Sie haben im Sommer bemängelt, die Lasten seien ungerecht verteilt. Was wollen Sie unternehmen?
- NRW will Ökostrom-Ausgleich [Mediathek]
- Audio: Duin: Strompreissteigerung kann aufgehalten werden Uwe Schulz / Garrelt Duin, WDR 2 Morgenmagazin
Duin: Wir bereiten eine intensive Diskussion mit der Bundesregierung, den Energieproduzierenden und Verbrauchern vor, wie wir eine Energiepolitik aus einem Guss machen können. Dazu gehört auch, dass die Belastungen durch das EEG beherrschbar bleiben. Das EEG war ein Markteinführungsinstrument. Die Markteinführung ist gelungen, und wir müssen jetzt über eine Reform nachdenken. Aber das braucht Zeit und geht nur im Konsens mit anderen Ländern und dem Bund. Hannelore Kraft und ich treffen uns Anfang Oktober mit Bundesumweltminister Peter Altmaier, um erste Vorschläge zu diskutieren.
WDR.de: Welche Vorschläge sind das?
Duin: Es macht keinen Sinn, mit Ideen nach außen zu gehen, die dann politisch zerrupft werden. Klar ist nur: Das EEG für unantastbar zu erklären oder es abschaffen zu wollen, ist beides falsch.
WDR.de: Reden Sie mit Altmaier auch über den schleppenden Netzausbau?

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Bei der Energiewende "Politik aus einem Guss"
Duin: Das gehört ja zusammen. Wir brauchen in NRW neue Energieleitungen. Und es gibt potenzielle Investoren, die sich aber noch zurückhalten, weil es noch zu viele Unsicherheiten gibt. Das meinte ich mit Politik aus einem Guss: Wir brauchen einen Masterplan für die Energiewende.
WDR.de: Den der Bund bislang nicht vorgelegt hat, wie Sie immer wieder beklagen. Sie haben nach Ihrer Amtseinführung gesagt, selbst einen Masterplan für ganz Deutschland erstellen zu wollen. Überschreiten Sie damit nicht Ihre Kompetenzen?
Duin: Vorlegen müssen den Masterplan Herr Altmaier und Herr Rösler, aber wir werden Initiativen auf den Weg bringen, die es den beiden leichter machen, zu Potte zu kommen. Mein Ministerium arbeitet mit Hochdruck daran, Vorschläge zu machen, wie ein Marktdesign aussehen kann, in dem es Erneuerbare, Konventionelle und Speicher gibt.
WDR.de: Gehören neue Kohlekraftwerke zum künftigen Markt in NRW?
Duin: Es werden alte vom Netz gehen. Und deshalb führt meines Erachtens kein Weg an neuen Kohlekraftwerken vorbei.
WDR.de: Auch mehr, als bisher geplanten sind?
Duin: Was heißt geplant? Es gibt Genehmigungen für Kraftwerke, für die keine Investition geplant sind. Die Investitionsneigung der Unternehmen geht zum Teil gegen null. Und das ist gefährlich und könnte zu Energieengpässen führen. Man kann dem entgegenwirken, wenn man einen Gesamtplan für die Energieversorgung aufstellt.
WDR.de: Wird Datteln IV in dieser Legislaturperiode an den Start gehen?
Duin: Ich weiß es nicht. Wenn es ans Netz geht, dann in dieser Legislaturperiode.
WDR.de: Sind mit neuen Kohlekraftwerken die Emissionsziele erreichbar, die Sie im Klimaschutzgesetz festgeschrieben haben?
Duin: Wir werden die Grenzen einhalten, und da kommt es nicht darauf an, ob es ein einzelnes Kraftwerk mehr oder weniger gibt. Sondern da kommt es auf die Summe an, und ich habe keinen Zweifel daran, dass wir die Ziele erreichen. Es kann in NRW gelingen, eine industrielle Entwicklung mit Klimaschutz in Einklang zu bringen.
WDR.de: Sie haben ein kleineres Ministerium als ihr Vorgänger übernommen, scheinen aber vor größeren Aufgaben zu stehen. Was wollen Sie bis 2017 erreichen?
Duin: Das Image des Landes soll sich bis dahin gewandelt haben. Es soll als moderner wahrgenommen als bisher. Ich komme von außen, und daher weiß ich, dass NRW immer noch sehr mit Stahl und Steinkohle gleichgesetzt wird. Als ich hierher kam, wurde ich von vielen mitleidig angeschaut, weil ich in eine Gegend ziehe, wo man die Wäsche nicht raushängen kann. Dieses Bild hat mit der Realität nichts zu tun, aber offensichtlich ist da noch eine Aufgabe.
Das Interview führte Rainer Kellers.
Stichworte
- Erneuerbare-Energien-Gesetz
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Das Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG, soll Strom, der aus erneuerbaren Energien hergestellt wird, Vorrang geben und dafür sorgen, dass der Ausbau solcher Energiequellen gefördert wird. Zu den erneuerbaren Energiequellen gehören Wasserkraft, Windkraft, Sonnenenergie, Erdwärme oder Biomasse. Im Gegensatz zu ihnen sind die Vorräte an konventionellen Energiequellen wie Kohle, Erdöl oder Erdgas endlich, das heißt, sie werden eines Tages aufgebraucht sein. Die Stromgewinnung durch erneuerbare Energiequellen hat zudem weitaus weniger umweltschädliche Auswirkungen als die Verarbeitung konventioneller Brennstoffe.
Das EEG sichert Herstellern von erneuerbaren Energien eine bestimmte Vergütung ihres erzeugten Stroms zu. Netzbetreiber werden verpflichtet, diesen "Ökostrom" vorrangig abzunehmen. Mit der EEG-Umlage, die im Strompreis der Energieversorger enthalten ist, übernehmen die Endverbraucher die Mehrkosten der Netzbetreiber.
Stand: 17.09.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (47)
letzter Kommentar: 20.09.2012, 10:22 Uhr
- Minister, politischer Ministrant oder gar Mysterium? schrieb am 20.09.2012, 10:22 Uhr:
- Man kann bei all den Vertragsbrüchen, nicht nur der Maastrichtverträge im Euroraum, einem Politiker nichts mehr glauben (Juncker!) und so sollte man auch diesem Herrn wenig Beachtung schenken? Leider hat er für 5 Jahre zusammen mit dem Herrn an seiner Seite sehr viel Spielraum und Tage geschenkt bekommen, seinen Sermon in die Medien zu drücken. Was ist Information in monotoner Frequenz der alternativlosen Darstellungen? Eben NICHTINFORMATION oder DESINFORMATION? Propaganda hat in vielen Staaten eigenes Ministerium, ist in BRD und NRW aber ein Mysterium?
- Anonym schrieb am 19.09.2012, 16:37 Uhr:
- Ich denke die gottesfürchtigen reichen Amerikaner haben recht. Armut ist eine Strafe Gottes für ein nicht gottgefälliges Leben, also absolut selbst verschuldet. Wir sollten uns da nicht einmischen! Ein gutes Auskommen oder gar Reichtum ist auf der anderen Seite die Belohnung für ein gottgefälliges Leben. Es ist also alles im Gleichgewicht und hat seien Sinn. (Amen) PS: Ich möchte nicht in einer gottlosen Welt leben in der Alle gleich sind, gleich an Wohlstand und gleich an Rechten, das wäre furchtbar!
- Johannes schrieb am 19.09.2012, 15:27 Uhr:
- Strom ist teuer, na und? Energie ist noch viel zu billig! Es wird Zeit das Schluß ist mit billiger subventionierter Energie für Jeden zum "kleinen" Preis. Es ist nicht notwendig das jeder ein Auto fährt oder ein bis zweimal im Jahr eine Urlaubsreise macht usw. Wenn der Strom weiter im Preis steigt, und das wird er, dann müssen diejenigen die sich das nicht mehr leisten können eben Prioritäten setzen. Evtl. das Auto abschaffen, auf Urlaubsreisen oder Restaurantbesuche usw. verzichten. Ich sehe keinen Grund warum das nicht so sein sollte. Viele Menschen in Deutschland leben weit über ihre Verhältnisse in dem Irrglauben ein Anrecht darauf zu haben weil andere ja auch so leben. Dem ist aber nicht so! Seinen Wohlstand muß man sich erarbeiten!
- Piraten sind notwendig schrieb am 19.09.2012, 13:06 Uhr:
- Um die Lobbyismus-Macht und die UNCAC-freien Rechtsräume in BRD zu brechen, sind die Piraten wohl notwendig. BRD muss endlich die UNO-Konvention gegen Korruption ratifizieren, um diesem Verteuerungstreiben der Grundbedürfnisse des Bundesbürgers durch die Altparteien-Funktionäre, die eben für die Gemeinschaft des Staates zu wenig noch funktionieren, wenigstens ein bischen die Stirn zu bieten. Ansonsten werden wir uns noch manch dreistere Frechheit, Erklärung oder einfach Dekret zur Preistreiberei von oben bieten lassen?
- ROT/GRÜN sackt ab schrieb am 19.09.2012, 10:04 Uhr:
- Nach diesem Interwiev muß man sich nicht wundern das ROT/GRÜN bei bundesweiten Wählerumfragen immer weiter absackt. Inzwischen liegen zwischen Union und SPD lt. Forsa und Emnid satte 12%. Anstatt vernünftige Politik zu machen belauern sich die Kanzlerkandidaten Steinmüller und Steinbrück mißtrauisch. Manchmal können einem die Genossen sogar leid tun.
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