FAQ: Mehr Geld für Integration NRW integriert per Gesetz

NRW hat einen Migrantenanteil von 25 Prozent - und seit Mittwoch (08.02.2012) ein Integrationsgesetz. Es wurde mit breiter Mehrheit im Landtag verabschiedet und ist das bundesweit erste in einem Flächenland. Die wichtigsten Fragen und Antworten.


Sprachuntericht für Migranten
Bild 1 vergrößern +

Die deutsche Sprache ist von "zentraler Bedeutung" - sagt das Integrationsgesetz

Was ändert sich durch das neue Gesetz?

Einer der Kernpunkte des Integrationsgesetzes ist der Aufbau eines Netzes von 54 kommunalen Integrationszentren in allen Landkreisen und kreisfreien Städten in NRW. Zu diesem Zweck sollen die 27 bislang existierenden Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien ausgebaut werden. Zu den bislang bestehenden Einrichtungen kommen 27 neue hinzu. Die Zentren sollen ein breiten Aufgabenbereich abdecken – die bisherige Bildungsarbeit soll um die Themen Berufsfindung und Arbeit und "spannungsfreies Zusammenleben in den Stadtteilen" ergänzt werden. Darüber hinaus verpflichtet sich die Landesregierung dazu, den öffentlichen Dienst vermehrt für Migranten zu öffnen. Eine verbindliche Beschäftigungsquote sieht das Gesetz jedoch nicht vor.

Zukünftig will das Land auch die Selbstorganisationen von Migranten stärker unterstützen – vor allem der Landesintegrationsrat , als "unverzichtbarer Berater" der Landesregierung, soll mehr Geld bekommen. Durch das neue Gesetz werden außerdem verschiedenste Landesgesetze anpasst – mit dem Ziel der interkulturellen Öffnung unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche. Betroffen sind unter anderem das Schul- und Jugendhilfegesetz sowie unter anderem das Kurorte- und Landeshebammengesetz. Für die Aufnahme von Spätaussiedlern, Juden aus der ehemaligen Sowjetunion und Flüchtlingen mit einem Dauerbleiberecht bekommen die Kommunen darüber hinaus künftig geringfügig mehr Geld.

Was kostet das Gesetz?

Um das neue Gesetz entsprechend umsetzen zu können, hat das nordrhein-westfälische Integrationsministerium einen finanziellen Mehrbedarf von rund 14,1 Millionen Euro errechnet. Ein Großteil des Geldes, rund 10 Millionen Euro, entfällt auf die Schaffung der neuen Kommunalen Integrationszentren und das zusätzliche Personal für die Einrichtungen.
Rund 2,3 Millionen Euro gibt es darüber hinaus für Integrationsmaßnahmen freier Träger – darunter fällt unter anderem auch die "Weiterentwicklung der interkulturellen Qualifizierung" des Personals und die "interkulturelle Öffnung der Verbraucherberatung". Die Kommunen erhalten zudem rund 1,8 Millionen Euro für Spätaussiedler und Flüchtlinge. Für die Arbeit des Landesintegrationsrates ist ein zusätzlicher Betrag von 100.00 Euro vorgesehen.

Wofür gibt es Lob?

Opposition und Verbände loben einhellig die Symbolwirkung, die von dem neuen Gesetz ausgeht. "Die Regierung setzt damit ein positives Signal, das man nicht unterschätzen darf", sagt Tayfun Keltek, Vorsitzender des Landesintegrationsrates. Ähnlich äußert sich Ercüment Toker vom "Paritätischen Wohlfahrtsverband". Dass eine Minderheitsregierung ein "so schwieriges Thema" angefasst habe, sei "nicht selbstverständlich". Lobende Worte findet Toker auch für die Absicht, mehr Migranten im öffentlichen Dienst zu beschäftigen – "da geht das Land vorbildlich voran".

Anerkennung für das neue Gesetz gibt es auch von der Opposition. "Wir finden es grundsätzlich gut, dass zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden", so Ali Atalan, der migrationspolitische Sprecher der NRW-Linken."Es ist richtig, ein solches Gesetz ins Land zu stellen", sagt Stefan Romberg, integrationspolitischer Sprecher der NRW-FDP. Nach Ansicht von Romberg ist in dem Gesetz die Handschrift des "gesamten Parlaments" wieder zu finden – Unterstützung von Seiten der FDP gibt es vor allem für die nun gesetzlich fixierte Feststellung, dass "das Erlernen der deutschen Sprache für das Gelingen der Integration von zentraler Bedeutung ist". Auch die CDU trägt das Gesetz mit.

Wofür gibt es Kritik?

Einhellige Kritik üben die NRW-Linke und der "Paritätische Wohlfahrtsverband" an der Tatsache, dass "Flüchtlinge innerhalb des Gesetzes nicht explizit als Zielgruppe genannt werden. "Viele Flüchtlinge bleiben bekanntlich hier im Land", sagt Ercüment Toker vom "Paritätischen Wohlfahrtsverband", "umso wichtiger wäre es, ihnen per Gesetz mehr Teilhabechancen zu ermöglichen." Toker vermisst darüber hinaus "eine größere Wertschätzung der natürlichen Mehrsprachigkeit der Schüler mit Migrationshintergrund". "Momentan wird der muttersprachliche Unterricht mehr ab- als ausgebaut, umso wichtiger wäre es gewesen, entsprechende gesetzliche Regelungen zu finden", sagt er.

"Gemessen an der Größe der Aufgabe reicht das Geld, das zur Verfügung gestellt werden soll, beim besten Willen nicht aus", kritisiert darüber hinaus Ali Atalan von den NRW-Linken. Ein Fehler ist es seiner Meinung nach zudem, Integration als freiwillige Leistung zu definieren. "Integration sollte eine Pflichtaufgabe sein", sagt er, "denn ansonsten können sich Kommunen in Haushaltsnotlage dieser Aufgabe leicht entledigen."

Tayfun Keltek vom Landesintegrationsrat ist nicht ganz glücklich darüber, dass die Integrationsräte im Land weiterhin nur eine beratende Funktion haben sollen. "Ich hätte mir gewünscht, dass das Gesetz die Möglichkeit eröffnet hätte, Entscheidungskompetenzen auf die Räte zu übertragen." Stefan Romberg sieht vor allem bei einem für Muslime wichtigen Thema Verbesserungsbedarf – der Bestattungskultur. "Wenn man schon das Schulgesetz und das Kurortegesetz ändert, hätte man auch das Bestattungsgesetz ändern sollen, denn die Friedhöfe in NRW sind ein Bereich, wo Integration noch nicht klappt." Mit einem entsprechenden Gesetz, so Romberg, hätte man ermöglichen können, auf den Friedhöfen unterschiedliche religiöse Rituale durchzuführen. So müssten aber weiterhin ein Großteil der muslimischen Gläubigen nach ihrem Tod zur Bestattung in ihr ursprüngliches Heimatland überführt werden.


Stand: 08.02.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (74)

letzter Kommentar: 13.02.2012, 11.55 Uhr

Anonym schrieb am 13.02.2012, 11.55 Uhr:
Jörg, wenn Sie die Lebenshaltungs-Kosten für eine Wirtschaftsflüchtlingsfamilie nur ein Jahr lang aus der eigenen Tasche bezahlen müssten, vergingen Ihnen diese unreifen Vorstellungen und Wünsche schon morgen. Aber Sie sollten diese solange übernehmen, bis alle Familienmitglieder ihren Lebensunterhalt selbst sicher bestreiten können. Lassen Sie doch die Tümeleien anderer Länder sich zum Sozial-Vorbilde sein, wenn Sie schon mit der ,,Deutschtümelei'' auf Kriegsfuß stehen.
Der Schiffbauer-Opi schrieb am 13.02.2012, 11.43 Uhr:
@ Jörg, immer langsam. Die Aufmunterung, Arbeit sollte für jedermann zur Pflicht erhoben werden, muss nicht als Deutschtümelei verstanden werden. Warum also Pfui! Können Sie dazu etwas Sinnvolles beitragen. Sie müssen meine verantwortungsvolle Sichtweise nicht lieben. Ihr Pfui hat es aber derart in sich, dass sie es besser für sich behalten sollten.
Jörg schrieb am 13.02.2012, 10.47 Uhr:
Diese "Deutschtümelei" ist eine wahre Schande und das eigentliche Problem in manchen Gegenden unseres Landes! Pfui! Von mir aus können sie alle kommen, aus allen Ländern dieser Welt. Diese Menschen sind Mir allemal lieber als so Leute wie z.B dieser "Schiffbauer-Opi" der hier kommentiert.
Deutschtürkitalgriearab schrieb am 13.02.2012, 03.43 Uhr:
Wie sagte Max Frisch so schön " Wir riefen arbeitskräfte, es kamen Menschen" Ich versteh diesen Hass gegen die arbeitslosen Ausländer nicht. Die können doch gar nichts dafür, dass dieses Land, welches von deren Eltern, Großeltern, Urgroßeltern (usw) aufgebaut worden ist, das Geld für das nichtstun geben. Oder werden diese Gesetze von den Arbeitslosen eingeführt? (auf - (Anm. d. Red.: link entfernt) könnt ihr euch wunderbar weiterbilden, zb. wer denn Gesetze einführt/beschließt/zustimmt etc.) Naja und um das eigentliche Thema geht es in diesem Forum gar nicht mehr: Mehr geld für Integration steht ganz oben. Was heißt denn eigentlich konkret Integration? Und wem soll denn geholfen werden, dem Nachwuchs oder den Rentnern? Hier im Chat lese ich eigentlich immer nur: " die Ausländer sind faul, arbeiten nicht und wegen diesen gibt es zu viele arbeitslose Deutsche" Ach, einfach alle Ausländer abschieben,dann haben "wir" wieder genügend Arbeitsplätze... mein vorschlag ;-) Aber wer sind eig. "wir" in ...
Der Schiffbauer-Opi schrieb am 12.02.2012, 15.35 Uhr:
Migranten, wie auf dem Foto abgebildet, wenn es denn welche sind, hätte man wohl gerne. Wenn ich als Unternehmer für mein Unternehmen Sicherheiten für mindestens 20 Jahre haben könnte, würde ich mit denen unbefristete Arbeitsverträge abschließen; die Wirklichkeit also könnte schön sein - der Natur nach sieht es bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund rein biologisch leider zu oft etwas schüchterner aus. Das soll heute für mich alles gewesen sein. Um mein hoffendes Herz nicht einzuengen, will ich dazu nicht mehr schreiben, denn heute ist Sonntag. :-)

Alle Kommentare anzeigen



Mehr Politik

tagesschau.de

  • Erste Schritte zur Deeskalation in der Ukraine

    Bei einem internationalen Krisengespräch in Genf gibt es eine Einigung auf erste Schritte zur Deeskalation der angespannten Lage in der Ukraine. Russland stimmte der Entwaffnung separatistischer Kräfte im Osten des Landes zu. Zugleich soll es eine Amnestie geben.

  • Steinmeier im ARD-Interview: "Der Lackmustest kommt noch"

    Außenminister Steinmeier hat die Einigung in Genf als eine Chance auf eine Beilegung der Krise in der Ukraine begrüßt. Doch nun müssten den Worten auch Taten folgen, warnte er im tagesthemen-Interview. Entscheidend sei, was in den nächsten Tagen geschehe.

  • Gewalt in der Ostukraine: Soldaten erschießen Separatisten

    Beim bislang schwersten Zwischenfall in der Ostukraine haben ukrainische Soldaten drei pro-russische Aktivisten getötet. Maskierte Männer hatten eine Demonstration eskalieren lassen. Kiew schränkte die Einreise für Russen und Krim-Bewohner ein.

  • Gabriel García Márquez gestorben

    "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" und "Hundert Jahre Einsamkeit" sind nur zwei seiner weltweit erfolgreichen Bücher. 1982 erhielt der Kolumbianer den Nobelpreis für Literatur. Nun ist Gabriel García Márquez im Alter von 87 Jahren in Mexiko gestorben.

  • Türkisches Parlament billigt umstrittene Geheimdienstreform

    Das türkische Parlament hat eine umstrittene Geheimdienstreform verabschiedet. Der Nachrichtendienst soll künftig umfassender und unabhängiger arbeiten können. Die Opposition wirft Ministerpräsident Erdogan einen weiteren Schritt hin zum Überwachungsstaat vor.

  • Nigeria: Weiter keine Spur von den Schülerinnen

    Die Armee feierte schon einen Erfolg, doch die Familien warten immer noch auf ihre Kinder. Die mehr als 120 Schülerinnen, die im Nordosten Nigerias von der Terrorgruppe Boko Haram entführt worden waren, sind nach Angaben der Eltern bis jetzt weder befreit noch gefunden.

  • Nigeria: Regierung vernachlässigt Gefahr durch Boko Haram

    Seit mehr als zehn Jahren zieht Boko Haram ein Blutspur durch Nigeria. Doch Nigerias Regierung tut nichts, um das Problem zu lösen, meint Alexander Göbel. Denn der Anti-Terror-Kampf sichert ihr die Macht und spült Milliarden an Korruptionsgeldern in ihre Taschen.

Videos, Blogs, Specials